Verena’s harter Weg | Transition und Arbeit

Kategorien Allgemein, Alltagstest, Arbeiten, TransTourguide

Reiseleiterin mit Bart

Als beginnende Transfrau unterwegs mit vielen neuen und bekannten Menschen. Im Mai 2017 geht die Reise los. Am 01.07.2017 werde ich alleine in Wien mit vollem Geldbeutel aber leerer Seele durch Wien gehen. Die zwei Monate dazwischen aber habe ich viel zu tun. Ich nehme jeden Tag Hormone, arbeite aber wie jeder andere  normale Mensch auch. Zu Beginn versuche ich meine Transition zu verheimlichen, vor meinem Arbeitgeber habe ich mich noch nicht geoutet. Das geht aber nicht gut und so kehre ich schnell zurück zu mir selbst…

 

Arbeiten während der Transition

Vor 2,5 Wochen habe ich meine ehemalige WG verlassen, bin von Graz nach Oberösterreich in die Zentrale gefahren. Hier ist der Firmensitz und von dort aus starte ich eine mehrwöchige Reise nach Spanien und Portugal.

Ich bin sehr aufgeregt, denn niemand weiß was ich nach der letzten Tour im Jahr 2016 beschlossen habe. Seit drei Monaten nehme ich jetzt schon Hormone. Ein winziger Busen deutet sich bereits an. Weil ich erst im Januar 2017 mit dem Lasern angefangen habe, gibt es noch viele haarige Stellen im Gesicht.

Eine Reiseleiterin mit Bart eben. So wird es werden. Eigentlich hege ich den Plan, dass ich so tue als wäre nichts passiert. Allein die erste Woche müsste ich das doch schaffen! Denn eine Mitarbeiterin aus dem Büro wird uns sieben Tage begleiten. Mir schwant Übles. Hoffe aber immer noch, dass wir getrennte Zimmer haben werden.

Es wird sehr schwer werden, mein neues Leben vor ihr eine Woche lang zu verheimlichen. Aber ich habe mir es vorgenommen.

Stick to your MakeUP!

Noch stehe ich im Büro, die Blicke auf mich gerichtet. Etwas Kajal muss hängen geblieben sein in den Augen, denn etwas später wird mir jemand sagen, dass sie schon etwas gemerkt hätten von meiner Schminke. Ich habe aber wirklich versucht alles runter zu waschen! Aber insgeheim glaube ich war es mir auch egal. Ich wollte endlich für mich einstehen und mich nicht weiter verstecken, das war ja mein neuer Plan seit etwa 6 Monaten.

Alles liegt für alle im Dunkeln. Es ist Mittwoch Anfang Mai. Morgen werde ich ins Büro gehen müssen, allen die Hand schütteln und wahrscheinlich erstaunte Blicke hervorrufen. In Passau übernachte ich bei einer Freundin, ich erzähle von meinem Plan, vom Plan wieder den alten Menschen zu spielen. Den Mann, den ich ja so lang gespielt habe.

Tabletten sind Beschützer deines Plans

Jetzt wo ich aus dieser Phase ausgetreten bin, erst jetzt als dieser Alptraum zu Ende gegangen ist, merke ich, dass ich nicht gelebt habe. Dass ich mich selbst betrogen habe. Ich war häufig davon überzeugt ich sei glücklich. Aber erst jetzt merke ich, dass dem nicht so war. Ich habe 30 Jahre geträumt und zwar von heute, von jetzt. Mit der Einnahme der Hormone ist man zusätzlich einen Vertrag mit sich eingegangen. Die Tabletten verändern dein Äußeres und dein Gehirn. Du fühlst dich weiblicher! Nach einiger Zeit ist dieser Prozess unumkehrbar. Also muss ich da jetzt durch. Es wird mich stärker machen denke ich.

transfrau geht arbeiten und hinterlässt ihre sachen in einem keller in graz
Mein Hab und Gut im Keller der ehemaligen und schlimmsten WG meines Lebens

 

Hormone sind mächtig und die Testosteronblocker zerstören den Mann

Genau deshalb, weil es ein Alptraum war und meine Wahrnehmung durch die 12 Wochen Einnahme der Hormone viel stärker weiblich ist.

Ich bin viel schreckhafter geworden, sensibler, fühle und spüre mehr als vorher. Auch bin ich verletzbarer und durch das Schwinden des Testosteron fehlt auch die Kraft, der Antrieb, die Lust am Sex.

Einerseits ist es das Östrogen, das ich jeden Tag zu mir nehme 8 mg, andererseits, die Testosteronblocker, von denen ich manchmal schon 1,5 Tabletten nehme, mich dann aber sehr sehr müde fühle.

Vor allem fühle ich mich aber endlich weiblicher, weil mein Inneres endlich die Kraft bekommt hinter dem schwarzen Vorhang hervor zu blicken, schüchtern noch, geblendet vom Licht aber sie ist sichtbar auch für andere.

Undeutliche Skizze

Mein Körper ist eine Bleistiftskizze, ein aus Linien zusammengehaltene Form. Man erkennt den Kopf, den Oberkörper, die Beine, die Arme, ein Gesicht. Aber das ist schlecht gezeichnet. Ich zeichne jetzt in diesen Körper eines Mannes den einer Frau, man erkennt alle oben geschilderten Körperteile. Aber etwas ist anders. Nicht nur dass die innere Zeichnung eine Frau ist, das Gesicht, es ist erkennbar, und ihre Mimik ihre Züge sie sind mit ihrem Inneren verbunden.

Transgender Art, TransArt, Verena Vermas, Verbindung von Frau und Mann
Im Jahr 2003 habe ich das Bild von mir gezeichnet. Ein Mann eine Frau in derselben Person.

Ich kann also nicht mehr zurück. Es war eine Utopie, eine gut gemeinte Utopie, anzunehmen, dass ich für etwas Geld in meinem Beruf als Mann wieder auftreten kann so als wäre nichts geschehen.

Im Vorfeld hat Verena aber schon gut geplant, sie hat Kleidung dabei, Schminksachen (Beispiel zum Einkauf von Schminksachen: Magic Moment (2)) und für einen Mann unglaublich viele Dinge zur Körperpflege. Das ist dann auch gleich aufgefallen, weil wenn man zu dritt in den Hotelzimmern lebt, kann man ohne kraftraubenden Aufwand sein Leben nicht verstecken. Ich habe ja schon die Hälfte meines Lebens mit Verstecken verbracht. Ich spüre mittlerweile eine große Abneigung gegenüber Verstecken.

Kebapsackl wird zur Schminktasche einer Transfrau
Mein erstes Schminktäschchen. Ein einfaches Kebapsackl aus Graz. Darin habe ich meine Tabletten, Kajal, Wimperntusche und einen Lippenstift.

Also deshalb hat Verena etwas Wimperntusche aufgetragen noch in Passau bevor sie ins Büro gefahren ist. Ihr war das gar nicht wirklich bewusst, dass sie damit ihren Plan zerstören könnte. Im Vorfeld jedoch als meinen Grazer Freunden von diesem Plan erzählt hatte, meinten die meisten, dass ich es nicht mehr geheim halten könne.

Ich gehe ins Büro, stelle mich

Meine Gesichtszüge haben sich geändert, meine Haut ist weicher und glatter, die riesigen Männerporen, die wie Vulkankrater meine Haut überzogen hatten und Feuer und Rauch gespien haben, sind weg, die Barthaare fast alle weg. Durch den Platz den die Dinger in der Gesichtshaut einnehmen ist mein Gesicht auch schmäler geworden, nicht viel aber es ist auffallend.

Ich habe das gemerkt als noch ein paar Hautinseln mit dicken abgestorbenen Haaren vorhanden waren (Nachtrag vom 18.08.2018: es wird noch 20 weitere Laserbehandlungen brauchen bis ich endlich ohne Coverage auf die Straße kann). An diesen Stellen war die Haut erhöhter. Nach dem Auszupfen der Haare ging die Haut vlt. einen Millimeter zurück.

Gut also im Büro, da stehe ich, in meiner Jogginghose und schwarzem Top. Ich konnte nicht mal die Kleidung auf Junge umstellen. Der Empfang wie gewohnt herzlich und fröhlich. Ich zeigte wieder einige meiner neuesten Bilder, eines davon die Zeichnung “Centre”. Die Geschäftsführerin bemerkte nur, dass ich ja jetzt ganz lange Haare hätte. Ein anderer: “Du siehst ja total fertig aus”. Eine andere: “Du siehst ja voll gut aus, ganz braun!”

Im Grunde war die Stimmung im Büro ja gut eigentlich sehr gut. Jedoch habe ich mich manchmal unwohl gefühlt, weil ich mir nicht sicher war, was die wirklich denken über mich und ob alles gespielt ist. Ich wollte auch nicht zuviel herauslassen.

Spanien wartet, mein Kollege auch

Ok nach einer halben Stunde zwischen Wohlfühlen und Unwohlsein, ging es im Auto nach Rosenheim. Dort wartet mein Kollege und weiß von nichts. Momentan ist das für mich immer noch eine Hürde, mit jemanden zusammenkommen, der mich lange nicht gesehen hat und mich dann gleich als Trans outen. Vielleicht muss ich das in Zukunft nicht jedes Mal tun. Es strengt an und eigentlich will ich ein ganz normales Leben, ohne jeden Tag über mich reden zu müssen. Kein Mensch erklärt sich jeden Tag von Neuem. Aber wir sind am Beginn einfach eine Sensation, Freaks.

Ich halte es nicht aus und will wieder etwas weiblicher sein. Als halte ich nach den ersten 40 km und lackiere mir die Nägel. Kurz vor Rosenheim nehme ich Schminke, dezent aber sichtbar.

Dann biege ich mit dem Gefährt auf den Bahnhofsparkplatz ein. Mein Kollege hat mich damals in Malaga am 22.10.16 gesehen. Als erster Mensch in meinem neuen Leben, als ich beschlossen habe, Frauenklamotten zu kaufen und sie nicht mehr wie früher weg zu schmeissen sondern anzulassen, am Anfang zumindest Dinge, die nicht auffallend weiblich waren, wie enge Hosen, und Tops, die auch für Unterhemden gehalten werden konnte.

Speed Outing

Jetzt kommt das schnellste Outing in meinem Leben. Er winkt von weitem ich fahre zu ihm und dann hüpft er ins Auto, wir können nicht lange stehen bleiben, es herrscht Chaos am Bahnhof. Als er herein kommt, will er mich grüßen, wie es die meisten Männer tun mit einem Handschlag in der Luft und weitere Bewegungen für den Ausdruck der Freude einen alten Kollegen wieder zu sehen. Genau diese Handreichungen wie sie meistens Männer, Buddies, Kumpels unternehmen mit vielzähligen unterschiedlichen Handcodes, das konnte ich nicht mal als Mann. Das konnte ich noch nie. Habe es aber auch versucht und es war mir immer unangenehm, wenn mich ein Mann so begrüßt hat.

Das schmerzte, denn hier spürte ich stark, dass ich nicht dazugehörte. Gut der Handschlag ging voll in die Hose, weil ich es einfach nicht gecheckt habe und auch gleich gesagt habe ich kann sowas nicht und außerdem bin ich Trans. Also erschrick nicht. Jetzt wird ihm klar, warum er dachte es säße eine Frau im Auto, nicht der Mann von Malaga. Und es ist völlig ok. Wir sind beide keine Normalos und fahren entspannt mit guten Gesprächen Richtung Freiburg. Noch zwei Tage bis Madrid. In Freiburg treffen wir aber erstmal eine Freundin mit der ich 10 Jahre zusammen war. Seit zwei Jahren haben wir uns nicht mehr gesehen nur am Telefon gehört und über Skype mit digitaler Haut. Ich war jetzt v.a. erleichtert, dass die Bürotour vorbei und überstanden ist.

Nach einem schönen Abendessen fahren wir noch bis halb 4 morgens bis wir ein Ibis Hotel in der Nähe von Lyon finden. Am nächsten Tag hat mein Kollege dann schmerzlich erfahren, dass ich ca. 1 Stunde im Bad brauche. Aber es läuft super, wir verstehen uns und haben gute Gespräche, während die französische Landschaft an uns vorbeizieht, menschenleere Gegenden, in der Ferne weiße Berge des Massif-Central und dann die vielen saftigen Maiwiesen bis Bordeux.

In Santander kommen wir wieder spät an. Ich verziehe mich gleich ins Bett. Mein Kollege geht mit einer Freundin noch ein Bier trinken. Ich fühle mich wieder ausgelaugt und fertig. Das Unterwegssein strengt mich an, mehr viel mehr als früher, aber auf eine andere Weise, eher körperlich als geistig, ich schlafe sehr gut und freue mich wieder aufzustehen, morgens bin ich meist gut gelaunt und ausgeruht.

Jetzt gehts nach Madrid, es ist Samstag die Gäste müssen um halb 6 begrüßt werden. Das wird ein schwieriger Moment für mich.

Es ist der vierte Monat HET (17.5. – 17.6.2017)

Hormone einer Transfrau
Hormone, Aldactone und Testosteronblocker, mein Schicksal liegt auf dem Tisch. Ich begann am 17.02.2017 mit der Einnahme. Das war ein feierlicher Moment.

Körperliche Veränderungen sind momentan kaum zu spüren. Die Brust wächst langsam sehr langsam, aber sie wächst, die Brustwarzen ebenfalls. Wenn ich etwas helles trage sieht man sie deutlich. Anfangs habe ich mich etwas geschämt vor den Gästen, es war mir dann ab einem Zeitpunkt aber egal. Ich habe dann beschlossen, dass das einfach so ist in dieser Phase und nichts weiter fürs Verstecken getan. Die Muskeln nehmen weiter ab.

Mein ehemaliges sehr mühsam antrainiertes Six-Pack verschwindet jetzt auch im oberen Bereich. Das ist etwas seltsam anzusehen, da ich für einige Zeit versucht habe so männlich wie möglich zu werden, um endlich zu vergessen und die nervende Stimme zu vernichten. Die Stimme war doch stärker und jetzt verschwindet der Exzess meines Körpers, der ja ein zml. guter männlicher Körper war und um den mich viele beneideten (ironischerweise, gefiel er mir nicht).

Sonst ändert sich momentan nicht viel auch mental nicht. Vorletzte Woche hatte ich einen langen Moment, der Traurigkeit und weinte vor allen anderen und konnte es nicht zurückhalten. Meine Stimmung ist meist positiv und gut.

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