Eine Freundin

Katze vermisst
Katze vermisst

Eine Freundin und ihre Katze

Über meine Gründe bin ich mir nicht ganz im Klaren. Weshalb fotographiere ich ständig ‚Vermisstenanzeigen‘ für Katzen? Ein kleines edles Tier, das sein Zuhause verloren hat. Wurde es überfahren? Hat ein anderer Mensch dem Tier Schaden zugefügt? Wo ist jetzt der kleine Kater, dem es dort bei seinem Frauchen so gut ging? Khaleesi ist fort. Mensch und Tier sind wieder getrennt. Ich hoffe bei jeder Anzeige, dass beide sich wiederfinden mögen.

Auch wir Menschen, besonders wir Transsexuelle, Transgender oder wie wir uns sonst bezeichnen, brauchen (‚Mensch‘ reicht das nicht auch?), Hoffnung, Wärme, Geborgenheit und Vertrauen. Vieles ist heute bedroht, Technik macht uns rasend, der Kalender weist den vielen ihre Aufgabenlisten, aber was wenn wir etwas ganz wichtiges vergessen haben? Einfach weil, wir vergessen haben, dass wir es vergessen haben? Etwas was wir mit unseren Euros nicht im Supermarkt kaufen können?

Rückzug

Nun hat der Herbst wirklich die Stadt erreicht. Gleichsam hat er mich auch verschluckt. Jedes Jahr wundere ich mich über diese zärtliche Gewalt, die nur ein Hauch von Kälte ist und Nacht. Sie bindet uns mehr an das Haus, an unser Zimmer. Hier der warme Schein des Lebens, dort die kühle undurchdringliche Nacht. Es geschieht auch so sprachlos und wirft besonders die Einsamen stärker auf sich selbst zurück.

Nicht nur ich spüre diese seltsame unaussprechliche Veränderung. Da waren doch die Bäume noch grün, gerade einen Monat ist das her. Die Sonne hat gestrahlt und oft stand ich am Fenster, lauschte der letzten Grille in warmer Oktobernacht. Dann aber kam der Regen, den ich zunächst sehr naiv aber doch begrüßte. Zwei Wochen später war aber auch dieser Gruß nur noch ein rotes trockenes Blatt, das verwesen würde. Aber halt, ich wollte ja von einer guten, sehr hübschen Freundin erzählen.

Mut

Seit bald drei Jahren lebt sie ihre Transition, ja mit Hormonen und vielen Kleidern, auch Jungs, die sie selten in Ruhe lassen.

In den ersten Monaten konnte es ihr nicht schnell genug gehen. Sie kam auch zu ihrem Recht, die Hormone veränderten sie zunehmend. Sie ließ ihre Mähne wachsen, malte ihre Nägel bunt an und konnte sich endlich hübsche Kleider anziehen. Männer begannen sie plötzlich wahrzunehmen und Frauen interessierten sie nicht mehr. Es war eine reiche Zeit, die ihr vieles schenkte aber auch vieles nahm. Es schmerzt jeden Menschen, wenn er soziale Bindungen verliert, besonders wenn sie vorher so fest gewirkt haben. Ein paar enge Freunde blieben ihr noch. Doch wohnte keiner mehr in ihrer Stadt. Also wurden die Tage kälter.

Hoffnung

Aber es war eine große Zeit des Aufbruchs, Hoffnung lag in jedem Tag und führte sie aus den Abgründen ihrer dunklen Bilder. Das Licht begegnete ihr jeden Tag, doch sorgenfrei konnte sie nicht mehr leben. Denn was würde passieren, wenn die Menschen, die sie nun verlassen haben sterben würden ohne dass sie es wusste?

Manchmal erzählte sie mir: „Wenn ich nur wüsste wie lang es dauert, bis ich dieses Schneckenhaus wieder verlassen kann. Etwas hält mich gefangen und ich weiß nicht welche Macht dies ist. Und am meisten spüre ich sie dort, wo früher noch etwas war, etwas Lebenswichtiges. Aber ich erkenne es nicht.“

Sie wollte mir dieses Gefühl erläutern. Scheiterte aber daran, weil sie nicht hinter die Ursache kam. Ich meinte es könne wohl sein, dass es diese Furche in deinem Herzen wäre. Diese Grimasse der Trauer. Verlassenwerden ist nie gut, gerade dann wenn man Hilfe braucht, ja auf sie angewiesen ist.

Es machte sie nur so leer, so haltlos, traurig und dunkel. Alles sank in sich zusammen und wurde Abend.

Doch als hätten diese dunklen Zeiten ein Ablaufdatum, so verschwanden sie wieder. Sie atmete auf und dankte allen Menschen und Dingen, die ihr noch blieben. Verloren hatte sie eigentlich alles und jeden. Mit einem Schlag. Der Preis für ihr Leben als Frau, war also ziemlich hoch. Zu verlieren hat sie heute kaum mehr was. In diesen Tagen, wo die Nacht damit droht sich in ihr Herz zu schleichen, und gleichsam ihr Inneres auszukleiden, so in alle Vertiefungen, hoffe ich für sie. Ich will sie auf keinen Fall verlieren. Was für eine Freundin, so stark, aber gleichzeitig so allein. Wahrlich sie liebt die Menschen, ihr Lachen, ihr Drängen und ihre Lebendigkeit. Besonders jetzt.

Aber seit dem großen Verlust, spürt sie wie fragil menschliche Hoffnung ist. Ein dünnes Papiertuch, ein lichtes Konstrukt aus dünnen Fäden. Sie sagt es mir immer wieder: „Die Bedeutung der Hoffnung ist mir erst jetzt klar geworden. Wie brüchig doch alles ist. Erst der Verlust zeigt uns doch die Lücke, die das alles in uns hinterlässt. Es gibt kein Zurück mehr, und ich bereue auch nichts was ich getan habe. Es werden sich doch andere Menschen finden zu denen ich wieder Vertrauen aufbauen kann, oder?“

Ihre GaOp

Vor über einem Monat war sie nun auch in Wien. Meine gute etwas neurotische Freundin.

Es ging um ihre GaOp. Damit steht jetzt der letzte klebrige völlig unhandliche Brocken im Weg. Der erste Arzt lief ihr davon, beim zweiten scheiterte eine Terminänderung mit der Folge, dass nur noch ein Arzt österreichweit blieb. Daher rief sie von März bis August immer wieder in der Ambulanz des AKH Wien an. Immer wurde sie vertröstet, sie solle doch nächsten Monat anrufen. Als sie das tat, wurde sie mit demselben Spruch wieder vertröstet. Ihre sonst so zahme Geduld verwandelte sich langsam in Ungeduld und am Ende Wut.

Nur so erreichte sie aber, dass sie ihren Termin bekam. Ende September bei Ihrer Hoheit, dem letzten Operateur in Österreich, bekannt neben seiner hohen fachlichen Eignung für die Chirurgie auch für seine Wartezeiten.

Meine Freundin! Die macht was mit, zwei Jahre muss sie jetzt länger warten auf die OP. Wir können aber auch froh sein, dass sie letztes Jahr nicht bei Operateur A behandelt worden ist. Denn sonst würden ihr jetzt viele Haare aus der Vagina wachsen, sie hätte optisch eine Neovagina, wie sie nach einer sehr schweren Geburt (sehr dickes Kind von schmaler Mutter) wohl aussähe. So jedenfalls sagten es ihre Schwestern im Internet, die durch die Behandlung von A schon von ihrem dicken hässlichen Wurm befreit worden sind.

Sie ist keck! Manchmal stellt sie sich hinter einen gut geschützten Busch, und was glaubt ihr was sie da macht! Sie meint, so lange das Ding noch dort herumhängt, mag ich es verwenden so wie jede Frau, die, wenn sie einen schlaffen Wurm hätte, diesen auch verwenden würde. Diese ewige Warterei macht sie ganz fertig. Sie meint ihr Fass sei voll. Alle diese Prüfungen hat sie jetzt hinter sich. Fehlt nur noch eine: Die GaOp! Aber was bin ich für eine Närrin, das menschliche Leben ist voller Prüfungen. Zumindest ist es aber die letzte Station auf dem offiziellen Weg zur Frau.

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