Schwarze Blume – Das Haus | TransStories

Schwarze Blume

1 – Prolog

2 – Das Haus

In diesem Haus, wohne ich. Es entsteht jede Nacht von neuem. Seine Größe lässt jeden Betrachter erstaunen. Eine fast unendliche Zahl an Räumen, von denen niemand alle kennt, verteilen sich eine Unzahl von Stockwerken. Die Zahl schwankt erheblich. Nur: sie bleibt immer so hoch, dass der oberste Wohnraum nur mit Schwindelfreiheit betreten werden kann. Aus Holz, Stein und Metall ist die Außenhülle des Hauses. Die Räume verbinden sich über lange dunkle Gänge.

Herz

Über zwei Eingänge erreicht man mein Zimmer. Die Gänge dorthin sind dunkel, ohne Licht. Da sich aber keine Möbel in den Gängen befinden und der Boden eben ist, kann man sich selbst in Eile ins Zimmer flüchten. In seiner Form ähnelt es einem L. Ein schmaler Gang verbindet beide Enden. Auf einer Seite steht ein breites und sehr langes Bett. Es ist aus Mahagoniholz gefertigt. Am Kopf des Betts befinden sich auf beiden Seiten Lampen in schwarzem Lack. Aus ihrem Schirm fließt ein goldbraunes Licht, das kegelförmig den Lampenschirm entlang der Wand in Richtung Decke verlässt. In der Mitte des Raumes gibt es eine Treppe, die zu einem neuen Raum führt. Dieser liegt genau über dem Schlafzimmer. Ich kenne die Bedeutung dieses Raumes noch nicht genau. Auf der anderen Seite gelangt man zu meinem Arbeitszimmer. Hier steht ein Schreibtisch und ein Bücherregal. Schwarze Lampen, Möbel aus schwerem Holz geben ihnen Halt. Jedoch nur für eine Nacht. Mit dem Erwachen verschwindet alles.

Ich verwende die Wände als Orientierung. Manchmal muss ich dringend in dieses Zimmer. Es gibt Fälle, da zieht es mich wie von selbst dorthin. Im obersten Stockwerk – es mag der 7. oder 11. Stock sein – herrscht eine andere Welt. Ich gehe nicht gern dort hinauf. Aber manchmal muss ich hinauf. Ich weiß nicht warum, die Neugier treibt mich.

Die Bewohner

Es wohnen auch Menschen in meinem Haus. Sie gehen ein und aus. Ich habe keinen Überblick, ich weiß nicht wer sie sind, die hier wohnen, die sich in den hintersten Winkeln des Hauses eine Existenz gebaut haben. Sie leben meistens in ihren Betten. Sie leben als wären sie Puppen. Immer wenn man in das Zimmer tritt, wenden sie ihren Kopf in meine Richtung und zeigen mir ihren glasklaren und stummen Blick. Sie liegen in Stockbetten übereinander und untereinander zusammen in ihren engen Zimmern. Drei bis sieben dieser mir so fremden Menschen teilen sich jeweils ein Zimmer. Es kann vorkommen, dass einer von ihnen auf einem Stuhl vor einem dieser Stockbetten sitzt und den Eintretenden ansieht.

Ich war einmal in diesem Raum und habe gedacht ich könne ebenfalls leben. Aber obwohl es mein Haus war, ließen mich die Menschen nicht bei ihnen leben. Sie verdrängten mich, schickten mich nach außen, weit weg von hier. „Das ist nicht dein Haus. Such dir was anderes. Geh weg.“ Sagten sie bei meinen früheren Besuchen. Und obwohl ich Anspruch erheben könnte auf die Räume, denn es ist ja mein Haus – ich habe selbst die Wände aus Stein, Holz und Stahl in die Höhe gezogen – akzeptiere ich die Ablehnung der unteren Bewohner.

Ich habe keinen Lageplan des Hauses. Er wäre auch sinnlos, denn manchmal ändern sich die Räume, verschieben sich, rotieren um ihre Mitte und wandern wie in einem Uhrwerk von Ebene zu Ebene. Einzig die Mitte des Gebäudes sowie die oberste und unterste bleiben wie sie zu Beginn geschaffen wurden.

Die Wände sind meist stark und solide gebaut. Mit zunehmender Höhe beginnen die Ebenen brüchig zu werden. In die obersten Räumen gelangen nur wenige. Obwohl ich die Bauherrin bin, habe ich heute nur noch wenig Ahnung was sich dort alles befindet. Ich habe viele nie betreten. Wie gesagt, ein jeder Raum ist verschieden. Jeder hat seinen Zweck. Verlasse ich einen, kann es sein, dass ich ihn niemals mehr betrete. Ganz einfach weil ich ihn nicht mehr finde. Denn alles verschiebt sich ständig.

Manche Räume sind aufgeräumt und sauber

Sie glänzen als wären sie gerade heute neu gezimmert worden. Ich halte mich nicht überall auf. Meistens gehe ich durch den Garten oder in das Herz des Hauses in das L. Gerade dort bin ich vor Gefahren geschützt. Auch gegen Fremde, Menschen, die mich suchen. Es hat die stärksten Wände. Aus Stahl gefertigt sind seine Türen. Nichts bringt sie gewaltsam auf. Nur ich kenne den Schlüssel. Es gibt so unterschiedliche Räume. Wenn ich bestimmte Türen aufmache, weiß ich nicht was auf mich zukommt.

Das Haus ist freistehend. Umgeben sind seine Wände von sanft gewellten Hügelketten, deren Scheitel mit schwarzen Fichtenwäldern bekränzt sind. Die Wälder bilden eine natürliche Sichtgrenze gegen den Horizont und den Bergen dahinter. Es gibt Wege, die zu meinem Haus führen. Sie sind aber spärlich und von ständigem Einwachsen bedroht. Ich gehe selten von hier fort. Mein Haus ist der einzige Schutz, den ich habe.

In das letzten Stockwerk führt eine Treppe deren Geländer fehlt. Die Breite der Stufen ist so schmal, dass nur eine Person darauf stehen kann. Das Holz der Treppe ist zudem morsch und brüchig. Nur mit größter Vorsicht und Konzentration ist ein Blick in die Räume in der obersten Ebene möglich. Ein seltsamer Schutz. Auf dem Boden liegen wohin man geht alte Glasscherben, zerbrochene Fliesen, die von den Wänden abgefallen sind. Von dort oben aber öffnet sich der Blick über alle meine Felder und die weite Flur mit Bächen und Gehölz. Es wird der Blick in die schwindelerregende Tiefe des Hauses frei. Das Fallen ist dort ein spürbarer Drang. Manchmal nähere ich mich der Kante über dem Abgrund. Aus reiner Neugier, stets vorsichtig. Dort habe ich das Gefühl, dass ich auch innerlich zu fallen beginne. Vielleicht will ich mich überzeugen von dieser Tiefe.

Treppenwerk

Wieder war es soweit. Eines Abends drängte es mich von unten ganz nach oben. Je zwei Treppen führen von Stock zu Stock. Von jeder Stiege aus konnte man über sich in dunkle Räume blicken, in Gänge in das Labyrinth aus Türen, Gängen und Zimmern. In vielen Zimmern war nichts, sie standen leer und warteten auf jemanden, der sie durchmaß. Nach Möglichkeit tat ich das nicht. Meist suchte ich das Zimmer auf, das nur mir gehörte, das dicke Stahlwände hatte. Wände und Türen, die nicht zerstört werden konnten. Ein Raum aus Licht, aus Harmonie und Sicherheit. Doch eines hatte mein Zimmer nicht: Fenster. Deshalb ließ ich das Licht immer brennen, das ganze Jahr über.

Während ich in den zweiten Stock schritt, spürte ich wieder das Gefühl des Fallens über mir. Ich blickte nach oben in die beginnende Dunkelheit. Und dann waren sie vor mir, die letzten zwei Treppen, die an den Wänden ohne schützendes Geländer entlang liefen, steil und immer schmäler bis sie den letzten Stock erreichten. Meine Neugier über das Unbekannte war aber heute größer und so schob ich mich flach an der Wand die Stufen langsam hinauf, immer den Blick auf meinen Fußspitzen, die dem Abgrund immer näher kamen.

Ich hielt mich dort oben für geraume Zeit auf, las alte Blätter, kritzelte etwas an die Wände. Und je länger ich dort in den Gängen die frische Luft der Wiesen atmete, die durch die großen Fenster strömte wuchs langsam meine Angst vor der Rückkehr. Es war die Furcht vor dem Fallen schließlich so groß, dass ich nicht mehr absteigen wollte. Als die Sonne langsam hinter den Hügeln verschwand, blickte ich immer wieder auf diese Treppe, die bei der kleinsten Berührung bereit war einzufallen. Aber meine Vernunft sagte mir: Warum sollte sie mich nicht halten, wenn sie mich doch beim Hochgehen hielt?

Wäre da wenigstens ein Geländer. Und dann auch noch dieses Chaos, das den Boden vor der Treppe bedeckte. Ein unüberlegter Schritt und ich würde den nächsten nicht mehr kontrolliert setzen können. Alte Zeitungen, abgerissene Holzlatten übereinander gestapelt, mit Handschrift bedecktes Papier, das sich wie Seife unter meinen Füßen anfühlte. Alles schien mich jetzt einzuholen, mir den Augenblick zu erschweren. Ich rief nach Hilfe, leise, dann immer lauter. Aber niemand gab Antwort. Nach einer Weile legte ich mich auf den Boden. Ich wollte versuchen die Treppe zu überwinden, indem ich meinen Körper der Länge nach über die Stufen schob. Beim ersten Geräusch, das ich auf der ersten Stufe auslöste, spürte ich sofort den Zug in die Tiefe, diese unglaubliche Tiefe des Treppenhauses, des ältesten Hausteiles. Ich schreckte zurück.

Es gab nur diesen Abstieg, nur dort konnte ich hinunter gehen. Ich hatte zu große Angst. Dann wendete mich ab und blickte aus dem Fenster und sah wie jetzt die Nacht langsam über die Hügel zu sinken begann. Es blieb bei einer kurze Ablenkung, denn ich wusste genau, es führt nur diese brüchige Treppe in mein Zimmer und bei Gefahr durfte ich keine Zeit mit der Überwindung dieser Treppe verlieren. Es galt meine Angst zu besiegen.

Dann spielte ich mit dem Gedanken auf die andere Seite zu springen, den ersten gefährlichsten Treppenteil zu umgehen. Aber da auch auf dem nächsten Treppenteil das Geländer fehlte, ahnte ich, dass ich das nicht schaffen würde und dass mein Körper irgendwo durch den Aufprall des Sprungs abprallen und von der Brüstung die restlichen Stockwerke in die Tiefe fallen würde.

Ich sah aus dem Fenster und jetzt spürte ich plötzlich eine Änderung. Irgendwas da draußen in den Wäldern war mit dem Fall des Tages erwacht und fing an sich auf den Weg zu meinem Haus zu machen. Es bewegte sich etwas in den schwarzen Wäldern. Weit weg noch, noch nicht in der Nähe des Hauses, aber als würde jemand ungewollt zu Besuch kommen. Es schien aber kein Mensch zu sein. Ich wusste damals nicht, das meine Gedanken die Realität bildeten. Mit meinem Gefühl wurde ein Ungeheuer in den Wäldern über den Hügeln lebendig. Vielleicht hatte ich es geweckt, als ich durch meine Neugier mir selbst eine Falle gestellt hatte. Aber was war es denn, das in mir eine neue Angst zu quellen begann. Was hatte ich dort nur geweckt? Was streifte jetzt durch diese Fichtenwälder, durch Sümpfe und über die Wiesen meines Hauses, die jetzt im Mondlicht strahlten.

Wie eine Krone saß der Wald auf den Hügeln, die sanft in Wellen, den Horizont umgaben. Hier war doch meine Heimat. Wieso kam das alles, wieso war das alles, wieso stand ich hier oben und konnte nicht hinunter. Jetzt musste ich in mein Zimmer. Musste unbedingt dorthin. Der Besuch, das Tier was auf dem Weg war, es schien gefährlich und groß, besaß Klauen, scharfe Zähne, eine Schnauze und rotgoldene Augen.

Flucht

Es wollte in mein Haus. Leider ist mein Haus von außen schwach gebaut. Jeder kann hinein. Es gibt keinen wehrhaften Schutz. Der einzige Schutz ist das Zimmer in der Mitte. Dort konnte mir also nichts passieren. Der Weg ist weit dorthin und ich musste schnellstmöglich die Treppe hinunter. Vor dem Haus saß meine Schwester und mein Vater und unterhielten sich. Ich öffnete das Fenster, in dem noch Splitter von Fensterglas gefährlich hervorstachen. Zu beiden rief ich: „Bitte helft mir! Ich komm nicht mehr hinunter, die Treppen sind morsch. Schützt euch! Geht fort, kommt mir zu Hilfe und dann müssen wir uns retten.“

Es wusste wo ich war, deshalb war es aufgebrochen. Jetzt war mir meine Not bewusst und die geringe Zeit, die mir für meine Flucht zur Verfügung stand. Sofort suchte ich in den Räumen, nach Schutz, doch alles war kaputt, morsch, ein ödes Land, alles in Verwesung begriffen. Dunkel war es auch, ich sah nichts, ich spürte nur das alles halbtot war, ich konnte hier nicht bleiben ich musste hinunter.

In diesem Augenblick kam jemand und sagte: „Hey du, alles Okay?“. „Nein ich kann nicht hinunter, hilf mir, etwas lag auf der Treppe und das musste ich für meine Flucht noch mitnehmen. Das Tier war schon sehr nah. Ein gedehnter Laut ertönte. Da die mir unbekannte Person einen in ein Tuch gewickelten Gegenstand von der Treppenstufe nahm, befand ich mich plötzlich im vierten Stock. Ich schaffte es. Es musste schnell gehen, das Tier stand vor der Haustür, welche aus Nachlässigkeit immer offen stand. Wir gelangten in den dritten Stock hier war das Zimmer. Als ich vor dem dunklen Gang zum L stand, hörte ich das Knarzen der Treppe unter einem gebückten Körper.

Krallen drückten sich in den weichen Holzboden. Ich sah sein Fell am Eingang zu meinem Ausweg, sah den bebenden Rücken, das struppige Fell, grau und vom Schlamm verklebt. Es war so groß, dass es den Türstock vollständig bedeckte, so dass ich mich plötzlich in absoluter Dunkelheit befand. Auf der einen Seite das Tier auf der anderen in vielleicht 100 Schritten mein Zimmer. Da drehte ich mich um und floh. Einmal stieß ich mit dem Kopf gegen eine Lampe. Ich schmiss alles um, blickte nicht mehr nach hinten. Es war alles dunkel. Das Tier war hinter mir im Gang und stürzte sich auf mich. Ich öffnete meine Tür, die Stahltür und schloss sie. Ein Donner ertönte, das Tier heulte und schrie vor der Tür, es wollte mich fressen. Doch meine Tür war harter Stahl. Nichts konnte jetzt mehr hinein.

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