Meine schwarze Blume 1 | Verena Vermás

Von der Angst in das pure Glück

Wie habe ich gezittert, wie oft habe ich meine Ängste vor der Wahrwerdung meines Ichs gesehen und bin ihnen unterlegen. Vor einem Jahr, eine Woche nach der Diagnose ICD 10, saß ich bei einem Herren mittleren Alters. Ich hatte Boulderschuhe an und einen blauen Pulli. Den hatte ich mir im Suff in Málaga gekauft. Es war das bisher einzige weibliche Kleidungsstück, das als androgyn durchging. Mein Gefühl: du bis häßlich. Du wirst es niemals schaffen. Mein Berater, der Mann mittleren Alters: ich glaube nicht, dass sie trans sind. Ab diesem Zeitpunkt wollte ich ihn überzeugen. Ich erzählte ihm alles. Intimstes. Ich wollte endlich die Hormone und mein Leben beginnen. Mit einem Schlag wurde mir bewusst, dass ich soviele Jahre nicht gelebt hatte. Für andere habe ich gelebt. Nicht für mich.

Ein langer Kampf gegen meinen Körper begann. Ich musste mein Leben neu lernen. Alles wurde zunächst sauschwer. Das Einkaufen als Mann der eigentlich eine Frau war. Im Drogeriemarkt an den Glitzerkästen vorbei gehen und voller Angst, schweißgebadet nach dem Kajal langen. Oder in den Klamottenläden. Immer die Angst, die Furcht, vor den Blicken. Aber Menschen reagieren auf nervöse Menschen, nervös. Weil ich überall hin ein Gewitter gebracht hatte, fiel ich auch immer auf. Als groteskes Wesen, innerlich verzweifelt und allein gelassen. Äußerlich ein Freak, der Schläge verdient.

In einem anderen Leben

Heute, ein Jahr später ist davon nichts mehr übrig. Die Hormone haben bei mir ein Wunder vollbracht. Meine Stimme ist weiblich, meine Erscheinung. Der alte Mensch ist nicht mehr erkennbar. Wohin ich komme höre ich Komplimente und die Männer behandeln mich als das was ich bin, als feine Dame. Es ging schnell, von einem Mann mit 34 Jahren in das Leben einer Mittdreißigerin. Ich habe viel übersprungen, vieles was andere Frauen gelebt haben, werde ich niemals erleben können. Aber ich habe – und das sage ich mir oft im Spiegel – mich im allerletzten Moment dann doch gefunden. Die Szenerie beendet.

Die schwarze Blume

 

Als die schwarzen Wellen meiner Melancholie,
an meine Fenster brandeten,
öffnete ich mein Herz und ließ endlose Worte in mich ein.

Heute atmet mein Fleisch Gleichgewicht,
was ich jemals war und werden wollte.

Nun ist die Zeit endgültig zur Erinnerung geworden,
und die Welt vor mir versinkt in einer letzten Nacht,
in der allein ich noch sehend bin.

Die Nacht befreit mich,
von mir selbst,
weil ihr nun gestorben seid,
weil mein Fall mit großer Wucht,
und mich zu Boden nahm,
da sah ich die Erde sich immerzu drehen,
ich sah die Wolken
und die Sonne,
sah immer das gleiche
als die Erlösung mich endlich fand.

Ein Wirbel der Zeit,
als Regen fällt und die Welt langsam grau zu werden beginnt,
da will ich einmal stehen,
dein Auge sehen, wie im Regen,
eine graue Hand,
in ihr die Feuchte deines Lebens fährt.

Mit welcher Stärke,
fand mich die Geburt.

In der Nacht schlich ich davon,
sie war mein Schatten ohne Sonne,
sie war mein Schutz und Heiligtum,
niemand konnte sie mir nehmen,
denn die graue Hand,
sie schlief.

Und unter meinen Schritten tönte kalter Asphalt,
in meinen Augen lag ein Umriss, deiner Gestalt,
ein einsamer Schimmer voller Gewalt.
Eines Nachts fand ich meinen Weg,
von dir,
von dir,
von mir zu dir.

Und unser Morgen war erfüllt mit Musik,
hinter gelben Vorhängen spielte ich mit meinen Figuren,
aus Farben und unsichtbaren Formen.

Ich ging in die Nacht und fuhr davon,
ich floh vor dir und dir
ich floh weil nur das Fliehen, einen Sinn mir
gab im Leben.
Weil im Fliehen ein Hauch von Frühling lag,
ein Zeichen meiner Heimkehr.

Und jeden Tag gehe ich von neuem in die kalte Nacht…

Meiner Vorgänger.

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