Ende der Sommerpause

Stadt Graz

Bericht einer Transfrau über den Sommer in der schönsten Stadt der Welt

Schlossberg Graz
Aussicht vom Schlossberg Graz

Der Sommer verabschiedet sich gerade in den Herbst. Die Bäume im Park verwandeln sich langsam und geben sich in ihrer ganzen bisher versteckten Farbigkeit preis. Bis ihre Blätter schließlich den Boden bedecken. Nicht allzu lange, denn die Laubbläser, die Waffe der Parkwächter, werden sie vertreiben.

Die Sommerpause, die eigentlich keine war, weil ich meist am Malen war, ist vorbei. Ab und an kam eine elektronische Nachricht auf meinen Server. Manchmal konnte ich gleich zurück schreiben, in vielen Fällen aber leider habe ich die Mail erst spät gelesen, da ich von Mai bis August meine Mails nur 2 bis 3 mal pro Monat angesehen habe.

Die Pause war dringend notwendig. Es war der Versuch, den Lärm von Außen möglichst abzuwehren. Ausschalten ist kaum möglich, nicht einmal in einer so kleinen Großstadt wie Graz. Während diesen knapp vier Monaten, konnte ich aber nicht nur sehr viel an meiner Kunst arbeiten, ich las auch einen Haufen Bücher. Im April habe ich wieder die Segnungen einer Stadtbibliothek entdeckt. Von da an las ich jeden Monat mehrere Bücher, manche zum 10. Mal, wie Camus „Der glückliche Tod“.

In manchen Büchern fand ich mich wieder. Das Buch von J.D. Salinger „Der Fänger im Roggen“ beispielsweise fand ich in einem der Caritas Shops, die in Graz gerade sehr populär werden. Der Protagonist ein junger Bursche, der aus dem Internat geworfen wird, wegen zu schlechten Noten, ist ein ruheloses Wesen, das sich manchmal über die Geworfenheit der Existenz wundert und allein über drei Tage durch New York streunt, immer auf der Suche nach dem Abenteuer. Obwohl er erst 16 ist schluckt er viel Alkohol, wenn er ihn denn bekommt. Aber meist funktioniert das. Er will fliehen, nicht mehr nach Hause, wo seine Eltern warten. Er findet das alles zum Kotzen und legt sich mit einer Hure ins Bett, steht wieder auf legt sich mit dem Zuhälter an, geht in eine Bar, betrinkt sich, feiert, tanzt und versucht unbewusst, dem Drang des Lebens zu folgen. „Der Fänger im Roggen“ thematisiert das Unbehagen in der Kultur (Freud) als jemand, der sich als Außenseiter fühlt.

GaOp –  oder ein innerer unausgefochtener Kampf mit dem eigenen Geschlecht

Die ganze Zeit über habe ich versucht nun endlich einen Operateur für die GaOp zu finden. Es scheint absurd, aber auch wenn es nur zwei Operateure in Österreich gibt, stellten sich mir viele Hindernisse in den Weg. Eigentlich hätte ich die OP schon längst hinter mir haben sollen. Das Unbehagen wächst täglich.

Abends gehe ich fast immer aus dem Haus. Dann wenn es langsam dunkelt und die Dämmerung einem reinen Sternenhimmel Platz macht, der so klar und transparent erscheint, dann versöhne ich mich mit dem Leben in dieser Stadt. Über die vielen Kilometer, die ich gehe, ist ein Muster von Wegen entstanden, deren ich folge. Ich lasse es meist spontan geschehen, in welche Straße oder Gasse ich einbiege.

Felsensteig – Graz

Die Bewegung tut gut und ich kann Eindrücke über diese Stadt sammeln, der ich irgendwann sicher den Rücken kehren werde. Aber bevor ich diesen Ort wieder verlasse, möchte ich ihn möglichst tief und auf meine Weise kennen gelernt haben. Denn ich weiß später in meinem Leben, komme ich in Gedanken wieder zurück und es werden sich die Bilder, deren Belichtungszeit ich meiner Seele überlasse, wieder einstellen.

Die OP also sollte schon geschehen sein. Manchmal gehe ich in ein Lokal, bestelle mir ein Bier, esse was, bin allein. Meist wenn ich nach einer langen einsamen Zeit genug vom Malen habe und die Glieder sowie der Kopf schmerzt. Dann will ich mich etwas herausputzen, die Lippen anmalen, Lidschatten auftragen und meine Haare in Ordnung bringen. Sonst bin ich eher faul und verwende meine Zeit auf das Allernötigste.

 

 

 

 

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Nachts

Skuriles Leben als einer Spätgeburt

Einen Zeichenblock dabei, oder was zu lesen, setze ich mich also in eine Bar, das Bier kommt, die Kellner sind freundlich, Schaum läuft über und dann kommen die Dinge in Fahrt. Manchmal sitze ich an der Bar, neben mir Männer, links und rechts. Blicke treffen mich, scharf, ich aber halte mich bedeckt, will abweisend wirken. Geht aber nicht. Denn immer kommt einer daher und macht mich an. Manche sehr wild ohne Hemmungen, manche zurückhaltend. Männer sind so unterschiedlich in ihren Gewohnheiten gegenüber Frauen.

Die meisten, die wie aufgeblähte Gockel daherkommen, weise ich brüsk ab, ein Verhalten, was ich erst lernen musste. Denn Frauen, die allein sitzen in einer Bar und dann noch mit dem Lieblingsgetränk der Männer, wirken wie Freiwild auf sie und ihr Pimmel übernimmt die rationale Führung.

 

Lasse ich sie an mich heran, führt das zu netten Gesprächen und ich genieße es Frau zu sein, nicht dabei sein zu müssen bei den Männerspielen, in denen die Männer ihr Selbstbewusstsein beweisen müssen. Denke nur an die Sauferei, wenn mehr als zwei Kerle beisammen sitzen! So war es zuletzt im Juni. Ein hübscher junger Mann, Student, setzte sich neben mich. Seine Kumpels gegenüber an der Bar. Sie waren schon beim vielleicht 10. Jägermeister und 7. Bier. Also fast voll. Er wiederholte vor ihnen seine Absicht, dass er morgen fit sein möchte, da er arbeiten muss.

Er wandte sich zunehmend an mich, um dem Saufzwang zu entgehen. Ich spürte, dass er mich nett findet, meinte auch ich sei eine hübsche Frau. Aber dann sah er auf meine Füße herab. Meine Ballerinas lagen unter meinen nackten Füßen, es war heiß und ich schätze diese Art von Schuhen, denn man kann sich leicht befreien und leicht wieder in Schutz geben, wenn man die Toilette betritt und dann wieder die Kritzeleien an den Klotüren entziffert.

Stadtpark Party Menschen
Feiernde im Stadtpark

Aber über meine Füße hat er sich gewundert, er meinte, dass die aber sehr groß seien. Auch meine Adern an den Armen seien sehr dick. Ich sage nichts außer, dass das wohl stimmt. Manchmal entschärfe ich die Situation für mich und gebe zu erkennen, dass ich früher sehr viel geklettert sei, was auch stimmt. Und man findet immer wieder Frauen, mit kräftigen Oberarmen und dicken Adern. Zudem bemerkte er später auch noch meine etwas tiefe Stimme – in den Lokalen muss ich immer laut reden, was für die weibliche Stimmlage ein Deseaster darstellt – aber er ist wahrlich nicht drauf gekommen, dass ich eine Spätgeburt bin, hier vor ihm eine Frau sitzt, die es vor ein paar Jahren so noch nicht gegeben hat. Ich meinte ich sei eine Archäologin, die aus dem Unsichtbaren, Sichtbares macht, ein Bild ans Licht der Welt bringt. Doch ich bin das Bild und die Archäologin zugleich. Eine Fehlgeburt?

Später flüsterte er mir ich möge ihn doch aus dieser zwanghaften Sauferei befreien. Denn seine Kumpels riefen schon wieder nach der nächsten Runde Jägermeister. Ich blickte zu ihnen hinüber und zählte die übereinander gestapelten grünen Fläschchen, die wie eine stumme Trophäe nächtlicher Saufkunst vor ihren Gesichtern lagen. Wie ein notwendiges Opfer, dem man sich nicht entziehen kann, denn sonst wäre man ein Weichei, weibisch und fehl am Platz.

Bierdose, Frausein und Park
Biertrinken kann ich aber auch!

 

 

Ich äußerte mein Verständnis ihm gegenüber. Und als es soweit war, meinte ich wir können gehen. Auf dem Nachhauseweg, der Mond schien, die Sterne funkelten, es war eine sehr warme Sommernacht, machten wir noch Halt an meiner Wohnung. Seit einiger Zeit habe ich einen Garten mit Stühlen und Tischen. Wir setzten uns, ich spürte auch leicht den Alkohl und unterhielten uns, rauchten. Dann kam er etwas näher, aber immer noch mit gutem Abstand, jedoch spürte ich, dass ich ihn anzog. Schön dieses Gefühl, aber die OP! Ich warte immer noch, denn es ist Österreich, es gibt nur zwei, die das machen können, der eine mag nicht, der andere ist abgehauen, der neue, sein Ersatz ist schwer zu erreichen…

So geht das immer wieder. Ein hübscher Kerl kommt auf mich zu, streichelt mein Ego, mag mich unterhalten und mehr, gerne würde ich auch mehr machen. Aber es geht nicht, keine Chance bisher. Erst die OP wird es möglich machen.

Also daran denken: früh zahlt sich aus. Die Wartezeiten für jeden Termin, egal was, ob Gutachten, Hormonfreigabe, OP-Freigabe, Namensänderung, das dauert alles so lang, dass man es irgendwann nicht mehr aushält und die Ohren zu macht. Es ist ein langer Weg, ein kleiner Kampf, bei dem ein starker Wille gefragt ist. Von allein passiert da gar nichts.

Sommerpause, sie ist vorbei. Ich werde weiter malen, schreiben, spazieren gehen und berichten…

 

 

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