Wer ich bin | Verena Vermas stellt sich vor

Kategorien Allgemein, ängste, Kindheit, transition, Träume
Verena Vermás stellt sich vor. Aus den Tagen der Transition.

Vorstellung von Verena Vermás

Schonungslos möchte ich meinen Weg schildern, von einem schüchternen Jungen, der sich jedoch immer als Mädchen gefühlt hat, hin zur heutigen Person, die aus ihm geworden ist und die sein größtes Geheimnis letztes Jahr an die Öffentlichkeit gebracht hat.

Seit dem 22.10.2016 wird aus ihm allmählich auch äußerlich eine Sie.

Dieser Mensch also hat beschlossen, sein inneres nach außen zu kehren. Also hier ist Verena und erklärt wie alles geschehen ist…

 

Verena Vermás stellt sich vor
Verena Vermás im März 2017, in ihrem kleinen Zimmer im Grazer Norden. Eine der vielen Stationen ihrer Reise…

Ich komme aus dem bayerischen Süden. Das was man das Alpenvorland nennt, aus einer Kleinstadt zwischen den beiden Alpenflüssen Lech und Wertach. Die Landschaft dort ist geprägt von sanften Hügeln und weiten Schotterterrassen, wo man heute Mais und Weizen anbaut. Im Westen dagegen dominieren große dunkle Fichtenwälder die Kuppen der Hügel, die durch sanfte Wiesentäler voneinander getrennt sind.

In meiner Kindheit erwachte in mir ein unwiderstehlicher Drang Landschaften zu erfahren, fort zu kommen, alleine ohne Hilfe. Ich liebte es den ganzen Tag auf meinem Rad zu sitzen und die unbekannten Landschaften zu durchstreifen. Manchmal ging ich auch zu Fuß viele Kilometer und ließ meine Heimat hinter mir. Dabei erfuhr ich jedoch eine Loslösung von meinen unsäglichen Träumen, die mich immerzu verfolgten.

Ich träumte mir ein anderes Leben, eines das an mir vorübergegangen war, das mir aber so viel lebenswerter erschien. Das Unterwegssein stellte mich vor neue Herausforderungen, die ich mir selbst auferlegte. So spannte ich meine Existenz in ein Extrem ein. Ich stieg auf hohe Berge mitten im Winter, kam in eine vereiste Felswand, in der ich fast ums Leben kam. Unbeirrt strengte ich mich an, Orte zu erreichen, an die nur wenige gelangten.

Einsamkeit

Die Einsamkeit der hohen Berge, die dem Menschen so entrückt und zauberhaft vorkommen, waren Orte, die ich auch in mir fand. Vielleicht suchen wir unterbewusst unter verschiedensten Vorgaben oder Ausreden, das was in uns angelegt war. In meinem Fall war es eine Parabel des Strebens. Eine Art Flucht, die mich jedoch wieder zurück zu mir brachte, in eine vergessene Heimat.

Ich suchte also den Ort an den ich nicht gelangen konnte zuerst im Äußeren, wo ich diesen Willen mittels Körperkraft und Willen umsetzen konnte, ohne mein Inneres zu stark zu berühren, ohne es jemals öffentlich zu machen.

Der schwere Ort, der entrückte und zauberhafte, lag also immer in mir innen, unerreichbar und verborgen.

So lebte ich von Jahr zu Jahr. Kam auf einen Gipfel, übernachtete, ging weiter, den Grat entlang zum nächsten Gipfel, erwartete auf einer Felsnadel den Sonnenuntergang und fühlte wie sich eine schützende Hand um mich legte.

Absturz

Weil ich in der Schule immer recht schlecht war, konnte ich den Weg in ein Kunststudium nicht einschlagen. Deshalb trat ich eine Lehre in einer Fabrik an. Schichtarbeit. Stress. Lärm. Gewalt und schnaubende Gesichter. Ich ließ es soweit kommen, dass ich hinausgeworfen wurde. Es war ein Januartag im Vollmondschein, als der Anruf kam: “Morgen brauchst du nicht kommen, auch übermorgen nicht, niemals mehr…”. Das war eine gute Nachricht und bald darauf ging ich in die USA.

Hier wollte ich eine zweite Heimat kennen lernen. Ich arbeitete als Gärtner, als Kellnerin und in einer Tierhandlung. Nach einem halben Jahr, sah ich, dass dieses Land mir nichts bot, wofür ich leben wollte. Ich zog mich zurück.

Es folgte eine schwere Zeit der Entscheidungen. Die Bundeswehr raubte mir meinen Verstand. Ich sah keinen Ausweg mehr, erfand einen Menschen, den es nicht gab, der aus Styropor zusammengesetzt schien und der auch bald wieder in sich zusammenbrach.

Das war der erste Hinweis, dass ich mich selbst nicht betrügen sollte. Also suchte ich nach einer Möglichkeit Künstlerin zu werden. Dazu holte ich bald darauf das Abitur nach. Ließ indes meine Haare wieder wachsen, was mich erfreute. Aber nicht den gewünschten Effekt bot, nämlich diesen: als Mädchen aufzuwachen.

Natur

Angesichts meines heimlichen Traums fand ich niemals Ruhe. Jeder Mensch erschien mir bei einer Offenbarung als Feind. Als jemand der mich umstoßen würde, mich mit Gewalt aus meinem Leben reißen, mich hinab stürzen in einen dunklen Abgrund, der ich selbst war. So richtete sich mein Selbsthass also gegen andere, aus purer Angst.

Ich fühlte mich komisch, pervers, falsch, hässlich, ekelhaft und empfand immer stärkeren Selbsthass, der aber auch von hellen Tagen umgeben war. Langsam arrangierte ich mich in diesem Leben, sagte mir, dass es eben so gewollt war, die Natur hat mich so erschaffen, also leben wir ihren Wunsch zu Ende. So schlimm war es ja nicht. Die Frauen flogen auf mich wie von selbst, ich war anscheinend ein hübscher Mann. Mein Körper war gut gebaut, schmal, mit einer seltsamen Ausdauer gesegnet, die mich hunderte von Kilometern weit tragen konnte, wie auf Flügeln. Also war ich gesegnet? Warum war ich unzufrieden? War ich undankbar?

Ich war ein Umweg, eine Ausflucht, ein Mensch, der kompensierte und das nicht lebte was er wirklich war. Dieser Gedanke hämmerte jahrelang in mir fort. Bis zu den Jahren, als ich bereits die dreißig erreicht hatte und um den Bart schon ein paar weiße Haare zu finden waren. Ich sah, meine Zeit war endlich.

Wir alle wissen das und finden uns damit ab. Ein Tag noch, einen weiteren, eine Woche noch und so weiter. So vergehen die Jahre, ohne dass wir aktiv eingreifen in unser Leben, um es zu ändern.

Änderungen sind eine höllische Angelegenheit. Besonders im Fall einer transsexuellen Frau. Komisch dieser Begriff. Aber er entsprach meinem Befinden. Ich wusste es genau. Immer wusste ich es und sah meinem Leben tatenlos zu, wie es verging.

Krisen

Die Bundeswehr und die Pubertät waren beides sehr heftige persönliche Einstürze. In beiden Situationen verlor ich den Glauben an mich, verlor die Hoffnung und fühlte mich einem großen Abgrund gegenüber gestellt, der für alle anderen unsichtbar war. Nur ich sah ihn, er war für mich gemacht.

Meine Identität. Manche leben ihr Leben gemächlich dahin. Festigen mit 20, 25 ihre Identität und konzentrieren sich auf ihren Beruf, Karriere, Familie oder Hobby.

Ich versuchte es mit dem Hobby. Also fing ich das Klettern an. Steigerte mich in kurzer Zeit und wurde sichtbar besser. Mein Körper bildetet Muskeln aus, die mich sehr stark machten. Dabei verlor ich aber den Blick auf das, was ich eigentlich hätte tun sollen. Nach all den Zeichen, die mir mein Instinkt gab, widersetzte ich mich von Neuem und trat mir mit eiserner Faust gegenüber. Ich drohte mir und wollte mich über das Klettern zerstören. Natürlich kam ich nach einem Klettertag wieder zur Besinnung und fand, dass das Leben gar nicht so schlecht war, wenn ich nur…

Das Vergessen wollte ich lernen über den Umweg der körperlichen Höchstleistung. Ich verlor den Halt, geriet in Ungleichgewicht und näherte mich der endgültigen Sackgasse.

Auferstehung

Das war vor bald zwei Jahren am 22.10.2016. An diesem Tag entschied ich mich für mein Leben.

Aus der Sackgasse wurde eine Tür, die mich empfing, die schon mehrmals vor mir stand, einen Spalt offen, durch den ich mich aber mangels Vertrauen nicht hinein traute. Diesmal stieg ich aber durch den Rahmen und befand mich plötzlich in einem anderen Leben. Große Aufgaben stellten sich mir von nun an in den Weg. Jetzt war es nicht mehr der Berg an dem ich scheitern oder siegen konnte, jetzt war ich auf mich selbst zurück geworfen, war zu meiner eigenen Aufgabe geworden.

Verena Vermás eine transsexuelle Frau unterwegs in der Stadt.
Verena Vermás nachts in der Stadt unterwegs.

Heute erkenne ich mich selbst in einer Parabel. Ein Mensch, der etwas Unaussprechliches in sich trägt, klein und stumm ist und der sich mühsam eine lose zusammengeknüpfte Identität aufbaut, die immer wieder ins Wanken gerät.

Denn im Inneren der Person, lag verborgen ein Mädchen. Das hieß immer schon Verena und bat um Öffnung ihres Gefängnisses. Heute lebt sie befreit in einer großen Stadt südlich der Alpen. Sie hat Probleme wie sie jeder hat, auf eine spezielle Art. Sie besteht ihren Alltag und liebt ihre Freiheit. Sie wurde stärker, da sie ihre Schwäche eingestand.

Niemals mehr muss sie sich selbst wegsperren. Sie hat sich ganz der Welt und dem Licht geöffnet, das sie empfängt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Melanie Havel
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Melanie Havel

Und trotzdem noch immer genau der selbe nette und liebe Mensch wie vorher. 🙂
Viel Erfolg für die weiteren großen Schritte.