Beginn der Transition | HGT 20

Verena Vermás nach zwei Jahren Transition von Mann zu Frau (MzF)

Beginn der Transition

Heute ist der 17.10.2018. Es sind 20 Monate meiner Hormonersatztherapie vergangen. Ein runder Geburtstag gibt Anlass ein kleines Fazit zu ziehen. Außerdem wird mein neues Leben in fünf Tagen zwei Jahre alt. Der Beitrag beschreibt einen Menschen, der bis zuletzt kämpfte, nicht aufgab und durch zahlreiche Katastrophen schließlich zu Fall gebracht wurde. Aber war nicht er selbst der Grund dafür? 

 

Verena Vermás nach zwei Jahren Transition von Mann zu Frau (MzF)
Verena feiert zwei Jahre Entscheidung für sich selbst!

“Das Glück setzte eine Wahl voraus und innerhalb dieser Wahl einen ausgewogenen, klarblickenden Willen” – Albert Camus in ‘Der glückliche Tod’

Gestern habe ich also meine zweite Geburt gefeiert. Wieder im Stillen, allein. Morgens fuhr ich in den Osten der Stadt. Mein Rücken war so verspannt durch das viele Malen der letzten Tage, dass ich meinen Kopf nicht mehr frei bewegen konnte. Alles schmerzte. Also beschloss ich in den Leechwald zu fahren. Hier bin ich oft als Mann unterwegs gewesen.

Der Grazer Leechwald und seine Stimmen

Ich mag diesen Wald, denn entlang der Hauptwege führen viele einsame Pfade in andere Richtungen. Sie bilden ein Gewirr von heimlichen Adern auf denen einsame Menschen gerne gehen. Viele Stellen kenne ich aus längst vergangenen Zeiten.

Leechwald in Graz. Naherholungsgebiet auch für Transfrauen.
Der Leechwald in Graz. Naherholungsgebiet auch für Transfrauen.

 

So lief ich etwa 8 Kilometer durch bunten Oktoberwald. Immer wieder sah ich wie die Gegenwart sich plötzlich öffnete und einen Blick in die Vergangenheit zuließ. Dann sah ich die Gestalt, die ich noch vor drei Jahren gewesen war. Bei diesem gedanklichen Bild lächelte ich in mich hinein, sah meine langen Haare über der Schulter, meinen kleinen Busen und dachte mir, welch eine Verwandlung!

Vor zwei Jahren

Oft denke ich an diese Zeit zurück. Vor zwei Jahren löste er sich auf. Es war der 22.10.2016. Als er auf einem Bett im Süden Spaniens lag. Das Meer war nicht weit. Zwischen ihm und dem Mittelmeer lag eine Stadt. Ein billiges Motel war seine Unterkunft geworden. Am Tag zuvor, hat er die letzte Reisegruppe verabschiedet. Sieben Wochen hat er Touren geleitet. Seine Reisen führten ihn nach Frankreich, nach Spanien, Portugal und wieder zurück nach Graz. Dort erwartete ihn seine ehemalige Mitbewohnerin mit großer Wut im Gesicht, denn er hatte sein Zimmer ihr gegeben und noch ein paar Sachen darin gelagert. Auch hatte er ihr versprochen, die Sachen sobald er zurück in Graz ist, schnellstmöglich wegzuschaffen.

Ein düsterer Morgen

Also tat er das jetzt Anfang Oktober. Völlig ausgelaugt nahm er sich einen LKW, räumte an einem düsteren Morgen seine Sachen aus dem Gang vor dem Zimmer (er hatte am Vorabend alles vor die Tür geschafft, damit die wilde Mitbewohnerin, die einmal seine Freundin war, sie nicht aus dem Fenster warf). Dann führte er die Sachen weit in den Osten der Steiermark zu einer fast unbekannten Familie und verbarg sie in einer Garage.

Zwei Tage später, immer noch erschöpft, brach er wieder auf und begab sich auf eine Fahrt nach Oberösterreich. Diesmal mit einer Mitfahrgelegenheit. Weil er es mochte den Menschen Gutes zu tun, massierte er seine Fahrerin während der Fahrt. Das hätte er auch bei einem männlichen Fahrer gemacht, aber dazu war er in der falschen Gestalt.

Die Vorletzte

Er übernachtete in ihrem Bett. Es war die vorletzte Frau, der er sich öffnete und die er versuchte zu begehren. Immer noch im Taumel der Unwirklichkeit auf der Suche nach dem Mann, begab er sich in diese unmögliche Situation.

Die Frau wollte ihn schließlich ganz. Sie lud ihn ein und rief alle 10 Minuten an. Das war während der Fahrt von über 30o0 Kilometern nach Spanien. Sein Leben war jetzt noch stressiger als zuvor. Diese männliche Gestalt stellte auch nur Dummheiten an.

Schließlich meldete er sich nicht mehr und schrieb ihr noch, er müsse hart arbeiten und sei schon am absoluten Limit. Zwei Wochen standen ihm bevor, in denen er zwei Gruppen von fremden Menschen durch Andalusien leiten sollte.

Am Ziel

Die beiden Wochen vergingen schnell. Er erlebte ein Unglück nach dem anderen. Zu Beginn hatte er eine unerfahrene Reiseleiterin, die sich aus dem Auto sperrte, die alles umwarf und nichts richtig machte. Sie wollte alles richtig machen und strengte sich so sehr an, dass alles nur schlimmer wurde. Sein Herz begann sich zusammenzuziehen. Er hatte Gäste, die nicht einfach zu begleiten waren. Sie waren sehr nervig und teilweise richtig schwer von Begriff.

Die Woche verging und seine Energie war fast auf Null. Verlorene Koffer, vergessene Koffer, Anrufe aus der Heimat – meine Oma würde bald sterben – Anklagen aus der Heimat, ich würde nur meiner Karriere fröhnen. Karriere! Was für ein Witz. Menschen, wissen meist nicht wovon sie reden, und meistens reden die, die eigentlich schweigen sollten. Weil ihr Gerede der Welt nur Unheil zufügt.

Immer gegen den Wind

Aber in dieser Woche – um den 10. Oktober herum, da sah er schon, dass seine Selbstkontrolle und mit ihr sein Griff um Verenas Leben, langsam versiegte. Der Alltag entnahm ihm einfach dermaßen viel Energie, so dass ihm jede Offenbarung recht schien. Es wurde ihm alles, alles egal. Man bekommt immer seine Ohrfeigen. Verdient oder nicht. Man steht und lässt sich ohrfeigen.

Erlösung

Eine Woche vor dem großen Einkauf in Málaga, lag ich mit meiner Kollegin im Bett. Es war die letzte Frau, der ich als Mann begegnete. Und ich ersah wieder einmal, dass ich nicht bin was die Frauen wollen. Ich war nicht ich selbst. Dann zog ich ihr Kleid an und wir schliefen halbtot nebeneinander unter einem halben spanischen Mond in Córdoba.

Noch 7 Tage

In der letzten Woche verunglückte ein Gast neben ihm fast tödlich. Er wurde frontal von einem Auto in einer Kurve mit etwa 40 Km/h erfasst und flog über die Motorhaube. Er dachte er sei tot. Es war noch ein Kind, von etwa 11 Jahren. In ihm breitete sich große Angst aus, er erlitt ein Trauma.

Hindernisse

Das Ziel für ihn jedoch war nur noch 5 Tage entfernt. Leider verging die Zeit unendlich langsam. Jeder Tag glich einer Katastrophe. Der Kollege war ein Vollidiot, der trotz seiner offensichtlichen Dummheit noch dazu total von sich überzeugt und arrogant daher kam. Wie schafft ein Mensch diesen Spagat? Wie kann jemand so viel Blödsinn reden und es als Weisheit verkaufen und merkt nicht wie die anderen seinen Wirrkopf erkannt haben? Das wird mir immer ein Rätsel bleiben.

Vormittags bestelle ich bereits ein Bier. Ich halte es nicht mehr aus. Spüre wie ich jeden Moment wegbreche, das Kind, das durch die Luft wirbelt. Und dann die ignoranten Eltern, die ihr Glück nicht schätzten, dass das Kind noch am Leben ist. Denn warum auch immer, sie wollten mich dazu bringen ihr Kind am nächsten Tag weiterfahren zu lassen. Ich stand dem Vater am Hotel gegenüber, während er mir diese Worte ins Gesicht sagte.

Aus Luft wird Blei aus einem Menschen Leid

Ein Seil umspannte meinen Rücken, wendete sich, führte eine kreisende Bewegung um mich herum aus.  Nach der zweiten Umrundung erhob es sich in der Luft, sank wie eine Schlange leicht und seidig bewegt herab in Richtung Oberarm und wickelte sich wieder um mich herum. Jetzt bemerkte ich langsam, dass dieses Seil mich zuschnüren wollte. In hohem Tempo fuhr es jetzt wirbelnd um mich her, tausend mal.

Dann zog es sich fest und spannte sich immer schärfer um meinen Körper. Ich sah den Mann vor mir, wie er mich anflehte doch sein Kind weiterfahren zu lassen. Das Kind flog vor etwa vier Stunden in mehreren Umdrehungen über eine rote Motorhaube unter einer heißen Oktobersonne im Süden Spaniens.

In meinen Ohren begann es zu Summen. Die Augen des Mannes, waren dunkel geworden. Sein ergrauter Bart, bewegte sich nervös. Unter seinem Mund sah ich wie gelblicher Schweiß langsam aus den dicken Poren drang.

Die Umwelt wurde stumm. Ich sah nur noch diesen Kopf eines Menschen und spürte den scharfen Druck des Seils, das sich in mein Fleisch eingrub. Immer tiefer. Dann fuhr es durch die Haut und Blut quoll. Tropfte auf den heißen Asphalt.

In seinen dunklen Augen

Ich blickte auf und sah diesen Kerl vor mir stehen wie eine Statue, direkt vor meinen Augen. Der Brustkorb sprang unter dem Zug auf und mein Herz öffnete sich der spanischen Sonne. Viele Jahre sah ich diese Sonne. Sah in ihr meine Existenz, mein Glück. Jetzt bebte mein Herz unter ihr, das Blut, der Fluss, alles strömte hinweg unter mir.

Ich verlor den Halt, mein Blick verschwamm, wurde düster, haltlos, brennend.

In mir sank eine Welt zu Boden. Ein Kind, ein Tod, zwei Tode. Was brauchte es noch alles, damit ich diesem Wahnsinn entgehen konnte? Welche Worte sollte ich rufen, wo auf die Knie gehen, damit mich jemand von dieser Gewalt, von diesem gefährlichen Stumpfsinn erlösen würde?

Keine Hand öffnete sich als mein Herz zu Boden fiel und mit einem schnalzenden Geräusch den brennenden Teer berührte. Es ertönte ein grelles Pfeifen, wie wenn kaltes Fleisch in eine kochend heiße Pfanne geworfen wird.

Dann zog sich die Umwelt in sich zusammen. Alles wurde schwarz und es stieg im Westen der Mond auf. Sein kaltes Gesicht breitete sich über den weiten Ebenen auf, durch die ich gefahren bin, mit all diesen fremden Menschen, die ein Kind durch die Luft wirbeln sahen.

Der Vater hingegen löste sich allmählich auf. Meine Gedanken wandten sich nach innen. Der einzige Raum in dem ich noch existieren konnte. Das Seil war verschwunden meine Brust war offen.

Explosionen

Dann sagte ich, dass ich keinen einzigen verdammten Zentimeter mehr mit diesem Kind fahren werde. Das Kind fährt im Auto mit und dabei bleibt es. Wenn noch ein einziger Kommentar kommt, dann verlasse ich diesen Ort und euch, werde diese Reise abbrechen und endlich zurück in Vernunft und Freiheit gehen.

Der Mann schloss seine dunklen Augen. Unter ihrem halbmondförmigen Bogen, sah ich ein Funkeln. Dann öffnete er sie wieder und erwiderte, dass er verstehe.

Er wich aus meiner Welt. Er war für mich ein gestorbener Mensch, der ein armes Kind hatte.

Das war die erste Explosion in meinem Kopf. Die Welt war Irre geworden.

Ich war fertig, mein Hirn war nur noch eine Ansammlung an halb erlernten Handlungen, automatisiert. Ich funktionierte wie ein defekter Roboter, der jede Minute die Implosion erwartete.

Whiskey – Bar

Doch dann kam der Tag. Der Anruf. Meine Oma ist im Krankenhaus. Meine Mutter! Sie brachten meine Mutter ins Krankenhaus, in dem sie sterben sollte. Und ich schlag mich hier mit den Idioten herum, während der wichtigste Mensch in meinem Leben stirbt und meine Familie mir Vorwürfe macht, dass ich immer noch arbeite und nicht sofort komme.  Ich ging in die Bar gegenüber vom Hotel, trank einen Whiskey und noch einen. Ich betrank mich. Wankte zurück zum Hotel und sagte ich könne heute nicht mit den Gästen essen. Die Ereignisse der letzten Tage haben mich mundtot gemacht. Sie können wohl alleine essen. Mein unfähiger Kollege wird es wohl schaffen den nächsten Tag anzukündigen. Und wenn nicht, soll es einfach so sein. Ich war langsam am Ende, am Ziel meiner Reise angekommen.

Es war Donnerstag. Nur noch zwei Tage standen mir bevor. Am Freitag war Abschiedsessen.

Das Ende

Am Morgen des 22.10.2016, saß ich in meinem VW-Bus und folgte einem Reisebus. Darin waren die letzten Gäste, die ich jetzt zum Flughafen in Málaga brachte bzw. ihre Koffer. Es tröpfelte sachte, dann regnete es stark. Monotone Landschaft, graubraun mit Olivenbäumen. Vor mir die hohen Berge, die einen Riegel erzeugten und ein natürliches Hindernis auf dem Weg zum Meer bildeten.

Ich saß hinter dem Steuer, trank Kaffee und aß irgendeine Panada de Atún. Plötzlich schoss es mir durch den Kopf: ich hatte vier Tage Urlaub. Volle Taschen, war innerlich ausgebrannt und wollte eigentlich irgendeinen blöden Sport machen. Doch nachdem ich im Kopf alle Möglichkeiten für meinen Urlaub durchgegangen war, wusste ich, dass ich nichts von alldem machen würde.

Mein Wille war Klarheit. Ich werde einkaufen gehen. Werde Frauenklamotten kaufen. Das dachte ich mir am Vormittag vor zwei Jahren. Heute bin ich Klarheit und ein Wille. Ich habe alles zu dem gemacht was mich abstieß. Mein Leben ist keine Flucht mehr. Meine Aufgabe habe ich erfüllt und kann ruhig schlafen gehen. Niemand kann mir mehr etwas sagen. Diese Stärke, die ich in diesen Tagen der Entscheidung gewonnen habe, ist dauerhaft. Es war das plötzliche Ende eines jahrelangen unruhigen Kampfes, dem ich nie entfliehen konnte. Also stellte ich mich selbst.

Spiegel an Spiegel zeigte ich mich meinem Selbst, zeigte mir mein Wesen und begann zu lächeln.

 

 

 

 

 

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