PapierVerena II | Vornamens- und Personenstandsänderung

Auf dem Weg zur PapierVerena II: das erste Gutachtergespräch Ende November 2017

Vor einem Jahr habe ich in Graz die Psychodiagnose für Transsexualität erhalten: ICD10, F64.0. Damit bin ich frei geworden, das jahrzehntelange Versteckspiel war vorbei. Mein Leben begann mit 34! Jahren. Zunächst war alles viel schwerer. Die Last war zwar weg, aber das Outing verlangte Taten von mir. Ich selbst verlangte diese. Mit den Wochen, die vergingen wurde ich immer energischer und es konnte mir nicht schnell genug gehen. Ich holte mir ein Gutachten nach dem anderen. Ging jeden Monat mindestens einmal Lasern und warf das letzte Lieblings T-Shirt im Mai 2017 in Spanien fort.

In diesem Jahr habe ich alles unternommen um ein gutes Passing zu erreichen. Was mir andere bestätigen können – ich komme die meiste Zeit sehr gut als Frau durch, ich werde regelmäßig angeflirtet, ich kann so sein wie ich bin und falle nicht auf, wenn ich auffalle dann positiv. Nach einem sehr schweren Beginn der Transition, die mit der Hormontherapie an Fahrt aufnahm und meinen Körper endlich so veränderte, dass er zu meiner Identität passt – nach und nach, Tag für Tag veränderte ich mich – wurde ich schließlich immer stärker und fühlte mich im Alltagsleben auch wohler. So sehr, dass ich letzte Woche ein Vorstellungsgespräch hatte und ab Jänner 2018 mit Kellnern anfange.

Einer der großen Schritte in einer Transition neben der Hormontherapie und der Geschlechtsangleichenden Operation ist v.a. die Vornamens- und Personenstandsänderung. Im Juli 2017 habe ich das Amtsgericht München damit beauftragt. Ich wollte endlich auch auf dem Papier Verena heißen – deshalb PapierVerena. Wenn ich die Bezeichnung „Herr-“ in Briefen lese wird es mir stets schlecht und erinnert mich wieder daran, dass ich offiziell noch ein Mann bin. Inoffiziell aber als Frau lebe. Im Folgenden beschreibe ich das erste Gutachtergespräch, das ich in Nürnberg Ende Oktober bei Herrn Prof. Braun-Scharm (braun-scharm.de) hatte.

Die Vornamens- und Personenstandsänderung (Vo/Pä) in Deutschland

Da muss jede von uns durch. Wer seinen Namen und sein Geschlecht ändern will, so dass in der Geburtsurkunde das „m“ endgültig gelöscht wird, muss einiges über sich ergehen lassen. In einem Beitrag (PapierVerena – Die Vornamens- und Personenstandsänderung) habe ich bereits beschrieben wie ich mit dem Amtsgereicht Briefe hin und her schicke. Ich wollte bis zuletzt, dass mir das Amtsgericht meine fünf Gutachten aus Österreich anerkennt. Tut es aber nicht. Und dabei bleibt es. So haben sie mir geschrieben auf eine Bitte von mir, die Aussage doch rechtlich abgesichert zu präsentieren: „Gutachten aus dem Ausland werden nicht akzeptiert“. Dieser Satz steht nicht im TSG. Zwei Wochen später kam die Antwort. Sie fingieren in meinen Augen die rechtliche Basis für die Zwangsbegutachtung in Deutschland. Denn die Anfrage von Gutachten aus dem Ausland für ein gerichtliches Verfahren würde die Hoheitsrechte des ausländischen Staates verletzen, außerdem könne das Gericht die öster. Gutachter nicht beauftragen, nicht ihre Befugnis und Unabhängigkeit prüfen, ohne diese Hoheitsrechte zu verletzen. Als weiteren Punkt führt das Gericht an, dass die Gutachten nicht die drei einschlägigen Fragen bzgl. meiner Transidentität beantwortet. Es geht um die Überprüfung folgender Fragen (siehe Screenshot)

 

Vornamens- und Personenstandsänderung (Vo/Pä), Gutachterfragen, Begutachtung nach dem TSG in Deutschland
Drei Fragen für PapierVerena – Begutachtung vom Amtsgericht München in Auftrag gegeben

.

Die erste Begutachtung in Nürnberg

Das erste Gutachten für die Vornamens- und Personenstandsänderung (Vo/Pä) habe ich Ende Oktober in Nürnberg machen lassen. Ich habe noch im September den Begutachter anhand seines Homepage-Auftritts ausgesucht. Das Foto von ihm war sympathisch. Er lehnte mit dem Kopf in der Hand nachdenklich an seinem Schreibtisch. Außerdem war auf der Startseite ein Spruch von Pablo Picasso zu lesen: „Alles was du dir vorstellen kannst ist real“. Den habe ich mir dann ausgesucht. Wer Picasso zitiert, kann als Gutachter so verkehrt nicht sein.

Dass ich gerne diese Gutachtergespräche über mich ergehen lasse, davon kann keine Rede sein. Diese seelische Löcherung ist mir inzwischen zuwider geworden.

Das Gespräch entwickelt sich

Aber um den Vornamen und den Personenstand ändern zu können braucht man diese Gutachtergespräche. Das Gespräch bei meinem ersten Gutachter war nicht unbedingt das, was ich mir erwartet hätte. Er wirkte zerstreut. Sein Büro war etwas chaotisch. Wir gingen meine bereits vorhandenen Gutachten durch und er fragte einfach ob das wahr ist, was da steht oder nicht. Die Methode fand ich etwas seltsam, aber ich nickte und sagte immer brav ja, weil warum sollte das nicht stimmen was da stand? Anschließend folgte für etwa 10 Minuten ein seltsames Gespräch. Es fing damit an, dass er sich zu mir beugte und meinte: „Sie sehen ja ganz schön männlich aus“.

Da erschrak ich und wusste nicht was er meint. Er muss sich versprochen haben. Mit großen Augen sah ich ihn an und stieß energisch hervor: „Waaas? Ich sehe männlich aus? Da habe ich aber völlig andere Erfahrungen gemacht…“. Sogleich korrigierte er sich und sagte: „Ich meine natürlich weiblich. Sie sehen für die kurze Zeit von einem 3/4 Jahr sehr weiblich aus, das ist seltsam, das ist komisch und könnte vor Gericht ein Problem werden. Normalerweise kommen die Leute noch in einem Zwischenzustand zu mir. Sie aber machen das alles im D-Zug Verfahren.“

Meine Transition ist zu schnell

Das kann nicht wahr sein. Jetzt macht der mir Angst und einen Vorwurf, dass ich zu schnell sei! Ich entgegnete, dass das wohl meine Sache sei und die Aussage von ihm sehr subjektiv ist. Sonst ist alles was schnell ist gut in diesem Land, schnelle Autos, schnelle Züge, Flugzeuge, schnell zum Rauchen / Alkohol trinken aufhören ist gut – alles gut was schnell ist. Aber wenn da jemand kommt, der 30 Jahre Angst hatte vor Verlust, noch mehr Zurückweisung, noch mehr Außenseiterdasein (aus dem der Mensch sich mühsam hervorgearbeitet hat), von Jobverlust, Mobbing etc. – die Gefahren und Ängste kann man wohl leicht nachvollziehen, dann kann man doch nicht sagen, dass dieser Mensch sich mehr Zeit lassen soll.

Gut ich fühlte mich ab diesem Zeitpunkt bei ihm unwohl. Und es kam noch schlimmer. Jetzt wollte er von mir die Zustimmung, dass es komisch sei, wenn man eine Partnerschaft als TransFrau (damals noch nicht geoutet) zu einer Frau führt. Etwa 7 Jahre dauerte die Beziehung. Ich war natürlich auch vorbereitet auf diese Annahme von ihm. So entgegnete ich: „Nein, warum soll eine Partnerschaft seltsam sein?“.  Darauf antwortete er nichts.

Es geht bergab

Zum Schluss als Sahnehäubchen monierte er schließlich, dass bei mir keine ausgiebige körperliche Untersuchung gemacht worden ist. In Graz wurde mir für die Hormonbehandlung Blut abgenommen mit acht Kanülen, mein Blutdruck gemessen, Gewicht und Größe und das war´s. Wieder ein Moment in diesem Gutachtergespräch, wo ich einfach nicht verstand worum es hier geht. Soll ich so einem sog. „Experten“ jetzt erklären, dass die Identität nicht vom Geschlechtsteil ausgeht, sondern im Gehirn verankert ist? Er ist doch der Experte hier. Also wurde er mir noch unangenehmer als er es mir ohnehin schon war.

Am Ende dann meinte er, dass das Gutachten positiv ausfallen würde, weil ich überzeugend bin und auch so viele Gutachten schon mitbringe. Allerdings wies er nochmal darauf hin, dass das Gericht evtl. komisch nachfragen wird, weil ich eben zu schnell wäre. Ich habe ihn reden lassen, die Augen verdreht und mir gedacht: Zum Glück lasse ich das alles in Österreich machen, welcher Unterschied zu meinem Psychater in Graz! Menschen, die einem helfen, bzw. dir keine Vorwürfe machen und dir aufgrund ihrer eigenen subjektiven Meinung einen Strick drehen wollen. Schlechte Verhältnisse hier.

Ende des ersten Gutachtergesprächs und Ausblick

Auf der Rückfahrt an diesem schönen letzten Oktobertag ließ ich das einstündige Gespräch nochmals rekapitulieren und versuchte in den Professor zu dringen in seinen Verstand. Mir waren seine Aussagen immer noch suspekt. Ein Professor der Psychatrie ist er! Wie er sich da Notizen gemacht hat, völlig unstrukturiert und chaotisch seine Vorgehensweise. 10 Zeilen waren es soweit ich das sehen konnte. Dafür bekommt er von mir 500 Euro, theoretisch. Irgendwie sehe ich diese unglaublich teure Begutachtung zur Vornamens- und Personenstandsänderung in Deutschland absolut nicht ein. Besonders in meinem Fall hätte zumindest nur ein ausführliches Gutachten locker gereicht. Wenn ich schon alles habe was auch der Deutsche Medizinische Dienst vorschreibt (MDK), dann kann man nicht verlangen ich solle 3.000 Euro zahlen, die ich eh nicht habe.

Drei Wochen später habe ich den nächsten Termin. Dieses Gespräch wird eine weitere Überraschung für mich! Ausblick: Momentan (25.11.2017) habe ich alle Gutachten für die Vornamens- und Personenstandsänderung beisammen. Es fehlt nur noch der richterliche Beschluss, zu dem ich eine Vorladung erhalte. Für die Geschlechtsanpassende Operation habe ich bereits das Psychatrische Gutachten Nr. 2 (das erste ist für die Hormonfreigabe) und die Voruntersuchung beim Operateur Herrn Schrögendorfer in Wien, bei dem ich Mitte Oktober war. Das zweite Psychatrische Gutachten war wie zu erwarten positiv. Es spricht also nichts gegen eine Vaginalplastik – hört sich seltsam an die Bezeichnung, ich weiß…

Bewerte den Text

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

WordPress spam blockiert CleanTalk.

Transition is Stephen Fry proof thanks to caching by WP Super Cache