Videoupdate – Vlog 04 Stimmtraining

Stimmtraining für Transgender

Im Oktober 2017 wollte ich ein kurzes Video zum Stimmtraining machen. 5 Monate später habe ich es geschafft. Die Stimme ist gerade für Mann zu Frau Transgender oft ein Hindernis für ein gutes Passing. Manchen ist es gar nicht so wichtig und behalten sogar ihre männliche Stimmlage. Für mich war das keine Option, ich bin eine Frau mit männlichen Attributen, aber ich wollte immer ein sehr gutes Passing erreichen. 

Eigenschaften und Passing der Stimme

Begonnen habe ich mit dem Stimmtraining im Januar 2017 also vor mehr als einem Jahr. Im Dezember 2016 hat mir mein Berater gesagt: „Ok, Verena, wir haben zwei Probleme, ihre Stimme ist sehr tief und ihre Hände sehr groß“.

Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich wusste ja aus vielen Recherchen, dass eine Veränderung der Stimme hin zum weiblichen für Transgender, die durch die Pubertät gegangen sind, sehr schwierig ist. Die Hormone bei MzF-Transgendern ändern die Stimme nur sehr wenig. Der Kehlkopf weitet sich durch das viele Thyroxin während der männlichen Pubertät und dann ist es vorbei, auf den ersten Blick zumindest.

Es gibt aber viele Lösungen. Ich glaube, dass jede, wirklich jede von uns es schaffen kann. Es kommt dabei nicht darauf an wie tief die Stimme war. Solange man seine Stimmbänder nicht durch exzessiven Zigaretten- oder Alkoholkonsum strapaziert hat, ist ein gutes Ergebnis möglich.

Die weibliche Stimme liegt in einer Frequenz um die 220 Hz. Neben der Frequenz (also Stimmhöhe) ist aber auch die Stimmgestik oder Modulation entscheidend und man kann hier auch weiblicher klingen bei gleicher Frequenz. Am besten man trainiert beides. Für die Stimmgestik allerdings helfen auch die Hormone oder das Bewusstsein als Frau zu leben. So war es bei mir. Ich habe auf natürliche Weise (quasi-natürlich, da ich ja Hormone von außen zuführen muss) die Stimme parallel zu allen anderen körperlichen Veränderungen einfach unbewusst ebenfalls verändert. Entscheidend ist hier einfach das Lebensgefühl als Frau, was ich endlich ausleben konnte. Dazu gehört vielleicht auch die Gestik der Hände, Beine, die Mimik etc.

Die männliche Stimme liegt im Schnitt bei etwa 110 Hz. Ich lag sogar noch 20 Hz darunter. Und ich war schockiert, als ich zum ersten Mal in meinen Frequenzmesser sprach. Ich dachte, oh mein Gott, das wird nie was. Aber diese negativen Gedanken hatte ich auch bei anderen Dingen immer wieder. Zum Beispiel die Hände! Klar habe ich keine zierlichen Mädchenhände. Aber bei genauem Hinsehen habe ich festgestellt, dass es ganz viele Frauen mit großen Händen gibt. Ein paar Mal habe ich einen Größenvergleich gemacht und meine Hände waren mehrmals fast gleich groß oder nur geringfügig größer. Also keine Sorge, die Hände sind nicht das wichtigste für ein Passing. Es kommt vielmehr auf eine Kombination weiblicher Eigenschaften an.

Die Stimme jedoch ist ein Element das das sonst gute Passing sofort zunichte machen kann. Wenn es euch egal ist, auch in Ordnung ich verstehe das. Die heutige Generation an Transgender MzF pfeift tatsächlich häufig auf eine radikale Veränderung der Stimme.

Das Video

 

Das Training

Für mich war es jedoch essentiell gewünscht. Also habe ich mich hingesetzt und geübt. Das ganze ist ein Prozess, der so schnell nicht beendet ist. Noch heute nach einem Jahr arbeite ich an meiner Stimme – obwohl mein Passing sehr gut ist. Ich werde auch am Telefon sofort als Frau erkannt. Um das festzustellen habe ich ich häufig meinen Vornamen nicht preisgegeben und der Gesprächspartner hat von sich aus mit „Frau Vermás“ oder „Sind sie die Tochter von…“ geantwortet. Ein unbeschreiblich gutes Gefühl!

Im Januar 2017 also habe ich mit 90 Hz begonnen und liege heute bei etwa 190 Hz ohne große Anstrengung. Derzeit versuche ich auf 220 Hz zu kommen (Tonhöhe A3). Dafür übe ich noch immer jeden Tag. Dazu gibt es einen Trick. Eine App am Smartphone war dabei Gold wert. Es gibt massig viele Apps, die deine Stimmfrequenz messen können. Im Prinzip jeder Gitarrentuner. Für Android und iOS gibt es aber das kostenlose „PitchLabPro“, das fast ohne Werbung auskommt. Einzig versucht die App die erweiterte Version an euch loszuwerden, die etwas kostet. Aber für uns reicht die Basic-Version.

PitchLabPro
Screenshot der App PitchLabPro mit der gemessenen Frequenz

Nach dem Download öffnest du die App. Es gibt mehrere Ansichten. Im rechten Screenshot ist die für mich beste Ansicht abgebildet. Die Streifen im Hintergrund flimmern sehr stark und durcheinander, wenn der Empfang des Geräts einem Rauschen gleicht. Je genauer die Tonlage getroffen wird, desto mehr bilden sich homogene Streifen. Auch eine Art Kontrolle. Daneben sieht man die Hertzzahl, die am wichtigsten ist. Um eine Oktave (100 Hz) höher zu kommen braucht es viel Zeit, deine Stimmbänder und dein Denken müssen sich allmählich an die neue Stimme gewöhnen. Es ist am Anfang sehr komisch und man fühlt sich seltsam, wenn man mit einer für sich selbst wildfremden Stimme zu Fremden oder zu Bekannten spricht. Die Stimme ist natürlich ein großer Faktor des Wiedererkennens unter den Menschen.

Aber wir ändern sie und unser Umfeld wie auch wir gewöhnen uns daran. Zurück zum Training. Am Besten man beginnt mit einfachem Zählen. Zähle von 1 bis 10. 1 ist dabei deine normale Stimme, dann steigerst du sie um einige Hertz bis du bei 10 in ein Falsetto fällst. Im Falsetto beginnt deine Stimme zu brechen und sehr schrill und schief zu klingen. Übe nicht Falsetto, es zerstört deine Stimmbänder. Aber um ein Gefühl zu bekommen in welcher Frequenz du dich am Anfang wohlfühlst kannst du das Extrem mal testen. Ich komme auf etwa 400 Hz.

Also durch das langsame Hochzählen landest du angenommen bei der Zahl 5 oder 7 mit ca. 140 bis 200 Hz. Versuche jetzt mehrmals höher zu zählen immer wieder von 1 bis 5 beispielsweise. Hast du einige Übung und ein Gefühl dafür entwickelt, kannst du später als Hilfestellung wieder auf die gelernte Zahl zählen und hast eine Art Anker. Ich persönlich mache das mit einem Summen im Bereich von 220 Hz. Vor Gesprächen mache ich das häufig, dass ich zuerst die Stimmlage summe und dann spreche. Keine Sorge, am Anfang fällt man immer wieder in tiefere Lagen. Es dauert eben.

Jetzt nimmst du ein Buch oder irgendwas zu lesen und liest dir laut in der momentan durch das Zählen festgehaltenen (gemerkten) Frequenz. Neben dir liegt dein Smartphone und so kannst du immer kontrollieren wo du dich gerade befindest. Willst du dich eher auf den Text konzentrieren, nimm deine Stimme auf und lass sie abspielen während du auf den Frequenzmesser schaust.

Ich selbst habe auch häufig bei Spaziergängen im Wald mit mir selbst gesprochen, oder ein Gedicht auswendig gelernt und das während dem Gehen aufgenommen. Daheim habe ich mir es dann angehört und die Frequenz kontrolliert.

Jeden Tag etwa eine halbe Stunde Übung hilft immens. Ich würde gerade am Anfang nicht zu viel deine Stimme strapazieren, denn sonst lauert eine Stimmbandverletzung oder Frustration, denn die Transition ist ja nicht nur die Stimme sondern viel mehr und man hat ohnehin permanent Stress…

Ich hoffe mein Tipp hilft und du kannst bald deine Stimme so verändern, dass dein Passing allgemein besser wird!

 

 

 

 

Bewerte den Text

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu:

Transition is Stephen Fry proof thanks to caching by WP Super Cache