Blick in vergangene Zeilen | Sehnsucht nach Verena

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Zeit für eine kleine Rückschau Verena zu deinem Leben als Andreas,

…als dein Leben, das du heute hast, noch so weit entfernt lag fast 14 Jahre, 122.640 Stunden später, sitze ich hier und sieh hinein in mein Tagebuch, das einzige was ich gerettet habe vor neugierigen Blicken, meiner Familie, jetzt ist es hier in Graz, im Netz für jeden sichtbar. Damit geht ein weiteres verlorenes Kapitel meines Lebens zu Ende. Ich schließe gerade ab mit Andreas, ich nehme die Seiten, die beschrieben sind mit einer undeutlichen, überstilisierten Schrift, die meine Sehnsucht ausdrücken sollte, nach Schönheit und Weiblichkeit. Ich zwang mich zu schreiben, immer wenn es mir schlecht ging und manchmal wenn es mir gut ging. Schließlich hatte das Schreiben aber v.a. den Sinn endlich die Stimme sprechen zu lassen. Ich rang mit mir, den Stift auf das weiße Papier zu setzen und wirklich zu schreiben, dass ich nicht Andreas sondern Andrea bin, oder zuzugeben, dass in mir etwas lebt, was nicht herauskommen darf. Mein inneres Monster, vor dem ich so große Angst hatte. Die folgenden Zeilen aus dem Buch, sind düster und wirr. Ich habe versucht, wo es notwendig war, allein im Sinne des Verständnisses die Zeilen entsprechend zu verändern.

Ich besitze also ein dickes schwarzes Buch. Ein schwarzer Stoffeinband, weiße Papierseiten. Viele davon, eigentlich alle sind mit meiner Handschrift mit Zeichnungen von mir versehen. Es ist eines von vielen. Es ist aber ein ganz besonderes Tagebuch. Denn die Eintragungen datieren die Zeit vor meiner ersten bewußten Entscheidung für ein Leben, das ich nicht wollte, aber aus Angst trotzdem annahm. Diese Entscheidung habe ich schon beschrieben. Damals 2003 stieg ich wieder in die einsamen Berghöhen. Die Bergfahrt am Ende des Winters war symbolisch. Aus der scheinbaren Sicherheit und Freiheit der Berggipfel musste ich wieder hinab zu den Menschen in die Täler. Oben lebte ich für eine kurze Zeit für einen winzigen Augenblick. Dort im Schnee, lebte ich für mich und wusste ganz genau, dass ich nicht für immer hier im Schnee knien konnte, mit traurigem Blick. Ich musste ja doch wieder hinab ins Tal. Zu den Dörfern, zu den Straßen, Maschinen und zu meinem verhassten Leben.

Tage nach dieser Entscheidung für den Mann, im Februar 2003, am 06.03.2003 schrieb ich in mein Tagebuch, das jetzt vor mir aufgeschlagen liegt und mich anzuschreien scheint:

Von hohen Bergen falle ich wie ein Stein, gebeutelt, geprellt, zerbrochen, zerfallen, entzwei. Nichts rührt sich mehr. Willenlos den Kräften ausgeliefert.

Vom hohen Berg schwebt eine Feder, schaukelt getrieben von kalten Winden. Sie wird aber nicht verformt, wie der Stein. Trotz der Kräfte, die auf sie wirken bleibt sie Feder, denn sie ist sanft und schön. Hätte ich Flügel wie ein Vogel so wären all die Strömungen, im Wind mein Auftrieb und meine Sicherheit nie zu fallen, sondern anmutend und stolz wäre meine Landung.

Hätte ich nur vorher gelebt, wäre ich nur meinen Weg gegangen, wäre mein Leben keine große innerlich zerfallene Leere, keine Lüge…”

Einen Tag später schrieb Andreas (Mitte März 2003) von der Ahnung Andrea zu sein:

Meine Tage vergehen, schneller und unwirklicher, jeder Tag bringt mir eine weitere Lüge und es werden unendlich viele neue Lügen gesät. Lügen genährt durch mein widriges Verhalten, gezähmt durch die Stützen meiner Eltern, deren Existenz immer ferner rückt, denn je mehr ich zu meinem wahren Ich finde, und den Weg gehe, den ich eingeschlagen habe, und auf dem ich niemals mehr umkehre und mit Mut weiter gehe, entferne ich mich zusehends von meiner Familie, meinen Wurzeln. Habe ich das geahnt? Ich denke nicht es ist nur so: ich trete vor einen Spiegel, ich sehe mich selbst, aber undeutlicher, verwaschen, der Spiegel, ich bin verzerrt und unkenntlich. Jeden Tag eine neue Hürde, und keine Kraft mehr, es verfolgen mich in den Spiegeln verschwommene Schatten. Ich sehe Konturen, eckig, Konturen, die zu glätten sind, zu zeichnen.

Die Farbe und Helligkeit, ins Leben holen! Doch wo???  Kommen sie wenn ich das Geschlecht wechsle, endlich weiblich werde? Wenn Andreas geht und Andrea kommt, wer bestimmt dann aber mein Glück? meine neue Gestalt?

Angst erfüllt meine Träume, mein tägliches Denken, was wird in Zukunft geschehen? Wohin führt dieser lange beschwerliche Weg? Wie gelange ich zum Ziel? 

Zum ersten Mal also beschreibe ich mein Seelenleben, das zwischen Andreas und Andrea pendelt. Ich spüre heute, dass ich Angst hatte Andrea zu stark werden zu lassen. Ich hielt an Andreas fest, allein aus Bequemlichkeit. Transition ist unbequem. Oh ja, es gibt fast nichts was unbequemer ist. Hast du aber den Anfang, die Selbstakzeptanz geschafft, ist der Rest zwar immer noch eine Fahrt in schwierigem Gelände, doch es gibt Rückenwind und es geht meist bergab!

Ich habe mit 21 angefangen Gedichte zu lesen, mir gefielen die Expressionisten wie Georg Heym, oder Brecht und v.a. auch Georg Trakl. Ihre Sprache war so voll mit Blumen, mit Bomben, schweren Farben und heftigen Gefühlen alles verwoben in einem Geflecht aus Angst vor einem neuen Krieg, der dann tatsächlich eintrat und der Existenzangst. Von Heym kam ich dann zu Camus und Sartre. Camus ist mein Lieblingsdichter neben Hesse. Ich habe von ihm viel gelernt, das stille Anschauen, die große Liebe zum Leben, zu den Sinneseindrücken, und all das ohne je in irgendeiner Form, in irgendeinem beliebigen Satzteil aufdringlich zu werden. Dieses fast teilnahmslose Glück, das Camus beschreibt, begleitet von einer süßen südländischen Melancholie (v.a. in “Der Fremde” und “Der glückliche Tod”) war Medizin für meine verwirrte Seele, die nicht wusste was da geschehen war. So handeln meine Gedichte von diesem Seelenzustand (in dieser Zeit las ich auch viel Heinrich Heine und versuchte seinen Stil zu imitieren).

Ich präsentiere Gedichte aus der Zeit nach der Entscheidung Mann zu bleiben.

Gedichte nach der Entscheidung. Eine “eigene” Entscheidung, die ich selbst nicht akzeptieren konnte. Besonders die erste Zeit war schwierig, danach begann ich langsam zu vergessen, versuchte nicht daran zu denken, denn ich fing an, diesen Teil in mir zu hassen und verbat ihm hervor zu kommen. Das dauerte insgesamt 14 Jahre. Heute ist der Kampf vorbei, ich habe zwar immer noch Hürden zu bewältigen aber der innere Kampf ist Geschichte, zum ersten Mal in meinem Leben bin ich glücklich, zum ersten Mal fühle ich mich selbst. Die Hälfte meines Lebens ist vorbei und jetzt fühle ich mich, ist das nicht erstaunlich?


Alptraum

Gott hat mich Alptraum genannt. Gott hat schlecht geträumt und mich erschaffen. Weidenholz, in strahlendem Gelb, Dornensaft schwarz wie Gift.

Vom einen Maß er vom anderen gab er. Einsam musst du gehen im kalten Himmelblau, weinen dabei sollst du singen, viele düstere Lieder sollst du singen. Schreien wirst du, klagen nach Erlösung. Verstummen und langsam, am Ende verbluten.

Es ist ein Werk des Fallens ein Donnerhall. Blutendes Gesicht. Wie ein Vulkan, ein Gesicht schwarz mit toten Augen. Ich bin eine Mißgeburt, eine wirre Welt. Niemand trocknet seine Tränen, komm und stich mich tot.

Dann singen sie mein Abschiedslied und tragen mich auf Wegen kalt.

Nie hatte ich den Mut, war geboren ein dumpfes Schicksal. Dunkle Tage mein Blut. Ich bleibe gekrümmt im blutigen Regen. Sieh! ich starb hier, ich wurde gehalten, fiel zu Boden, stirb endlich, beende die sinnlose Hoffnung leben zu dürfen.


Keine leichten fröhlichen Gedichte. Später als Mann als der Versuch eines Mannes habe ich dann doch weiter gedichtet, aber nicht mehr über meine Transsexualität, sondern ich suchte die Schönheit der Natur als meine nach außen gekehrte weibliche Seele abzubilden. Das tat ich auch in meinen Bildern. Alles war Sehnsucht. Was wird kommen, heute wo ich Frau bin? Werde ich weiter malen?

Eine Zeichnung, die meine Seele darstellen sollte. Der Ausdruck half die Dämonen in mir zu besänftigen

Zwei Seiten weiter, nach weiteren düsteren Beschreibungen meines Seelenzustandes steht, dann doch etwas Positives:

Zögere nie, du hast nur dieses eine Leben, nutze die Chancen deines Lebens

Ein erstaunlich positiver Ausblick in all diesen schwierigen Gedanken, schlecht formulierten Gedichten, im trunkenen Zustand, versunken in mir selbst auf der Suche nach meinem Ich. Die Chancen meines Lebens! Oh weh, 14 Jahre habe ich gezögert!

Weiter zurück! Ich möchte euch jetzt mit auf die Reise in die Geschlechtsdysphorie mitnehmen. Dazu gehen wir ein paar Wochen im Winter 2003 zurück. Es ist die Weihnachtswoche 2002. Darin träume ich von Kleidern, von meiner Hässlichkeit, von der Erlösung und Hoffnungslosigkeit. Es ist die Zeit, in der ich “Die weiße Feder” und “Soziale Konstruktion der T.” lese. Ich beschäftige mich schon seit langem mit der Transition. Es gibt im deutschen Raum auch eine Seite, mit Menschen, die sich einer Transition unterziehen oder die nur temporär als Frau leben. Zu dieser Zeit etwa um 1999 herum, war das WWW noch in den Kinderschuhen und Inhalte noch nicht so stark diskretisiert. Es war eine Homepage für Crossdresser, Transvestiteten und Transsexuelle. Ich habe diese Seite häufig besucht und mir die Fotos der TransFrauen angesehen. Manche sahen wirklich schlimm aus, man sah einen Mann glattrasiert mit Perücke, Lippenstift und Minirock. So kurz, dass es mir schlecht wurde. Würde ich je so aussehen wollen? Niemals. Es gab aber auch gute Beispiele. Das waren dann jene TransFrauen, die es Ernst meinten und neben Haarentfernung auch Hormone nahmen. Ich schätze die negativen Beispiele waren Crossdresser. Sorry ich will keinen vor den Kopf stoßen, aber dass wir manchmal so ein negatives Echo in der Öffentlichkeit haben liegt meiner Meinung auch daran, dass manche das Switchen der Geschlechter ziemlich nachlässig unternehmen und sich nuttig anziehen…Nun so also nicht, nicht für Andrea. Ich aber dachte das wird nichts, also schwamm ich in Selbstmitleid und Hass mir gegenüber…wie folgende Zeilen gut demonstrieren:


Selbsthass

Glänzend der silberne See in deinen Augen. Es umfasst der Wind deine wilden Haare, sie bewegen sich zart im Sonnenschein. Deine weißen Kleider so nah an dir, gleiten in eine Blumenwiese. Hoch über mir in den Wolken, tanze ich in föhnigen Lüften und wünsche uns keinen Morgen mehr.

Sag das meiner Zeit, wir Tanzen den ganzen Abend, eng umschlungen Mann und Frau ich und du. Manchmal ahne ich den Tod, merke wie er mir die Hand entgegen streckt.

Aber die Sonne! Nein auch sie schickt uns beiden ein Inferno. Hier verlor sie ihre Spur meine Sie…Darin verschwimmt dein Schatten. Es trafen mich darin schwarze Augen leer und tot.  Sie legten mich in ein Meer aus weißen Blumen nackt und leer.

Erleichtert schlief ich langsam ein. In meinem Traum sah ich ein Kind, schmächtig und klein.


Leben?

Dieser 2-Fronten-Krieg zerstört mich. Manchmal will ich nur noch aus diesem Leben in mein wahres Leben, ich lebe nicht.

Ich schäme mich meiner Gestalt, so männlich, hart und kalt. Närrisch, blöd und häßlich. Sie sagten mir ein Mann sei nicht hübsch, ein Mann darf keine langen Haare haben, er sei eine “Sissy”. Sie sagten viel und verletzten mich, es gefiel ihnen, Menschen lieben es, mit Beize in die Seele anderer zu kratzen.

Ich bin tatsächlich kein weiblich zartes Wesen, ich bin hässlich wie ein alter Besen.

Verdeckter Faden du, wie lange wirst du begleiten mich? Wie oft wirst du aufbrechen uas der Gruft? Dort wo das andere Leben ist, das wahre. Oh, du unglückliche weiße Feder, drehst und schaukelst im roten Abendlicht, getrieben und gelenkt durch die Schmerzen des VERKEHRTEN.

Welch irre Gottheit, muss ich bitten mir zu antworten? Was hast du dir gedacht, als man meine Geburt ausrief? Dieses Leben niemals. Warum lügst du dich selbst an Andrea? Um endlich endlich  deinen Namen zu rufen, endlich in die Nacht in den Tag zu rufen, und keine Rücksicht mehr zu nehmen, rufe deinen Namen! Andreas du bist Andrea!

Um deinen Namen zu rufen habe ich lange gebraucht. Doch nun endlich lässt du mich sprechen. Was meinst du Andrea, was ich jeden Tag durchmache? Nicht mit irgend jemanden, nicht mit dem System sondern mit mir selbst? Ich bin eine wandelnde unsichtbare Gestalt, sagt sie mir, ich bin von einer großen Schönheit. So Andreas? Fragt sie mich, willst du wirklich für immer leben?

Nein Andreas ich mag dich, du und deine Gefühle verstehe ich zuweilen, doch befürchte ich meinen Tod. Unsichtbar und leidend. Ach, hättest du nur zu MIR! gestanden. Ich hätte dir geholfen, doch vielleicht ist es nicht zu spät für meine Ankunft! Würdest du mich bitte zu dir lassen? Nicht meine ganze Gestalt, nur ein paar meiner besten Eigenschaften und Angewohnheiten, klar ist wir beide mögen meist die gleichen Dinge doch da gibt es auch leider ein paar Ausnahmen…

Sieh dich an! Beschreib dich, zeig dich, schau hier auf meine Hand die starke, die verhasste.

Was wäre ich gern schön und bunt, so brennt immerfort, das Leid im Lied. Sieh meine starke Pratze, die verhasste!

Was wäre ich gern so zart und schön wie du.

Zieh mir den Schwanz heraus, wozu brauche ich ihn? Laß mich gehen und mich vollenden. Ich hasse dich, du gehörst entfernt, verstoßen, du gehörst nicht zu mir.

Nein du wirst mich nie bekommen, ich sehe dein leidendes Wesen. Dieses Geheimnis kam auf unsichtbaren Wegen, gefolgt von dunklen Schatten, du hast kein Leben.

Mein Inneres fühlt sich schlecht an, ich sehe dann kein Licht, es begräbt, verschüttet mich.

Es erschüttert mich. Meine Herkunft ist ein Mythos, ich bin ein Kind der Berge und der Wälder.

Verarmt ist meine Seele, und immer bin ich es, die leidet, an ihrer Seele. Weinst du? Glaube mir ich bin gar nicht so verkehrt wie du glaubst, sieht du mich gerade an? Bitte sieh mich an. Meine Seele ist wie deine, nur hat sie andere Gestalten. Des Nachts überkommt mich die Sehnsucht nach dir. In meinen dunkelsten Träumen, wo die Trauer, deiner Träume mich eingesperrt hat, da ist auch ein Kern von dir zu Haus. Lass ihn endlich leben! Er will dir Leben einhauchen und dich verändern!


In den Bergen zu Hause von 1995 bis 2016

Heute? In den Tälern wie auf den Bergen endlich zu Hauses. Ruhe meine Seele, ruhe.

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