Die Neugier der Männer | Alltag einer Frau/Transfrau (HGT 17)

Transwoman Verena Vermás lebt ihr wahres Leben seit ein paar Monaten

Mein Alltag als TransFrau, als Frau (17. Hormongeburtstag = HGT)

Es ist Hochsommer in Graz, ich bin jetzt siebzehn Monate in der hormonellen Transition und schon auf dem Weg in den 18. Monat. Was ich momentan alles erlebe ist das einer richtigen Frau. Der Alltag als Frau löst den Alltag als TransFrau immer mehr ab.

Manchmal geschehen aber dann doch Dinge, die mich daran erinnern, dass ich eine TransFrau bin, die da noch ihr Anhängsel hat. Besonders beim Kontakt mit hübschen Männern. Das führt oft zu einem großen Unwohlsein. Im Übrigen geht es mir gut. Ich arbeite an meinem TransArt-Shop für ein bisschen Merchandise mit Themen aus der Transition, ich wimmle Männer ab, die nur Sex wollen, gehe in meinem schönsten Kleid auf die Straße, das ich zum Geburtstag geschenkt bekommen habe und liebe mich und mein neues Leben immer mehr. Wenn ich nur zurück denke an letztes Jahr, wie schwer jeder Schritt mir fiel…Haltet durch, es wird besser! Durchhaltevermögen ist das Wichtigste in der Transition!

Aber jetzt ein paar Sommergeschichten zu meinem 17. Hormongeburtstag, und weil es so schön passt.

Transfrau Verena Vermás in ihrem Geburtstagskleid, klein und schwarz, genau passend für die Anziehungskraft der Männer
Mein neues Sommerkleid!

Adieu Männerkörper, ohne Tränen zu vergießen

Mein erster Sommer als das was ich wirklich bin. Letztes Jahr lag ich immer noch in einer Art ‘Kokon’ versteckt und war damit beschäftigt auf alle Reaktionen meiner Umwelt zu reagieren. In drei Monaten wird meine Entscheidung für mich zwei Jahre alt.

Bereue ich bisher etwas? Irgendeine Kleinigkeit? Vielleicht, dass ich für immer unfruchtbar geworden bin? Oder ist es der Verlust von Beziehungen, die Schwierigkeiten einen Job zu finden?

Nichts von alldem. Ich bereue keine Sekunde in der ich in meinen Ozean gestiegen bin, in den Ozean der Transition und schwimmen gelernt habe mit meinem Körper. Ein Körper der noch vor 2 Jahren stark behaart war. An dessen Oberarmen die Muskeln in der Sonne stählern glänzten, wenn er in der Felswand hing und mit letzter Kraft auf einen winzigen Microgriff schwang.

Es war ein Männerkörper. Inzwischen sind seit meiner Hormoneinnahme am 17.02.2017 insgesamt 17 Monate vergangen in denen sich der Körper von männlich auf weiblich angepasst hat.

Mein Masseur und das zurückgewonnene weibliche Leben

Vor einer Woche bin ich zu meinem Masseur in den Süden von Graz gefahren. Es war brennend heiß, die Julisonne strahlte von einem blauen Himmel herab. Ich trat in die Pedale und freute mich auf den kleinen Ausflug aus dem Zentrum in die Peripherie. Das schöne an Graz ist, im Gegensatz zu anderen Großstädten, dass man schnell draußen ist, aus dem Verkehr, Lärm und Dreck, den die Menschen durch ihr Tun verursachen.

Ich fahre dann immer an der Bahnlinie entlang, die schnurgerade in den Süden verläuft, Richtung Slowenien. Nach etwa 5 Kilometern passiert man den Ikea und kurz darauf biege ich ab Richtung Westen. Dort habe ich einen Masseur gefunden, der mich im Tausch für ein gemaltes Seebild massiert. Es ist dringend notwendig. Durch die viele Arbeit an der Staffelei und am PC habe ich starke Verspannungen im Schulter- und Rückenbereich.

Manchmal wache ich mit tauben Armen und Händen auf, die erst langsam wieder zu Leben erweckt werden.

Als ich wieder einmal zu ihm fahre, spüre ich wie anstrengend das Radfahren geworden ist. Wie alles was mit Muskelkraft zu tun hat, so unglaublich anstrengend ist. Deshalb auch die Verspannungen, denn früher war einfach mehr Muskelmasse da.

Mein Gehirn aber, obwohl sehr weiblich geworden mit all dem Östrogen was durch die Nervenbahnen schwirrt, hat immer noch die Abläufe aus den Tagen der Männlichkeit in sich versteckt – die Gewohnheit! Das ist mir letzten Sommer schon aufgefallen, als ich wie früher anfing so richtig kräftig in die Pedale zu treten. Ich war verwundert als ich nach nur 2 Minuten keinen Atem mehr hatte und mir das alles zu viel war.

Und jetzt schon wieder glaubt mein Gehirn es könne so wie früher einfach 200 Kilometer quer über die Alpen radeln und ein bisschen erschöpft ankommen. Aus und vorbei, zumindest momentan noch. Würde ich stärker trainieren, käme wohl die Kraft und Ausdauer etwas zurück. Aber leider geht das weniger Training einher mit der geringeren Muskelkraft. Es macht einfach keinen Spaß mehr den Körper so zu schinden wie früher.

Damals hatte ich wirklich Gefallen daran das Letzte aus ihm, dem Mann hervorzuholen, so dass er Ruhe geben musste. Ich wollte aller Welt zeigen und besonders mir, was ich für ein starker Mann bin! Der alles gibt, alles tut, bis an die Grenzen gehen, nächtelang wie besinnungslos in die Pedale tritt, 300 Kilometer über Pässe reitet und schmerzvoll ins Bett fällt.

Ich habe mir viele Therapien ausgedacht. Im Phantasieren meines wahren Lebens war ich Meisterin.

Nun das ist vorbei. Es gibt kein Zurück mehr und ich vermisse nicht die Manneskraft. Ich komme trotz allem so weit wie ich will.

Genau vor einer Woche also war es wieder soweit: das Ungleichgewicht von Gewohnheit und tatsächlicher Energiekapazität in den Beinen. Auf der Radstrecke zu meinem Masseur wurde ich überrascht vom Schwinden meiner Energie, v.a. dieses schnelle Zupackende war sofort weg bzw. gar nicht da. Etwas hat sich verändert in den 17 Monaten. Genau in dem Moment kurz bevor die Erschöpfung eintrat, schaltete sich eine Stimme ein und sagte mir:

Das ist jetzt alles so, wie es schon immer gewesen wäre, wenn du gleich als Verena auf die Welt gekommen wärst.

Und dieser Gedanke entlastete mich völlig. Ich wusste plötzlich, dass jetzt ALLES so ist wie es hätte sein sollen. Phantasie war Realität! Was für ein unglaublich schönes Gefühl. Nur mit dem Unterschied, dass ich mir dieses Leben aussuchen durfte. Es mir nicht geschenkt wurde. Ich habe es mir hart erkämpft. Wie jede von uns.

Und das ist die eigentliche Stärke. Du musst stark sein, um schwach sein zu können.

Kein “richtiger” Mann würde sich darüber freuen. Über einen so starken Verlust an Manneskraft.

Allein im Park? Geht nicht ohne Anmache, ohne neugierige Männer

Das gerade beschriebene Gefühl, ist das Geschenk der Transition, hätte ich nie gedacht jemals so zu fühlen! Erst jetzt nach diesen 17 Monaten.

Allmählich aber komme ich seltsamerweise wieder zurück zu Gewohnheiten, die Identität auch des ‘alten’ Menschen waren. Ich liebte es früher mit ein, zwei Dosen Bier in den Park zu gehen oder irgendwohin auf eine ruhige Wiese oder Bank am Waldrand und gemütlich das eiskalte Bier zu trinken. Allein, starrend, mit den Gedanken in mir ruhend, mein Leben betrachtend, die Stationen und Wege, die ich bisher gegangen bin, oder über neue Dinge nachzudenken, die ich verwirklichen will.

Das habe ich zuletzt weniger gemacht, weil ich dachte, das geziemt sich nicht für eine Dame wie ich es bin.

Was soll’s eigentlich? Wer schreibt hier was wie vor? Die Gesellschaft scheinbar. Und sieh dir den verrückten Haufen einmal an! Ihm gehorche ich nicht soweit, dass ich mir mein “männliches” Hobby nehmen lasse werde. Dafür geht es mir zu gut damit.

Und so bin ich öfters im Park anzutreffen in der Jogginghose auf einer Parkbank mit einem Puntigamer Bier in der Hand, den Sommer für mich genießend.

Bierdose, Frausein und Park
Bierdose und Frausein! Das geht wirklich.

Das zweischneidige Problem an der Geschichte aber leider ist, dass ich nicht ganz ungestört sein kann. Immer wieder tauchen Männer auf, die sich nicht vorstellen können, dass da eine Frau allein sein will.

Manchmal kommt es vor, dass mehrere Typen hintereinander mich ansprechen, nach meinem Wohnort, Herkunft, Telefonnummer etc. fragen. Einer stellt sich öfters mit seinem Rad vor mich hin und sagt in gebrochenem Deutsch: “Was für ein schöner Tag!”.

Ich sage dann ja, das ist wohl so. Zeige schon etwas Gereiztheit. Dann bin ich still, er dagegen steht immer noch da und ich denke langsam, so jetzt reichts, der muss gehen.

Was ich gelernt habe in der letzten Zeit, ist es den Männern schnell zu zeigen, dass hier keine einsame Frau sitzt, die einen Gesprächspartner oder Grabscher benötigt. Ich schicke die Burschen sehr vehement davon. Also dies hat sich definitiv geändert in meinem Leben. Ich werde wirklich sehr häufig angemacht.

Obwohl es nervt, sage ich mir später immer wieder: “ach sei doch froh, in 20 Jahren passiert dir das nicht mehr!”

Also sitze ich morgen wieder im Park und bin froh, dass ich angesprochen werde und sagen kann “geh, verschwind!”.

Ach ja, das eine noch: so seltsam ist es für Mädels auch nicht mit einem Bier im Park am lichten Tag zu sitzen. Ich sehe immer wieder Mädels (allerdings nicht allein), die auch zum Supermarkt gehen, meinen Weg kreuzen und die ich dann später wieder im Park sehe, jede eine Dose Bier neben sich.

Hier noch ein paar Links zu meinen früheren Beiträgen mit dem Thema ‘HGTHormonGeburtsTag’.

Frühere Hormongeburtstage:

Shop – Transition Art

Hier ein Vorgeschmack von den selbst “designten” Produkten, die man über meine Homepage bald erwerben kann. Der Designvorgang ist noch in Arbeit. Ich bin momentan dabei in die Vergangenheit meiner Transition zurück zu gehen. Zum Anfang, zum Outing, zu den ersten schweren Hürden, Therapie, Hormone, Hass der Gesellschaft, Verlust von Familie und Job, zu den Momenten , wo ich wieder aufstehe, zu den Depressionen und immer mehr zu mir, zu der Person, die so lange in mir geschlummert hat, weggesperrt vor den Blicken der anderen.

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