Einkaufen als frisch gebackene Transfrau | Magic Moment (2)

Kategorien Alltagstest, ängste, Einkaufen, MagicMoment
Einkaufen als Transfrau, mit und ohne Stress. Du brauchst eine Mission. Dann klappt alles.

Magic Moments – April 2017 (2)

Magic Moments – sind Erlebnisse, die mich stark beeinflusst haben in meinem Mut, mich also gestärkt und ermutigt haben auf dem Weg von Mann zu Frau. Unter diesem Titel folgen also meist sehr positive Erlebnisse. Heute ist das Einkaufen das besondere Thema, die Angst und die Bewältigung dieser Angst vor den Blicken…

Einkaufen – außen Mann innen Frau!

Nach dem Outing – wenigstens bei mir war es so – geht man mehr als vorher einkaufen. Es fehlt am Anfang einfach alles.

Einkaufen als Transfrau, mit und ohne Stress. Du brauchst eine Mission. Dann klappt alles.
Magic Moment im April 2017 (2) – Einkaufen mit und ohne Stress, wie ist das möglich?

Die Transition ist ja für jede von uns ein Prozess. Manche – mutigere Mädels unter euch – haben vielleicht schon aus der Vergangenheit ein paar hübsche Klamotten. Ich hatte überhaupt nichts mehr. In einem letzten Anfall von Selbsthass, habe ich alles weibliche aus meinem Leben entfernt.

Im Oktober 2016 aber ging ich mit vollen Einkaufstaschen durch Málaga, das war mein Fundament für die ersten Monate Transition. Wenn ich die gewählten Sachen heute so ansehe, kommt mir einiges komisch vor, ich ziehe aus dieser Zeit fast nichts mehr an. Ein Business-Rock? Wozu?

Von Februar bis Juni 2017 verliere ich allmählich die männliche Kleidung. Auf der Straße, in Mülleimern (da musste ich immer weinen) und in Hotels. Es war die Zeit der Transition meines Kleiderschranks.

Heute habe ich nichts mehr männliches. Ich gehe seit 15 Monaten immer en femme auf die Straße.

Kritisch war die Zeit, als ich noch sehr nach Mann ausgesehen habe, aber unbedingt ganz Frau sein wollte. Ich brauchte also Kleidung und Kosmetik, dringend. Etwas war aber immer im Weg: die Furcht von Málaga. Die Angst blöd angesehen zu werden, gemobbt und diskriminiert zu werden. Der Anfang ist schwer. Besonders der Einkauf ist noch extrem fremd und man fürchtet sich, von einem Kaufhauspolizisten am Kragen gepackt und des Ortes verwiesen zu werden.

Frauen wie Männer alles scheint dich anzuglotzen. Du siehst überall Comic-Gedankenblasen aufpoppen, in denen Dinge stehen wie “was macht’n der Typ?”, “ist das Frau oder Mann?”, “igitt, wie ekelhaft…”.

Update 18/08/2018 (nach 18 Monaten Hormontherapie): es ist niemals etwas in dieser Richtung geschehen, vielleicht hat mal eine Verkäuferin oder jemand komisch geschaut, aber es blieb beim Schauen. Gesagt hat niemals, irgendwer, irgendwas. Noch wurde ich gar verprügelt. Nichts ist passiert. Unsere Angst existiert nur in unseren Köpfen.

Angst kauft mit ein

Mit der Zeit aber findet man heraus, dass man selbst das Problem ist. Später habe ich gemerkt, dass ich völlig ungestört umher gehen und nach Klamotten schauen kann, wenn ich selbst ruhig bin. Du bist der Spiegel der anderen. Bist du hektisch und nervös, merken das die anderen Kunden. Fühle ich mich gut und bin überzeugt von dem was ich tue, dann spüren das die anderen ebenfalls und haben Respekt oder zeigen keine Regung. Wenn du mit einer verängstigten gestörten Miene durch die Gänge irrst, deine Hände wie ein nervöser Bienenschwarm umherschwirren, dann bekommen die anderen das natürlich mit. Jeder hat Angst vor nervösen Bienen, die stechen können!

Es gilt also auch für uns Transfrauen:

Störe keinen Konsumenten bei der Ausübung seiner Tätigkeit…

Dann wirst auch du nicht gestört. Bringst du ein Donnerwetter mit in die Verkaufsräume, dann erregst du Aufmerksamkeit. Das ist ein positiver Regelkreis. Je nervöser du bist, desto nervöser reagieren die anderen. Also lass dich und die anderen in Ruhe.

Keine Hektik! Nur keine Hektik im H&M

Deshalb gilt am Anfang der Transition – selbstbewusst einkaufen gehen. Du hast eine Mission, Kleider, Röcke hübsche SlimHosen, Handtasche etc. gehören einfach dazu. Sage dir also immer: “ich darf das ich bin eine Transfrau”.

Unglaublich aber jetzt zum Magic Moment. Letztens habe ich ein Top gesucht in der Farbe Lila, das Top war aber nur noch in S erhältlich, ich brauche aber M. Also frage ich den Verkäufer ob der Laden noch ein passendes Oberteil hat. Der Verkäufer und ich stehen uns schräg gegenüber. Leichte Nervosität entsteht in mir. Ich spüre, dass ich eben nicht mehr wie ein reiner Kerl aussehe, der etwas für seine Freundin einkauft, sondern schon etwas nach Transvestit. Es gibt keine Fassade mehr. Er sieht mich etwas irritiert an, dann sieht er mir genauer ins Gesicht und runzelt die Stirn.

Dann merke ich wie er innerlich einen Schalter umdreht und aus ihm endlich Worte strömen. Sicher, natürlich checkt er, dass ich äußerlich ein Kerl bin, damals Mitte März bin ich grad frisch vom Lasern gekommen, das war die 3. Behandlung. Nach dem Lasern sind die Haarkanäle leicht geschwollen und der Bartschatten ist noch offensichtlicher. Coverage (Abdeckflüssigkeit, besonders gut für den Bartschatten oder gerötete Stellen nach dem Lasern) hilft da auch nicht mehr. Aber der Verkäufer und ich kommen gut miteinander aus, er hilft mir und ich bin freundlich und lächle. Alles in Ordnung, keine große Sache, das hatten wir alles schon damals in Málaga, allerdings im Alkoholrausch.

Nach bestandener Prüfung fühlte ich mich innerlich gestärkt. Das ist der Baustein, den ich weiter verwende für alle kommenden Prüfungen und es werden noch viele kommen! Wichtig aber ist es  auf unserem langen und beschwerlichen Weg die kleinen Fortschritte und Überwindungen zu schätzen und einen Magic Moment daraus zu machen.

Magic Moment (2.1) – DM und die Kosmetik

Am Anfang ist

Kosmetik einkaufen einfach nur stressig

Der nächste Magic Moment war gestern (4.April.2017) Drogeriegeschäft.

Vor etwa 5 Monaten noch, war ich so nervös, dass ich praktisch nicht entspannt Dinge aus dem Kosmetikregal aussuchen konnte. Ich war gefangen in meiner Furcht, tat es dann aber nach einiger Zeit und flüchtete damit an die Kasse. Das war mir immer so peinlich.

Auch das beruhigt sich mit der Zeit. Damals also stehe ich in einer Entfernung von vier Metern vor den Kosmetikregalen und suche mir z.B. einen Nagellack aus Die große Einkaufsfreude ist das nicht, weil man kaum etwas erkennen kann. Mir kommt der etwas abwegige Gedanke, dass ich mit einem Fernglas aus 10 Metern Entfernung die Regale abgehen könnte. Das aber würde ja noch viel auffälliger sein und ein Rausschmiss vorprogrammiert.

Also habe ich meist so getan, als würde ich mich nicht für den Inhalt interessieren, ging unauffällig daran vorbei und merkte mir was ich haben wollte. Also lief ich an den Regalen auf und ab, drehte eine Runde um das Shampooregal und Putzsachen. Das war wichtig um meinen Plan zu verbergen.

Wenn ich wusste, was ich wollte, sah ich mich um und wenn gerade niemand da war, holte ich mir den begehrten Nagellack heraus wie ein Ladendieb und spürte in dem Moment mein Herz, und ein Ziehen in der Magengegend.

Selbst ein Beispiel sein

Das war aber ganz am Anfang, mit jedem Mal wurde es besser. Einmal habe ich sogar einen etwa 25-jährigen ermutigt. Er tat wie ich stand in vermeintlich sicherer Entfernung davor und musterte den Nagellack, ich habe schnell verstanden, was vorgeht. Weil größere Angst bei anderen vor der gleichen Aufgabe manchmal motiviert und ich eine Mission hatte, bin ich kurzerhand vor ihn an das glänzende Regal mit den kostbaren Fläschchen getreten und habe mir meinen Nagellack ausgesucht. Anschließend ging ich in Richtung Kasse und blickte über meine Schulter. In diesem Moment sah ich etwas sehr Schönes. Er trat auch ans Regal und nahm sich ebenfalls ein Fläschchen Nagellack heraus.

Schönes Gefühl. Ich habe nach meinem 1. Monat Transgender-Leben schon einen anderen Menschen ermutigen können, selbst einen Schritt nach vorn zu wagen.

In aller Ruhe Einkaufen

Heute (April 2017) aber verschwindet der Stress beim Einkauf femininer Utensilien allmählich. Im Drogeriemarkt stehe ich jetzt ganz entspannt vor einem Kosmetikregal und schau in aller Ruhe hinein. Diesmal kaufe ich flüssigen Kajal, also Liquid Liner und einen lila Nagellack mit einer dunklen Note, die eher ins graublaue geht.

Was mich verblüfft, ist dass die Leute nicht mehr verstört auf meine Finger schauen. Ich glaube solange ich keinen direkt ansehe und den Mund aufmache (ich mach zwar Stimmtraining und komme meist auf 160 bis 200 Hz, aber unter – besonders fremden – Menschen kann ich aus fehlender Übung noch nicht in dieser Tonlage reden) gehe ich glaube ich schon als halbwegs als Frau durch. Meine langen Haare trage ich als Seitenscheitel und an der längeren Seite reichen sie fast zum Adamsapfel.

Update 18/08/2018: Ich habe meinen Beitrag heute nochmals durchgelesen. Es ist der 18. Hormongeburtstag. Viele Dinge, viele Prüfungen liegen heute hinter mir. Diese Zeilen zeigen mir heute einen anderen Menschen, ich lese von meinen ersten Schritten in der Transition.

Heute sind es ganz andere Dinge, die mich beschäftigen. Nagellack habe ich etwa 15 Stück, Klamotten genug (ein hübsches geblümtes Kleid, schöne Schuhe usw. fehlen noch, aber ist nicht tragisch), heute vermisse ich einen Partner oder arbeite noch an meiner sozialen Transition. Ich mache mir aber überhaupt keine Gedanken mehr beim Kontakt mit Menschen oder beim Einkauf. Sicher denke ich immer mal wieder: hat sie/er es gemerkt? Mehr aber nicht, dann geht alles wie normal weiter…

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Gunde Hartmann
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Gunde Hartmann

Liebe Verenea,
wünsch dir sehr, dass du oft ganz selbstbewusst und sicher zum Einkaufen gehst und all die schönen Dinge dir kaufst, die dir zum Frausein gefallen, die dir guttun, dich stärken. Nichts auf der Welt kann dich daran hindern – nur du selbst.Herzlichst Gunde