Entscheidende Einsamkeit | Transition MzF

Kategorien einsamkeit, Entscheidungen, Kunst, Kunsttherapie
Vor der Transition von Mann zu Frau, macht man sich Gedanken, bis zur Entscheidung kann es lange dauern. Wie treffen wir überhaupt die Entscheidung? Ich traf sie in der Einsamkeit.

Entscheidende Einsamkeit | Transition MzF

Die Situation während der Entscheidung zur Transition für ein besseres Leben. 

In welcher Situation erleben wir den Beginn der Transition? Wo beginnt die Transition überhaupt? Entscheide ich wirklich etwas, wenn ich die Transition beginne? Eigentlich passt der Begriff nicht. Man tut das was man eigentlich ist, schon immer war, schon immer hätte tun sollen. Ich selbst stand in völliger Einsamkeit als ich meine Situation als Mensch über all die Jahre neu betrachtet habe. In dieser Einsamkeit traf ich die Entscheidung, die eigentlich eine Notwendigkeit war.

Ist das also eine Entscheidung? Man hält es nicht mehr aus, das Verstecken, den Deckel drauf halten, alles zu versuchen, um sich selbst zu vergessen. Und dann kommt ein Moment, wo man sich selbst plötzlich ganz nah ist, wo man spürt, dass sich etwas in dir regt und unbedingt nach außen will. Ich war in der Entscheidung für die Transition allein. Sprach mit niemanden darüber, horchte auf meinen Instinkt.

Im Folgenden beschreibe ich die Situation als Künstlerin, die mit ihrer ‘TransitionArt’ eine Selbsttherapie versucht und diese möglichst vielen Menschen näher bringen will. Denn jeder Mensch ist in einer permanenten Transition. Jeder kann sich verändern…sehen wir uns die Szene an, in der Verena erwacht.

Vor der Transition von Mann zu Frau, macht man sich Gedanken, bis zur Entscheidung kann es lange dauern. Wie treffen wir überhaupt die Entscheidung? Ich traf sie in der Einsamkeit.
Einsamkeit vor der Transition / Verena Vermás blickt in die Situation der Entscheidung

Leben verwirklichen

Mittlerweile versuche ich mein Leben per Kunst zu finanzieren. Das Ganze ist ein hartes Brot und besonders in der Transition von vielen seelischen Tal- und Bergfahrten geprägt. Ich hatte in meinem Leben zwei große Träume / Wünsche:

Frausein

Künstlerinsein

Vor bald zwei Jahren habe ich nach 30-jähriger Tortur und langem Zögern, den Schritt gewagt, mehr ich selbst zu werden und nicht länger die Marionette der Gesellschaft spielen. Wenn man halbwegs erfolgreich seine Existenz von Mann zu Frau geschafft hat – ganz wird das nie passieren, aber das ist ok. – dann sollte es nicht so schwer sein, auch noch den zweiten dringenden Lebenswunsch zu verwirklichen und Kunst zu schaffen.

Am zweiten Projekt bin ich seit meiner Kindheit beschäftigt. Jedoch war es erst einem halben Jahr, wo mir bewusst wurde, dass mir nicht ewig Zeit im Leben bleibt, um auch noch diesen Wunsch in gelebte Wirklichkeit umzusetzen. 35 Jahre alt war ich noch vor Kurzem. Mit 60 wollte ich nicht mehr anfangen, da ist man dann schon fast fertig mit dem Leben.

Geöffnete Türen / Entscheidende Einsamkeit im Bild

Durch meine Liebe zur Natur, habe ich viele Bergtouren und Reisen selbst organisiert. Ich bin recht viel herumgekommen, war vier Wochen allein mit dem Zelt auf den Kanaren unterwegs, bin per Anhalter von Bayern nach Barcelona, wo ich eine Nacht vor dem Damenklo (wegen Regen) bei Orange verbracht habe, bin tagelang in den Tiroler Bergen unterwegs gewesen, im Winter, Frühling, Sommer und Herbst. Ich lag durchnässt im Schlamm, bin bei der Bundeswehr mit der MG bei 32° im Schatten mit Soldaten marschiert, habe in einem Ameisenhaufen geschlafen, bin stundenlang im Dauerregen per Rad in zwei Tagen von Bayern an den Gardasee gefahren.

Zum Schluss habe ich alle meine Kraft ins Klettern investiert und bald gemerkt, dass mir das Leben draußen zwar Spaß macht, ich mich aber in eine fremde Person entwickle, die ich nie sein wollte. Wie gesagt, das war der Zusammenbruch 2016, der mir eine neue Tür in die Transition geöffnet hat. Damals bin ich dann endlich durch die offene Tür gegangen und nicht wieder vorbei.

Aber durch all diese erlebten, hautnah erfahrenen Dinge, habe ich viele Ideen für Motive, die das Leben einer Frau beschreiben, die sich komisch fühlt in ihrer Haut, und erst spät eine folgenschwere Entscheidung für sich selbst trifft. Diesmal aus tiefer Not und Einsamkeit.

Endlich ist sie da, die Einsamkeit in der Entscheidung

Wann sind wir am stärksten wir selbst? Wenn wir in der Gruppe sind? Im Kino? Auf Urlaub mit einem Partner? Ich bin häufig sehr allein, ich fühle mich selbst unter Menschen allein. Dieses Gefühl ist nicht immer gleich, ich kann gut mit Leuten auskommen, lache, rede gerne, aber dazwischen in den Pausen, drifte ich immer wieder ab. Und entferne mich.

Im Mai diesen Jahres habe ich 100% meiner Energie in die Kunst gesteckt. Ich wollte eine eigene Bildsprache entwickeln mit der ich das Thema Transition für andere erlebbar machen kann. Eines der Bilder, die dem Zustand, in dem man sich kurz vor dem Schritt in die Transition befindet, nahe kommt heißt: ‘Geöffnete Türen’.

In diesem Bild haben mir manche Zuhörer gesagt, sie sehen eine Frau in großer Einsamkeit. Durch den Titel erklärt sich der Zustand der Frau. Sie steht auf einem Felsen und vor ihr hat sich eine Tür geöffnet. Sie steht jetzt zwischen zwei Türen. Hinter ihr liegt die Welt in der sie lange Zeit gelebt hat. Vor ihr beginnt der Weg in ein neues Leben. Entweder sie geht durch die offene Tür vor ihr oder wieder zurück.

Im Moment sieht man sie in allein auf einem Felsen, vor der Silhouette großer Berge, unter einem warmen, dunstigen Himmel in dem ein undeutlich gemalter Vogel schwebt. Mit diesem Bild wollte ich den Moment einer Entscheidung darstellen, einer Entscheidung, die in etwas Unbekanntes führt, das aber niemals erfahren werden kann, wenn man zurück schreckt.

Vielleicht brauchen wir für solche großen Lebensentwürfe, die unsere Gegenwart für immer verändern und umwälzen, Ruhe und mehrere Tage Einsamkeit.

So war es bei mir, als ich völlig ausgebrannt in einem Auto auf einer spanischen Autobahn unterwegs war (mehr zum Moment der Entscheidung). Meine geliebte Großmutter im Sterben, meine Familie zerbrochen, sieben Wochen anstrengende Gäste und Kollegen und absolut keinen Moment mehr für mich allein. Vielleicht hat mich diese Abstinenz von mir selbst die Tür geöffnet. Mich drückte etwas in eine neue Richtung, die ich schon mal gegangen war, zu mir zurück in mich hinein.

Also horchte ich, was meine Seele zu sagen hatte, alle anderen Stimmen sollten Ruhe geben, jetzt galt es allein auf mich zu hören. Und was sagt sie die arme, gestörte Seele? Tu es für dich! Achte endlich auf dich und deine Instinkte! Diesen Ruf kannte ich, hatte es häufig vernommen. Diesmal sah ich eine neue Möglichkeit. Vor mir lagen 4 Tage, in denen ich ausreichend Geld zur Verfügung haben würde, um einen Traum zu verwirklichen, aber nur einen. Die Situation war perfekt. Ich war anonym in Malága, kannte viele schöne Orte, an denen ich schlafen oder in der Sonne gehen konnte.

Ich gab der Stimme nach. Rückblickend sehe ich erst jetzt, dass ich völlig allein war mit der Entscheidung. Ich habe zwar einen Freund angerufen, ihm aber über meinen Plan nichts gesagt. Erst 2 Monate später sollte er alles erfahren. Die Entscheidung damals war in völliger Einsamkeit getroffen. Erst nach der Anhörung meiner Stimme, versuchte ich die Folgen rational abzuwägen. Dies beschäftigt mich heute immer noch ein wenig. Aber ich lerne, lerne das Leben neu zu begreifen.

ArtTalk in Graz

Am letzten Samstag habe ich meine Bilder einem kleinen Publikum vorgestellt. Die meisten wissen nicht was mit mir los war und ist. Deshalb verstecke ich meine Nachricht etwas und präsentiere sie so, dass sich andere Menschen auch darin erkennen können. Denn es sind ja nicht nur wir, die ihr Leben ändern möchten, und einen neuen Weg beginnen wollen, für ein glücklicheres Leben.

Folgendes Bild ist Teil einer Serie, die ich besonders dem Gefühl widme, das einen vor der Transition begleitet. Es sind einsame Frauen, in Kohle, Pastell und Öl gemalt. Die Bilder sind einem Gefühl entsprungen. Ich hatte nur für das rechte Bild eine genaue Vorlage. Das Mädchen auf ihrem Reisekoffer, wartend, was bald geschieht…

Mixed Media Art von Verena Vermás. Porträts in Kohle und Öl.
Portrait einer einsamen Entscheidung – TransitionArt / Verena Vermás

Das Bild ist ein kleiner Test für etwas Größeres. Ein Plan für etwas Neues. Wann auch immer es wieder kommt, der erste Schritt ist getan. Auf der Finissage habe ich lange geredet und war danach total fertig. Es war sehr heiß und ich war vorher den ganzen Tag an der weißen Sulm, einem Fluss in der Südsteiermark, habe dort gebadet, gezeichnet und geschlafen. Um 18 Uhr ging es dann los mit den Gesprächen. Die folgenden Zeilen geben das Gesagte wider:

Bei einer Finissage am Samstag kamen ein paar Zuhörer auf mich zu (ich habe etwa 1 Stunde mein Seelenleben vor Publikum ausgeschüttet, dezent aber trotzdem tief) und anschließend haben sie gesagt sie haben das Gefühl, dass ich sehr einsam bin und mein Leben teilweise unerträglich sein muss,. Ich war erstaunt, habe ich gejammert? Ich will nicht Jammern, aber ich will auch nicht verschweigen, welche Art von Leben es ist, wenn man seinen Traum verwirklichen will, gegen alle Widerstände. Die meisten, eigentlich alle von meinem Kunstkreis, haben einen Brotjob, das Malen ist Erholung und eine Freizeitbeschäftigung. Ich bin die einzige, die den harten Weg geht, also will ich das auch teilen, nicht zu viel aber ein paar Prisen Realität gehören auch dazu.
Es ist ja auch eine Art Diskurs das Leben. Ein Bild war ein Aufhänger. “Geöffnete Türen”. Darin sieht man eine Frau als schwarze Shiloutte auf einem Felsen stehen, ein starker Wind weht ihr von hinten in die Haare, ihre Kleidung wird nach vorn gedrückt. Über ihr schwebt in den Wolken ein undeutlich gemalter Vogel, ebenfalls vom Wind getrieben. Vor ihr liegt ein See. Im Hintergrund ineinander verschränkte Berge. Sie ist ganz allein. Nur der Vogel, der sie vielleicht nicht einmal sieht, fliegt schräg über ihrem Kopf, unerreichbar hoch.
Komischerweise gefiel das Bild den meisten Anwesenden. Vielleicht weil sie sich selbst darin wieder erkennen. Eine ältere Dame meinte, sie hätte den Eindruck großer Einsamkeit in diesem Bild. Das habe ich so gar nicht gesehen, aber sie hatte Recht und damit habe ich selbst mehr verstanden. Das Thema bezieht sich stark auf Entscheidungen im Leben eines Menschen, große Entscheidungen, die alles verändern können. Für mich kam eine dieser Entscheidungen im Jahr 2003 für das Bayernkolleg und gegen die Transition, für die ich auf einen einsamen Berg gestiegen bin, an einem kalten Wintertag und wieder am 22.10.2016, als die Tür wieder geöffnet war, für die Transition.
Bei allen wichtigen Entscheidungen war ich zunächst allein damit. Ich spürte in mich hinein und fühlte, relativ gut, was ich will und was nicht. Ich versuchte vor 2 Jahren, dieses Gefühl ganz von innen her zu sehen, ohne die möglichen Stimmen von außen. Das Gefühl sagte mir, ich müsse jetzt die Richtung wechseln.
Ich begegnete mir selbst über zwei Richtungen, mit einem wartenden Beobachten in der Einsamkeit meiner Seele und über die rationale Abwägung. Zweiteres ließ ich aber erst zu, als die Seelenregung möglichst rein und frei von fremden Inhalten war. Was natürlich schwierig ist. Aber die momentane Einsamkeit auf der spanischen Autobahn, Oma im Sterben, fürchterliche Gäste, kein Tag für mich seit sieben Wochen, ein chaotisches Außenleben und dann ich, allein auf der Autobahn. Diesen Moment wollte ich also auf ein Bild übertragen.
Der Rückenwind, der die einsame Frau auf dem Felsen nach vorne drückt, kann die Stimme deines Instinkts, deiner Seele sein, ein Element, rein und frei, der Fels für die Erhöhung, des Blickes über das bisherige Tun, die Ursachen des Scheiterns, das Wasser vor ihr, als ein Hindernis, das aber zugleich Leben bedeutet. Die Szene einsam, aber doch nicht völlig, denn ein Vogel schwebt über ihr, er sieht mehr als sie, sieht zum Horizont, kann beurteilen wie schwer der Weg werden wird, vielleicht aber sieht er im fernen Sonnenglanz auch Land, einen Weg, eine Insel, ein neues Leben…Sie aber wird es erst erfahren, wenn sie durch die geöffnete Tür geht, sie nicht verschließt aus Bequemlichkeit, aus Angst, wie so oft.

(Verena Vermás, Arttalk im Famoos, Wetzelsdorf / Graz, 04.08.2018)

 

 

 

 

 

 

 

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