Seine letzte Reise | Vornamens- und Personenstandsänderung

Kategorien Anträge, TranStories, VoPä
Amtsgericht-Muenchen-Linprunstr

Eine Fahrt zum Amtsgericht München und das Ende der männlichen Identität

Morgen geht es nach München für Verena Vermás. Sie tut dies für die Anhörung zur Vornamens- und Personenstandsänderung. Am Donnerstag, den 01.02.2018 um 10:10 Uhr endet formal Verena´s männliche Identität. Ende Juli, fünf Monate nach Beginn der Hormonersatztherapie hat sie ihre VoPä beantragt. Briefe gingen hin und her. Zuerst sah sie sich gezwungen den Briefwechsel mit ihrem Wunschnamen und weiblicher Anrede beim Gericht durchzusetzen. Denn der erste Brief war an einen Mann adressiert. Das war aber das einzige freie Entgegenkommen des Gerichts, das sie für sich erreicht hatte. Immerhin.

Weit wichtiger war ihr Ziel, die erneute unsinnige Begutachtungen zu vermeiden. Deshalb hat sie ihr Anliegen mit großer Mühe, mit wohlüberlegten Worten formuliert und gehofft das Gericht würde sich ihr anschließen und die zahlreichen Gutachten anerkennen. Da aber ihre Gutachten österreichischer Herkunft waren – die wohlgemerkt in deutscher Sprache verfasst waren – hat das Gericht sie als unzureichend und nicht überprüfbar abgelehnt. Stattdessen gaben sie ihr eine Liste mit Psychiatern unter denen sie wählen sollte. Darunter waren einige, die noch den zweiten Weltkrieg erlebt hatten und eine überkommene Auffassung über Transsexualität mitbrachten.

Gerichtliche Gutachten sind generell teuer und da sie das Geld dringend für Lasertherapie und Lebenserhaltung brauchte, bat sie das Gericht doch in ihrem Sinne zu entscheiden – bei einer so reichhaltigen Grundlage an transsexuellen Texten,  wo jeder vernünftige Mensch sofort nicken und ihr ein großen Ja zurufen müsste! Aber alles vergebens. Immer wieder schickte sie Erklärungen zu ihren momentanen Lebensumständen. Nach einer längeren Arbeitsphase hat sie von ihren Ersparnissen leben wollen. Sie fand, dass es eine gute Idee wäre die Zeit des Wartens auf die VoPä mit Malerei und Ausruhen zu verbringen. Die Transition verläuft gerade am Anfang nie schnell genug und sie sah sich mit Ablehnung von außen wie von innen konfrontiert. Aber auch die physische Transformation durch die Hormone und das ständige Lasern raubte ihr Lebensenergie. Jeder Schritt vor die Tür war wie der Gang zu einem meterhohen Sprungturm. Aber sie musste springen und tat es auch immer wieder. Nur die Angst vor Ablehnung oder gar Gewalt ließ sich nicht so einfach abstellen.

Die Malerei war besonders seit ihrer Transition eine dringende Beschäftigung für sie. Aber schon zwei Jahre davor, wie als würde sich der Übergang von Ihm zu Ihr anbahnen, hat sie wieder mit dem Malen begonnen. Seit ihrer Kindheit, als verletzte Kinderseele, versuchte sie ihre Welt mittels Zeichenstift zu begreifen. So konnte sie ihre Träume aus sich hervorbringen, sichtbar für sie und die anderen.

Der innere Stillstand verwandelt sich in die Sucht immer unterwegs zu sein

Sie entschied sich Künstlerin zu werden. Gab aber ihr Ansinnen nach ein paar Jahren wieder auf. Vielmehr wollte sie über das Studium der Geographie die Welt besser verstehen. Die Geschichte der Landschaft, war auch ihre Geschichte. Denn sie floh mit 12 Jahren das erste Mal mit ihrem Fahrrad vor den bedrückenden Zwängen, vor den dunklen Gedanken an ein verlorenes Leben, ein gescheitertes Leben.

Auf dem Rad konnte sie sich ablenken. Manchmal phantasierte sie auf dem Sattel. Von einem Leben, wie sie sich es wünschte. Die monotone Bewegung ihrer Beine vertrieb tatsächlich für einige Zeit ihr Leid und sie stellte sich vor, sie hätte jetzt ein Kleid an, wie die anderen Mädchen. Ihnen wurde es erlaubt. Sie krankte an der Erwartungshaltung der Umwelt. Nie konnte sie sein wie sie wollte.

Ohne jegliche Begleitung unternahm sie lange Touren, die sie hunderte Kilometer weit von ihrer Heimat weg führten. Die Straße wurde zu einer Befreiung. Sie spürte die Möglichkeit des Aufbruchs, den sie selbst, ganz allein, entfachte. So lernte sie die Welt kennen. Aus eigener Kraft kam sie an fremde Orte. Ihre Wege führten sie durch dunkle Wälder, nachts über Schotterwege in die Tiefe ihrer Welt. Gegen die Furcht, die die Einsamkeit in den nächtlichen Landschaften in ihr auslöste, hatte sie immer einen Walkman dabei.

Im tiefen Winter auf verschneiten Pässen wurde sie von Autofahrern ausgelacht, die zu einem Skilift unterwegs waren. Häufig durchmaß sie die riesigen Wälder im Westen ihrer Heimat. Sie kannte die schönsten Bäume, Ruhestellen vor Lichtungen, wo kein Mensch wohnte, wo nur der gelbe Raps im Frühjahr zu blühen begann und sie mit Erinnerungen erfüllte. Im März, während die anderen in ihren dunklen Zimmern vor dem Fernseher saßen, saß sie am Wegrand in der Sonne und spürte wie nah sie jetzt sich selber war. Da sah sie einen Schmetterling und fühlte wieder den Wunsch anders zu sein. So wie der Schmetterling, der früher eine grüne Raupe war, mit Stummelbeinen und Punktaugen, so fühlte sie in sich, eine große Lust auszubrechen aus ihrem Leben, das sie widerwillig angenommen hatte. Aber die Zeit war noch nicht gekommen.

Viele Jahre lenkte sie sich ab, entdeckte viele Wälder, weite Landschaften, träumte auf dem Rad vor sich hin. So zog die Landschaft an ihr vorüber, der Frühling kam mit lauer Sonnenwärme, schenkte ihr die Freiheit für die Flucht. Dann kam der Sommer, der Herbst und schließlich wieder die Dunkelheit und der Schnee. Bis im nächsten Jahr alles erneut erblühte, um schließlich wieder zu sterben. Das Glück währte einige Jahre, mehr als zwei Jahrzehnte.

Aber war es Glück? War es nicht vielmehr eine geglückte Ablenkung? Ein Vermeiden?

Das Ende

Hier geht nun auch seine letzte Reise zu Ende. Vom Berg überm Meer stieg er langsam ab. Mit seinen unsicheren Schritten fühlte er in sich eine große Kraft, eine Überzeugung. Er hatte sein Auto vollgepackt mit Frauenklamotten unten vor dem Berg stehen. Wie absurd ihm die Situation erschien. Etwas in ihm, eine von außen übernommene Ablehnung, lächelte jetzt über seine Existenz, verurteilte ihn als Perversen, als Versager. Stimmen aus einer anderen Welt, in die er niemals mehr zurück kehren würde. In diesen ersten Tagen des Erwachens waren seine Handlungen also von einer Gebärde der Schwäche geprägt. Er hatte aber tatsächlich aufgegeben, es blieb dabei, nichts konnte in ihm zurück gehen. Es gab ab jetzt nur noch ein Vorausgehen. Auch das Lachen der Anderen schien ihm nicht mehr im Weg zu stehen. Das Leben wie er es gelebt hatte, würde ihn jetzt verlassen, er spürte dabei die kommende Bürde, den Preis, den er zahlen musste, für das was auf dem Berg vor dem Meer mit ihm geschehen war. Monate wird es noch dauern bis sie sich die Geschichte nochmal vor Augen führt.

Als er gefallen war, versuchte er auch zu verstehen warum jetzt der Zeitpunkt der Transformation endlich gekommen war. Und er glaubte in seiner Ungeduld, in seinem Schockzustand, an eine punktuelle Entscheidung. Er hatte natürlich viele andere Gedanken in sich, die wirr und flimmernd geworden waren. Aber es war in dem Moment auch nicht wichtig, sich über alles sofort klar zu werden, über die lange Vorbereitungszeit, durch die er unbewusst gegangen war. Später als sein Bild immer mehr zu einer Frau wurde, konnte sie endlich klarer denken. Es machte sie sehr betroffen, dass er damals wirklich nicht verstanden hatte, so viele Jahre! Immer ist sie in ihm gelegen, häufig schlafend, manchmal hatte sie aber ihre Augen weit geöffnet und sah seinen verzweifelten Handlungen zu, verband sie mit Gründen. Und heute wo sie alles geworden ist, sieht sie wie er über Jahre hinweg, ihre Geburt vorbereitet hatte.

Die Erkenntnis der großen Macht des Unterbewussten drang später in sie ein. Als wäre dieser Teil ein Kristall, der in der Dunkelheit zu leuchten beginnt. In ihren ersten Monaten, in denen sie mit offenen Augen durch die Welt gehen durfte verstand sie allmählich, dass sie schon lange seinem Fall, ihre Existenz immer stärker zuließ. Verena sah ihn in seinem Grazer Frisörsalon, wie er ahnungslos vor dem Spiegel sitzt und der Dame mit der Schere in der Hand zuflüstert, dass sie bitte nicht zu kurz schneiden solle, er möge wieder lange Haare. Wieso? Zwei Monate vor dem Ende entschließt er sich die Haare lang wachsen zu lassen! Ein reiner Zufall?

Oder die ganze Vorbereitung auf die Kunst, die Verena heute aus sich hervor bringt, auch diese Eigenschaft verband sie mit ihm als sie noch ein Kind war. Später zählte aber nur mehr körperliche Betätigung und der Kampf gegen den Körper.

Die Furcht beendet

 

So bin ich heute endlich vollständig geworden. Ich muss nichts mehr verstecken und ich erfinde mich neu. Heute lebe ich mein Leben. Obwohl die Bitterkeit über viele verlorene Jahre meine Tage ab und zu begleiten, verliere ich nicht die Freude jeden Tag als eine neue Stufe zu erleben, als die größte und einzige Befreiung meines Ichs. Dort in Südspanien auf diesem Berg habe ich nichts gedacht, nichts gespürt, nichts mehr gesehen. Ich lag wie in einem bewusstlosen Zustand in der Sonne und ich war nur Atem. Durch den Fall herrschte eine große aber doch so fruchtbare Leere in mir.

Cabo de Gata Andalusien, Aloe Vera
Der Weg führt Ihn zu seinem letzten Ort auf dieser Welt – anschließend steigt er ab in ein neues Leben…die Reise beginnt für Sie mit seinem Abstieg

Wie das magische Vakuum, des Universums, das uns hervorgebracht hat, so hat auch dieser eigenschaftslose Raum in mir eine Zeitlang meine Empfindungen gedämpft.

Ich weiß überhaupt nicht mehr was ich dachte. Meine dicken Schuhe rollten über Felsbrocken, über Sand. Wie so oft in meinem Leben. Und meine Augen blickten auf das Meer. Es ist mir immer noch ein Rätsel, dieser Zustand. Niemals zuvor habe ich Ähnliches erlebt. Hier am Ende Europas hatte ich mein Ende erreicht. Ich spürte mich nicht mehr.

Es braucht für einen Neubeginn vielleicht einen Moment der Stille, die sich anfühlt als wäre sie Schwäche. Ein Moment des Ruhens über den Bewegungen der Welt, fern vom Lärm, von den Gesichtern derer, die dich gestoßen haben, jeden Tag, immer wieder. Und auch als du dich erhoben hattest gegen sie, brachten sie dich doch immer wieder zu Boden. Und da gab ich tatsächlich auf. Aber indem ich mich entzog. Ich stahl mich davon und flüchtete. Aber ich flüchtete nicht mehr aus Furcht.

Die Furcht, die mich mein Leben lang gequält hatte, saß jetzt hinter mir, wie ein Schatten im Gegenlicht. Ich war über sie hinaus gewachsen. Aber nicht aus freien Stücken. Nein, ich musste von den Menschen genug haben, die nur meine Maske sahen oder auch die Unsicherheit, das Ungereimte, das sich dahinter versteckte. Mit ihrer Hilfe zerbrach alles.

Morgen also fahre ich nach München und erfülle mir damit einen jahrzehntelangen Wunsch, korrigiere damit einen lebenslangen Irrtum, ich fahre allein, ohne Furcht, ohne Flucht.

Das war die Geschichte eines Versagers, eines Menschen, der die Erwartungen der Gesellschaft nicht erfüllen konnte. Es gelang ihm eine Zeit lang, sicher auch er hatte seine hellen Momente. Aber nun hat er abgedankt, seinen Abschied vollzogen.

Fortan wird dieser Ort für immer ein besonderer in meinem Herzen sein

 

 

 

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