Der zweite Traum in meinem Leben | TransArt

Kategorien Kunst, Kunsttherapie, Leben, Träume

Lebensträume und TransArt – Mein Weg zur Künstlerin

Alle Superhelden sind Waisenkinder!

Den ersten Traum meines Lebens, den ich als Vierjährige in einem Bubenkörper gespürt habe – mein Sein als Frau – habe ich nach 34 Jahre andauerndem Leiden, innerhalb von etwa 15 Monaten (2016 bis 2017) verwirklicht. Nach den körperlichen Veränderungen, dem gerichtlichen Kram zur Namensänderung, lebe ich jetzt ohne den ganzen Transition-Stress, in der man nach außen hin als Transvestit erscheint. Leider braucht es aber auch diese Phase, da musste ich durch. Heute aber befinde ich mich seit ca. 2 Monaten in der zweiten Phase meiner ohnehin lebenslangen Transition – der sozialen Transition.

Wahrscheinlich hätte ich die zweite Phase – den Weg zur Kunst – auch in der männlichen Identität durchgesetzt. Das weiß ich nicht und werde es auch nie erfahren. Höchstwahrscheinlich aber ist, dass ich als das was ich bin – Verena – einen völlig anderen Blick auf die Welt und das Leben habe.

Die zweite Phase ist einerseits von der Vereinigung der männlichen mit der weiblichen Identität geprägt. Andererseits aber auch vom Gewinn endlich Frau sein zu können. Im letzten Jahr habe ich mit großer Entschlossenheit die widerspenstige Haut der männlichen Maske bekämpft. Alles was ich einst nicht für mich, sondern für die Anerkennung in der Gesellschaft getan habe, musste gehen.

Meine Entschlossenheit war überaus stark. Um endlich atmen zu können, packte ich den todkranken Mann ganz tief an seiner Wurzel und wollte ihn anschließend mit allem was er den anderen und sich selbst vorgespielt hatte, einfach auslöschen. Realistisch ist das nicht gewesen. Denn vieles was in ihm lebte gehörte auch zu Verena´s Leben.

Der Sturm aber der vor bald zwei Jahren aufzog, war so heftig, dass ich auch das Gute in ihm nicht mehr erkennen konnte. Durch meine eiserne Disziplin, die ich mir anlegte, jeden Tag etwas mehr Frau zu werden, habe ich deshalb auch Verena verletzt. Der Grund für die fast blinde Reinigung meines Lebens ist leicht zu begründen. Wenn man all die verlorenen Jahre betrachtet, all das was ich nie gelebt habe, dann versteht man meine Wut auf mich und die Welt. Dann versteht man die Dringlichkeit meines Tuns.

Heute weiß ich wieder wie wichtig es ist zu fallen! Umzufallen, aber dann sofort wieder aufzustehen. Niemals aufzugeben, trotz aller Widerstände. Ich habe gekämpft und verloren. Aber verloren ist nicht der richtige Ausdruck. Es war ein ungleicher, kein fairer Kampf. Niemals hätte ich ihn gewinnen können. Ich habe also den Kampf nicht verloren, sondern meine Richtung geändert.

Ich wusste von Anfang an, dass ich als Mädchen auf die Welt hätte kommen sollen. Ab meinem 6. Lebensjahr sah ich alle Mädchen mit neidischen Augen an. Dieses Gefühl: ich bin eine von euch! war plötzlich da, ich habe es nicht gesucht. Das innere Schluchzen war vom ersten Tag meiner Geburt an existent.

Jeden Tag bis zum 34. Lebensjahr, war mir klar, dass ich meinem wahren Ich ausweiche. Heute ist das vorbei. Mein Feuer, mein Wille, meine Energie, meine Unterstützer, sie haben mich genährt durch die schrecklich Vorstellung als alter Mann im Altenheim tiefe Reue zu empfinden – Reue über das ungelebte Leben. Die Vorstellung mit 70 Jahren immer noch neidisch auf alle Frauen zu sein, dann aber verbittert, weil die Lebenszeit verbraucht und verloren wäre, hat mich schließlich mit Entschlossenheit vorangetrieben, die Maske endlich zu zerstören, egal was andere sagen. Ich habe entgegen allen negativen Stimmen gehandelt.

Dass es sich lohnt, sich nicht vom Gerede, der Mutlosen, der Ängstlichen und Kraftlosen anstecken zu lassen, habe ich mehrmals in meinem Leben festgestellt. Hat mein Handeln den Vorstellungen von Familie und Gesellschaft entsprochen, landete ich immer wieder in schweren Depressionen, dann lag ich am Boden.

Dennoch stand ich jedes Mal auf und korrigierte meinen Weg. Zuletzt am 22.10.2016 mit der Entscheidung für Verena. Jetzt ist es an der Zeit für Verena, die glückliche Sphinx, Künstlerin zu werden. Würde ich das nicht tun und alles auf später verschieben, würde sich irgendwann wiederum eine unumkehrbare Reue einschalten. Beim letzten Schlag ins Gesicht als sich alles, absolut alles gegen mich verschworen hatte, lag ich zerstört am Boden. Damals wusste ich aber, dass es die letzte große Chance ist, die Chance der Wiedergeburt, die dringend notwendige Korrektur meines Lebens.

Auf dieser Welle schwimme ich gerade mit neu eingestelltem inneren Kompass und habe genug Energie, um mich auf die Verwirklichung des zweiten Traums in meinem Leben zu stürzen: Künstlerin zu sein nicht nur in der Phantasie!

Während ich als bärtige traurige Kreatur durch das Leben gehumpelt bin, habe ich mir dieses Leben von heute oft vorgestellt. Das Wagnis aber war zu groß, die Komfortzone zu verlockend, die Angst vor den Reaktionen der anderen zu verstörend. Aber der Schlag aus meinem nahen Umfeld, ein Schlag von so einer unglaublichen Wucht, hat schließlich die Komfortzone fortgerissen, hinfort in den Strom des nur Existierenden hin zum Lebenden.

Ich habe die Transition von Mann zu Frau geschafft. Welch harter unglaublich harter Weg das war! Ein Jahr der Revolution, ein Jahr in dem ich größten Mut aufbringen musste. Aber Mut ist wie das Gehirn, von dem er stammt: ein Muskel. Wenn ich ihn trainiere, wird er stärker. Der Mut bleibt mir, das spüre ich jeden Tag. Auch mein Wille ist dadurch geschärft. Denn ich habe jetzt alles ausprobiert und weiß ganz genau was ich will und was nicht. Deshalb schaffe ich auch die Transition von einem Schaf, das der Herde folgt, zu einer Künstlerin. In meinem Gepäck habe ich Millionen Sterne und Träume, die mich befeuern. Mein Wille ist stark, mein Verzicht ist meine Disziplin.

Unser Leben ist so unwahrscheinlich, so fragil und so einzigartig. Wir leben nur ein einziges Mal! Leben wir es jetzt.

Disziplin und Erfolg

Am 01.01.2018 habe ich mir geschworen, dass ich 1/90stel, ein Jahr meiner Lebenszeit (falls man so lange lebt, das Leben kann ja morgen schon vorbei sein) verwende für den Durchbruch in der Kunst. Gerade in den ersten 3 Monaten meines Plans habe ich mein Handwerk durch harte Disziplin sehr verbessern können. Ich wusste, welche Farben ich mische, welche Objekte ich wie und wo anordnen muss, wie viel und welche Zusatzmittel in die Farben müssen, damit ich die innere Vorstellung nach außen kehren kann.

Der Lohn unzähliger Stunden, war ein Auftrag für ein großformatiges Bild, das momentan noch in einer Galerie hängt. Aber es ist verkauft zu einem guten, zu einem fairen Preis.

Am 13.April fand dann meine erste Vernissage statt. Etwa 40 Personen kamen, sahen meine Bilder, staunten und hörten mir zu, was ich über die Bilder erzählte. Auch diesen Traum, diese Aufgabe habe ich mir gesetzt. Das war an einem Novembertag im Jahr 2011. Damals habe ich mir gesagt, dass ich diese Stadt niemals verlassen werde, ohne wenigstens eine Ausstellung meiner Kunst zu veranstalten. Es ist gelungen.

Das Mittel zum Erfolg waren all die kleinen Bausteine über die vielen Jahre. Es war der mühsame Weg von einer missglückten Schichtarbeiterexistenz, anschließend der zögerliche Versuch ein Leben als Künstlerin zu beginnen, dann die wohl brutalste Zeit meines Daseins in der Bundeswehr hin zum Abitur, einem Studium, wochenlangen einsamen Exkursionen in den Alpen, das viele Rennradfahren auch über mehrere Tage in völliger Einsamkeit, das Extremklettern und schließlich die Arbeit als Tourguide.

Diese vielen Erlebnisse im Rücken waren mein Wind in den Segeln zu Verena. Der Wind kam plötzlich, heftig mit einem harten Knall schlug er mir ins Gesicht, immer wieder und wieder. Bis ich endlich erwacht bin.

Heute arbeite ich als Künstlerin und Kartographin, selbstständig ohne Chef, ohne jemanden, der mir sagt was ich zu tun habe. Nur ich bin es, die befiehlt, ich allein. Ich habe über 100 Stunden Motivationsvideos (Les Brown, Jim Rohn, Jim Kwik, Will Smith, Jim Carrey usw.) gesehen – während ich an der Leinwand saß und arbeitete – ich habe mir, wenn die Schmerzen, durch die harte tägliche Arbeit sehr groß wurden und die Motivation wieder zu sinken begann, Videos von Helge Schneider angesehen, ein großes Vorbild, der mir Lachanfälle schenkt, ich habe durchgehalten und habe mein Leben, meine Gewohnheiten an den großen zweiten Plan angepasst.

Seit etwa 3 Wochen, stehe ich zwischen 5 und 7 Uhr auf, mache mein Bett, gehe eine Stunde Joggen auf den Grazer Schlossberg, gehe Duschen und danach an die Leinwand. Zwischen 9 und 10 Uhr beginne ich mit der Malerei und beende sie erst, wenn die Kirchenglocken, der Herz-Jesu-Kirche 23 Uhr schlagen oder wenn die Schmerzen in der Schulter und im Handgelenk zu stark werden.

Ich unterlasse alle Tätigkeiten, die mich von der Malerei abbringen. Mein Smartphone schalte ich über Nacht aus. Manchmal schalte ich es gar nicht ein. Ich habe wegen der Facebook-Datenaffäre mein Facebook-Konto und Whatsapp gelöscht. Kontakte, die sich lange nicht gemeldet haben, wo ich immer diejenige war, die sich gemeldet hat, sind gelöscht. Meine begrenzte Entscheidungskraft verwende ich hauptsächlich auf die Objekte aus meinen Träumen, die an der Leinwand Wirklichkeit werden.

Folgende Bilder sind Teil einer Ausstellungsreihe in Graz, die noch 2018 eröffnet wird.

Werke 2018 – Transition 2.0 – The Gray Series

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