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Die letzten Stunden einer 5-monatigen Liasion

So Verena, jetzt ist es soweit. Vor 16 761 600 Sekunden habe ich mit der Transition begonnen. Das sind 194 Tage. Fast 7 Monate. Vor 2.5 Monaten habe ich mit den Hormonen begonnen. Und es ist in dieser kurzen Zeit soviel geschehen, dass ich plötzlich viel zu erzählen habe. Jeder Tag ist ein Tag der Metamorphose. Mein Körper ändert sich, mein Geist ändert sich. Meine Gefühle, mein Blick auf mich und die Welt, nichts ist mehr wie es vorher war.

Anfang Dezember 2016. Bis dato hatte ich das Gutachten zu ICD-10 und mein Outing hinter mir.

In dieser Grazer Wohnung habe ich also mein neues Leben begonnen. Hier habe ich viele Stunden vor dem Spiegel verbracht, malte und schrieb an meinem Blog. Diese Zeit ist vorbei. Morgen ist dieser Lebensabschnitt wieder Geschichte. Und etwas Neues beginnt. Sehr gut, neue Entwicklungsmöglichkeiten!

Ende April, in meiner Grazer Wohnung.

 

Eine Phase geht heute zu Ende. Morgen geht es nach Passau, anschließend mit dem Auto nach Spanien. Nach Madrid, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben, mit einem Frauentop auf dem Männerklo verschwitzt, verdreckt vom vielen Reisen vor dem Spiegel stand und mein Gesicht musterte. Dorthin wo ich mit dem alten Leben abgeschlossen habe fahre ich morgen Vormittag wieder. Nicht in den Urlaub. Ich arbeite für vier Wochen in Spanien und Portugal. Begleite Urlauber als Fahrerin, ältere Damen- und Herrschaften, die einen erholsamen Urlaub wünschen. Die Gäste sind meist älter weil in dieser Generation von ca. 55 bis 80 das meiste Geld akkumuliert ist. Sie haben häufig ihr Leben lang Karriere gemacht, Geld angehäuft, Familien gegründet, gute Bücher gelesen, oder schnelle Autos gefahren.

Morgen fahre ich nach Spanien. Doch zuerst nach Passau, dort übernachte ich bei einer guten Freundin. Sie ist super. Sie hat mit mir die vorletzte Woche vor meinem persönlichen Outing gearbeitet auf einer Spanientour. Von Passau brauche ich drei Tage nach Madrid. Mein Kollege steigt in München zu.

Jetzt habe ich bisher keinen Menschen von meiner Transition informiert. Das letzte Mal als sie mich sahen hatte ich zwar keinen Bart mehr aber kürzere Haare und v.a. war noch ohne Hormone. Damals ging es noch mit der Aufgabe Mann zu spielen. Heute ist das schwieriger. Ich reagiere sehr empfindlich auf eine falsche Anrede, und muss mich doch immer hüten, dass ich nicht zu heftig reagiere. Da ich meine Personendaten noch nicht geändert habe. Das kostet in Deutschland (warum auch immer) 2000€. Ich beantrage aber Gerichtskostenbeihilfe und dann verringert sich der Betrag entsprechend. Die Namensänderung möchte ich im Herbst 2017 angehen. Der Adamsapfel sollte im August weg kommen, evtl. auch am Ende des Jahres aber auf jeden Fall noch 2017.

Gut aber Verena! Du fährst morgen nach Madrid! Ist das nicht geil? Yess, aber die Leute! Ha, sie wissen von nichts und niemanden. Die Situation ist bizarr. Ich habe heute mein Zimmer fast leer geräumt, da ich mit der 8-wöchigen Arbeit im Ausland, keine Wohnung brauche und die WG momentan nicht unbedingt das ist was sich ein Mensch vorstellt.
Ich werde also siedeln. Den ganzen Buchkram, Klamotten, Lampen, Kabel, Papiere, Fotos, Zeichnungen etc. alles in den Keller getragen heute. Zuvor noch intensiv gemalt an zwei Bildern. Eines davon ist praktisch fertig geworden. Obwohl wenn ich drauf schaue sehe ich immer noch verbesserungswürdige Stellen…Dass ich aber nie aufhören kann! Dann, und nur dann wenn ich das Licht wieder zerstöre, das ich gerade geschaffen habe, dann habe ich das Bild zerstört und muss neu anfangen. Das ist dann immer frustrierend.

Scheitern als Künstlerin, Scheitern als TransFrau

Bei der Kunst, die ich intensiv praktiziere in meinem kleinen 13 m² Zimmer, erlebe ich gerne Zerstörung. Denn dadurch kann ich neu anfangen. Das alte vergessen, dem neuen Gedanken zu mehr Raum, zu Präsenz und Freiheit verhelfen. Es sitzt in mir etwas, das das einmal auf die Leinwand geworfene verbessern will, bis die Finger verkrampfen, und das Handgelenk taub wird. Letzte Nacht lag ich im Bett und meine Finger zitterten nervös vor sich hin. Ich konnte sie nicht mehr kontrollieren.

Aber warum nicht all diese Rückschläge, nicht als Vorwärtsgang verwenden? Sicher ein Geist in mir zerstört das Bild, weil er alles perfekt will, er will scharf einfallendes Licht, grelle Kontraste, lebendige kühle und warme Farben, alles zu einem harmonischen Ganzen einfangen für andere sichtbar erlebbar machen.

Während ich früher tagelang nicht ansprechbar war, weil wieder ein Bild in den Müll gegangen ist. Während ich auf dem Sofa lag, den Blick zur Decke gerichtet, leer innerlich leer und ausgehöhlt, neben mir die zerfetzten Acrylbilder, da dachte ich daran, dass ich wohl nie eine gute Malerin werden würde.

Aber! Ich sagte mir nie, dass ich aufgeben werde. Ich gab nicht auf. Das Erlebnis ist zwei Jahre her. Heute gibt es immer wieder Rückschläge wie damals auch. Nur der Unterschied ist, dass ich besser Wellenreiten kann. Meine Problemlösungen sind effektiver. Geht was schief, weiß ich heute viel besser was verbessert werden muss und welche Fehler ich gemacht habe.

Mein Lieblingsmaler für See und Himmel Janhenrik Dolsma sagte: “Wenn das Bild heute nichts geworden ist und du wütend auf dich selbst das Ding in die Tonne haust, dann ist es immer noch der Beginn des Tages, der Tag ist noch nicht zu Ende”.

So sehe ich das in dieser Transition-Phase. Ich mache Fehler, ich bin nicht perfekt, versuche es zu sein, scheitere, bin traurig und verärgert, über mein Scheitern, obwohl mein Geist-Perfektionist, mir sagte, dass ich nur immer weiter machen soll auch wenn´s weh tut…dann wenn alles in die Hose geht, weiß ich dass ich wieder irgendwo aufstehen werde. Vielleicht nicht hier in dieser Wohnung, vielleicht woanders, und dann werde ich weiter machen, ein Surfer, der es wirklich können will, wird es nie wenn sie bei der ersten Welle einen Abgang macht. Malen oder Transition heißt für mich die Wellen, den Wind, das Wetter zu akzeptieren. Ich kann es nicht ändern. Manchmal ist das Wasser glatt, meine Tage gleiten dahin ich liege in der Sonne und blinzle fröhlich. Dann aber kommt Sturm.

Centre (Bleistift, 42×59,4cm)
UI (50×70, Acryl auf Leinwand)
Fitz Roy (70×120, Mischtechnik auf Leinwand)

Die Wellen drücken gegen mein Inneres, ich versuche mit ihnen zu gehen, ihre Kurven, ihre Bewegung zu fühlen und nicht gegen sie anzukämpfen. Und wenn ich mal wieder untergehe, dann stehe ich am nächsten Tag auf und versuch es noch einmal, vielleicht von einem anderen Ort aus, mit anderen Menschen.

Denn! Jetzt ist das Meer geöffnet, erlebbar gemacht, durch mich. Ich befreite es, das Meer in mir. Wellen können jetzt frei umher gehen, mir das Leben schwer machen. Jetzt bin ich Queer. War ich vorher auch schon aber jetzt BIN ich es. Das Wasser ist frei, und erst dadurch kannst du lernen das Wasser zu verstehen und dich an seine Wellen zu gewöhnen. Vorher waren die Wellen sinnlos, da du vom Mond auf dein kleines Meer herabgesehen hast. Und von diesen fast 400.000 km Entfernung, schaut die blaue Lacke aus wie gemalter Stahl. Keine Schuppe, keine Regung, keine Überschiebung, alles glatt. Nur unten ganz unten tobt und stürmt es. Und das hast du immer gewusst. Jetzt bist du mittendrin.

Aber ich versuche es. Mein Leben ist ein einfacher großer Versuch. Die Schablone des Mainstreams war nichts für mich. Ich habe es versucht, tief in mir aber gespürt, dass ich das nicht leben will, was meine Eltern mir vorgelebt haben, und was andere tagtäglich mir vorleben. Ich orientiere mich nur nach meinem Inneren. Zumindest ist das ein großes Ziel in meinem Leben. Und auch darin scheitere ich oft. Aber vielleicht gehört das Scheitern zur Schönheit des Lebens dazu. Was wäre wenn dir nichts Anstrengung verschaffen würde?  Wäre das Leben augenblicklich nicht grenzenlos fad und unglücklich?

Kompromisse, Money!!

Morgen also Madrid. Die Herausforderung jetzt. Auszug, keine Wohnung, meine gemalten Schätze weit weg von mir in dieser Stadt. Und dann die Transition.

Ich habe jetzt etwas schwieriges vor mir, eine Prüfung. Kann ich immer noch als Reiseleiter(in) arbeiten ohne dass die Leute angsterfüllt vor mir fliehen? Was sagen meine Vorgesetzten wenn sie mich so sehen? Was ziehe ich überhaupt an? Meinen schönen Nagellack muss ich abmachen, leider. Ich tu es fürs Geld.

Von Samstag bis Samstag werde ich permanent arbeiten. Abends habe ich ca. 3 bis 5 Stunden etwas Zeit für mich. Mein Plan ist jetzt, dass ich meine Weiblichkeit, jeden Tag etwas erhöhe. Ganz sanft und unscheinbar. Vielleicht nehme ich einen Abend mal Wimperntusche oder Kajal? Das wäre schön! Und ein hübsches Top, was werden die Leute sagen? Ich bin so gespannt auf ihre Reaktionen. Die Gäste bekommen eine Info wer ihre Reiseleiter sind im Vorfeld. Und natürlich, da steht immer noch Herr… Also erwarten sie einen Herren! Super, und dann komme ich daher, mit meinen kinnlangen Haaren, und dem radierten Bart, mit meiner neuen Kindlichkeit, durch die Pubertät. Einzig mein Verhalten werde ich auf keinen Fall ändern und in meiner neuen Stimme möchte ich auch weiterhin sprechen.

Der Plan ist also Working from Sa bis Sa und am Samstag als Frau leben. Den Rest als Zwischending. Nachdem ich dann mit meinen lustigen Männerklamotten durchs Geschäft gehoppelt bin und den Zündschlüssel umdrehe, um endlich nach Spanien zu fahren, dann werde ich auf einen Parkplatz fahren mir wieder die Nägel lackieren und mich umziehen. Das ist der Plan.

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