Mein Weg geht weiter… | Verenas Reisen

Verena wird wieder Reisen

Verreisen, abreisen, heimreisen, sie wird das wieder allein tun. Wird über die Autobahn fahrend im Bus sitzen. Vor dem Fenster die stillen Berge, die Tunnels, die ockerfarbenen Wiesen. Und sie wird wieder die Alpen hinter sich lassen müssen. Für ein paar Tage noch.

Reisen ist Bestandteil meines Lebens geworden. Seit Jahren bewegen mich Busse, Autos, Züge und Flugzeuge durch Europa. Damit ist für eine Weile Schluss. Denn ich übersiedel zurück in die Stadt im Süden. Dort wo der Balkan beginnt, wo Europa slawisch wird und wo über den Weinhügeln im November die Hänge der Voralpen als graugrünes Netz eine natürliche Barriere zum Nordwesten bilden.

Hierher bin ich vor Jahren geflogen, lag in einem Triesterzug, in einem Abteil. Ich schlief weil ich erschöpft war. Der Nachtzug sollte mich weit in den Süden bringen. Aber ich verschlief alle meine Anschlusszüge. Irgendwann landete ich an meinem Bestimmungsort. Ich rannte in die Vorlesung. Wollte nicht zu spät sein. Müde und geschafft saß ich ein paar Minuten später im PC-Raum der Universität und hörte einem Professor zu.

Eine Woche zuvor habe ich die Zusage für die Wohnung bekommen. Dann kam die Zulassung zum Studium. Als ich aus meiner neuen Wohnung auf die Straße ging – in dieser Wohnung sollte ich fast fünf Jahre leben – war ich voller Freude. Ich kannte die Stadt, ich liebte bereits die vielen Parks, die Lokale, das Studentenleben. Nun war ich tatsächlich da. Von Freiburg kam ich nach einem abgebrochenen Studium in München. Meine Sicherheit war groß, dass mir das Leben hier gefallen wird.

So lief ich zu einem großen Platz am Ende der Altstadt. Hier verbinden sich alle Bus- und Straßenbahnlinien. Unzählige Menschen strömen von einer Bahn in die andere. Überall Gleise und hohe Lichtsäulen. Um den Platz stehen Imbisse, Bäckereien mit Straßenverkauf, Supermärkte, Restaurants und Apotheken. In jeder Sekunde passieren Millionen Dinge gleichzeitig.

Große Augen, Große Münder

Auf diesen Platz ging ich zu an diesem schönen Oktobertag im Jahr 2011. Ich war froh über die neue Heimat und spazierte langsam weiter über die ersten Bahnlinien. Da rief ich meine Freundin an. Wir telefonierten am Handy und ich ging derweil weiter. Jetzt drängten weniger Ereignisse an meine Augen an meine Ohren. Es wurde um mich herum stiller und da spürte ich es. Dumpfe Taubheit, keine Sicht, harter Asphalt unter meinem Körper.

Es hat einen Schlag gegeben. Ich wusste aber nichts davon. Noch nicht. Plötzlich spürte ich nicht nur den kalten Asphalt sondern Schmerzen. Besonders im Knie, an der rechten Hand und ganz schlimm pochte meine linke Stirnhälfte. Was war passiert? Langsam schob ich meine Beine zu den Händen und versuchte aufzusehen. Da sah ich viele Menschen um mich herum stehen. Und alle sahen mich an. Vor ihren Mündern hielten sie ihre Hand und ihre Augen schienen riesig zu sein. Ein groteskes Bild.

Da wusste ich, dass mir etwas zugestoßen war. Denn alle sahen ja auf mich. Ich setzte mich also mühsam auf und in dem Moment kam ein Herr, der mir aufhalf. Ich sah beim Hochkommen nach links. Und da wurde es mir wieder schwarz vor Augen und ein Gefühl der Panik kam in mir auf. Als könnte ich noch davon rennen vor der Gefahr. Sie rannte aber nicht, sie stand eisern neben meinem Kopf. Ich begriff, dass ich riesiges Glück hatte noch am Leben zu sein.

Einige Minuten später saß ich zitternd an einem Denkmal mit Brunnen. Ich trank Bier und rauchte. Mein Blick war zu Boden gerichtet. Manchmal sah ich nervös auf. Dann sah ich wieder die Menschen mit den Mündern und den großen Augen. Dazwischen blickte ich auf meine rechte Hand und die Wunde mit dem staubigen blutverschmierten Hautfetzen. So verliefen einige Minuten, ein Mensch, der knapp dem Tod entronnen, sich eine Pause gönnt. Ein Moment der Ruhe, der Dankbarkeit, der verstörten Erinnerung und der Panik, es hätte so leicht passieren können.

Das war mein Erlebnis in der neuen Stadt. Gleich zu Beginn hatte ich hier eine Nahtoderfahrung. Nur einige wenige Zentimeter neben meinem Kopf waren die schweren, messerscharfen Eisenräder einer Straßenbahn zum Stehen gekommen. Der Puffer aus Gusseisen traf mich am Kopf. Ich prallte vom Stoß ab und flog einen Meter weiter, schräg nach vorn. In dieser Position hätte mich die Straßenbahn in der Mitte meines Körpers zerteilt.

Sechs Jahre später…

…fährt Verena und nicht mehr „Er“ mit einem Bus zurück nach Deutschland. Dort wird sie noch einige Tage verbringen. Ein Gutachtergespräch ist am Donnerstag, den 23.11. geplant. Eine Fahrt nach München steht dann wieder an. Am Samstag geht es zu einer Weihnachtsfeier. Und anschließend? Abschied nehmen von einer temporären Station in meinem Leben. Von hier geht mein Weg weiter, hin zu mir, zu meinem Leben, zu meiner neuen Heimat und Familie.

Bewerte den Text

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

WordPress spam blockiert CleanTalk.

Transition is Stephen Fry proof thanks to caching by WP Super Cache