Entäußerung und die Form des Daseins

La Santa Transsexual

Abends enthüllen sich die Dinge. Ganz allein in dir. Die Stetigkeit der Ereignisse verstummt in mir.

Bleibt die Form, die zu füllen deine Aufgabe wird. Uns wurde gesagt, es sei keine Zeit, wir haben sie verloren, die Zeit, dein Mantel deines Geworfenseins in den Lauf der Ereignisse.

Wenn der Schatten der umspannten Nacht die Stadt umhüllt, erlöschen die drängenden Bitten, ihr Flehen wird dunkel und schließlich so leise, das niemand sie mehr hören kann.

Ein letzter Gang durch die Dunkelheit. Im Winter sind die Bäume alle nackt. Wie Gefieder gespannt leblos in ihrer Einsamkeit

Ich erhelle mein Zimmer, das Licht als Akt einer Flut.

In der Konfrontation mit mir selbst entsteht etwas Neues. Etwas das von den Entäußerungen geschieden ist, sich in mir entwickelt.

Ich lege mich auf den Boden. Das dunkle Holz, drückt auf meine Muskeln, die endlich zur Erde gelangen. Ich decke mich zu mit der Ruhe eines endenden Tages. Niemals wieder wird was vorher war. Also entäußern wir uns, ungewollt, wieder gewollt.

In steter Entäußerung befinde ich mich von den Dingen, die mich bevölkern.

Wie die Dinge sich erhellen spüre ich nicht. Meine Augen, jetzt suchend, finden endlich was mich trägt, meine Füße.

Und jetzt stürzen plötzlich alle Jahre in mich hinein. Ungebremster Schwarm aus Punkten, schwarz und weiß, ergeben ein Geflimmer aus verbogenen Gedanken. Gehört dieser Fuß mir? Weiß mein Geist von ihm? Scheinbar, denn ich kann ihn bewegen. Gelenke, Knorpel, Muskeln und Haut. Und all die Zellen, die diese Form ergeben. Aber was ist das genau? Alles ein Teil meines Lebens, eine Folge meines Geworfenseins, die Entstehung eines Wesens.

Alles was in diesem Moment entsteht ist ein Zeichen meines Willens, meines Bestehens.

Was ist das nur, was ich bin. Wie wenig Gedanken ich berühre, die damit zusammenhängen, wenngleich jeder Reflex und Nutzen daraus in sich zusammenfällt und das Leben ergibt. Nichts verstehe ich davon. Habe ich mich das je so innig und fest gefragt?

Sie kniet nieder. Der Boden aus dicken Holzdielen hält ihren Körper. Vor dem Fall. Und sie zieht ihren Kopf in rundem Bogen ein, tief hinein, so dass sie ihr Herz über den Knochen ihres Schädels spürt.

Was hat uns nur so gemacht. Diese runden Formen, manchmal lang, breit, dünn, fein, rot, gelb, blau und schwarz.

Keine Botschaft.

Es lebe das Nichts, der Tod. Was bleibt mir anderes übrig, als das Leben durch den Tod zu begreifen?

Ich spüre mein Gewicht, an manchen Stellen schmerzt es ein wenig. Doch das macht nichts. Ich will mich spüren, meinen Körper genießen. Wir genießen, nur durch den unabänderlichen Strom der Zeit, in den alles mit hinein gerissen wird.

Auch wenn wir uns enthalten wollen. Alles, alles gehorcht einem einzigen Gesetz.

Ich denke, dass sich nichts geändert hat an mir. Immer schon hob sich meine Brust, spürte ich das Herz.

In dieser Welt, die ihren Atem ausströmt, heiß und kalt. Mein Blick wird unscharf. Bis spät in die Nacht klopft mein Herz im Licht. Bis endlich auch mich die Nacht einfängt.

Unter meinen Beinen öffnet sich die Leere. Als könnte dies zu Ende gehen, so schnell, vielleicht schneller noch, als alles begann! Als all dieses Fluten und Vergessen in einem einzigen Augenblick seinen Anfang nahm.

Allein in diesem Körper, der jetzt nackt ist. Wieder bewegt sie sich, sieht zur weißen Zimmerdecke.

Das also ist sie nun, etwas was sie immer war, wurde sie allein durch die Kraft der Ereignisse, die sie mit solchem Schlag getroffen hatte.

In dem Moment, als sie in ein Gewitter aus Wut und Tod eintrat, konnte sie endlich die Grenze ihres Daseins erkennen. Aus einer brutalen Wirklichkeit heraus, wurde sie selbst wirklich.

Erschüttert stand sie vor einem Spiegel, beschmutzt und fettig, zeigte er ihr die Hülle, zu der sie gemacht wurde.

Im Hintergrund erkannte sie sich selbst, liegend auf einem Bett umgeben von gelblichen Tapeten. Sie erkannte sich wieder. Aber es sah so aus als wäre sie doch getrennt, von ihr, die dort lag, vom Lichtschein der kümmerlichen Lampe schwach erhellt.

Nein, überhört hatte sie die Stimme nicht. Sie war nur in Angst, um den drohenden Verlust von allem. Einer Angst, die sich nach drei Jahren bestätigt hat. Also war es ernst. Alles was sie in diesen Stunden tat, war von einem großen Ernst umgeben.

Er war ihr Begleiter. Mit jedem Schritt durch die Kleidungsabteilungen, derer sie sich nie sicher war, begann das Gesicht der Leere ihren Weg zu begleiten. Bis heute trägt sie es in sich. Beides. Eine große Erfüllung der Wehmut, des Nicht-Gelebt-Habens und zugleich die andere Seite, die des Verlustes.

Sie atmet ohne sich selbst zu spüren. Einem Mechanismus gehorchend, der sich von allein erfüllt. Völlig zerschlagen und müde, von den Strapazen in einem fremden Land zu Boden gerungen, fand sie sich gebettet.

Aber führte sie etwas aus? Einen Plan vielleicht, den sie über all die Jahre im Geheimen mit sich trug? War es sie selbst?

Im Spiegel erkannte er, dass es vorbei war. Wer auch immer den Lauf der Ereignisse lenken konnte. Es war getan. Es war erfüllt und beendet. Tausende von Kilometern, schlaflosen Nächten, dreckigen Raststätten später und einem Kind, das durch die Lüfte flog, später. Nur etwas später, erfüllte sich endlich die Suche in einem einzigen Tag.

Tausende Tage rannen in ihren Adern, als sie dort lag, leblos atmend, tot und gleichzeitig am Leben.

Es war der Eintritt. Ein anderes Dasein eröffnete sich ihr. Eines das verheißungsvoll erschien, unerreichbar und unendlich schön. Ohne es je erprobt zu haben, beschloss sie an diesem Tag, sich einen Wunsch zu erfüllen.

Ausgehen, als das was sie war, einkaufen, als das was sie sein wollte, aber noch nicht war. Zwar hatte sie ihre Angst und Hemmung überwunden, doch stak ihr Antlitz im Spiegel eines Fremden.

Er sah sie an. Im Bett, in ihrem Rock, in ihrem Oberteil, schwarz, samten, ihren Körper verhüllend. Als hätte das Bett sich ihrem ersten Atem angenommen.

Beigegolden floss das Licht der Bettlampe an den schmutzigen Wänden nieder. Die Dusche funktionierte nicht, im Spiegel sah er sich noch einmal an, bevor er sich zu ihr legen wollte. Er wollte es, so glaubte er, war dies die einzige letzte Zuflucht, vor dem Horror der Außenwelt, die ihn mit so viel Schlägen seiner Würde beraubt hatte. Mit dem Schwinden seines Ichs aber, wuchs die Stärke ihres Willens, endlich ins Leben zu treten.

Stundenlang sah er sich im Spiegel an, wechselte ins Schlafzimmer, zog sich eine Strumpfhose an, einen Rock, ein Oberteil. Alles wollte er anziehen. Alles was ihm verwehrt wurde, wofür sie ihm ins Gesicht gespuckt hatten. Er zog den Kajal in dichtem Schwarz über die müden Augen. Er überzog seine Nägel mit frischem Lack, rot, schwarz, weiß.

Und während er all das über sich ergehen ließ, sah er wie sie über der Matratze zum Liegen kam. Schlug ihr Herz noch? Was wusste er schon. Morgen würde er etwas Essen gehen, an den Strand, dem Lauf der Sonne folgen und weiter zu einem besonderen Ort fahren.

Es war ihm plötzlich so klar vor Augen, dass es nur noch diesen Weg gab, um sie, die dort in ihrer unendlichen Erschöpfung lag, freizugeben von seinem Band, das er an sie gelegt hatte.

In ein paar Tagen sollte also also ihre Zeit kommen. Wie die Sonne, die glitzernd über dem Meer aufging, so mochte er die Treppen hinuntergehen zum Ausgang, die Rechnung bezahlen, der Vermieterin seiner letzten Wohngelegenheit einen Abschiedsgruß geben und weiter das tun, was das Ende der Wut, nun von ihm verlangte.


Er machte damals keine Fotos von der Reise. Der Blick der Camera konnte nichts von dem aufnehmen, was sie beide sahen. Diese eine Nacht mit ihr in einem Zimmer am Ende der Welt, sollte nur ihr gehören.

Seine Zeit war abgelaufen. Er band sich die Schnürsenkel, er trank seinen Kaffee, ging in die Lokale, aß, trank und blickte stumm. Alles was er jetzt tat, geriet ihm zur Trauer. Selbstaufgabe für die Selbstwerdung. Ein letztes Gespräch unter Männern? War nicht mehr möglich. Er reagierte nur wie eine Hülle ohne Leben. Alles das, weil sie noch nicht lebendig war. Aber wer führte die beiden dann? Wer?

Am nächsten Tag war er wieder in den Kleidergeschäften unterwegs. Die Angst erwischt zu werden dicht hinter ihm. Doch er bestand seine letzte Aufgabe und führte sie herum in Geschäften, wo sie nie sein durfte. Mit einem verschwitzten Lächeln zahlte er und verabschiedete sich als wäre er auf der Flucht, als hätte er alles gestohlen. Den Blick der Verkäuferin vergaß er wenig später, aber das Gefühl eines verächtlichen Blickes glaubte er immer an sich zu spüren.

Am späten Nachmittag kam er an den Strand. Die See brandete so wie er sie aus der Vergangenheit kannte. Es war Oktober und das Licht bleichgelb. Hier glaubte er ein wenig ausruhen zu können. Vielleicht ein paar Sachen anprobieren? Aber da kamen schon wieder Leute. Weit entfernt zwar aber mit der Einsamkeit war es vorbei. Was wenn diese Menschen ihn sehen, wie er sich ein Kleid anzieht, hier im Sand? Umständlich, ängstlich, nervös und mit einer Aura, die nur Flucht gewähren lässt? Es war vorbei. Es würde noch ewig dauern, bis sie endlich das Leben, die Form, füllen konnte.

Er wusste es, es war zu früh. In Erinnerung hatte er lebendig gehalten, all die Gewalt, die sie ihm und ihr antaten. Ohne sie zu sehen. Geduld. Auf zum letzten Ort, ganz am Ende, zu diesem seltsamen Fels, der von Vulkanen in das Meer gespült wurde und erkaltete. Ein Fels, wie er ihn nie zuvor gesehen hatte. Er trug ihn in sich. In all den Jahren des Versteckens spielte er mit dem Gedanken, das Ganze an einem heiligen Ort zu beenden. Diese Gesteinsnadel am Ende der Welt erschien ihm als ein Gruß aus der Zukunft. Da ihn die Zukunft nun eingeholt hatte und keine normale Gegenwart mehr möglich war, konnte er nur noch diesen Ort besuchen, an dem er schon viele Male war.


 

 

 

 

 

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