Soziale Transition / Die Zeit! | Hormontherapie 2.0

Soziale Transition. Eine neue Phase der Transition!

Die Hormontherapie macht es möglich, dass wir Transgender, unser Leben neu beginnen können. Eines, das wir meist nur in der Phantasie gelebt haben. Durch die Hormone verändern wir unseren Körper unser Aussehen unsere Mimik, Gestik etc. Wir leben bewusst, was wir innen immer gespürt haben. Manche von uns – ich auch – haben viel Zeit darauf verwendet, den Ansprüchen der Gesellschaft gerecht zu werden. Aber irgendwann geht eine andere Sonne auf und lässt die Verhältnisse von uns zu unserer Umwelt klarer erscheinen.

Ein Jahr später beginnt mein Leben…

Später gehen wir dann doch unseren Weg und lassen uns von niemanden mehr “gut gemeinte” Ratschläge erteilen. Die Erfahrung lehrt uns: nur du kannst dich selbst erkennen. Bei mir kam dieser Moment schlagartig, ohne bewusste Vorbereitung schlug er auf mich ein und ich öffnete endlich die Augen. Die Reise begann. Arztbesuche, Krankenhausbesuche, Lasersitzungen, Briefe im Akkord schreiben und endlich die Hormontherapie. Dieser Weg ist heute vielfach klassisch und vorgezeichnet. Auf YouTube gibt es unzählige Videos von Transgendern in allen Stufen. Es ist leichter als noch vor 20 Jahren Vorbilder zu finden, Mut zu schöpfen.

Wie man seinen Weg dann geht und mit welchem Tempo wird durch dich selbst und die Verhältnisse in deiner Umwelt gestaltet. Selbst ist man sehr mächtig, man kämpft, man schwächelt, man fällt, man bleibt stehen und richtet sich langsam wieder auf. Der ganze Weg ist ein Gleichnis des Lebens.

Das Wachsen, Erblühen und Vergehen verläuft aber etwas vertiefter und auf anderen Ebenen, als bei den “normal” geborenen Menschen, die niemals überlegen mussten: Will ich mein Geschlecht wechseln? Das Äußere Geschlecht anpassen? Für mich war das ein Weg, der in einer schwarzen und toten Landschaft beginnt. Monatelang lief ich durch trostlose Orte, zerstörte und brennende Landschaften.

Das Tempo

Ich bin diesen Weg gegangen und ich bin ihn im für mich persönlich schnellsten Tempo gegangen. In einem Jahr bin ich eine Frau geworden. Von einem unglücklichen Menschen, der sein Leben nicht gelebt hat zu einer glücklichen Frau, für die nichts mehr selbstverständlich ist, der nichts zufällt, die sich im Leben alles hart erkämpfen musste.

Was für ein Gewinn! Was kann besser gefallen und schmecken als ein Gewinn der zäh ausgefochten und nach mehreren Anläufen doch gewonnen wurde? Ich betrachte meine Motivation meine Kraft und Willen und ich sehe einen stärkeren Menschen als je zuvor.

Es hat lange gedauert bis ich ein selbstbewusster Mensch werden konnte. Die männliche Haut hat ein gespaltenes Wesen geschaffen, das unsicher war. Nach dem Zerfall dieses Menschen durch Hammerschläge von allen Seiten sind die Fundamente zu Staub zerfallen und alles scheinbar Sichere war verschwunden.

Und das was man weiß

Aber doch gab es vieles aus dem alten Leben was ich heute neu verwenden kann. Es war hart wieder von Null anzufangen und in eine neue nie gekannte nur phantasierte Welt hineinzugehen. Aber es gelang und ich bin heute selbstbewusster als vor der Transition. Ich WEISS:

  • wer ich bin, wer ich war
  • wie schmerzhaft sich das ungelebte Leben im Nachhinein anfühlt
  • dass Glück auch dazugehört, es aber wichtig ist das Glück ohne unser Zutun vom persönlichen Erfolg mit unserem Zutun zu unterscheiden
  • wohin ich will
  • wer meine Freunde sind und welche nicht
  • was wichtig ist und was mir gut tut

Soziale Transition

Doch der Weg ist nicht zu Ende. Die Transition wird niemals enden. Aber gewisse Phasen und Episoden lassen sich nach Erreichen von gewissen Etappenzielen – Beginn der Hormontherapie, Vornamens- und Personenstandsänderung, 100% Alltagspassing – zusammenfassen zu einem Kapitel. Das erste Kapitel habe ich wohl hinter mir. Und das ist das Erreichen eines 90%igen Alltagspassing und das Auftreten als selbstbewusste, emanzipierte Frau, die sich ihres Willens sicher ist. Ich bin keine normale Frau ich eine besondere Frau.

Beginn

Gemälde Transgender in Kohle auf Acryl, ein Selbstporträt
Darstellung meines inneren Zustandes – Der Blick aus mir in die Welt

Eines Tages vor einer Woche bin ich wieder mal hinaus gegangen, im Rock in einer schwarzen Strumpfhose, langer blauer Mantel und in meinen dunkelblauen Stiefeletten. Ich spürte meine Größe und nicht wie früher mit dem Gefühl, ach wäre ich doch…so klein und zierlich wie die anderen Frauen.

Mit meinen 180 cm überrage ich die meisten Frauen. Aber nicht alle. Und ich gehöre eben auch zu den etwas größeren Frauen, die stolz sein können. Meine Nase ist nicht stupsnäsig und klein, sie hat einen leichten nach außen gewölbten Bogen, meine Ohren stehen ab und mein Busen ist klein…Aber das bin ich! Ich will gar kein Stupsnäschen, keine kleinen Patschehändchen. Meine Hände sind stark und können Malen, können meinen inneren Bildern zur Schöpfung folgen. Es ist heute viel einfacher alles an mir zu akzeptieren. Ich überblicke vieles habe lange Beine und kann sie zeigen. Die Männer zeigen Interesse und ich stolziere ohne Eitelkeit  und leerer Überheblichkeit, sondern mit dem Bewusstsein, was zu dieser Haltung alles gehört, denn sie kam nicht über Nacht ich musste hart arbeiten für das was ich heute für mich fühle.

Erste Zeile des neuen Kapitels

Dieses Erlebnis, mit erhobenen Haupt, stolz ohne Unsicherheit, mit Mut und Freude mit einem Lächeln im Gesicht und mit dem Gefühl endlich frei zu sein, markiert für mich den Abschluss der unsicheren ersten Transitionszeit, wo die Hormontherapie und die Vornamens- und Personenstandsänderung die zentralen Themen meines Alltags waren.

Beispielsweise war es das Erlernen keine Angst zu haben im Rock hinaus zu gehen, Einzukaufen in der Kosmetikabteilung in der Frauenabteilung der Bekleidungsläden, stark sein gegen Abweisung, Verlust von einst nahestehenden Menschen usw.

Ich bin drüber hinweg. Sicher weine ich noch häufig, wenn ich daran denke, doch verstoßen worden zu sein von einer Familie, die vorgab mich zu lieben. Aber das sind Enttäuschungen. Das ist auch etwas Positives. Ich lebe ohne Täuschung. Mir ist mein Leben und soziales Umfeld 100 % klar. Toxische Freundschaften, Mitläufertum und Gruppengehabe sind mir fremd. Ich lebe klar in meinem eigenen Licht. Unstimmigkeiten erkenne ich sofort und wäge bald ab ob ich weiter Energie hineinstecken will.

Ich trage keine Maske mehr. Ich lebe, lebe frei und für mich. Für meine Kunst. Ich habe keinen Glauben, delegiere meine Energie nicht an ein höheres Wesen, welchem von einer Menge von Menschen gehuldigt wird und von einer anderen und wieder einer anderen Masse von Menschen nicht.

Es gibt keine Götzen, keine fremden Bilder, außer den Glauben an meine innere Stärke. Das habe ich gelernt. Ich habe das Geschenk erhalten, mich als Teil des Planeten, der Natur zu empfinden, ich empfinde eine tiefe, schwer kommunizierbare Fremdheit gegenüber der Gesellschaft und ihrer stumpfen Ignoranz, sich selbst und anderen gegenüber. Heute (03.04.2018) beginnt die soziale Transition. Diese ist viel entspannter. Ich sehe, denke, handle. Weniger Konfusion, Angst und Zweifel begleiten mich. Die soziale Transition ist Kapitel 2.

 

Das sind die sozialen Veränderungen, die aus der neuen Rolle resultieren. 

 

Während die magische Wirkung der Hormone die neuen physischen und psychischen Grundlagen für das Leben schaffen – ohne Hormone geht das natürlich auch, aber wahrscheinlich nicht so stark – kommen wie aus dem Nichts ohne Vorwarnung neue Eigenschaften des sozialen Lebens. Man wächst langsam in die Rolle hinein, nach und nach, spürt wie die Erwartungen der Gesellschaft und ihr Verhalten dir gegenüber der Idee des “Weiblichen” folgen. Dabei gibt es viele Kritikpunkte.

Vieles fühlt sich gut an, doch bin ich noch am Kennenlernen der binären Erwartungen. Die Gesellschaft liebt das Einfache…und wieder will sie mich in eine Box stecken, diesmal pink. Das ist die soziale Transition. Ich gehe aber meinen Weg. Auszug von “My Way”:

[…]

I’ve lived a life that’s full
I’ve traveled each and every highway
But more, much more than this
I did it my way

Regrets, I’ve had a few
But then again, too few to mention
I did what I had to do
And saw it through without exemption

[…]

(Songwriter: Claude Francois / Gilles Thibaut / Jacques Revaux / Marcelo Drumond Nova)

 

Aber irgendwann kommt dir auch mal ein Wellenschlag entgegen und du beginnst zu überlegen, was das jetzt war! Monatelang warst du mit dir und deiner Angst vor der Welt beschäftigt, mit dem Verlust, mit dem Komplettverlust des alten Lebens. Klar ich bin noch die ein und dieselbe Person, aber andererseits auch wieder nicht.

Meine Freunde attestierten mir, dass sie kaum noch Spuren der früheren Person an mir finden. Das machte mich schon betroffen, denn ich hatte ja nicht das Gefühl mich zu verlieren. Ich habe mich neu gefunden.

Leider hat der Plan nicht funktioniert, meiner Familie diese Schritte schonend beizubringen, denn sie hatten ganz einfach Null Interesse. Bestimmt haben sie ihre Gründe, aber sie überblicken nicht den Rahmen, dieses Schrittes.

Da sie niemals in einer ähnlichen Situation waren, können sie es nicht nachvollziehen.

Glück oder Unglück, als Transgender machst du dir zwangsweise MEHR Gedanken als andere. Weil du ja ständig in der Angst vor den Reaktionen der anderen lebst, wenn es jemals herauskommt, dein Geheimnis.

Ich hatte schwer zu kämpfen, das Geheimnis verborgen zu halten. Manchmal habe ich mich gerühmt und gelobt über meine Fähigkeit, die Transsexualität doch ein klein wenig im Versteckten auszuleben ohne erwischt zu werden. Aber ein bleibendes gutes Gefühl war es nicht. Es tat eher weh, denn ich ahnte dann immer wieder, dass ich nicht lebte.

Abschied nehmen – der Tod und das kurze Leben

Was soll ich sagen. Das Leben ist kurz und es ist viel zu schade, um sich Gedanken um das Fehlverhalten anderer zu machen. Denn sie wissen nicht was sie tun, sie vergeben sich eine Chance um die andere. Aber es ist egal, und ich muss noch lernen, dass auch mir mehr egal ist. Leider ist das sehr schwer. Gerade erlebe ich den schnell dahinschreitenden Tod einer Bekannten.

Ich habe sie nur zwei Mal gesehen. Aber nun wird sie sterben. Ich werde nie vergessen, wie sie sich gefreut hat mich zu sehen, als ich mich hübsch gemacht hatte, und mit meinem guten Freund – ihrem Sohn – ins Kino zu gehen. Das war im letzten August. Die Zeit ist verronnen indes. Niemals werde ich sie wiedersehen. Sie stirbt.

Und dieses Gefühl treibt mir Tränen in die Augen. Denn die meisten Leute reflektieren kaum in ihrem kurzen Leben. Sie sagen sich, dann sehen wir uns eben nächstes Jahr, oder im Himmel! Ganz bestimmt, oder übernächstes Jahr. Alles nur für die Komfortzone. Sie verschieben ihr Leben und sie tun sich selbst nichts Gutes.

Fast verpasste Chance

Meine Oma ist vor 1,5 Jahren gestorben. Ihre Freundin ein Jahr zuvor. Über drei Jahre habe ich meine Oma immer wieder gefragt, ob wir denn nicht endlich deine Freundin besuchen sollten. Sie meinte immer, ach das reicht auch noch nächsten Monat. Und das hat sie über diese lange Zeit immer wieder gesagt. Bis ich sie an der Hand nahm und wir an einem kühlen Apriltag im Jahr 2014 endlich zu ihrer Freundin gefahren sind.

Es war so schön, meine Oma, meine liebste Oma, der wichtigste Mensch aus der ganzen Familie, der einzige Mensch, der sich wirklich zutiefst gefreut hat und dies auch gezeigt hat wenn ich sie besucht habe, nicht! durch Geschenke sondern durch ihren Blick, ihr Lächeln, ihre Stimme. Und dann bringe ich beide zusammen an einem Frühlingstag, grau und mit leichtem Schneefall, irgendwo auf dem weiten Land meiner alten Heimat.

Beide Menschen liegen unter der Erde. Es gibt keinen Besuch mehr. Niemals mehr. Aber ich bin froh und so stolz, dass ich sie doch noch zusammen bringen konnte.

Wir tranken Kaffee und redeten. Es war eine warme Stube, etwas verwahrlost, weil sie auch schon sehr alt war und niemand mehr half Ordnung zu machen.

Die alten Menschen wollte man loshaben. Genauso war es auch bei meiner Oma über mehrere Jahre hinweg.

Ungeahntes Privileg

Deshalb liebe Menschen! Besucht die Menschen, die ihr liebt! Vielleicht bleibt nicht mehr viel Zeit. Das Leben ist extrem kurz, ich spüre das so stark wie nie zuvor. Der Grund dafür ist der Neubeginn mit 34. Oft beneide ich junge Mädels, die alles was ihnen geschieht nicht hinterfragen sondern das Privileg, das sie genießen, so sein zu können wie sie wollen, gar nicht spüren. Ich weiß welch großes Geschenk es ist, seinem inneren Geschlecht entsprechend leben zu dürfen.

Mir wurde viel verboten, nun habe ich alle Möglichkeiten! Und die genieße ich so intensiv! Das Normalste für Frauen ist für mich immer wieder von neuem die höchste Freude. Im Juni 2017 war es die Handtasche, im Juli darauf die Ohrringe, die gesamte Zeit über die immer länger werdenden Haare, das Ausprobieren neuer Klamotten, Schuhe und überhaupt das Leben so wie ich bin als Verena.

Neubeginn 2018

Meine Transition ist hormonell gesehen fast vorbei. Ich kann jedenfalls mit dem Begriff nicht mehr so viel anfangen wie noch vor einem Jahr, wo ich auf jeden neuen Monat gewartet habe und immer gespannt war, welche Veränderungen noch kommen werden.

Die Veränderungen sind immer noch im Gange, v.a. die Gesichtszüge haben sich sehr stark geändert – im Folgenden ein Vergleich von Aufnahmen von Januar 2017 (1 Monat vor der Hormontherapie) bis April 2018:

pictures of my transition from male to female, facial features have changed in one year! verenavermas.de

 

Auf den Fotos glaube ich erkennt man gut, dass sich v.a. auch das Gesicht verändert hat. Ich kann glücklich sein, denn ich werde so wie ich aussehe zu 90% als Frau erkannt täglich, wohin ich gehe. Seitdem ich auch meine Papiere geändert habe, kann ich endlich wieder ein normales Leben führen.

Wohin?

Ich weiß momentan nicht so genau, wohin ich gehen soll, was ich tun soll. Einzig die Malerei und das Vorantreiben der GaOp sind die zentralen Punkte in meinem Leben. Mir fehlt nach all dem Stress, nach den Entbehrungen, nach all dem Kämpfen, ein lieber Mensch an meiner Seite. Ein Freund, ein Liebhaber, ein Mann, der mit mir Spazieren geht, ins Kino, mit dem ich Abends Kochen kann, Wein trinken, Lachen, Kuscheln…

Ich stecke in einer leichten Zwickmühle. Einerseits fliegen die Männer auf mich, andererseits muss ich sie vor einem Treffen immer darauf hinweisen, dass ich nicht ganz Frau bin, noch nicht. Können Männer soviel Geduld auf sich laden wie ich? Nur weil sie sich in mich verlieben könnten? Ich werde es herausfinden.

Mit einem bisexuellen Mann hatte ich ja bereits Erfahrung, leider ist hier das Problem, dass Männer, die klar auf beides stehen uns hauptsächlich mögen weil wir vor der OP noch beides haben. Brust und Penis. Meine Abneigung gegen das letzte männliche Teil an meinem Körper ist so groß und wird immer größer, dass ich da auch keinen heranlassen kann. Das Gefühl gleicht großem Ekel.

Momentan also bin ich nicht mehr so sehr in einer hormonellen Transition, sondern in einer sozialen. Freundschaften, die früher gehalten hatten, bröckeln langsam. Von meiner Seite aus, von der anderen Seite aus. Das sind vor allem Freundschaften, die sich stark über das alte männliche Rollenverhalten definiert haben. Mein Berater hat das immer wieder gesagt. Der Mann hat Erfahrung! Er hat mir viele ungeahnte Ereignisse prophezeit, die auch tatsächlich eingetroffen sind.

Sind wir also in Transitionphase 2.0! Soziale Neudefinition!

Ach ja an alle, die auch eine Transition anstreben, ein etwas spät einsetzendes physisches Ereignis ist die Veränderung des eigenen Körpergeruchs. Es ist seltsam, aber einmal habe ich zufällig meinen Eigengeruch wahrgenommen (unter der Achsel) und irgendwas war anders. Ich konnte es aber nicht definieren. Irgendwie süßlicher…Eine große Freude, denn Liebe und das Sich-Finden geht ja bekanntlich stark über die Nase!

 

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