Übergange, Veränderungen, Zukunft | Transition 2018

Kategorien Allgemein, Kunst, Leben

Ein Jahr in meinem Körper…

Übergänge, Transitionen folgen auf Momente der Verzweiflung, der Krise und dem Willen für einen Neuanfang. Am 22.10.2016 habe ich nach wochenlanger Schufterei, psychischem Stress, der jetzt zum ersten Mal von allen Seiten kam, von Familie und von Freunden und der Tod meiner Großmutter, endlich verstanden, dass ich jetzt aufwachen muss, sonst werde ich es nie. Der Wille zur Veränderung ist anschließend der erste Schritt zum Glück. Doch es warten immer wieder harte Aufgaben. Mein Leben ist wahr geworden und dadurch habe ich viel gewonnen aber auch viel verloren. In diesem Beitrag gebe ich einen Abriss über meinen momentanen Zustand.

Transition, Körper und Beziehungen

…und nichts ist wie es war. Das erste Jahr in meinem neuen Leben ist vorbei. Viele Dinge, die mir während den entscheidenden Tagen im Oktober 2016 als Risiken bewusst waren sind eingetroffen. Niemand aus meiner Familie sucht Kontakt, realen Kontakt, ohne digitale Technik. Der Verlust, auch der vorläufige (Hoffnung habe ich immer noch) der Familie erschien mir vor der Transition sehr naheliegend. Es kam wie ich es mir dachte. Jedoch meine Freunde sind mir geblieben, ich habe auch neue dazugewonnen. Dennoch schmerzt der Verlust. Obwohl die Verhältnisse vorher auch schwierig waren und ich zur Aufrechterhaltung der Beziehungen jemanden gespielt habe, der ich nicht war, so ist der Zustand jetzt ein einsamer.

Nach 321 Tagen Hormoneinnahme, habe ich mich sehr verändert. Mein Körper, meine Psyche, mein Alltagsleben. Für meine weibliche Physis haben 32,1 Gramm Androcur (Testosteronblocker), 32,1 Gramm Aldactone (Antiandrogen) und 2,568 Gramm Estradiol wahre Wunder vollbracht. Zuletzt litt ich aber unter Verstimmungen, Depressionen und einer zunehmenden Antriebslosigkeit.

Körperliche Veränderungen

  • Weichere und sensiblere Haut,
  • weniger Haare am Körper und ein gebremstes Haarwachstum,
  • Anwachsen der Brust auf Körbchengröße A,
  • weibliche Fettverteilung (v.a. am Po, Bauch und Brüste),
  • trockenere Haut
  • stark gesunkene Ausdauer und Muskelkraft (vor einem Jahr waren noch 30 Liegestütz mein Maximum heute sind es max. 2)

Psychische Veränderungen

  • erhöhte Schreckhaftigkeit
  • eine stark gesunkene Libido
  • Depressionen
  • Weinkrämpfe (können 1 bis 2 Tage dauern, benötigen aber immer einen Auslöser)
  • Antriebslosigkeit

Im Ganzen ist aber mein psychisches Wohlbefinden gestiegen. Nach und nach wurde ich glücklicher, so wie ich sah, dass die Männlichkeit verschwand und sich die Frau aus dem maskulin verbrauchten Leben herausschälte. Jeden Tag ein bisschen mehr, manchmal wie bei den Brüsten in Schüben.

Transition und Bürokratie

Der deutsche Staat verlangt eine Zwangsbegutachtung nach dem TSG (Transsexuellengesetz). Wenn man seinen Vornamen und sein Geschlecht offiziell ändern möchte sind zwei gerichtliche Gutachten von Psychatern, Psychologen einzuholen. Das Gerichtsverfahren wird mit einer persönlichen Anhörung vor Gericht beendet und man erhält die Bestätigung seine Geburtsurkunde und alle anderen Urkunden und Pässe nach seinem Wunschnamen und dem wahren Geschlecht anzupassen. Diese Prozedur ist langwierig, teuer und eine erneute psychische Belastung. Die eigentlich unnötig wäre. Zumindest hatte ich alle einschlägigen Gutachten und Befunde für die Diagnose, die Hormontherapie und seit Anfang November 2017 auch den positiven Befund für die Geschlechtsanpassende Operation. Leider wurden alle Unterlagen abgelehnt mit der Begründung sie seien aus dem Ausland und ein deutsches Gericht kann nicht die Befähigung und Unabhängigkeit von Gutachtern überprüfen. Also musste ich nochmals mit zwei Psychologen reden.

Der erste in Nürnberg praktizierende Psychologe hatte das Gutachten innerhalb von 2 Wochen fertig. Darin spricht er von mir als “der Patient” obwohl ich gar kein Patient bin. Außerdem schreibt er allein in der männlichen Form, der “Einfachheit halber” wie er sagt. Eine weitere Seltsamkeit war eine oberflächliche Beschreibung meines Äußeren. Ihm war es wichtig zu erwähnen, dass ich meine Achseln haarfrei halte. Als Kritik gab er an, dass ich sehr spät die Transition machte und auch eine langjährige Beziehung zu einer Frau hatte.

Im Endeffekt hat er meine Geschichte aber nachvollzogen und mir einen positiven Bescheid für die Vornamens- und Personenstandsänderung ausgestellt. Das zweite Gutachten ließ ich Ende November 2017 anfertigen. In München erzählte ich erneut meine Geschichte, teilte sie mit einem fremden Menschen. Der Münchener gerichtlich bestellte Psychologe wirkte gleich viel professioneller und war mir sympathisch. Dennoch ist es eine immense innerliche Arbeit die Erlebnisse nachvollziehbar wieder hervorzuholen und dabei die starken damit verbundenen Emotionen so gut es geht zu unterdrücken.

Zwischen Logik und Gefühl, zwischen Bild und Wort hin- und hergerissen saß ich ihm gegenüber in einer beeindruckenden Praxis, deren Einrichtung auch von einem Staatsanwalt oder hochrangigem Notar sein konnte.  Es war wie erwartet eine anstrengende Erzählarbeit. Er schrieb sich auch alles genau auf inklusive Datum. Manchmal kam ich mit den Jahreszahlen durcheinander, wenn etwas sehr weit zurück lag. Und bei bedrückenden Erlebnissen aus meiner Schulzeit kamen mir dann doch die Tränen des Selbstmitleids.

Zum Schluss versicherte er mir und dass meine Geschichte stichhaltig sei und die gerichtliche Entscheidung zu 100 % positiv ausfallen würde. Das war vorerst eines der letzten Gespräche zu meinem transsexuellen Lebenslauf. Und dafür bin ich froh. Das letzte Schreiben kam Anfang Dezember vom Gericht. Die Nachricht war wiederum positiv, denn sie haben mir die Ratenzahlung für das Gerichtsverfahren erlassen. Mein Konto ist fast leer und einen Job habe ich bisher nicht. Jetzt warte ich auf Post vom Gericht für die Vorladung zum Abschluss des Verfahrens. Ist dieses jetzt schon 6 Monate alte Verfahren endlich vorbei, kann ich endlich beruhigt meinen Pass vorzeigen.

Ein Leben zwei Menschen

Wir hegen Hoffnungen bis zuletzt, jeden Tag stehen wir vor dem Spiegel, planen die Zukunft und sehen wie die Tage an unserem Ich vorbeiziehen. Ich dividiere mein Leben in zwei Teile. Werde älter und beginne von neuem in einer Zeit, wo andere bereits seit Jahren ihren festen Platz in der Welt haben. In der Ferne meiner Kindheit habe ich am Horizont, an lauen Frühlingstagen den Wunsch gespürt fort zu gehen. Bis heute weiß ich nicht genau was ich dort zwischen Himmel und Erde zu finden glaubte. Vorerst reise ich weiter und entferne mich von alten Orten, von Hoffnungen, Wünschen. Durch die Transition scheint es mir, als hätte ich einen Ort dazugewonnen. Als ich für einen Moment alles an Kontrolle und Strenge über mein Ich verlor, war ich meinem eigenen Horizont sehr nahe.

Zurück blieb eine Hülle, ein Leben, das ich nicht so lebte wie es mir mein Ich sagte. Da ich Jahre an mir vorbei gelebt habe, versammeln sich an manchen dunklen Tagen Gedanken an einen unwiederbringlichen Verlust. Die Zeit ist vergangen, sie existiert nicht mehr. Aber ich habe über mich selbst entschieden, habe mich befreit und meinem Leben eine Wendung verpasst. Das Leben des zweiten Menschen ist weiblich. Von dort aus sehe ich mein voriges Leben, meine vielen Erlebnisse und Konstrukte, die ich mir erschaffen habe, einzig um damit leben zu können, mit der Transsexualität. Der zweite Mensch ist geboren. Und ich selbst habe Sie zum Leben verholfen. Aber welche Aufgabe! Niemanden, dem ich davon erzählt habe. Als bis zuletzt das Konstrukt mit einem Schlag auseinanderfiel und in sich zusammenbrach.

Aus dem Staub des Zusammenbruchs wuchs meine Idee: Lass ab von den Lügen und den Konstrukten. Die Zeit ist um, es soll kein Zurück mehr geben. Zwar ließe sich dein Haus mit Werkzeug, Schweiß und Zeit neu zimmern, aber willst du nochmals dort hinein?

Niemals wieder. Glück besteht darin, den Willen zum Glück zu äußern. Mein Glück war mein Wille das gewohnte Haus zu verlassen. Der Preis war unmenschlich hoch. Aber ich glaube daran, dass dies der richtige Weg ist ein Leben jenem Menschen zu schenken, der in mir geatmet hatte, einmal, mehrmals und zum Schluss hin in eine Versteinerung überging. Wie ein Gemälde, das mit dem Gesicht zur Wand aufgehängt wird, unsichtbar das Licht für beide Seiten.

Aus der Nacht führen Linien

Linien, die mich in ein neues Jahr führen. Das erste Jahr, das ich vollständig als Verena erleben kann. In diese täglich heller werdenden Jännertagen mischen sich Gefühle von Ängstlichkeit um meine Zukunft. Obwohl ich mich auf den Herbst und Winter gefreut hatte und ich auch die Zeit, der dunkelnden Tage schnell vergehen sah, holt mich die Tristesse jetzt doch noch ein. Mir scheint manchmal, dass mein Leben eine Sackgasse ist und eilends etwas ändern sollte. Ich arbeite zwar viel in der Kunst, kann davon aber nicht leben. Meine andere Tätigkeit als Kartographin verlangt jetzt das Gewinnen von neuen Kunden. Von selbst kommen Auftraggeber noch nicht. Bisher aber habe ich mich gescheut davor hinauszugehen, Telefonate zu führen. Das muss ich im neuen Jahr ändern. Die Transition verpasst dem Alltag und bisher eingeübten Tätigkeiten und Gewohnheiten einen völlig neuen Anstrich.

Ich bin bereit. Ich kämpfe zwar immer noch mit mir aber ich glaube an mich. Inzwischen bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass mein Leben von Beginn an ein kleiner Kampf gewesen war, der bis heute anhält. Mühsam wand ich mich aus der vorgezeichneten Biographie eines Industriearbeiters im Schichtbetrieb hin zum Studium. Ich diente in der Bundeswehr bis ich wegen Selbstmorddrohung entlassen wurde. In all den Jahren der Bildungsbefreiung fürchtete ich mich vor dem inneren Bild, das ich falsch herum aufgehängt hatte. Mit etwa 19 Jahren gab ich den Versuch auf mein wahres Ich hervorzuholen, denn ich glaubte nicht mehr daran, dass in mir eine Frau lebte. Ich wollte normal sein und das Leben zu Ende leben, als das was ich war.

Aber ich lebe und in diesem Jahr gibt es neue Aufgaben für mich. Die Transition hat mich zu einer Frau gemacht, die andere auch erkennen. Wenn in ein bis zwei Monaten meine Namensänderung auch geglückt ist, werden viele weitere Aufgaben auch leichter werden. Das wichtigste ist ich muss mir eine finanzielle Strategie überlegen. Mit den wechselnden Jobs habe ich kein regelmäßiges Einkommen und schwebe immer zwischen vollen und leeren Taschen.

Viele Ideen liegen vor mir ausgebreitet, noch zögere ich manche davon zu verwirklichen. Jedoch heute am 03.01.2018 habe ich einen Schritt zu meiner Beschäftigung als Kellnerin gemacht. Der Job soll mir ein kleines monatliches Einkommen geben auf das ich mich verlassen kann. Wieder eine neue Erfahrung, ein Schritt in Richtung Verena.

Kunst

Das Mittel dem Argwohn und den Tränen zu entfliehen ist meine Kunst. Mit der Zeit habe ich mit Bleistift und Malpinsel viele Themen, Formen und Gestalten erschaffen. Ich widme mich beim Zeichnen der Abbildung des Meeres und versuche so genau wie möglich zu arbeiten, was nicht immer gelingt aus fehlendem Umsetzungsvermögen oder schlechter Beobachtung oder einfach Faulheit.

Ich plane eine Serie von Zeichnungen, die manche Station meiner Transition abbilden sollen. Kurz vor Sylvester habe ich ein paar Zeichnungen in tiefer Trauer angefertigt und zeige sie euch. Vielleicht spenden sie Trost für andere…

Liebe und Verlust
Lieben
Transition Orte der Entscheidung
Am Beginn liegt das Meer

 

 

 

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