Dein Männername… | Magic Moment (4)

…geht niemanden etwas an!

Vom Schweigen zum Männernamen

Manchmal gebietet mein Selbstwertgefühl das SCHWEIGEN. Das ist eine Sache, die ich mit mir selbst ausgemacht habe. Niemand, der aus reiner Neugier eine Frage stellt, wird bei mir fündig. Worte haben ihre eigene Macht über uns. Ich hatte einen Männernamen. Ich lebte eine männliche Identität. In mir selbst verbarg ich was ich wirklich war. Viele Jahre zogen an mir vorbei. Bis der Zeitpunkt kam an dem das Spiel beendet werden musste. Der Gewinn jemanden meinen alten Namen zu verraten läge nur beim Gegenüber. Er wäre seine Neugier los. Aber um welchen persönlichen Preis? Es gibt vieles, das wir preisgeben können, ohne unser Selbst zu verletzen. Doch eine Transfrau hat ein besonderes Verhältnis zur Vergangenheit. Der Schmerz wäre ungleich höher als die Freude des Gegenübers, hinter mich gekommen zu sein. Stelle dir also die Frage! Wem nützt, schadet dies? Entscheide dich für ein freies Schweigen.

Identität

Der Preis für meine Entscheidung mein restliches Leben als Frau zu leben, war hoch. Ich habe meine GESAMTE Familie verloren. Ich stehe alleine da, weil ich für mich eingestanden bin. Weil ich glücklich sein wollte. Es kam ein Tag an dem ich plötzlich die Tür sah, die erneut in mir aufging. Etwas öffnete sie. Ich weiß bis heute nicht, welche Kraft dahinter steckte. Sie muss unmenschlich groß gewesen sein.

Der Preis für ein glückliches Leben

Ich gab ein Leben auf, um ein anderes zu leben, was ich bis dahin nur in Gedanken, in Träumen gelebt hatte. Seit Jahren kämpfte ich in mir gegen diese Frau, die ich offensichtlich war. Eine lange Zeit arrangierte ich mich mit meinen Mitmenschen und ihrem Bild von mir. Ein starker Mann wollte ich sein, zeigen zu welch großen Taten ich imstande war.

Mein Körper: ein Geschenk, mit dem jeder ’normale‘ Mann überglücklich gewesen wäre, hatte den Makel, dass dieser graue Neuronenbrei hinter seiner Stirn unentwegt hämmerte: ich bin eine Frau! Wer soll das verstehen? Man versteht es ja selber nicht.

Die Identität vollzog sich in eine Richtung, die niemanden gefiel. Mir nicht, weil sie mein Leben unerträglich machte, meinen Verwandten nicht, weil ‚es sich nicht gehörte‘ für einen Mann, etwas anderes aus sich zu machen, als wozu er durch die Gesellschaft per Geburt bestimmt war. Also stark zu sein, gefährlich, hart und unnachgiebig gegen alle weichen Anflüge.

Rückkehr

Sonnenuntergang bei Rosenheim im Dezember 2018 von Verena Vermas
Sonnenuntergang im Dezember auf meiner Rückkehr von Deutschland.

Ich konnte den Ansprüchen nicht genügen, fand nie einen Weg mich den Wünschen anzupassen. Im Gegenteil, ich scheiterte. Und spürte am Ende, dass es ohnehin egal war. Anerkennung funktioniert nicht über persönliches nie enden wollendes Leid. Es verhielt sich anders damit. Zuerst musst du dich selbst anerkennen.

Das Geschenk der angepassten Identität an die anderen wurde also nicht erwidert. Ich war ein Teil des Wahns. Ich war nutzlos, vergammelte wie eine tote Maus unter welkem Laub. Also kehrte ich allmählich zu mir selbst zurück.

Neugier

Ich bereue jedoch nichts. Ich habe viel erlebt, was eine ’normale‘ Frau, ein ’normaler‘ Mann niemals erleben kann. Ich kenne beide Seiten. Und durch den Versuch mich anzupassen, trieb ich den Mann, der ich einmal war in Situationen, die mir alles abverlangten, an die absoluten Grenzen meiner körperlicher Kraft und Ausdauer.

Entdeckungen: meine Neugier und meine Angst vor mir

Weil meine Familie früh zerbrach, suchte ich mir einen Ausweg. Es war die Entdeckung der Welt mit dem Fahrrad. Ab dem 12. Lebensjahr erwachte in mir die Liebe zur Natur und sie wollte ich suchen, ich wollte sie kennenlernen auf einfachen, naiven Wegen. Das ging nur leise, bedacht und demütig. Also war ich täglich auf dem Sattel und legte hunderte, tausende, zehntausende von Kilometern zurück. Das Wetter war egal, ich fuhr im Sturm, im Regen, im Schnee. Ich wollte nur das Gefühl von Zerstörung und Gewalt an mir selbst kosten.

Ich erschreckte die Gesellschaft, bekam negative Resonanzen über all die Gefahren, die da draußen drohen. Unbeirrt ging ich meinen Weg. Die Neugier nach Landschaften war immens. Hier konnte ich mich selbst wiederfinden. Am Ziel angelangt, löste sich eine große Anspannung und erfüllte mich immer wieder mit hellen sehr großen Bildern von mir allein in der großen unbekannten Welt.

Seelenbilder

Weil ich Angst hatte in mich selbst abzusteigen, suchte ich mir mein unbekanntes Seelenbild in den Wäldern und Gebirgen und nahm mein Rad um über die Alpen zu fahren, hunderte Kilometer weit. Oft stand ich in einem fremden italienischen Dorf und sah mich um, dachte an mich und an meine innere Trauer, spürte meine Schmerzen vom Fahren und fand, diese Flucht als die einzige Möglichkeit zu überleben.

Nach einem grandiosen Feuerwerk, zum Zeitpunkt an dem ich alles was ich mir bis zuletzt aufgebaut hatte, zerbarst vor einer Wand, die von Verena zu stammen schien, wusste ich, dass ich nicht ewig meine Seele in der Natur suchen konnte. Ich war selbst Natur. Und mein Kampf gegen mich selbst nahm im Verlauf des Jahres 2016 langsam und schließlich ein jähes Ende.

Männername

Als ich vor bald zwei Jahren mit der hormonellen Transition begonnen habe, schwor ich mir, dass ich niemanden, der neu in mein Leben tritt, meinen alten Namen sagen werde. Meine Seele lächelte, denn sie glaubte mir, wir waren einander sehr nah in dieser Entscheidung. Ich sah meine Seele als ein großes Schiff an, das über das dunkle Meer schwebte und das Wasser in silberne Wellen teilte.

Wir beide waren plötzlich sehr kräftig geworden. Nach dieser Vielzahl an Verletzungen, die ich mir selbst zugefügt hatte, wollte ich nicht mehr mit dem Selbstbetrug weiter machen.

So erstarkte meine Seele, das Schiff fuhr und unbeirrt von allen Warnungen und gut gemeinten Ratschlägen verdrängte es die dunkle See. Ich spürte, dass ich mir selbst etwas schuldig geworden war. Schweigen!

Ja ich hatte einen Männernamen. Und neue Prüfungen standen meiner Absicht des Schweigens bevor…

Prüfungen

Im September 2017 lebte ich für eine kurze Zeit in Deutschland. Auch dort setzte ich die Laserbehandlung im Gesicht weiter. Nach Graz und Wien, diesmal in Augsburg, der Stadt meiner Kindheit.

Prüfung Nr. 1

Ich entdeckte das Laserstudio über das Internet und konnte dort weitere ungeliebte schwarze Barthaare loswerden. Das Schwinden des Bartes war mit der Verweiblichung meines Körpers durch die Hormone, eine der schönsten aber auch schmerzhaftesten Erfahrungen zu meinem neuen Leben.

Der Laser eliminierte das Kraut um Mund, Hals und Wangen. Mit dem Verschwinden des bläulichen Bartschattens wurde auch Verena immer stärker.

Ich bin das Schiff auf dem Ozean meiner dunklen Seele

Für die Dame, die mich etwa vier mal im Gesicht und am Bauch gelasert hatte, aber war ich ein Exot. Sie stellte mir viele Fragen, wie es dazu gekommen sei. Ich gab gerne Auskunft. Über den Weg zu mir selbst brauche ich nicht zu schweigen. Es ist eine Geschichte, die anderen helfen kann. Die Darstellung meiner langen und anstrengenden Reise bis zu dem großen Schiff, dass ich nun war, welches alle Widerstände überwand, verlor ich auch nichts, störte nichts meine Seele.

Doch beim dritten Mal, als ich wieder unter dem Laserkopf zu liegen kam, fragte sie mich: ‚Wie hast du denn vorher geheißen?‘.

Die Frage nach dem Männernamen einer Transfrau gehört zu den Untaten.
Verena Vermas schweigt eisern zu allen verletzenden Fragen.

Sofort riss sich ein Abgrund neben meinem Schiff auf, eine Bedrohung erschütterte das dunkle Meer auf dem ich fuhr. Ich aber war darauf vorbereitet. Nahm das Steuer und zog es herum, sah wie sich ein schwarzes Loch neben mir öffnete. Ein Trichter, ein Wirbel.

Vorbereitung ist alles

Ich war vorbereitet. Nur musste ich jetzt der Dame höflich erklären, dass diese Frage hier niemanden etwas bringt. Ich horchte in mich hinein und prüfte jede Folge einer Offenbarung. Schnell wurde mir klar, dass ein Verraten meines Namens, ein Verrat an mir gewesen wäre. Kurz sah ich in die Zukunft und merkte, dass die Frage aus reiner Neugier stammte und niemanden etwas brachte.

Was hatte sie davon? Ich war Verena. Reichte das nicht? Nach einer kurzen Reflexion fand ich also, dass ich nichts davon hatte außer weiteren Schmerz, der aus dem Verrat an Verena stammte.

Was hatte sie davon? Nichts außer die kurzlebige Befriedigung einer sinnlosen Neugier. Ich würde also einen zu hohen Preis bezahlen, nur um des Klatsches willen. Es gab keine Berichterstattung. Ich sagte ihr, dass es ein langer unglaublich schwerer Kampf war, bis zu dem Ort an dem ich nun lag: unter ihrem Lasergerät, als eine Frau, die ständig nachgab, um den anderen zu gefallen.

Prüfung Nr. 2

Drei Monate später zog ich nach Österreich. Es war Dezember. Die Tage waren sehr kurz. Gegen vier Uhr nachmittags sank der Tag in den Schlaf und monderfüllte Nächte dominierten meine Zeit, die Zeit des akuten Neuanfangs. Ein Jahr nach Beginn der Transition musste ich mir einen Job suchen.

Suche nach Arbeit

Wohlgemerkt noch ohne Papiere, die meine neue Identität bestätigten. Erst im Februar gab das Gericht in München meinem Bescheid Recht. Ich bekam meine Geburtsurkunde und im März meinen vorläufigen Pass. Doch im Februar musste ich mich noch als Mann/Frau bewerben.

Das Verfahren war so: ich bewarb mich schriftlich mit schönem Bewerbungsfoto und allen Daten in weiblicher Form. Das war gar nicht so leicht. Denn manchmal entdeckte ich plötzlich bei der Korrektur meines Lebenslaufs, dass da noch der alte Name stand. Schnell korrigierte ich alles mit größter Akribie. Auf keinen Fall durfte jemand diesen Namen sehen.

Die Hormone banden mich schon so stark an die weibliche Identität, so dass ich sehr empfindlich reagierte auf jede männliche Anrede oder ein unbedacht geäußertes Pronomen von Freunden.

Nach der Masterfeier als bärtiger Kerl folgt die Bewerbung als Frau: zwei Jahre später

Ich bewarb mich also als Kellnerin gleich in der Nähe meiner Wohnung, in einem Lokal in dem ich früher gern verkehrte, in dem ich auch das Bestehen meiner Masterprüfung im Februar 2016 als bärtiger abgeschlagener Mann feierte. Zwei Jahre später bewarb ich mich dort als Frau.

Nach dem kurzen Ausflug nach München, wo ich die Bestätigung meiner Namensänderung bekam, erhielt ich eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Der Besitzer wusste nichts von meiner Geschichte. Das Gespräch verlief gut. Am nächsten Tag rief er mich an und wollte, dass ich zur Probe arbeite. Er würde aber noch meine Daten brauchen, Kontoverbindung, Sozialversicherung, Pass.

Das war das Problem. Alles war noch auf männlich. Ich schickte ihm eine E-Mail, in der ich meine Problematik schilderte. Er reagierte nicht darauf und niemand sprach mich darauf an. Erst nach vier Tagen harter Kellnerei, sah ich plötzlich nach Dienstende vor dem Damenklo die Geschäftsführerin.

Sicherheit

Sie war ganz aufgeregt mich kennenzulernen. Eine Flut an Worten der Begeisterung, dass so ein Mensch bei ihr arbeitete entströmte ihrem Mund. Ich war etwas angeheitert, da ich nach Dienstschluss mit meinen Kollegen noch ein paar Bier trank.

Dieses Aufgeregte irritierte mich allerdings. Aus Gründen, die ich noch nicht ganz artikulieren kann, verspüre ich immer eine Abneigung, wenn ich Sympathien oder Antipathien einzig durch meine Transsexualität wecke. Vielleicht liegt es daran, dass ich unabhängig von meinem Charakter bewertet werde, negativ oder positiv. Ich wollte einfach Mensch sein.

Dann fragte mich die Dame wie ich denn vorher geheißen habe! Ich schwieg eisern. Es war meine Vorgesetzte wohlgemerkt, aber durch die jahrelange Erfahrung als Reiseleiterin mit Menschen, die die sog. Oberschicht der Deutschen repräsentierten und keinen Deut besser waren als alle anderen Menschen, aus allen anderen Schichten, wusste ich, dass ich mutig sein kann und es ohnehin keinen Sinn macht. Für niemanden. Es würde nur eine Verletzte geben, und das war ich.

Also schwieg ich.

Heute

Auch heute, wo ich jeden Tag als Verena lebe, als wäre ich sie immer gewesen, fragen mich manchmal noch Menschen, denen ich mich anvertraut habe, nach meinem früheren Namen. Zu allen bin ich so eisern schweigsam wie zu allen anderen.

Es mach Spaß, wenn man zu sich selbst steht, zu deiner Seele und ihren manchmal schwer ersichtlichen, schnell zerstörten Bedürfnissen. Mein Schiff fährt heute immer noch, mit voller Kraft und Freude in einem Ozean eines erfüllten Traums.

Verena Vermas in ihrem Atelier. In diesem Beitrag erzählt sie von den Prüfungen als Transfrau im Alltag der Neugier.
Verena schweigt eisern zu allen Fragen, deren Verletzungspotential enorm ist…

Niemals möchte ich wieder aus freien Stücken, diesen Dampfer zum Kentern bringen. Vor allem wenn es so sinnlos erscheint wie ein Name, der nicht mehr von Belang ist für mich.

Ich denke wirklich oft an diese Erlebnisse, in denen ich zu mir gestanden bin wie zu einer besten Freundin, wie zu einer unendlichen Wahrheit, die niemand überprüfen kann außer ich selbst. Sie gehört mir, meine innere Welt und ich teile sie. Nur achte ich darauf, dass bei allen Spielen jeder gewinnt, nicht nur die unbedachte, nutzlose Neugier der anderen. Die sollen lieber ‚Bild der Frau‘ oder ‚Freizeit Revue‘ lesen und dem englischen Adel seine Geheimnisse entlocken.

Sieh dir den Menschen genau an, bevor du dein inneres Reich preisgibst, sieh wie diese Menschen jede Information in sich aufsaugen und ausspucken, ohne Anteil zu haben. Ich werfe doch nicht meine Liebe in den Müll! Niemals…Denn mein Leben, meine Identität ist heute. Ich lebe noch und das muss reichen. Es bedarf keiner weiteren Opfer.

 

 

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