Vorladung zum Amtsgericht München | Vornamens- und Personenstandsänderung

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Amtsgericht München Vornamens- und Personenstandsänderung Verena Vermas

Der Abschluss der Vornamens- und Personenstandsänderung bedarf nur noch einer Busreise

Amtsgericht-Muenchen-Linprunstr
Amtsgericht München (Foto: Okfam)

Post vom Amtsgericht München mit der Vorladung zur Anhörung!

Viele Etappen liegen zwischen dem Ziel “Verena für immer” und dem Ausgangspunkt des “Mannes”. Mit der endgültigen Entscheidung für das Leben als Frau geht es auch schon los mit dem Abenteuer der gelebten Transsexualität und dem Hineinwachsen in die neue Rolle. Dazu gehören viele Hürden und Prüfungen von Psychodiagnostik, Therapie, Frauensachen einkaufen als Mann, Alltag, Bestehen unter abwertenden Blicken, Diskriminierung und bis zur erfolgreichen Hormontherapie. Dabei können viele Monate vergehen. Irgendwann auf unserer Reise ist eine Vornamens- und Personenstandsänderung unumgänglich. Am 24.07.17 habe ich den Antrag abgeschickt (Beitrag IBeitrag II). Nach harten Auseinandersetzungen mit dem Gericht wegen Anerkennung österreichischer Gutachten, wegen der Prozesskostenhilfe, Sozialhilfemeldung (die ich dann wegen Hinhaltetaktik seitens des Jobcenters nicht mehr weiter verfolgt habe) und den beiden psychiatrischen Gutachten, einer in Nürnberg, einer in München, hat es endlich! geklappt. Die Vorladung zur Anhörung vor dem Amtsgericht München liegt auf meinem Schreibtisch.

PapierVerena´s Epilog der Reise

desert road of a transgender journey

Es hat sich ausgezahlt, das lange Warten auf das Ende einer steinigen Reise. Es war einsam hier in diesem Raum. Aus merkwürdigen Puzzleteilen, musste ich erneut alte Bilder wie schwere Gewichte aus mir hervorholen und einer Reihe von Personen präsentieren. Sie wollten ganz sicher gehen, dass aus Ihm wirklich eine Sie geworden ist – bzw. schon immer war… Nach einem regen Briefverkehr zwischen mir und dem Amtsgericht – pro Monat ca. 2 Briefe – kam nun, nach einem Anruf von mir vor zwei Wochen, die Vorladung in meinen Postkasten:

Der Einfachheit halber…Diskriminierung!

Gestern am 23.01.2018 habe ich den Brief erhalten. ENDLICH! nimmt dieser kritische Teil ein Ende ohne, dass ich die immense Summe von etwa 3.000 Euro zahlen muss. Ich werde zur Anhörung vorgeladen. In dem dicken Kuvert enthalten ist das Gutachten von Herrn Ettmeier bei dem ich am 23.11.2017 zum Gespräch war. Mit 14 Seiten ist das Psychatrische Gutachten recht lang geworden. Er hat wirklich alles detailliert aufgezeichnet und das Wichtigste: er sieht alle Bedingungen erfüllt für meine Vornamens- und Personenstandsänderung. Außerdem hat er Ettmeier Rücksicht auf mein Empfinden genommen (ganz im Gegensatz zu seiner ersten Einladung in seine Praxis und zu seinem Kollegen in Nürnberg) und verwendet im gesamten psychiatrischen Gutachten die weibliche Anrede.

Bei Herrn Braun-Scharm war es dagegen ganz anders. Er schrieb, dass er aufgrund der Einfachheit die männliche Anrede in seinem Gutachten verwendet. Welche Einfachheit frage ich mich? Herrn Ettmeier kann ich wirklich empfehlen. Man spürt seine Erfahrung, Kompetenz und Professionalität. Herr Braun-Scharm ist nur bedingt zu empfehlen. Seine Einstellung ist sehr subjektiv und von nicht nachvollziehbaren Urteilen geprägt. Er war beispielsweise der Meinung ich sei zu schnell mit der Transition, denn aus mir wäre innerhalb von 9 Monaten seit der Entscheidung ja schon eine optisch sehr weibliche Person geworden. Ich fasse das als großes Kompliment auf, er sah das aber mit Bedenken.

Als wäre das nicht genug, meinte er eine fehlende körperliche Untersuchung sei nicht zu begrüßen. Dabei sagte ich ihm, dass Transsexualität ja etwas Psychisches sei und nichts Körperliches. Das Endkrinologische Gutachten müsse doch reichen! Aber nein, er will wahrscheinlich, dass man sich ausziehen muss und den Genitalbereich untersucht. Die Krönung war neben der – aus seiner Sicht – einfacheren männlichen Anrede auch, dass er mich als Patient bezeichnet. Hier zeigt sich die überkommene Vorstellung wir wären alle automatisch unheilbar krank und wären damit alle Patienten. Die Zeiten ändern sich zum Glück und in naher Zukunft wird ICD10, F64.0 nicht mehr im Katalog der psychischen Störungen aufgelistet sein.

Sein Hemd auf dem Foto

Damit geht die Reise des Andreas allmählich auch auf dem Papier zu Ende. Auf dem Ausweis hat er mich immer angesehen mit seinem weißen Hemd, das er sich gekauft hatte im Sommer 2007, um hübsch und adrett zu sein für den Abiturball. Aus seinen braunen Augen fließen auf diesem Foto starke Sehnsüchte nach dem Sein in ihm, das er verbarg. Das er vor jedem Menschen verbarg. Außer einmal zu Beginn der Abiturschule 2003, da erzählte er einer Therapeutin von seiner Scham, von seiner eigentlichen Sehnsucht und Angst. In diesem Hemd empfing er das Zeugnis nach vier Jahren Schule. Er stand damals stolz auf einer Bühne und ihm wurde applaudiert. Das war am Ende eines großen Vorhabens, zu dem ihm viele abgeraten hatten, weil er doch als Hauptschüler zu “dumm” sei. Kein Mathe könne etc. Aber da stand er in diesem weißen Hemd und fühlte eine große Ruhe in sich. Für einen Moment. Am Ende mit dem Zeugnis aber standen alle hinter ihm und sagten, dass sie sowieso schon immer den Erfolg gesehen hatten und hinter ihm gestanden sind. So ist das mit den Menschen und ihrer chamäleonartigen Einstellung und juvenilen Demenz.

Das Hemd begleitete ihn noch viele weitere Jahre. Er hielt an ihm fest. Da er es noch lange tragen wollte, pflegte er es und zog es nur zu besonderen Ereignissen an. So blieb es ihm noch weitere 8 Jahre. Für Hemden hatte er nie ein Gefühl entwickeln können.

Der Moment auf der Bühne währte nur kurz. Nach neun Jahren zwischen den vielen Städten, verlor er schließlich den Bezug zu seiner Handlungsfähigkeit. Neun Jahre hielt er noch aus, dann ging alles mit einer unvorhergesehenen Wendung in einem letzten und verheerenden inneren Sturm zugrunde. Sie hat diesen Moment erkannt und ausgenutzt. In Wirklichkeit hatte sie immer auf einen solchen Augenblick der Starre und seinen Kontrollverlust über Sie gewartet. Das Hemd ist verschwunden. Ich weiß gar nicht mehr wo ich es in den Abfall gegeben habe. Obwohl adrett, seine Traurigkeit ist auf dem Passfoto offensichtlich. Fotos waren nie etwas für ihn. Er sah das Leid in sich darin festgehalten, erstarrt zur Ewigkeit.

Ein Foto von Ihr

Am 01.02.2018 um 10:10 habe ich den Anhörungstermin.

Transgender Woman

Dann werde ich all die Menschen sehen über die ich manchmal in Verzweiflung ausbrach, da sie so stur und bürokratisch dachten. So hat das Gericht alle meine österreichischen Befunde, Diagnosen und Gutachten als nicht geeignet für die Feststellung der folgenden drei Fragen eingestuft:

  1. Empfindet sich die Person seit mindestens 3 Jahren dem weiblichen Geschlecht zugehörig?
  2. Steht die Person seit mindestens dieser Zeit unter Zwang, entsprechend dieser Vorstellung zu leben?*
  3. Ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass sich das Zugehörigkeitsempfinden zum weiblichen Geschlecht nicht mehr ändern wird?

Punkt 2 wird oft falsch interpretiert!

*Zu Punkt 2: Ihr müsst nicht wie manche Psychiater und Gerichte immer noch fälschlicherweise annehmen drei Jahre im Wunschgeschlecht gelebt haben! Unfug, es muss nur der Zwang dazu bestehen. Ich spüre diesen Zwang seitdem ich realisiert habe, dass es zwei verschiedene Arten von Menschen gibt. Der eine Typ darf lange Haare haben, Kleider anziehen, mit Puppen spielen etc. Vieles davon ist auch anerzogen, aber es war ein Zwang so sein zu wollen wie all die anderen Mädels mit denen ich mit meinen vier Jahren gespielt habe. Also stehe ich seit 30 Jahren unter dem Zwang nach dieser Vorstellung zu leben. Hier ein interessanter Artikel dazu.

Der Steuerzahler zahlt für die Zwangsbegutachtung

All diese Fragen wurden definitiv in meinen Dokumenten klar begründet und festgestellt. Ich wollte dem Gericht vorschlagen, um Kosten und Aufwand zu sparen, nur einen gerichtlichen Gutachter zu bestellen und nicht gleich zwei. Gerichtliche Gutachten sind sehr teuer. Etwa 500 Euro bekommt jeder Gutachter für jeweils eine Stunde Befragung und die Ausarbeitung des Gutachtens. Das ist viel Geld und man könnte sich das ganze sparen. Aber nein es wurde aufgrund der Länderhoheit abgelehnt, da das Gericht nicht die fachliche Eignung und Unabhängigkeit der Gutachter in Österreich überprüfen kann.

Diese Ignoranz hat mich manchmal wütend gemacht. Mein Verstand, obwohl klar, konnte mit der Begründung nichts anfangen. Ich hatte eine klare Linie eingelegt seit Oktober 2016. Das war aus allen österreichischen Gutachten leicht zu ersehen. Und jetzt? Wunderbar, ich bin transsexuell und darf meine Geburtsurkunde ändern lassen. Wer hätte das gedacht! Dann zahlt das also der Steuerzahler. Soll er doch. Wenn er schon ständig konservativ wählt, soll er mich unterstützen so wie die Banken 2009. Da hat er ja auch gerne mitgemacht. Ist alles schon wieder vergessen. Kümmert niemanden mehr heute.

Auf einen Sprung! Aber bitte unentdeckt!

Nach der Anhörung erhalte ich einen gerichtlichen Beschluss und habe noch 14 Tage Zeit zum Einspruch (mehr zur Vornamens- und Personenstandsänderung auf hormonmädchen.de). Ich werde aber gleich darauf eine Verzichtserklärung aufgeben und so die Wartezeit verkürzen. Dann sollte der endgültige Beschluss mit Stempel kommen. Das Standesamt in meiner früheren Heimat bekommt diesen Brief auch. Ende Februar / Anfang März werde ich dann in diese Heimat fahren, in der mich keiner mehr sehen will, weil die Menschen sich vor anderen wegen mir schämen. Aber das ist akzeptiert. Selbst schuld sage ich mir 🙂 Ich bin ein liebenswerter Mensch und habe niemanden etwas getan, ich habe nur für mich die einzig mögliche Wahl getroffen: den Willen zum Glück. Dabei kann nicht jeder mit. Sehr traurig, sehr schade aber deren Entscheidung. Vielleicht juckt es im nächsten Leben und sie gehen auf mich zu, aber das ist Esoterik. Ich gehe weiter meinen Weg, auch ohne sie. Niemals gebe ich auf.

Nach dem Besuch des Amtsgerichts, kann ich ein paar Wochen später meine richtige Geburtsurkunde vom Standesamt abholen, in der dann mein Name und mein Geschlecht genau so eingetragen sind, wie ich unter “normalen” Umständen auf die Welt gekommen wäre. Nach 35 Jahren habe ich das dann endlich auch berichtigt. Mit der neuen Geburtsurkunde gehe ich dann zur deutschen Botschaft in Graz und beantrage einen neuen Ausweis. Von diesem werden dann glückliche Augen in den Betrachter schauen. Und Sie wird euch ein Lächeln zeigen auf diesem Passfoto und keine im inneren verborgene Gestalt wird dem Betrachter entgegensehen. Wir sind ineinander übergegangen.

Abfahrt

Damit kann ich dann ein fast normales Leben führen. Ob Behördengang, Identitätsüberprüfung, Bankgeschäft oder Fahrscheinkontrolle – ein knappes Jahr stach immer dieser Stress des Zwangsoutings in mein weibliches Herz. Mein Passing ist gut, deshalb will ich abfahren, endlich ganz sein und mich nicht mehr an meine alte Haut erinnern müssen, die ich längst abgelegt habe. Meine Reise aber ist nicht zu Ende. Zwar bin ich die männliche Identität los, aber das Warten auf die OP, das Kämpfen als Künstlerin in einer manchmal sehr banalen Welt aus Baumarktcenter, Ikeakitsch und gesichtslosen Schaufensterpuppen wird nicht enden. Aber vielleicht ist es auch dieser Widerstand in der Welt, der mir den notwendigen Ehrgeiz verleiht, meine Suche nach dem Gefühl für das großen Bild, das den Sinn ergibt, weiter zu führen.

Die Vo/Pä jedenfalls habe ich hinter mir. 7 Monate hat es gedauert.

 

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