TransgenderArt | Therapiebedarf

Therapiebedarf

Malen war für mich immer von Anfang an, seit der Kindergartenzeit, eine Notwendigkeit. Geworden und Verloren und Wiedergefunden. Zwei Jahre vor dem Beginn und der Öffnung meiner Tore für Verena, habe ich wieder begonnen zu zeichnen und zu malen. „Höre niemals auf!“, sagte mir mit etwa 10 Jahren eine Nachbarin als sie sah mit welcher Lust ich kreativ war. Als sehr introvertiertes schüchternes Kind, Jugendliche und Erwachsene war Kunst für mich immer eine Zuflucht eine Art Heimat. Die ich nur sehr kurz genießen konnte. Sie war für mich ein Ersatz und wurde immer mehr zu einer Besessenheit. Besonders in dieser Zeit, der SelbstWiederFindung. Ich bin mir irgendwie sehr sicher, dass ich mich ohne mein Wissen innerlich auf den 22.10. 2016 vorbereitet habe. Das war das Datum meiner endgültigen Selbstakzeptanz, meiner Tat mich anzunehmen endlich so wie ich bin, selbst als Crossdresser hätte ich mich jetzt angenommen, ich gab der inneren Stimme nach und verfolgte sogar mit Druck ihrem Wunsch. Malen und Zeichnen hielt mich am Leben bis ich mich im Sport selbst verloren habe. Das hielt ich ca. 4 Jahre durch. Eine so intensive aus dem Inneren kommende Liebe zur Kunst nicht mehr zu erhalten, ist fast so als würde man sich ein Stück von seinem Herzen abschneiden. In meiner Verzweiflung meines Selbstverlustes in den Jahren 2011 bis 2016 habe ich wieder im Jahr 2014 mit dem Malen begonnen.

Das Malen von inneren Bildern, die meinen Weg begleiten und bereichern ist das Eigentliche an meiner Kunst. Beim Zeichnen verfolge ich dagegen meist ganz andere Motive, eher solche die Gegensätzliches behandeln. Totenköpfe, ängstliche, aggressive Gesichter. Oder hübsche Frauen in Kleidern. Es können aber auch utopische Landschaften aus meinem Kopf kommen. Meist denke ich mir nichts dabei sondern lass einfach meinen Stift fahren. Dabei ergeben sich oft abstrakte Zeichnungen, die erst beim letzten Hinsehen mehrere Objekte entstehen lassen. Diese sind aber in Bewegung, man kann das Bild von vielen Seiten her betrachten.

Ein Beispiel ist Chaos:

Chaos (Bleistift auf Papier)

Oder ich begebe mich auf die Suche nach dem Moment in dem aus rein physischen Faktoren wie Lichtintensitäten in einem gewissen Muster, im Gehirn Bilder entstehen und daraus unsere Emotionen werden. Jeden Tag sind wir dem Kommen und Gehen von Bildern ausgeliefert. Ich will auf dem Weg dahin stehen bleiben und den Process verstehen. Deshalb liebe ich mikroskopische Aufnahmen der menschlichen Iris, die wie ein Fingerabdruck ist.

Iris 1 (70x100cm, Acryl auf Leinwand)

Bei diesem Bild begann ich mit einem sehr hellen Zinnoberrot. Ich drückte die Tube auf die Palette und lud mir ordentlich Farbe auf die Hände. Mit diesen klatschte ich die Farbe wild auf die Leinwand. Farbe spritzte im Studio herum. Da es sehr heiß an diesem Julitag war fing ich stark zu schwitzen an. Auf dem Monitor flimmerte die Vorlage, eine mikroskopische Aufnahme in blau-schwarzen Farben. Die Vorlage kam nach dem Einfärben der Leinwand mit den Händen immer mehr ins Spiel.

Per Hand versuchte ich die Form der Irismuskeln zu schaffen, ähnlich wie im Original. Als ich halbwegs zufrieden war, nahm ich schwarz und zog den Rahmen der Muskeln, beim großen Kranz hier von oben in einem Bogen nach unten fallenden Kreis, der auf der anderen Seite wieder ansteigt, war mein Basisrahmen.

Gegen Ende der ersten Malsession hatte ich die Grundstrukturen geschaffen. Anschließend färbte ich die schwarzen Konturen mit Phtaloblau ein und verstärkte Hell- / Dunkelstellen mit mehr Zinnoberrot oder mit Karminrot (etwas dunkler und auf der rechten Seite zu sehen). So entstand mein erstes Irisbild mit Acryl auf Leinwand.

Die anfängliche Dynamik war sehr entscheidend für den weiteren Verlauf des Bildes. Denn mit den Händen ohne Pinsel schwungvoll malen gibt durch die Direktheit von Hand, Farbe und Leinwand ein völlig anderes Gefühl als wenn ein Pinsel dazwischen steht. Eben direkter. Und direkt waren wir vor allem in der Kindheit, als wir mit den Händen im Schlamm spielten oder im Sandkasten.

 

Iris 2 (70×100, Mischtechnik auf Leinwand)

Die zweite Iris begann ich ganz anders. Zunächst mit dem Pinsel in einer Mischung von Sienna gebrannt, lichtem Ocker und Kadmiumgelb den Hintergrund grob angelegt. Anschließend versuchte ich umständlich mit dem Pinsel den Irisbogen (hier wieder als Hälfte) vorzuzeichnen. Bei Iris 2 wollte ich eine andere Perspektive erreichen. Eine ungewöhnliche und abstraktere Perspektive. Die Vogelperspektive erschien mir naheliegend. Dadurch wird die Iris entfremdet und durch das Loch im Vordergrund entsteht so eine kräftige Ahnung von Tiefe.

Das schwere daran, war die Anlage der Irismuskeln in dieser Perspektive. Man sieht am Bild, dass ich mir damit schwer getan habe. Und immer noch tue. Das Bild steht seit August 2017 hinter mehreren anderen Leinwänden und ich werde es wohl heuer nicht mehr beenden.

 

Für mich sind Orte immer schon etwas persistentes im Leben gewesen. Also Orte der Repititvität, Orte, wo ich immer wieder Sehnsucht spüre, Orte, die mein Leben geprägt haben, durch vielleicht nur ein paar Stunden Aufenthalt. Cabo de Gata in Spanien ist so ein Ort. Zwei Mal war ich dort in einem Zustand des Werdens, des Aufbruchs und des Neuanfangs. Dort war ich 2016 Ende Oktober als ich beschlossen habe Crossdresser zu werden und falls das nicht funktioniert eben Transgender. Einen Monat wusste ich ich bin Trans*. Das Bild selbst habe ich aber Monate zuvor angefangen Irgendwann im Frühsommer 2016 als ich von der ganzen neuen Situation noch nichts wusste noch nichts ahnte. Jetzt will ich dem Ort meiner Entscheidung ein Bild schenken. Bei diesem Bild gebe ich mir besonders Mühe und auch ein Bild von Gerhard Richter bildet Grundlage für die Wellenstruktur. Warum Gerhard Richter? Ich liebe ihn für seine Landschaftsbilder, besonders die Seestücke und die Serie Davos liebe ich sehr und zehre von ihrer Atmosphäre.

 

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