Mein Alltag als Frau / Pflegerin / Künstlerin | Alltagsgeschichten

Verena Vermás, Titelbild des Beitrags vom 16.10.2018 auf verenavermas.de

Alltagsgeschichten

Alltagsgeschichten. Aus Tagen der Not werde ich gerettet, reise zuerst in den Norden, dann zurück über die Alpen in den Süden. Anschließend – es ist schon Oktober – muss ich mich erneut mit der Änderung von alten Dokumenten beschäftigen. In zwei Wochen treffe ich auf 40 Menschen, die mir zuhören, was ich zu sagen habe, zu meiner Kunst zu meinem Leben. Am nächsten Tag, nach einer Nacht mit lauter Tanzmusik und zu viel Wein, durchlebe ich die Tage der ‘Entscheidenden Einsamkeit’, die mich in ein neues Leben entlassen hat.

Tagebuch. Mitte Oktober 2018. In diesem Beitrag beschreibe ich das Ende und den Anfang einer Reise, die sich plötzlich aufgespalten hatte. Vor bald zwei Jahren verschwand ein Mensch im tiefen Süden Spaniens. Er versank in einer sternenüberfüllten Nacht eines Oktobers, er zerfloss unter dem kalkigen Licht eines großen Vollmondes, über dem schwarzen Meer. In diesem Anblick fuhr ich damals über einsame Autobahnen, hörte Musik und sah wie sich etwas in mir selbstständig gemacht hatte. Aus dem Moment eines klaren Zusammenbruchs, entstand eine Flut von Handlungen, deren Richtung ich nicht mehr zu bestimmen schien. Ich ließ mich führen.

Fotos Herbst 2018 Verena Vermás, verenavermas.de
Fotocollage September – Oktober 2018 – Verena’s neues Leben und der zweite Herbst darin.

Jede von uns trifft irgendwann die Entscheidung, wie sie weitermachen will. Vielleicht so wie sie bisher gelebt hat und zwar bis zum Ende. Es ist dieser letzte Moment, bevor man diese folgenschwere Entscheidung trifft, ein Moment, der immer wieder meinen Weg trifft. Heute als Frau, damals als ein Mann, über dem die Welt zusammenbrach. Seit dem 22.10.2016, zähle ich jeden Tag und spüre die Bedeutung dieses Moments. Inzwischen sind bald 20 Monate HRT vergangen. Ich habe mich entwickelt. Zu einem anderen Wesen, dessen Innerstes, Wirklichkeit geworden ist.

Plötzliche Hilfe in der Not

Im September habe ich einen Freund nach einer schweren Operation gepflegt. Es waren drei Wochen, voller Wärme, Sonnenschein und harter Arbeit. Aber es war gut, den Kreislauf zu durchbrechen. Meine nächtlichen Spaziergänge in Graz wurden mit einem Schlag beendet. Von Mai bis August, sah ich mich mit meinem Entschluss aufs Tiefste konfrontiert. Es war das Vorhaben das gesamte Jahr 2018 allein der Kunst zu widmen.

Als das Essen ausging und ich mit eingeschlafenen Armen bald jeden Morgen erwachte, stellte sich immer stärker eine Angst ein, die mich bald auch in der Nacht, nach ein paar Stunden Schlaf weckte. Mein Ausgleich war der Stadtpark, in dem ich zeichnete, fast jeden Tag und ein paar Radtouren. Sonst wohnte jedem Erlebnis ein Hauch von Unheil inne.

Manchmal, wenn wir in größter Verzweiflung stehen, öffnet sich kurz vor dem Ende, dann doch noch eine Möglichkeit auszubrechen. So erreichte mich Anfang August ein Anruf, mit der Bitte um Hilfe, ich solle einen guten Freund nach einer schweren Operation pflegen und würde gut entlohnt werden.

Nachdem ich in den letzten Wochen viel gehungert hatte und das Geld fast aus war, kam dieser Hilferuf sehr gelegen und verband sich mit meinem eigenen Hilferuf, der keinen Adressaten hatte.

Behördengänge als Frau

Anfang Oktober also, komme ich zurück in meine Stadt. In den folgenden zwei Wochen muss ich viele Dinge organisieren, die ich für einen Job brauche. Es ist ein Brotjob aber ich brauch ihn dringend, damit ich weiter malen kann. Der Arbeitgeber verlangt den Führerschein, Zeugnisse, Meldebestätigung und ein Führungszeugnis.

Zum Glück habe ich alle meine Daten angepasst und das gerichtliche Schreiben griffbereit, für die Mission, die jetzt ansteht. Parallel habe ich noch viel Arbeit für die Vernissage am 12.10.18 in Graz. Es sind noch sehr viele Bilder zu verbessern und auch zu malen.

Ich habe nicht geheiratet!

Aber der Job geht vor, also fahre ich erst einmal zur Uni. Dort frage ich, ob ich auf meinem Masterzeugnis meinen Namen ändern lassen kann. Die Dame entgegnet: “Nein, leider nicht”. Ich bin kurz fassungslos, aber raffe mich gleich wieder auf. Diese Situationen kommen mir so bekannt vor. Also gehe ich da jetzt durch wie eine Siegerin. Ich erwidere: “Aber das muss unbedingt sein, ich brauche die Namensänderung für einen Arbeitgeber.”

“Dann fragt sie, aber das braucht man doch gar nicht! Wieso wollen sie ein neues Zeugnis mit einem anderen Namen?” Ich: “Naja, es ist halt wichtig für den Arbeitgeber, sonst ist er verwirrt…”

Sie: “Ja, wie haben sie denn geheißen, bevor sie geheiratet haben?”

Oha, ich verstehe. Ich verstehe mal wieder zu spät, weil das Hirn mir noch immer sagt, wir sind nicht weiblich genug. Dann antworte ich: “Naja, es handelt sich um den Vornamen.” Ich sehe wie auf ihrem Gesicht so etwas wie Erleuchtung erscheint. Es dauert und ich kann in ihren Augen das Erstaunen lesen, dann erwidert sie dennoch sehr prompt, dass ich damit zur Hauptstelle gehen muss, dann ändert sie auch das Zeugnis. Aber dort werden die Sponsionsbescheide geändert, da der Rektor, diese unterschreiben muss.

Ich bedanke mich für das Gespräch, spüre wie mir etwas heiß geworden ist und gehe wieder.

Flucht in die Kunst

So vergehen die Tage zwischen den Behörden, Polizei, Uni und Konsulat. Einmal darf ich noch zum Massieren gehen. Ein anderes Mal stehe ich bis spät in die Nacht vor einem Bild. Das andere Mal, trage ich ein riesiges Seestück in die Galerie, wo ich mich mit meinen Künstlerfreunden jeden Mittwoch treffe und lasse es unter großen Augen aufhängen.

Und jetzt folgt der Text zu meiner dritten Vernissage in Graz. Diesmal dachte ich mir ich werde etwas persönlicher, aber nur so viel, dass niemand etwas merkt, worum es wirklich geht. So wird die Geschichte austauschbar in ihrer Dringlichkeit und kann anderen vielleicht auch helfen. Ich bin gespannt wie das ankommt. Morgen gehe ich in die Galerie und lege den Text aus.

Galerietext

Das Wesen und sein Licht

Text zur Ausstellung von Verena Vermás in Graz (12.10.2018 – 31.01.2019)

Foto der Ausstellung im Palaver Graz von Verena Vermás
Teil der ausgestellten Bilder in Graz.

Es schweben Gestalten in unzugänglichen Räumen. Indes überzieht ein Strom von Bildern, die Konstruktionen wie Millionen von Spiegeln.

„Ich stehe am Ende, nach einer langen Reise, die mich zu Fall gebracht hat, wieder vor mir selbst. Das Meer kommt herein in einer Flut aus leuchtenden Flecken. Der Mond folgt meinem Weg. Ich breche aus. Ich kann nicht mehr. Ich bin gescheitert. Zwei Tage vor dem Ende, sah ich mich getrieben in die Ecke meines Zimmers, meinen Blick abgewendet, von mir selbst.

Stille.

Als du von mir gingst, öffnete sich in mir eine große Kluft, ein dunkler Weg in die Tiefe. Dabei begann ich allmählich zu spüren wie sinnlos mein Kampf immer gewesen war.“

Die Nacht

Ringsum, sinkt jetzt die Nacht herein. Die Laternen erfüllen die Straßen mit einem gelblichen Schein. Orangenbäume verströmen den Duft von Frühling.  Aus den Fenstern der Lokale, dringt Stimmengewirr. Die Reise folgt einem unerbittlichen Ruf, der wie eine unsichtbare Gewalt, die Gegenwart zu erfüllen scheint. Jeden Tag. Die Welt ist in Blei gegossen und jeder Atemzug leistet Beitrag zu einem langsamen Ersticken.

„Die Nachricht trifft mich. Während ich über die Autobahn fahre. Wogen des Wassers, das wie Öl unter dem hellen Mond meinem Weg folgt. Hier denke ich, dass es wohl sehr spät ist, um noch ein Nachtquartier zu finden. Ich bin allein. Tausende Kilometer entfernt, von allen die ich kenne. Die Scheinwerfer des kleinen Autos sind jetzt an die Stelle meiner Augen getreten. Sie verbinden sich mit meinem Inneren. So lasse ich mich führen, in einem fremden Land, in einer einsamen Nacht. Einem unbekannten Ziel entgegen, das ich selbst gewählt habe.“

Rückzug

Nach kurzer Suche findet sie schließlich gegen Mitternacht ein gutes Quartier. Sie nimmt es für eine Nacht, zahlt, folgt der Dame zum Zimmer, durch schlecht beleuchtete Gänge und ist plötzlich alleine. Zum ersten Mal seit Wochen. Die Dusche ist defekt, aus dem Wasserhahn kommt nur kaltes Wasser. Vor dem Fenster knattert ein Auto vorbei. Sie sieht in den Spiegel. Trinkt ein Bier. Noch eins. Die Erschöpfung hat ihre Augen tiefer in den Schädel einsinken lassen, als würde der Körper sich so aus den unsäglichen Forderungen zurück ziehen wollen, ohne ihr Einverständnis. Er macht was er will. Und sie sieht zu. Viele Stunden verbringt sie in greller Unruhe im Zimmer.

Der Spiegel

Sieht sich immer wieder im Spiegel an, fasst Entschlüsse, lässt sich fallen, fängt sich wieder, fällt schließlich gegen vier Uhr früh in den Schlaf. Sie liegt mit dem Bauch auf der dicken Matratze, die Decke unter sich, kühle Oktoberluft über sich. All ihre Entscheidungskraft hat sich aus ihrem Körper entfernt, sie ist nicht mehr. Nur ein schmaler letzter Blick in den Raum beendet den Abend, beschließt ihre lange Reise, schließt die Kluft, den Abgrund, der sich aufgetan hatte vor einer Woche, vor einem Monat, vor vielen Jahren. Hier in diesem gelblichen Licht, strömt ihr Atem aus, den sie für immer angehalten hatte.

 

 

 

 

 

 

 

Bewerte den Text

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei

Transition ist Stephen Fry proof dank caching durch WP Super Cache