Ablehnung und Gewalt als TransMädchen | Kindheitserfahrungen

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Ölbild eines Löwen von Verena Vermás

Ablehnung und Gewalt als TransMädchen

Ein Tag im Regen. Ich liege im Bett und will heute gar nicht aufstehen. Dann beginne ich zu lesen und habe plötzlich eine Eingebung. Schreib doch einen Beitrag zu deiner lustigen und bösen Vergangenheit! Der Gedanke daran ist mir schon vor ein paar Tagen gekommen, als ich in der Früh auf den Grazer Schlossberg gelaufen bin. Das habe ich mir seit Frühlingsbeginn angewöhnt. Drei- bis viermal die Woche Laufen gehen oder Rennradfahren. Das habe ich als Kerl gern gemacht, dann aber beschlossen jetzt nur noch hübsch zu sein. Auf die Dauer ist das allerdings auch etwas fad. Und es kommen beim Laufen so gute Gedanken! Dieser Beitrag ist den Tagen meiner Kindheit in der Schule gewidmet und meiner langsamen anstrengenden Befreiung von den Herdentieren.

In Bayern gibt es den schönen Ausdruck “Schmarrn”. Den Kaiserschmarrn kennt sogar jeder Norddeutsche. Dieses Wort mit dem Klang, der mich erinnert an widerwärtigen, stinkenden Müll, der in den Mistkübel fällt und mit einem nassen Platschen am Boden aufkommt, gehört mit zum wichtigsten Wort der Bayern.
Schmarrn, welch traumhaft schöner Klang! Was die Menschen mit mir angestellt haben war ein Schmarrn, den habe ich jetzt verpackt und entsorgt. Der Beitrag handelt ein wenig von der Gewalt, den Hänseleien und der Ignoranz der Menschen, der Umwelt in der ich aufgewachsen bin.

Löwenkraft

Ölbild eines Löwen von Verena Vermás
Kongurenz – Löwe
Verena Vermás
2018
60 x 60 cm
Öl auf Leinwand
Prozess II
03.05.2018

Der Löwe ist für mich das Symbol für die Übereinstimmung von Seele und Körper. Sein Blick ist entspannt und dennoch kraftvoll. Aus seinen Augen spricht Ruhe und Eleganz. Er ist sich seiner Schönheit seiner Würde wohl bewusst, die aber nicht aufgesetzt oder narzisstisch wirkt. Er ist ganz das was er repräsentiert. Niemandem spielt er was vor, alle die ihm begegnen spüren sogleich seine Kraft. Der Löwe braucht kein Statussymbol, das einen persönlichen Makel überdecken soll. Er lebt nicht im Überfluss, sondern holt was seinen Weg kreuzt. Keine falsche Moral, die seine Spuren sein Antlitz verwischt, kein Heiligenschein, keine falsche Scham. Mir erscheint er als ein kraftvolles Tier, ein Symbol meines Kampfes gegen die Widerstände der Welt. Ein Ideal.

Schlafendes Wachsein

Es ist Ende 2016. Gerade zwei Monate bin ich unterwegs zu einem Ziel, das mir seit Jahrzehnten im Kopf immer wieder aufleuchtet. Manchmal war es sehr kräftig das Leuchten eines anderen inneren Wesens, das mit mir auf die Welt gekommen war. Aber häufig glich es dem Licht einer verblassenden Kerze oder einem weit entfernten Stern, der mit bloßem Auge kaum zu erkennen war.

Wäre die Gesellschaft nicht ganz so verbockt im Kopf und in ihrem Herzen, hätte ich wahrscheinlich nie von einem inneren Wesen sprechen müssen. Ich wäre einfach geworden wie ich war, ein Mädchen, das leider irgendwie in einen Bubenkörper geschlüpft ist. Warum auch immer, es ist letztlich auch völlig egal, was die Gründe sind. Bis heute kennt sich die Wissenschaft nicht aus, wieso, weshalb, warum. Aber die Menschen lieben es den Geheimnissen der Natur nachzuspüren und Gründe für ein Phänomen wie ich es bin zu (er-)finden. Also werden die Spürhunde in den weißen Kitteln, weitere Doktorarbeiten und Habilitationen schreiben, bis mein Geheimnis gelüftet wird. Schön wenn man so interessant ist.

Mein inneres weibliches Wesen gab mir also im Jahr 2016 wieder deutliche Zeichen. Wenn ich heute zurück schaue, im Jahr 2018, endlich als das was ich bin, dann habe ich das Gefühl, dass ich mich über Monate, über Jahre hinweg, in einem Wachkoma bewegt habe und als eine Art schlafendes Vehikel nur noch den gesellschaftlichen Erwartungen diente. Aber dennoch sehe ich heute Anzeichen, besonders im Jahr des Erwachens 2016: Monate vor dem Ausbruch am 22.10.2016 spürte ich in mir immer wieder wie aus dem Nichts starke innere Regungen meinen Körper durchliefen und meine Kontrollfunktionen kurzzeitig abschalteten.

Beim Sex die Wahrheit ihrer dunklen Augen

In all der Zeit, über 30 Jahre hinweg, machte sich meine vernachlässigte Verena immer wieder bemerkbar. Drei Jahre vor ihrer endgültigen Befreiung, wurde die männliche Hülle, aber immer trüber in meiner Wahrnehmung, ich versteckte das Mädchen in mir scharf und ließ nichts mehr geschehen, was mich an sie erinnerte. Außer beim Sex, da sah ich sie wieder, sah ihre braune Mähne, ihre Strähnen um ihre dunklen Augen und ich konnte nicht anders als meine Augen schließen, wenn ich zitterte und an sie denken. Da war ich authentisch, da war ich sie und sie war ich. Es gab keine Unterscheidungen mehr.

Diese ganze schizophrene Welt, musste ich mir mühsam aufbauen, weil die Menschen immer schmerzhaft geschaut haben, als ich im Kleid herumging. Und ein Blick in den nachmittäglichen Fernseher führte uns als Freaks vor und zeigte mir was mit mir geschehen würde, käme Verena ans Tageslicht.

Dann als ich mir das Tragen von Kleidern mit kindlicher Angst schnell abgewöhnte, war ich erneut Zielscheibe für Angriffe. Wer etwas versteckt, etwas verbirgt, fällt ebenfalls auf. Die anderen spürten, dass ich vielleicht ein komisches Wesen war, krank irgendwie vergiftet. Vielleicht vom Teufel besessen?

Der Glaube, das Opium

Meist glauben die Menschen etwas und halten es für Wissen. Besonders jene, die in die Kirche gehen und sich die uralten Geschichten immer wieder anhören um dann erleuchtet auf die Straße gehen, selbstgerecht und überzeugt das Richtige getan zu haben.

Glauben ist per Definitionem kein selbstständiges Reflektieren. Es ist eine Übernahme von fremden Gedankengut, das ungefiltert in den Menschen einsickert und die Kontrolle eines Teils seines Verstandes übernimmt.
Dagegen würde es reichen, für ein einfaches aber ehrliches Glück, ohne erfundene Abgründe, Kant zu lesen. Aber Kant kommt für die meisten zu rational daher und er bietet auch kein Paradies, oder ein Leben danach an. Keine Optionen für ein Leben danach! Ach wie schlimm. Probieren wir es eben jetzt und hier.

Mir war der reine Glaube immer zuwider. Denn der Glaube der anderen war wie ein Pfeil, der auf mich traf und mich heilen sollte. Ich war ja der Teufel! Wie soll man als Antipode zu den Schafen gehen? Da werden Schafe zu Wölfen.

Da halte ich es wirklich lieber mit den Naturvölkern, wo die Menschen noch Menschen sein können und sogar mehrere Geschlechter erlaubt sind. Die Religion des westlich kapitalistisch eingestellten Bürgers ist ja nur eine Visitenkarte für eine scheinbar weiße Weste und eine Projektionsfläche seiner tief sitzenden Ängste.

Nicht Opium für das Volk, sondern Opium des Volkes!

Projektionsflächen braucht jeder Mensch, aber manche benötigen dringend andere Menschen, um sich abzureagieren, um den eigenen Makel abzustreifen, besonders an jenen, die nicht sind wie die große Herde, das Rudel, sondern solche die sich nicht zugehörig fühlen. Wir Außenseiter bekommen dabei einiges ab. Wir sind die perfekten Opfer.

Aber das macht uns nur stärker. Denn das Verhalten der großen Schafsherde ist ja relativ leicht zu durchschauen und zeigt wie schwach sie wirklich sind! Wenn man einmal das System des geistigen Opiums durchschaut hat, Schläge empfangen hat von den Besserwissern, den Moralisten, dann gewinnt man selbst eine solche Stärke und Überzeugung von seinem eigenen System, des frei denkenden Menschen, der ohne Religion und Ideologien lebt und niemanden missionieren muss für das eigene Glück, dass man brennt vor Stolz, sich nicht dieser Gesellschaft zugehörig zu empfinden.

Die Angst wird meine beste Freundin

Schläge habe ich empfangen, v.a. als Schülerin, eine schwächliche viel zu junge und stille Schülerin, die weder bei den Burschen noch bei den Mädchen wirklich sie selbst sein konnte. Denn sie war anders. Zwar spürte sie trotz ihrer entstellten äußerlichen Haut, dass sie ja ganz normal sei, eben eine wie alle anderen. Aber es war meine gesamte Erscheinung, die nicht mit meinem Verhalten übereinstimmte. Ganz einfach erklärt, das Innere passte nicht zum Äußeren, damit war man ein Betrüger, war man verdächtig.

Zwar regelte ich das Mißverhältnis über die Zeit der Pubertät und des beginnenden Erwachsenenlebens ein wenig. Aber ganz ich selbst sein, unter Menschen, konnte ich nie. Es wogte immer eine Art Heimweh, eine Sehnsucht in mir nach einem anderen Leben, das ich mit der Geburt geschenkt bekam, das ich aber verstecken musste, jeden verdammten scheiß Tag in meinem Leben.

Als wäre diese Geheimhaltung des Ichs nicht so schon ein bedrückendes Gewicht, bezieht man in der Schule Prügel, wird man mit Handschellen an einen Heizkörper gefesselt und über Stunden festgehalten, erhält man völlig grundlos einen hart gefrorenen Schneebrocken ins Gesicht, wird getreten in den Bauch und zu Boden geworfen, es stehen andere mit ihren Füßen auf deinem Gesicht und du kannst kaum noch atmen.

Oder du läufst durch den Schulkorridor und erhältst einfach so einen Faustschlag in die Magengegend, so dass du für Minuten nicht mehr richtig atmen kannst und dein bisheriger unbekümmerter fast fröhlicher Gang mit einem Hinken, einem Schlingern an den verwunderten Mitschülern vorbei, beendet wird.

Du liegst dann dort und kannst es nicht verstehen. Verloren ohne Hilfe. Wenn du Hilfe von den Lehrern erwartest, wirst du schnell enttäuscht. Es kümmert sie nicht.

Am Morgen stehst du vor der Schule mit deinem Pumuckl-Rucksack und hast einfach nur Angst dort hinein zu gehen. Und warum auch? Sich grundlos verprügeln lassen? Wer lässt das schon gerne über sich ergehen?
Niemand kann dir helfen. Selbst die Lehrer hacken auf dir herum. Deine Eltern interssiert nicht was du erlebst, sie denken, dass dich das vielleicht härter, vielleicht zu einem richtigen Burschen macht, der auch mal richtig raufen sollte.

Sehr früh also sah ich mich einer grenzenlosen Hilflosigkeit ausgeliefert. Der Gang zur Schule, war eine Qual, die Zeit darin und die Zeit danach. Oft weinte ich im Bett und wollte nicht mehr aufstehen, dann rief ich manchmal meine Mutter, sie versuchte zu trösten. Die Prügeleien hörten aber nicht auf. Als Kind glaubt man ja automatisch an die Macht der Eltern, und dass mir helfen mögen. Früh aber wich auch dieser Vorstellung einer Mutlosigkeit.

Fußball hilft ein richtiger Bursche zu werden

Zwar hatte ich auch Freunde, aber mit den Burschen klappte es nicht so ganz. Sie waren mir zu heftig, zu schwerfällig, zu brutal. Ihre Kriegsspielerein fand ich unendlich langweilig. Manche klebten irgendwelche Plastikteile zusammen und begannen sich eine Armee von Soldaten, Flugzeugen, Panzern zuzulegen. Dann sollten wir Krieg spielen. Meine Eltern schickten mich, wahrscheinlich wohlwollend und mit der Hoffnung in den Fußballverein, so könne aus mir ein richtiger Bub werden. Ich habe aber lieber mit meinen Freundinnen gespielt. Fußball war wirklich schlimm, nichts was mich mehr gelangweilt hat, als dieser blöde Ball.

Später kam es dann wieder zur Begegnung mit dieser Sportart. Es gab leider keine Entscheidung für oder dagegen, alles war in meiner Schulzeit ein Muss. Also stellte ich mich ein wenig aufs Spielfeld und wich dem Ball meistens aus. Oft war ich ohnehin in Gedanken vertieft, dann sagten sie zu mir ich sei ein Träumer.

Ein wenig Ahnung vom Ballspielen hatte ich also schon durch den Sportunterricht, aber auch hier spürte ich nach einigen Momenten draußen auf dem Spielfeld, als der harte Lederball auf mich zu schnellte, dass das nicht mein Sport war. Als ich in der Berufsschule nach mehreren Mahnungen der Sportlehrerin, dann doch meine Sportschuhe anzog und aufs Spielfeld ging, halb bereit für ein Fußballmatch, bekam ich nach etwa fünf Minuten Spielzeit, den Lederball mit einer solchen Wucht ins Gesicht, so dass meine Nase stark blutete. Das war für mich dann der Schlussstrich. Nie mehr höre ich auf irgendwelche Lehrer, die mir drohen, wenn ich nicht tue was sie sagen. Aus und vorbei.

Damals sogar in meiner Freizeit wollten sie mich also in den Fußballsport einweihen. Ich drückte mich aber. In Erinnerung habe ich noch ein Spiel. Ich sehe, wie ich mich in der Umkleide befinde – den penetranten Schweißgeruch der Burschen in der Nase – ganz alleine und mir umständlich die Schuhe schnürte. Es gab ein Spiel und alle kamen. Ich wurde als Stürmer eingeteilt, da die Trainer mit den Hakennasen sehr leicht ersahen, dass ich zu schwach gebaut war, um einem wirklichen Duell stand zu halten. So hing ich während des Spiels irgendwie auf dem grünen Rasen herum und träumte meistens vor mich hin. Ich wandelte mich unter den harten Burschen schnell zum Loser.

Im Sportunterricht blickte ich neidvoll zu den Mädchen rüber, die mit irgendwelchen Fahnen, in schwarzer Kleidung herumtanzten. Ich konnte mir zwar nicht ganz vorstellen, dass ich da auch so schön grazil herumtanzen könnte, aber ich wollte alles geben, nur um nicht bei den brutalen Jungs dabei sein zu müssen. So war ich auch immer die letzte, die bei der Mannschaftswahl übrig blieb. Ich war also eine Versagerin. Dafür gab´s beim nächsten Mal sicher wieder eine Tracht Prügel mit dem Handtuch. Einer der hieß Patrick, ein Halbamerikaner, den die Mädchen ob seiner Schönheit vergötterten, er, der Schönling, liebte es das Tuch über meine nackte Haut schnalzen zu lassen, bis sie völlig rot war und ich irgendwann beschloss nicht mehr in den Sportunterricht zu gehen.

Mein Fehlen beim Sportunterricht ging nicht lange gut. Erst in der 8. Klasse, bei der Rückkehr von der Mittelschule, konnte ich mein Fernbleiben vom Fußballwahnsinn wahrmachen. Denn sie hatten mich vergessen! Ich ging das ganze Jahr über nicht einmal zum Sport. Erst als die Zeugnisse in Vorbereitung waren, fiel es den Lehrern auf, dass da jemand war, ohne eine einzige Leistung. Ich bekam eine Rüge von einem Herrn Breitner. Ein komischer Kerl mit einem etwas gerötetem Gesicht. Bei ihm hatte man das Gefühl, das Leben hätte nur Sinn mit Sportunterricht.

Also spielte ich damals als 8-jährige, lieber mit den Nachbarsmädchen im Garten und ließ mir beim Spielen, einen Haarreif, eines der weiblichen Accessoires aufsetzen, das ich auch gern völlig normal getragen hätte. Aber da ging ja nicht, also musste ich Tricksen, um mich ein bisschen wie meine Altersgenossinen zu fühlen, ihr Privileg wenigstens für Sekunden zu kosten.

So weit war mein Kinderbewusstsein schon entwickelt, dass ich meinen inneren Drang geschickt unter dem Deckmantel des Spiels versteckte. Es durfte ja keiner wissen, was ich fühlte. Der kalte Blick der Erwachsenen, als ich mich als Mädchen verkleidet hatte, ließ mich spüren, dass ich etwas Falsches tat und eine unsichtbare Grenze eröffnete und diese übertrat. Es war die heilige Geschlechtergrenze! Das Heiligtum des Kleinbürgers, des Spießbürgers. Denn Grenzen bieten Sicherheit. Und Sicherheit ist Bürgertum.

Aber meine Seele drängte doch nach außen, ich konnte nicht anders. Bei den Spielen, machte ich die Regeln, was geschehen sollte, wenn ich verliere. Ich wusste, dass die Menschen gerne andere demütigen, das habe ich in der Schule gelernt, wenn ich schon nicht viel in Deutsch und Mathematik lernte, so lernte ich wie wichtig Demütigung Anderer zur Nahrung der jungen Lehrer und der Schüler gehörte. Früh schon, sah ich dem System sein ekelhaftes Gerüst an.
Natürlich, ich war ja unter allen anderen, eine Schülerin, die es am allermeisten abbekam. Das erklärt mein klares Bewusstsein für die Spielregeln der Welt.

Der Weg nach innen über die Flucht

Egal wohin ich ging. Ich war immer das schwarze Loch, das die unausgelebten negativen Emotionen der Schülerinnen und Lehrer anzog. Ich war ein bewegliches schwarzes Loch mit einem enormen gravitativen Feld. Positive Aufmerksamkeit? Gab es das etwa auch? Bestimmt, sie war aber bis zu meinem 11. Lebensjahr sehr spärlich. Und um aus diesem schlechten Spiel der Kinder und Erwachsenen auszubrechen, ging ich davon und in mich hinein.

Ich musste mir selbst auf die Schulter klopfen, begann damit auch von zu Hause fort zu gehen, wenigstens für einige Zeit. Denn dort vor der Haustür, wenige Schritte davor, begannen die Mähwiesen, Getreidefelder, die stillen Feldwege an deren Rändern hohe Baumreihen standen und dahinter begann auch der große Wald in dem man sich tagelang verirren konnte. Hier im Wald war ich allein, hier konnte mich niemand hänseln, niemand weh tun. Es interessierte weder die Fichte noch das Eichhörnchen, ob ich jetzt schwul, transsexuell oder einfach nur ein Mensch war. Ich war egal.

Mit der Zeit entdeckte ich das Radfahren. Es wurde schnell zum wichtigsten Mittel, möglichst weit fort zu fahren, um mich zu entziehen. Weg einfach nur weg, von dem ganzen verkrampften Getue um Aufmerksamkeit, und der Scheinheiligkeit der selbsterwählten Moralisten. Ich wollte nur fort, dorthin wo es keine Schläge gab und keine kühlen Blicke der Beschämung.

Ich lernte mit mir selbst auszukommen. Vielleicht war das schon immer eine Eigenschaft von mir, aber vielleicht war es auch eine einfache erlernte Notwendigkeit, eine verzweifelte Regung menschlicher Existenzangst und banalm Selbstschutz. Es gab für mich keinen Grund, andere anzugreifen, ich spürte keinen Antrieb in Spielen, die zum Ziel hatten andere zu besiegen.

Also fuhr ich Rad und begann zeitgleich mit dem Zeichnen. Besonders das Zeichnen gab mir die Möglichkeit mein Selbst subtil aber offen sprechen zu lassen. Mir gefielen die Comiczeichnungen, ich las am Liebsten Donald Duck, der ewige aber deshalb so sympathische Unglücksrabe und Verlierer.

Die Welt mag auch Antihelden! Hier war also das Kind, das als Mädchen in einem Bubenkörper geboren war, umgeben von einer seltsamen Welt, in der sie sich nie wirklich erleben konnte, sondern von Händen getragen wurde, die es nur „gut“ mit ihr meinten.
Sofern ich Zeit hatte, ging ich in die Wälder. Dort kroch ich unter den Fichten herum, im Dunkeln, oder verging mich auf einer einsamen Lichtung, meine Zeit dort heilte meine Wunden und ich ging gestärkt zurück zu den Menschen.

Eines Tages war eine Radtour meiner Klasse zu einem Schulandheim in den heimischen Wäldern geplant. Da war ich vielleicht 10 Jahre alt und ging in die fünfte Klasse der Hauptschule. Zu mehr habe ich es nicht gebracht. Mir wurde gesagt, ich sei bei Geburt fast erstickt und habe deshalb zu wenig Sauerstoff abbekommen. Dadurch war mir eine gewisse Blödheit angeboren und ich unfähig für eine höhere Schule. Erst spät wurde mir bewusst, dass das alles ein ziemlicher Schmarrn ist, ich völlig normal in meiner Intelligenz und mir alles möglich war, wenn ich nur wollte.

Wir fuhren damals mit unseren Rädern in die Wälder vor der Stadt. Ich wohnte zu dieser Zeit am Rand der Stadt, die von einem Bauerndorf in den 60er Jahren, wo dann fast jeder ein Auto hatte, zu einer Pendlerstadt mutiert war, deren Bewohner gerne Rasen mähten und Hecken schnitten. Viele von ihnen arbeiteten in einem Schichtbetrieb auf dem westlich gelegenen Fabrikgelände, wo auch ein hoher Schornstein stand, der schon von Weitem wie eine Warnung zu sehen war, wenn man sich dem Ort näherte.

Andere arbeiteten wohl auch in der nahe gelegenen Großstadt. Man brauchte etwa 20 Minuten mit dem Fahrrad, um die Außenbezirke der Großstadt zu erreichen. Später nach dieser ersten großen Radtour, machte ich häufig Ausflüge in die Umgebung.
Ich hatte damals ein silbernes Rad mit drei Gängen. Es hatte etwas zu dünne Reifen mit denen ich manchmal gefährlich über den Schotter rutschte, aber es trug mich tapfer an viele Orte.

Dieser Ausflug mit der Klasse hinaus in die Wälder (es war das Jahr 1992 oder 1993) war eines der prägendsten Ereignisse in meinem Leben. Das Gefühl des selbstständigen Fortkommens, nur mit den Füßen in den Pedalen stehend, an neue Orte, wo mich niemand kannte, mich folglich niemand verletzen konnte, das war die Lösung!

Mein Leiden war unter Kontrolle zu bringen. Natürlich musste ich zurück in die Schule. Aber ich hatte was gefunden, das mir allein gehörte. Die Schönheit der Natur, die meine Kinderaugen beglückte, ob es ein Schmetterling im Frühling war, eine gelbe Blume am Wegrand, ein grünschillernder Käfer, oder kleine Babyfrösche auf einem langgezogenen einsamen Waldweg, ich sah es. Ich allein war hier und ich sah, empfand und erinnerte mich. So oft es ging fuhr ich in die Wälder, ein gewisser Entdeckungsdrang stellte sich mit der Zeit ebenso ein.

Nachdem ich mich schon etwas auskannte in den riesigen Waldflächen, die von einem Gewirr aus Forstwegen durchzogen waren, wollte ich weiter, wollte weitere Lichtungen, einsame Täler und fremde Dörfer erkunden, durch die ich noch nie in meinem Leben gekommen war.

Der Radius meiner Touren vergrößerte sich jedes Jahr. Von vielleicht 15 Kilometern wuchs er mit meinem 12. Lebensjahr auf 50 bis 150 Kilometer an. Das ging sehr schnell. Es war für mich das Opium, die Kirche der Kirchgänger. Unterwegs war ich frei und konnte über das Rad, dem dummen Dröhnen der Anderen entgehen. Ich war hier der Chef!

Endlich lange Haare

Parallel aber kam ein neues Moment in meinem Leben hinzu, an das ich zuvor nie gedacht hatte. War es als kleines Mädchen schon schwer genug, aufgrund des Dings zwischen meinen Beinen, als Vertreter des „bösen“ des „gewalttätigen“ Geschlechts angesehen zu werden, so wurde aus mir jetzt körperlich ein Monster. Ich bekam Köperbehaarung! Wo auch immer ich hinsah, auf den Armen, Füßen, Beinen im Gesicht, überall begann es zu sprießen.

Ich rasierte mich sehr bald, an allen Stellen. Jedes Haar musste weg. Außer meine Kopfhaare. Um dem Schmerz der körperlichen Veränderungen etwas auszuweichen, begann ich mir zeitgleich das Kopfhaar zum ersten Mal wachsen zu lassen. In der Stadtbibliothek steckte ich meine Nase in Büchern über Frauenfrisueren und träumte, das mir jemand die Haare flechten würde. Was nie geschah.

In meine 5. Klasse ging damals ein Junge, ich kann mich nur schwer an seinen Namen erinnern, es war ein fremdländischer Name. Er hatte lange blonde Haare und sah genau wie ein Mädchen aus. Ich betrachtete ihn neidisch und stellte mir vor, dass vielleicht auch er mit dem Problem der inneren und äußeren Dissonanz geschlagen war.

Anpassung? Niemals!

Während es bei Mädchen gewollt ist, dass sie lange Haare tragen – so einfach ist die Welt gestrickt! Buben kurze, Mädchen lange Haare, Buben Hosen, Mädchen Kleidchen usw. blubb blubb blabla – war es bei Buben eine Seltenheit, eigentlich unerhört! Die Bürgersleute, die anständigen, die ihre Rasenkanten gerne millimetergenau gestutzt halten, das ganze Jahr über, besonders diese sahen Buben mit langen Haaren mit verdächtigen Blicken an. Ein Bub mit langen Haaren!

Da war doch was nicht in Ordnung! Was müssen das für Eltern sein! Ein Bub gehört geschoren, ein adrettes Hemd, eine Fußballmütze und ab mit ihm aufs Feld, kämpfen soll er, soll sich behaupten, dominant sein, denn was soll denn sonst aus ihm werden. Am Ende wird der noch schwul, und dann ist alles am Ende, denn die Schwulen bedrohen unsere Weltordnung, sie bedrohen die Menschheit. Und dafür kommen sie in die Hölle, für ihre abartigen Taten. Geschieht ihnen recht, aber mein Kind, nein niemals soll das schwul werden. Dafür sorgen wir. Aus dem machen wir schon noch einen richtigen Mann.

Aber ich hatte dann doch noch lange Haare, ohje. Das war was! Die Menschen hatten wieder ein Thema über das sie sich den Mund wässrig reden konnten, mit selbstzufriedenen etwas dümmlichen Augen. Welchen Unmut ich damit durch alle Welt auf mich gezogen hatte!

Die menschlichen Gehirne müssen dermaßen leer und stumpf sein, dass sie auf so etwas Banales reagieren. Irgendwann kam es dann wieder zu schlimmen Hänseleien und obwohl ich mich mit meinen schulterlangen Haaren wohl fühlte, wurde der Zorn des Mobs immer heftiger. Egal wohin ich ging, ich war ein Thema. Ich war die wandelnde Talkshow, der Freak, der Trottel, der Schwule, Komische. Alles nur weil ich in diesem verdammten Körper geboren war.

Meine Schwester machte sich lustig über mich, andere Mädchen schimpften: Mädchen sollten lange Haare haben! Buben kurze, so ist das eben! Pfui. Warum dieser Zorn? Drang ich da an eine Welt, die beschützt werden musste vor Eindringlingen wie mir? War deren Welt so fragil gebaut, dass sie sich mit Wut und Ablehnung vor mir schützen mussten, obwohl ich völlig passiv war?

Also jetzt waren es auch die Mädchen, die auf mich verbal eindroschen. Gab es in eurem Leben denn nichts wichtigeres als die Länge eines Kopfhaares eines Homo Sapiens? Damals ging ich in die Berufsschule und da fiel mir zum ersten Mal auf, dass ich vielleicht doch auf Männer stehen könnte. Also war ich schwul. Sodalla, ein Etikett für den Verrückten, den Psychopathen!

Ich gebe zu es war verdammt schwer. Einzig das Radfahren die Alltagsfluchten retteten meine Seele vor dem grunzenden Volk.

Heute habe ich wieder wunderschöne lange Haare, aber keiner sagt mehr etwas. Ich musste erst eine Frau werden, damit mich diese Welt der Angepassten und Mutlosen nicht mehr angreift.
Aber es hat mich bestärkt, Ablehnung hat mich am Ende immer stärker gemacht. Wenn mir jemand sagte, nein das kannst du nicht, sagte ich mir oh doch und wie ich das kann! Ich beweise es.

Am Ende ein Lächeln

Und obwohl mir alle Welt sagte ich wäre dumm und ein Trottel, habe ich doch innerlich immer geleuchtet und war vollkommen rein.

Der Dreck aus den Mündern der anderen, haben nur meine Haut getroffen, den Kern meiner Seele nicht. Durch das frühe Leid in meinem Leben, das von allen Seiten an mich zu drängen schien, habe ich, wie erwähnt, schnell durchschaut aus welchen Gründen die Menschen sich so und so verhielten.

Ich war ihnen ein Dorn im Auge, ich war gefährlich, ich war ein Mensch, der in die Hölle fahren würde.
Und was soll ich sagen, wenn man erst einmal von allen in das Außenseitertum gedrängt wird, beginnt es einem dort auch sehr zu gefallen! Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich´s gänzlich ungeniert. Der Hass der anderen war der Samen meiner Befreiung von der Welt.

Durch diese Freiheit habe ich einen anderen Blick auf die Welt entwickeln können. Ich erstellte meine eigenen Pläne und setzte sie in die Tat um. So gewöhnte ich mir langsam an, selbstständig zu werden. Ich fragte niemanden ob er oder sie mitkommen würde auf eine Radtour zum 100 Kilometer entfernten Bergsee. Mir war es egal, ich fuhr einfach gern allein.

Dieses Lebensgefühl ist heute noch vorhanden. Ich mache einfach nicht mit bei den anderen. In mir lebt eine andere Welt, die bunt und riesig ist. Mit meinen Bildern trage ich sie nach Außen und dort manifestieren sie sich, die Blicke der Menschen treffen auf einen Teil meiner Seele, die nach Ausdruck ringt.

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