Das Meer | Analogien

 

 

Das Meer als eine Analogie für die Existenz

Seit zwei Jahren male ich große Seebilder. In letzter Zeit auch kleinere Formate, weil die großen Leinwände so viel Kraft kosten und Rückenschmerzen verursachen. Ganz komme ich aber nicht um das große Format herum. Nirgendwo sonst wirkt das Meer so wie es in Wirklichkeit ist: ein scheinbar unendlich großes Tier, das beständig atmet und sich verändert in Farbe, Fläche, Bewegung.

Für einen Masseur habe ich im Juli 2018 einen Auftrag erhalten. Ein großes Seebild, das er in sein Studio hängt. Als Austausch bekomme ich Massagestunden. Irgendwie haben die Hormone meine Muskelkraft stark geschwächt, so dass sie sich schnell verkrampfen. Früher hatte ich das nicht. Aber vielleicht arbeite ich einfach zu viel? Ich kann aber nicht aufhören…was soll ich sonst machen? Eine Illustrierte abonnieren? Also male ich weiter. Das Bild ist bald fertig. Etwa 8 Durchgänge habe ich hinter mir und verstehe immer mehr, das System, das hinter den Bewegungen des Wassers steht und die Wellen ordnet. Eine Ordnung in der Unordnung.

Das Bild wird entweder ‘Contact’ oder ‘Respiro’ getauft. Respiro für Atmen.

Ansicht eines Meeres bei Sonnenuntergang - Respiro ein Gemälde von Verena Vermás
Respiro – 100 x 150 cm – Öl auf Leinwand – Verena Vermás 2019

Eine Fahrt über das Meer

Als Frau lebe ich in einem kleinen Atelier, das zugleich mein Arbeits- und Schlafzimmer ist. Ich spare, lebe in knappem Budget und investiere jeden Euro in Farben, Pinsel und Leinwände. Seit vier Jahren lebe ich nun so. Zwei Jahre vor der Transition, habe ich wieder mit dem Malen angefangen, oder eigentlich habe ich nur die Zeit stärker auf sie gerichtet.

Heute glaube ich, dass das eines der ersten Signale auf meiner Fahrt zu Verena gewesen ist. Einen sicheren Hafen verlassen, in dem das Wasser noch einem glatten Spiegel gleicht. Am Horizont ein paar kleine Wolken, kaum sichtbar, feuchte Luft, aber ein strahlender Himmel, der in seiner Transparenz bereits den ersten Stern erkennen lässt.

Mit der Zeit entferne ich mich vom Land und komme auf die offene See. Die Sonne verschwindet. Nach einer langen Fahrt, spüre ich Unebenheiten unter meinem Schiff. Wellen ziehen glitzernde Schlieren, beugen sich und schwingen von neuem in die Höhe. Schaum bildet sich und zeichnet ein flüchtiges Netz über die Wellen.

Als würde das Meer atmen, als wäre es nicht nur lose gebundenes Wasser, sondern ein Tier. Immer spüre ich die unmenschliche Tiefe unter mir. Wie tief wohl das Schiff mit seiner Unterseite in die See reicht? Wie sieht mein Reiseschiff wohl von unten aus, wenn man am Grund steht, der Mond ein gespenstisches Flackern durchsickern lässt.

Stehen können

Vielleicht ist hier gleich der Boden erreicht und ich könnte stehen? Auf Zehenspitzen im Sand, der Körper, wohl aufrecht, den Bewegungen des Wassers überlassen.

So setze ich meinen Weg fort. Nach Monaten voll Entbehrungen und ohne Ziel, schwimme ich noch immer in diesem nach allen Seiten hin gleichmäßig schwappenden Meer. Eines Abends kündigen rote Wolken im Sonnenuntergang eine Änderung meines Zustands an.

Ich stehe an der Brüstung und lehne mich hinaus über das dunkle Wasser. Unter mir ziehen schwarze Schatten. Wahrscheinlich Fische. Ich weiß es nicht und wende mich ab, der Sonne zu, die gerade gelbrote Flecken am Horizont flackern lässt.

Ein Wetterleuchten

In ein paar Stunden tauchen langsam hohe und an der Unterseite schwarzblaue Wolken auf. Sie verschwimmen jetzt am Horizont und lassen Himmel von Meer nicht mehr so gut unterscheiden. Ein Wetterleuchten. Das Schiff bewegt sich auf eine schwarze Wand zu. Über mir schiebt sich eine dünne Wolkenschicht und wird immer dichter, so dass kein Licht mehr vom Nachthimmel durchdringt.

Was ist dort, wo ich mich hinbewege? Warum bin ich eigentlich hier, denke ich und löse meinen Griff langsam in einer schwachen Vorahnung, begebe mich auf die Rückseite des Schiffes und betrachte den Weg, den ich geschwommen bin. Lange stehe ich noch und treibe einem unbekannten Ziel entgegen…

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Konstantin
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Konstantin

Sehr schön geschrieben und gemalt. Ich würds bei respiro lassen, denn auch wenn du nicht weist wo du ankommst, atmet nicht nur das Meer, sondern auch du kannst jetzt “freier atmen” weil du DEINEN weg gehst😊😉

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