Soll ich die Transition machen? | Entscheidungen (1)

Kategorien ängste, einsamkeit, Entscheidungen, Träume
Transition von mann zu frau, und die Qual der Entscheidung.

Erste Möglichkeiten – Erste Entscheidungen für Mann zu Frau Transition

Wie oft habe ich nachgedacht über den Schritt endlich meine Transsexualität anzuerkennen. Ich glaube fast jeden Tag in meinem Leben. Das sind viele Gedanken, viel Energie für nichts, wenn man den Schritt nie tut. Anerkannt hat man seine Transidentität wahrscheinlich nicht, sofern man die Transition nicht macht. Für mich ist es heute nicht mehr vorstellbar, was ich mir da so lang angetan habe. Sicher ich hatte Angst, meine Gründe waren menschlich, ich war schwach. Heute bin ich Frau und denke kaum mehr darüber nach, dass es jemals anders gewesen war…Hier ein Beitrag zur ersten Möglichkeit, einer Entscheidung, die eigentlich gar nicht möglich war!

Vom Träumen und Verpassen deines Lebens

Mein Leben bis zur Transition war geprägt von vielen Strategien, die fehlerhafte Identität irgendwie lebbar zu machen. Es war nicht einfach und eigentlich habe ich mein Leben in der Phantasie gelebt. Heute nach 1.5 Jahren Transition erscheint es mir absurd, wie viel Angst ich vor dem letzten Schritt hatte. Es erscheint mir widersinnig, das Leben in Gedanken zu erträumen und es niemals zu leben! Immer träumte ich davon am nächsten Morgen aufzuwachen und eine Frau zu sein. Wie bei so vielen Dingen, die wir uns wünschen, wollen wir sofort am Ziel sein, wir träumen immer von der Erfüllung.

Heute weiß ich, dass alles aus Schritten besteht, aus einem Prozess von Fragen, Antworten, Versuchen, dem Scheitern und einem Weitermachen. Über 30 Jahre lang habe ich folgende Dinge immer wieder getan, um meine Existenz etwas erträglicher zu gestalten (was aber eher das Gegenteil mit sich brachte, ich fühlte mich noch schlechter, weil ich wusste es ist nicht real):

  • Tagträumen
  • Lesen von Büchern die sich mit Transsexualität beschäftigen
  • Anprobieren von Frauenkleidern
  • Auftragen von Nagellack und Schminke

Geöffnete Türen

In meinem Leben hat es zwei schwere Krisen gegeben, die beide Male Fenster oder Türen in mir geöffnet haben.

Das erste Mal geschah es mit 21 Jahren. Es war 2003. Winter. Der heißeste Sommer der Geschichte würde noch kommen. Nach dem Abbruch der Bundeswehr wegen Mobbing ging ich zu einer Psychotherapeutin und erzählte ihr von meinem Problem.

Ich dachte dieses Mal wirklich ernsthaft darüber nach die Transition zu machen. In mir verstellten sich die Fundamente meines Daseins, die Zähler rückten auf Null zurück und ein Neuanfang wäre möglich gewesen. Doch es kam anders.

Für eine Entscheidung

2003 einige Wochen nach der missglückten Zeit beim Militär (2002), die ich aufgrund starker psychischer Belastungen durch Mobbing früher beendet hatte, fuhr ich in die Nähe von Garmisch-Partenkirchen. Es war ein kühler Tag Ende Februar. Auf den Bergen lag noch eine Menge Schnee. Ich hatte für die Wanderung Schneeschuhe dabei.

In mir brach viel auseinander in dieser Zeit. Ich brauchte eine Möglichkeit mir klar zu werden, über das was ich war, sein wollte. Es kam also der Tag, an dem ich mir selbst ein Zeichen setzen wollte, eine Entscheidung fällen konnte. Für Entscheidungen muss ich meist allein mit meinen Gedanken sein, dann verstehe ich besser meine Stimme in mir, ohne störende Einflüsse von außen.

Wir brauchen alle auch Zeichen, Rituale. Weil ich immer schon Nagellack geliebt habe, lackierte ich mir die Fußnägel blau, schlüpfte in meine Bergstiefel, nahm die Schneeschuhe meines Cousins und fuhr in die Berge. Niemand konnte die blauen Nägel sehen, ich wusste aber, dass ich etwas tat, was mir gefiel. Das tat der Seele gut.

Die Anfahrt

Die Sonne strahlte an diesem Tag von einem kristallklaren Himmel herab. Ich startete sehr früh, sah den Sonnenaufgang und die Zacken der Nordalpenkette immer näher kommen. Über dem dunstigen Blau ihrer beschneiten Gipfel stieg die Sonne auf und zog ihre niedrige Bahn. Ich liebte solche klaren Wintertage. Einen Kaffee im Auto, gute Musik und einen eigenen Plan im Herzen.

Ich fuhr Richtung Oberammergau und bog ab nach Westen in Richtung Tirol. Diese Straße ist menschenleer, kein Dorf auf 30 Kilometer. Links und rechts verschneite Fichtenwälder. Darüber noch im Schatten die kühlen Wände der Zugspitze. Wie in einem Traum steuerte ich mein Auto über den Asphalt. Immer wieder den Blick nach innen gelenkt, zu meinem Plan zu meinem Anliegen. Von Zeit zu Zeit sah ich wie schön die Landschaft war, konnte mir nicht vorstellen, dass die Natur so ein leidendes Wesen in mich hinein gepflanzt hatte.

Der Aufstieg

Bei strahlendem Wintersonnenwetter stieg ich durch verschneite Wälder auf einen ziemlich unbedeutenden Berg, von etwa 2000 m Höhe. Vom Gipfel aus konnte ich zu einem weiteren Berg aus meiner Vergangenheit blicken.

Immer wenn ich eine Pause von den Menschen brauchte, fuhr ich in die Natur, brauchte einen Aussichtspunkt, um mir einen Überblick zu verschaffen. Weit oben auf den Gipfeln, entsteht ein Gefühl der Schwebe, der Freiheit, wie ich es von keinem anderen Ort der Erde her kenne. Der Weg auf den Gipfel war beschwerlich. Durch die Schneemassen und die dünne Frostdecke brach ich immer wieder in den weichen darunter liegenden Schnee ein. Die Schneeschuhe waren zu breit und häufig rutschte ich aus der Verankerung.

Ich schwitzte und dachte manchmal an den Moment, wenn ich wieder den Abstieg beginnen würde. Mein Ziel war der Gipfel, räumlich gesehen. Es war aber viel mehr, ich wollte dort oben mit dem Blick in die Vergangenheit, die offene Türe betrachten, die sich durch die katastrophale Bundeswehrzeit geöffnet hatte.

Durch die Anstrengung des Aufstiegs, beschäftigt mit dem Betrachten meiner Seelenregungen im Beisein der Schneeberge und im Sonnenschein wurde es sehr warm unter meiner dicken Daunenjacke. Ich zog sie aus und ging weiter. Unter mir brach der tiefe Februarschnee immer wieder ein, so dass ich nur mühsam zum Gipfel gelangte. Oben jedoch war die Schneedecke wieder dünner. Wahrscheinlich durch die stärkeren Winde. Gegen Mittag kam ich also an. Es war geschafft, die Anfahrt und der Aufstieg waren zu Kapiteln meiner Vergangenheit geworden, an die ich mich nur mehr schwer erinnern werde. Jetzt war die Zeit der Entscheidung gekommen.

Es war kein leichter Moment, denn ich spürte wie ich mir selbst Druck machte. Und auch Angst vor einem Ausweichen hatte. Aber von diesem Berg wollte ich absteigen, mit einer Entscheidung im Bauch, mit einer Gewissheit wie es weiter ging mit mir. Wollte ich weiter in dieser Haut leben, unglücklich aber bequem? Oder fand ich den Mut aus der Verzweiflung heraus für ein glückliches aber vielleicht am Anfang etwas unbequemes Leben diesen Schritt zu tun?

Lange dachte ich nach, hörte in  mich hinein, wusste was ich da tat. Innerlich sah ich die Tür, dahinter alles pechschwarz, nirgends Halt. Dort aber musste sie leben! Ich spürte ihre Anwesenheit in mir. Aber ich hörte sie nicht. Sie war so still. So unhörbar still geworden. War sie dort, oder gab es noch eine versteckte Welt in mir? Eine Türe, die ich noch nicht gefunden hatte?

Nein – Noch 13 Jahre Leiden ausgewählt!

Es war zu viel passiert, ich war noch so von Angst und Mutlosigkeit besessen, als dass ich die Transition hätte beginnen können. Ich wollte das Abitur nachmachen, wollte Kunst studieren. Damals glaubte ich nicht daran, dass ich es schaffen würde. Meine Großmutter lebte und liebte mich, sie war eine wichtige Person in meinem Leben. Was würde sie sagen?

Zu viel Angst, zu wenig Verzweiflung, zu wenig Mut. Also gab ich mir ein klares Nein am Gipfel des Berges. Dieser Tag wird mich über 13 weitere leidvolle Jahre begleiten.

Also beschloss ich vlt. auch aus Angst vor mir selbst, dass ich eben mit diesem Körper, den ich bei der Geburt geschenkt bekommen habe, mein Leben zu Ende leben werde. Was ich dann zum Glück doch nicht tat.

13 Jahre später nach einer weiteren schweren Lebenskrise und dem starken Selbstverlust, war mir klar, dass ich keine zwei Leben habe. Nur das eine und dass ich es keinem Recht machen muss außer mir selbst. Also da wurde ich Verena. Sie wird bleiben. Ich bin sie.

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