Endlich einen Job! | Arbeiten als TransFrau

Verena Vermás, eine TransFrau findet durch ihren Job Zugang zur Gesellschaft.

Arbeiten als TransFrau

Alles neu, alles eine Überwindung, aber ich tu es, ich gehe raus, ich stelle mich meiner Freiheit ‘Frau sein zu können’. Auf dem spannenden Weg in ein neues Abenteuer, lerne ich die neue Seiten von Graz kennen – diesmal den Kunstbetrieb, der ohnehin zu meinem Leben gehört. Die Erinnerung an den Mann von damals, jedoch verschwindet nicht, noch mehr als das: ich bin glücklich, dass ich alles gelebt habe, was mir geschenkt wurde, was ich mir selbst aussuchte. In diesem Beitrag erzähle ich von meinem Übergang in das Arbeitsleben als Frau [TransFrau ‘Verenshka’].

Verena Vermás in ihrem neuen Job.
Verena in ihrem neuen Job.

Es ist November. Mein 21. Monat in der Hormontherapie ist vorübergegangen. Fast habe ich die 21. Wiederholung des Beginns meines neuen Lebens verpasst. Es war bereits später Abend. Freunde waren im Haus, wir haben gefeiert. Einer von ihnen hatte Geburtstag. Also saßen wir gemeinsam in der Küche und tranken auf den Geburtstag.

Das heißt ich nicht, denn ich verzichte mal wieder auf Alkohol. Durch die Hormontherapie spüre ich immer noch, dass ich durch geringe Mengen an Alkohol bereits einen heftigen Kater bekomme.

Aber es ist nicht schlimm. Sozialstudien anstellen, während man selbst völlig nüchtern ist und die anderen immer betrunkener werden, war früher schon eine geheime Freude von mir. Wer immer das selbst ausprobiert, wird das Gesicht des Alkohols sehr deutlich sehen, das sich nach einigen Bieren im Verhalten der Trinker erkennbar zeigt. Teilweise ist es lustig, kann aber auch sehr anstrengend werden.

Die temporäre Abstinenz hatte aber einen zweiten Grund. Es war Samstag und am nächsten Tag musste ich relativ früh aufstehen.

Denn seit November habe ich einen Job und gehe arbeiten. Zum ersten Mal gänzlich als 100%Verena.

Ich freue mich diesen Satz sagen zu können! Nach all dieser Zeit der Existenzangst, in der ich monatelang an meinen Bildern gearbeitet hatte. Jetzt kann ich weiterhin malen, schreiben und an meiner Selbstständigkeit arbeiten, ohne dass ich verhungere oder auf der Straße lande.

Für viele bedeutet dieser Satz etwas trauriges, etwas was man nicht gerne sagt, was aber zwangsläufig getan werden muss. Allein für das Geld wollte ich nie arbeiten gehen. Ich habe diesen Weg ausgiebig betreten, als ich mit 15 Jahren in einer Druckerei angefangen habe Schicht zu arbeiten. Es war nicht mein Weg. Ich wollte in diesem Leben, meine Interessen veräußern und davon leben. Heute weiß ich, dass ich diesem Ziel wieder einen Schritt näher bin.

Am Abend des 17.11.2018 feierte ich also den 21. Hormongeburtstag. Bei dieser Gelegenheit zeigte ich mit freudiger Erwartung meinen Freunden den Dienstausweis, den ich für den neuen Job bekommen habe. Für das Foto wollte ich zunächst zu einem Fotographen gehen. Doch entschied ich mich für die Webcam. Es war teilweise eine Qual, denn das Bild musste meinen Ansprüchen genügen. Und diese waren sehr hoch. Nach etwa 40 Fotos, die ich in verschiedenen Posen an unterschiedlichen Stellen im Zimmer mittels Maus geknipst hatte, war ich müde und voller Ungeduld.

Dieses Problem des Äußeren unterscheidet sich von ‘normalen’ Angestellten, da ich als TransFrau akribisch darauf schaue, dass möglichst wenig maskuline Anteile durchscheinen. Sie sind da und unvermeidlich. Je nach Winkel kommen sie stärker zur Geltung. Also versuchte ich mich von der besten Seite zu zeigen. Denn das Foto würde ich immer wieder sehen. Rückblickend kann ich sagen, dass sich die Mühe gelohnt hat. Ich bin zufrieden mit mir. Leider gehöre ich auch dieser eitlen Selfie-Welt an, wie Millionen andere Menschen…Aber das Ergebnis zählt hier und ich brauche die nächste Zeit keine Fotos mehr zu machen.

Zurück

2016 begann ich mit der formalen Transition. Ich kaufte mir Klamotten und Schminke, um mich langsam an ein neues Leben heranzutasten. Im Februar 2017 nahm ich zum ersten Mal Hormone ein. Das war der körperliche und mentale Weg zu meinem ersehnten Leben als Frau. Im Mai desselben Jahres fuhr ich etwa 2.000 Kilometer mit einem Reisebus nach Madrid. Dort arbeitete ich als Reiseleiterin in immer noch relativ männlichem Erscheinungsbild. Es folgten sieben Wochen, in denen ich einen Job ausübte, der mich ein halbes Jahr zuvor (Beitrag ‘Vor der Transition’) in tiefe mentale Verzweiflung gestürzt hatte.

Aber ich brauchte das Geld! Die Transition ist teuer. Über 30 Sitzungen mit Laser- und Nadelepilation habe ich hinter mir. Etwas über 3.000 Euro habe ich in die glatte Haut gesteckt. Dann den ganzen Kleiderschrank erneuert, Schuhe, Mantel, Schminke, Namensänderung, alle wichtigen Dokumente wie Reisepass, Führerschein ändern usw. Teure Transition!

Also blieb mir nichts anderes übrig als den Job auszuüben, in der Hoffnung, dass ich heil aus dem ganzen herauskomme.

Ende

Im August 2017 begannen die starken Depressionen, die durch die hormonelle Transition (mitverursacht durch einer Überdosierung von Androcur) und die Schwierigkeiten im Alltag nach und nach über mich herfielen. Außerdem bekam ich große Angst vor den nächsten drei Wochen, die ich wieder in der spanischen Mancha als Reiseleiterin verbringen hätte sollen. Neben all dem Stress während der Tour, hätte ich wieder zusätzliche Probleme als TransFrau gehabt. Die Probleme würden gleich zu Beginn losgehen, denn die Gäste glaubten da kommt ein Mann. Vielleicht einen den sie schon aus früheren Touren her kannten.

Vor jeder Tour schickte die Firma Reiseunterlagen aus. Darunter wurde auch der Name der Tourguides bekannt gegeben. In meiner Vorstellung sah ich mich wieder in der Hotelhalle bei der Begrüßung jedem Gast klarmachen, dass ich nicht die Person bin, die da auf dem Papier steht.

Eine große Stresssituation. Ich sagte bald alle restlichen Touren ab und war von diesem Zeitpunkt an ohne Job. Mittels meiner Kunst und der Hilfe von Freunden hielt ich mich finanziell etwas über Wasser. Durch die Arbeit im Frühjahr hatte ich auch noch etwas Geld, das mich höchstens bis zum Ende des Winters bringen konnte.

Dann stand der Umzug an. Ich zog von Deutschland zurück nach Graz – im Juli 2017 siedelte ich nach D. wegen der Vornamens- und Personenstandsänderung und weil ich dringend Ruhe brauchte. Weil ich noch die alten Dokumente hatte, gestaltete sich die Arbeitssuche als sehr schwer. Ich bewarb mich mit meinem neuen Namen und musste mich anschließend erklären. Das führte zur Verwirrung und vermehrtem Stress.

Neuer Name

Endlich machte ich mich stark für das Ende des Gerichtsprozesses (Vornamens- und Personenstandsänderung in Deutschland, Beitrag dazu hier!), der mir am Ende meinen neuen Namen ‘Verena’ offiziell geben sollte. Die Bearbeitung meines Antrags dauerte noch an, da die Gerichtsdiener hofften, dass nicht der Steuerzahler für die teure Namensänderung aufkommen müsse. Der ganze Prozess kostete etwa 3.000 Euro, die ich ja nicht hatte. Überdies sah ich es auch nicht ein, durch den Zwang, der sich aus der Transition ergab, auch noch Geld für die Namensänderung zu zahlen. Es waren ohnehin alle Gutachten vorhanden. Allein, das Gericht wollte sie nicht anerkennen, da diese in Österreich erstellt wurden.

Ich machte also starken Druck auf das Gericht, indem ich sagte, dass es langsam zu Ende geht, weil ich keinen Job finde, so mit meinen alten Personalien. Schon seit etwa 10 Monaten (2 bis 3 Monate nach Beginn der hormonellen Transition) führte ich mein Leben in der neuen Identität. Meine alte Identität konnte ich nicht mehr verwenden. Situationen, in denen ich mich korrekt ausweisen musste – also mit meinem alten Pass – waren beständige seelische Herausforderungen, denn ich stellte mich immer als ‘Verena’ vor. Auch bei einer Bewerbung. Wie hätte ich das auch anders machen sollen? Als Frau daherkommen und meinen männlichen Namen verwenden? Viele dieser Situationen führten bei den Mitmenschen zur Verwirrung.

Die Prozesskostenhilfe wurde dann recht schnell genehmigt und eine Woche nach meinem Anruf bekam ich eine Vorladung nach München. Im März 2018 bekam ich dann meine Geburtsurkunde und machte mich mit einem Lächeln an die Änderung meiner Dokumente. Einen Job aber hatte ich immer noch nicht.

8 Monate Künstlertum

Noch im Februar bewarb mich dann als Kellnerin schmiss den Job aber nach vier Tagen hin bzw. wurde ich zum Gehen aufgefordert.

Der Stress war unerträglich. Im Akkord Bier ausschenken, weißen Spritzer, Kaffee, heiße Teller jonglieren, für 7 Euro die Stunde! Durch die Offenlegung meiner alten Identität, war auch jedem klar, dass ich eine TransFrau bin. Was eigentlich gar nicht so schlimm wäre, aber sie kannten mehr von mir als ich preisgeben wollte.

Einmal kam die Geschäftsführerin und sprach mich auf meine Transsexualität an. Sie fände es toll, hat selbst noch eine andere TransFrau im Geschäft und alles ist in Ordnung. Für mich hörte sich dies nach selbstgefälligem Gutmenschentum an. Wenn ich heute zurück blicke, bin ich froh, dass ich einfach als Verena leben kann und nicht ständig wegen meiner Transition angesprochen werde. Sie war sehr aufgeregt und sprach ganz laut vor den Anwesenden mit mir über diese doch recht persönlichen Dinge, die ich nicht hören wollte. Viele verstehen scheinbar nicht, dass es sich schlecht anfühlt, wenn ohne Einwilligung offen darüber gesprochen wird. Dadurch fällt die Identität wieder in sich zusammen und jeder weiß, ach das ist eine ‘falsche’ Verena, eine, die mal ein Mann war usw.

Aber ich bin stolz, dass ich ihr meinen früheren Namen nicht gesagt habe. Denn zu guter Letzt, besaß sie den Mut mich auch noch das zu fragen. Ich war schon so genervt, durch das Gerede, dass ich mit sehr bestimmten Tonfall sagte: “Nein, meinen alten Namen sage ich nicht. Das ist Vergangenheit, ich lebe heute! Es geht niemanden etwas an”. Darauf bin ich besonders stolz, selbst knapp ein Jahr später denke ich noch an mein Schweigen und der resoluten Ablehnung einer an sich frechen und unbedachten Frage.

Ihr müsst niemanden sagen, wie ihr vorher geheißen habt, wenn ihr euch dabei unwohl fühlt. Es geht wirklich niemanden etwas an. Bisher habe ich eisern durchgehalten. Insgesamt vier Mal wurde ich danach gefragt. Bei guten Freunden, erklärte ich, dass sich das nicht gut anfühlt, denn für mich bricht die so hart erkämpfte weibliche Identität, innerlich wieder auf, bekommt Risse. Ich spüre dann wie meine Seele einen Schreck bekommt. Ablehnung kann so gut tun! Es fühlt sich wie eine Umarmung an, die ich meiner Seele gebe…

Ende Januar bekam ich noch einen Kartographieauftrag. Mit dem Honorar konnte ich bei sparsamster Lebensweise etwa 4 Monate überleben. Ich entschloss mich dieses Jahr zu einem großen Experiment zu machen. Leben, allein von der Kunst, bis es nicht mehr geht.

Bis zum September hielt ich durch. Durch den Verkauf von 4 Bildern erhielt ich nochmals die Chance drei Monate zu überleben. Aber mit Beginn des Herbstes war es vorbei. Ich war kurz davor aus den Mülltonnen zu essen, mich der Prostitution hinzugeben, alles daran zu setzen um an Geld zu kommen. Ein Gefühl der Lähmung stellte sich ein, das ich nicht mehr loswurde.

Im Juni also drei Monate davor, hatte ich mich als Aufsicht im Grazer Kunsthaus beworben.

Ich erhielt einige Tage später leider eine Ablehnung. Im Oktober bewarb ich mich dann aus Verzweiflung um eine Stelle als Postlerin. Ich hätte den Job auch bekommen, nur hatte ich noch nicht alle Unterlagen. Das Masterzeugnis musste geändert werden, ich brauchte ein Führungszeugnis, außerdem die Namensänderung für den Führerschein.

Die Transition in den Arbeitsalltag als Frau

In dieser turbulenten Zeit Anfang Oktober, in der ich von Behörde zu Behörde gerannt bin, rief kurz vor Beginn meiner Tätigkeit bei der Post, die mir im übrigen Magenschmerzen bereitete – ich war ja Künstlerin mit Masterabschluss in Geoinformatik! – das Kunsthaus an. Ob ich nicht doch noch arbeiten wollte, als Aufsicht? Ich überlegte, rief nach drei Stunden wieder an und sagte ‘ja!’. Eine unglaublich gute Entscheidung. Aber wie dieses Ereignis so sonderbar herbeigeführt wurde, irritiert manchmal.

Da war ich drei Monate lang verzweifelt, habe exzessiv gemalt, gehungert, gedarbt, habe mich dann bei der Post beworben, hatte zwar Aussicht auf Gehalt, aber froh war ich nicht, dann hat es sich wochenlang mit einer Aufnahme der Tätigkeit hingezogen, weil ich u.a. einen kranken Freund in Deutschland gepflegt habe und weil ich die Dokumente noch ändern musste. Eine Woche vor Beginn bei der Post ruft dann das Kunsthaus an. Und prompt ändert sich alles.

Heute habe ich einen sehr entspannten 15-Stunden Job. Ich kann die Miete zahlen und bin als Verena, als Aufsicht, als Dame integriert in ein sehr nettes Team.

Die Anspannung meiner sozialen Situation, die Angst niemals mehr einen Job zu bekommen, weil ich Trans bin, ist verflogen. Ich fühle mich so glücklich, dass ich manchmal versuche meine Erwartungen am Boden zu halten, nur deshalb, um nicht irgendwann durch einen blöden Kommentar wieder zu fallen.

Aber bisher ist alles in Ordnung, ich habe das Gefühl, die Leute haben mich gern. Jetzt kann ich mein neues Leben auch in der Rolle als Aufsicht im Kunsthaus ausüben. Kann hübsche Kleider tragen, mich jeden Tag schminken, einfach Frausein, wie jede andere auch.

Gewissermaßen hat sich durch die Tätigkeit und den Alltag, die Angst verkleinert, als TransFrau erkannt zu werden. Ich denke immer weniger daran…

Mein Leben ist momentan ausgefüllt, lebendig, fröhlich, gemütlich. Ich bin sehr aktiv, fahre auf viele Ausstellungen, Vernissagen, trete ständig mit neuen Leuten in Kontakt, finde Freunde und Freundinnen. Verena Vermás ist gerade einfach glücklich, auch ohne Mann an ihrer Seite.

Gefühl

Dass ich als Frau jetzt einen Job bekommen habe, der meinem Seelenleben entspricht, der mir genug Geld verschafft, um meine Lebenshaltungskosten bezahlen zu können sind zwei wichtige Errungenschaften der letzten Wochen. Jetzt hat sich die große Anspannung aufgelöst, die durch Selbstzweifel und Angst entstanden ist. Manche sagten, dass es für mich doch kein Problem ist, einen Job zu bekommen.

Aber wer versteht schon die Ängste einer Frau, die in zwei Jahren alles versucht hat, um endlich sie selbst sein zu können, nach all diesen Jahren der Verstellung und inneren Trauer? Wer versteht, außer sie selbst, die Heftigkeit, der Reaktionen der anderen, der Stimmen, die sie während all der Jahre, der Ablehnung in sich aufgenommen hatte?

Versteht ihr weshalb einer mit Links statt mit Rechts schreibt? Dennoch bekam ich immer wieder ‘gute’ Ratschläge, einfache Sätze, an den Kopf geworfen. Manchmal wollten sie mir sogar sagen, dass ich faul wäre, eine ‘Durchschummlerin’, eine die kneift, eine die noch viel lernen muss!

Wie viel Hochmut und Ignoranz gehört dazu, solche Dinge zu sagen…

Jetzt aber habe ich meine Bestätigung. Ich gehe weiter, meinen Weg und niemand wird mich jemals von meiner Freiheit abhalten können, das zu tun, was meine Seele verlangt.

Aquarell von Verena Vermás. 2016. Der Einfall nach sieben Wochen Hölle.
Aquarell (Oktober, 2016) – Einfall
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