Hormonbedarf | Magic Moment (3)

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Verena Vermás isst die vorletzte Estradiol-Tablette.

Normale Frau mit Hormonbedarf| Magic Moment (3)

Magic Moment 1  – Einsamkeit

Magic Moment 2 – Einkaufen

Die aber etwas Ungewöhnliches braucht! Ja, ich werde als Frau erkannt und deshalb muss ich mich erklären, wenigstens etwas, damit ich meine Hormone bekomme. Ein sommerlicher Magic Moment. In der dritten Episode berichte ich wie die Notwendigkeit nach Estradiol aus der Plastikpackung, mir ein überraschendes Erlebnis geschenkt hat. Völlig unvorbereitet hat es mich getroffen. Ich durchlebte innerhalb von etwa 15 Minuten ein langsames Bewusstwerden, über die Außenwirkung von Verena, gegenüber einer fremden Ärztin. Später weiß ich, dass ich als ‘junge Frau’ angesehen werde, die gar keine Hormone nötig haben sollte.

Mit der Hormoneinnahme beginnt die Flut von ‘speziellen’ Erlebnissen

Nach bald 19 Monaten Hormonersatztherapie, hat sich etwas Routine in meinen TransAlltag eingeschlichen. Weil ich Androcur sehr stark abgesetzt habe, ist es das Estradiol, für das ich alle 20 Tage zu meiner Hausärztin gehe, freundlich nach einem Rezept frage und etwa fünf Minuten im Wartezimmer Platz nehme, bis der Chefarzt vom LKH mein Anliegen bestätigt hat. Der Ablauf ist einfach und rasch erledigt.

Trotz aller Gewohnheit meiner Handlungen für eine regelmäßige Tabletteneinnahme zu sorgen, haftet diesen Minuten Fürsorge für mich, für mein psychisches und körperliches Wohlbefinden immer noch der Reiz der ersten Pille an. Ich erinnere mich gerne zurück, an diesen kaltgrauen Februartag, als ich die Schachteln mit den Hormonen auf meinem Schreibtisch versammelt sah. Damals schien in mir ein langer Alptraum mit diesen Wirkstoffen zu Ende zu gehen, die Lösung lag auf dem Tisch.

Hormone für die Transition von Mann zu Frau. Verena Vermás.
Beginn der Hormonbehandlung

Ich fühlte, dass dies der erste Schritt in ein neues Leben sein würde. Diese kleinen Dinger werden eine Flut von Erlebnissen auslösen, in deren Genuss ich sonst niemals gekommen wäre. Die Summe dieser Erlebnisse wird sich in einigen Jahren zu einem Leben fügen, für das ich etwa 30 Jahre Bedenkzeit gebraucht habe.

Seit diesem Tag im Februar 2017 habe ich mich völlig verändert. Eigentlich ist nichts mehr wie vorher und all das verdanke ich den Hormonen. Denn sie haben mir die weiche Haut, die Sensibilität, eine weibliche Brust, weichere Gesichtszüge und etwas Speck um Bauch, Hüften und Schenkel geschenkt. Sie haben mir aber auch etwas an Lebenstrieb genommen. Eine Libido ist immer noch nicht zu spüren und meine Muskelkraft ist so gering, dass ich keinen einzigen Klimmzug mehr fertig bringe.

Ein Tablettenmangel treibt eine fast ganz normalen Frau auf die Straße

Meine Hausärztin ist gerade im Urlaub, bis Mitte August. Vor ihrem Urlaub habe ich noch das Rezept für Estrofem abgeholt. Ganze 21 Tage reicht eine Packung Estrofem (Wirkstoff: Estradiol). Die immer freundliche Ordinationshilfe gab mir einen Zettel mit der Telefonnummer und Adresse der Vertretung, die für mich während der Urlaubszeit zuständig sein würde.

Immer wieder höre ich, dass ich die einzige Transfrau bin, die je in ihrer Praxis war. “Wissen sie Frau Vermás, viele kennen dieses Phänomen nicht, es gibt nicht viel Erfahrung, und sie sind einfach eine Besonderheit”, hat meine Hausärztin mir einmal gesagt. Damals wollte ich nach Progesteron fragen. Bekam es aber nicht, weil meine Blutuntersuchung höchst zufriedenstellend war und meine Entwicklung sichtlich positiv ist.

Sie haben ja recht, zwar werde ich hin und wieder gefragt ob ich Mann oder Frau bin, aber das sind meist, junge Burschen, Anfang 20 vielleicht. Und auch wenn mich das wieder etwas verunsichert, gehe ich wieder raus und werde als Frau erkannt. Ein gewisser Zweifel schleicht sich besonders dann in mein Selbstbild ein, wenn ich mich allgemein unwohl fühle. Dann verhalte ich mich schüchtern und leise, bring kaum ein Wort heraus und freue mich, wenn der Tag vorbei ist und ich unter meine Bettdecke schlüpfen kann.

Es ist also Mitte August und noch 3 Tage bis zur Rückkehr meiner Hausärztin. In dem kleinen kreisförmigen Plastikbehälter befindet sich noch eine blaue Pille. Dann ist Schluss. Also muss ich zur Vertretung, ich habe keine Wahl. Natürlich könnte ich auch drei Tage die Hormoneinnahme aussetzen. Die morgendliche Einnahme der beiden blauen Pillen, aber ist mir schon so sehr zur Gewohnheit geworden, so dass ich das Gefühl habe, es käme gleich die Männlichkeit zurück, wenn ich nicht täglich meine Tablette bekomme.

Eine neue Ärztin für Verena

Im Juli 2018 habe ich eine erneute Blutuntersuchung machen lassen. Das war die erste Untersuchung mit meinem richtigen Namen und Geschlecht. Deshalb wurde auch der Laborbericht nach weiblichem Schema angefertigt. Das sah im Ergebnis etwas seltsam aus, denn am Anfang des Berichts waren die ganzen Werte zu meinen nicht vorhandenen weiblichen Gonaden aufgelistet (Keimdrüsen / Eierstock).

Verena Vermás geht zu ihrer Ersatzärztin und wird erstaunt angesehen, als sie um Hormone bittet. Sie wird nicht als TransFrau erkannt.
Das Haus in dem mein Glücksmoment reift und aufbricht.

Jedoch waren für Testosteron und Estradiol Werte angegeben. Mein Testosteronwert liegt im untersten Bereich, den eine Frau normalerweise haben sollte (0.20 ng/mL; Normalwerte zwischen 0.14 und 0.77). Die Estradiol-Menge entsprach dem höchsten Normalwert für eine Frau. Dieser kommt bei einer BioFrau während des weiblichen Zyklus nur einmal vor und zwar kurz vor dem Eisprung. Ich befinde mich hormonell gesehen also permanent vor dem Eisprung.

Keine Datenspeicherung – der Nachteil ist mein Vorteil

Ich war über das Ergebnis sehr froh, auch dass ich jetzt in der Akte als Frau geführt wurde. Der Bericht ging auch gleich an meine Hausärztin, die dann wiederum beruhigt war, dass mit mir alles in Ordnung ist.

In Österreich werden wichtige Patientendaten, Laborbefunde, Medikamentendaten etc. durch das ‘ELGA-System’ gespeichert.  Bei einem Arztwechsel, sieht der neue Arzt gleich welche Medikamente regelmäßig verschrieben werden. Man kann aber der Speicherung der Daten widersprechen. Das hat den Vorteil, dass niemand genauen Einblick in meinen ärztlichen Lebenslauf erhält. Es wird zwar immer versichert, dass die Daten nur an gewisse Personen weitergegeben werden dürfen, aber das kann man selbst ja nicht kontrollieren.

Das Vertrauen in Behörden ist für mich nicht sehr groß. Ich versuche dem Griff der Datensüchtigen zu widerstehen, sofern es sich einfach vermeiden lässt, wie bei ELGA.

Der Nachteil dabei, ist dass andere behandelnde Ärzte, wie im Fall einer neuen Vertretung, diese kein Vorwissen zur Patientin haben. Sie haben keinen Einblick in die Medikamentendaten.

Und genau dieser Nachteil wurde mir zum Vorteil. Aber zuerst noch ein paar Worte zu meinem Wegweiser. Zane, ein Straßenverkäufer, wird mir den Weg zu meinem Glück zu meinem Magic Moment zeigen.

Der Verkäufer erkennt mich und wird mein Wegweiser

Ich suche also an diesem heißen Augustnachmittag die Adresse der Vertretung. Der Megaphon*-Verkäufer ‘Zane’, hat seinen Arbeitsplatz in der Nähe meiner Ärztin, grüßt mich beim Vorbeigehen und wir reden ein paar Worte. Er ist immer sehr freundlich, aber ich spüre doch einen gewissen Mangel in seinem Leben. Wodurch sein Lächeln sich manchmal etwas schmälert und einen Anflug von Trauer erhält.

Heute fragt er mich wieder, ob ich nicht am Wochenende zu ihm kommen möge. Er würde afrikanisch kochen und wir könnten Fernsehen oder Spazieren gehen. Wäre ich ein Kerl, würde er mich vielleicht auch einladen, aber als Frau erhält die Einladung eine andere Note. Ich winde mich dann immer etwas aus einer definitiven Zusage heraus und gehe dann weiter. Weil er, wie er mir immer wieder zu verstehen gibt, ein etwas einsames Leben führt und den ganzen Tag in der Gasse unter tausenden Passanten verbringt, spüre ich immer ein gewisses Mitgefühl und versuche seinen Tag etwas aufzulockern, mit einem Lächeln, einem Gespräch.

Aber für ein Treffen bei ihm daheim bin ich nicht bereit. Ich will keine Hoffnungen säen, will frei sein und warten bis aus der Masse der Männer einer hervorgeht, der mich in den Arm nehmen und mich lieben wird.

Wie so oft merke ich auch beim Magazinverkäufer, dass weibliche Freundlichkeit meist zu unerwünschten Hoffnungen bei den Männern führt, die dann glauben, weil sie ein Lächeln erhalten, haben sie Verena schon fast im Bett.

Aber so kalt und arrogant wie der Großteil der Mädels, die mit Kopfhörer und geneigtem Kopf über ihre Smartphones, stur wie Roboter durch die Menschenmassen ihre blinden Furchen schneiden, bin ich nicht und kann das gar nicht sein.

Dadurch bringe ich mich immer wieder in unerwünschte Situationen, aber damit muss ich leben, das ist der Preis für die Menschlichkeit, den ich willig zahle. Als ich ihm zu erkennen gebe, dass ich weiter muss, frage ich ihn noch wo sich die Hausnummer 8 befindet. Er zeigt mit einem Lächeln in die Richtung aus der ich gekommen war. Ich verstehe und bedanke mich für seine Hilfe.

*Megaphon ist ein Grazer Magazin der Caritas, das meist von Zentralafrikanern mit Asylanspruch auf der Straße verkauft wird, der Verkäufer erhält 50% des Erlöses für ein Magazin. Damit soll Flüchtlingen eine sinnvolle Beschäftigung gegeben werden. Warum es alles Zentralafrikaner sind, weiß ich bis heute noch nicht. Trotz der Härte des Jobs – von tausend Menschen kauft vielleicht einer das Magazin, geringes Einkommen, stundenlanges Stehen inmitten von Menschenmengen mit all ihren Äußerungen – wirken alle Megaphon-Verkäufer immer freundlich. Von weitem sieht man sie schon, sieht ihr Lächeln und ahnt die unangenehme Situation, wenn man wieder kein Magazin kauft.

In der Praxis

Zuerst ging ich viele Stufen hinauf in das hohe Gebäude am Rand des kleinen Platzes am Rand der Grazer Innenstadt.

Das Treppenhaus wirkt eng und durch die dreckigen Fenster drang das Sonnenlicht gelblich getönt. Ich habe das Gefühl, ich stehe in einem Hochhaus am Rand der Stadt, das mit Asbestmaterial in den 80ern für die Massen errichtet wurde. Dann wische ich diese Erinnerung fort und versuche an meinen inneren Bildern zu arbeiten, die auf ihre Verwirklichung warten. Ich überlege was ich heute noch alles machen werde.

Über der Stadt lag ein blauer Himmel, die Sonne schickte glühende Strahlen und ließ die Geschäftigkeit der Menschen erlahmen.

Im fünften Stock angekommen, stand ich vor der Praxis, ich klingelte und trat ein. Im engen Gang standen schon mehrere Menschen. Ich zwängte mich hindurch und wendete mich zur Ordination. Eine etwas rundliche Dame begrüßte mich freundlich und fragte was sie für mich tun könne.

Ich packte meinen Standardsatz aus, dass ich eben wieder meine Hormone brauche, so wie immer. Meine Hausärztin wäre im Urlaub und mir gehen die Medikamente aus. Ich schwieg, während sie im Computer suchte. Dann sagte sie mir ich solle bitteschön Platz nehmen im Wartezimmer, die Ärztin möchte mich sehen. Ich war etwas erstaunt, wollte nicht gleich einwilligen und versuchte ihr zu erklären, dass es immer derselbe Ablauf wäre. Eine Packung reicht für 21 Tage und jetzt bräuchte ich eben eine neue.

Sie verwies mich auf das Wartezimmer und sagte “Frau Doktorin würde sich darum kümmern, sie möchte mich aber vorher ansehen”.

Aufruf: Frau Vermás bitte kommen Sie

Verena Vermás isst die vorletzte Estradiol-Tablette.
Verena’s vorletzte Pille. Handlungsbedarf besteht.

“Bitte kommen Sie”.

Ich komme. Gehe wieder durch den engen Gang, die Menschen waren aber schon fast alle verschwunden und schüttle der Ärztin die Hand. Sie bittet mich herein und ich nehme Platz. Dann fragt sie mich, was sie für mich tun kann. Ich wiederhole meine Standardsätze und warte auf ihre Reaktion. Ich denke mir, was ist da los? Wissen die nicht Bescheid? Normalerweise ist die Sache schnell erledigt.

Die Dame wirkt etwas mürrisch und unnachgiebig. Ich erzähle nichts von meiner Transsexualität und merke langsam, dass sie einfach keine Ahnung hat von mir, sie hat nichts bemerkt. Ganz sicher war ich mir noch nicht, aber in mir begann eine Quelle der Freude langsam anzuschwellen, der etwas durch die Furcht gebremst war, dass sie mir keine Hormone verschreiben würde, falls ich ihr es nicht genau erkläre.

Dann sage ich, dass ohnehin alle Laborbefunde bei meiner Hausärztin sind und ich vor Kurzem bei einer Untersuchung war. Sie glaubt mir. Immer noch mit starken Zweifeln, über mein Anliegen behaftet, bat sie mich, ihr doch etwas mehr über mich zu erzählen.

Rauchen Sie? Wenig, vielleicht drei am Tag, erwiderte ich. Ach, das ist ja gar nichts, sagte sie. Haben sie einen Gynäkologen in Graz? Ich verneine. Sie ist etwas erstaunt und sieht mich ungläubig an. Was sie haben keinen Gynäkologen? Warum nicht? Ich antworte, dass ich erst seit Kurzem in der Stadt bin. Aber dann haben sie doch einen dort wo sie herkommen. Ich bejahe, aber der ist weit weg in Deutschland. Sie sieht ein, dass ich neu in der Stadt bin und gibt mir eine Empfehlung für einen Gynäkologen. Ich bedanke mich und warte was weiter geschieht. Dann sage ich, dass ich die Hormone halt schon immer nehme, dass ich sie unbedingt brauche.

So eine junge Frau! Sie brauchen doch keine Hormone!

“Aber Frau Vermás!”, sagt sie daraufhin, “so eine junge Frau wie sie, sollte wirklich keine Hormone nehmen! Sie wissen schon, dass das nicht ganz ungefährlich ist?”

Ok, bei diesem Satz wurde es mir völlig klar, sie sah mich als ganz normale Frau an. Etwas später wurde mir die Ursache klar. Weil ich aus der Datenspeicherung ausgetreten bin, konnte sie nicht in meine Akte einsehen, wo ja alle Befunde gespeichert waren. Die Daten waren schön im System nur sie konnte nicht darauf zugreifen. Der Quell der Freude füllte sich mit Licht. Ich bin eine ganz normale Frau! So hat sie reagiert. Eine Ärztin! Nie mehr möchte ich zweifeln über mein Äußeres. Werde es aber sicher irgendwann wieder tun…

Warum sie mir keine Hormone geben wollte? Eigentlich nehmen Frauen in den Wechseljahren zusätzliche Hormone, weil wie bei Männern die Aktivität der Gonaden (Keimdrüsen) langsam abnimmt. Aber das werde ich nie erleben und wäre auch noch 20 Jahre davon entfernt.

Hier war wieder ein kleines eigentlich unbedeutendes Ereignis für mich zu einer weiteren Wahrheit geworden, aus einem angeblichen Nachteil entstand in mir ein Glück, eine lang anhaltende Zufriedenheit. Vor einem Jahr wäre das sicher nicht passiert. Also habe ich mich weiter entwickelt. Wie schön denke ich.

Auflösung im Licht

Dann gibt sie mir auch endlich das Rezept und wir verabschieden uns.

Das grelle Sonnenlicht blendet meine Augen auf der Straße. Einen kurzen Moment sehe ich mich um und wende mich im fröhlichem Schwung in Richtung Stadtpark und Apotheke. Diese kleine Geschichte unterbreite ich sogar meiner Apothekerin und später auch meiner Hausärztin.

 

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