Hormongeburtstag Nr. 9 | HET Reflektionen

Mein 9. Hormongeburtstag – Reflektion

Auf neuen Wegen gehe ich weiter zu mir selbst, ich spüre Veränderungen, an meiner Identität, an meinem Selbstbewusstsein, bekomme einen Job und gehe mal wieder Einkaufen…Mein 9. Hormongeburtstag ist mit der (ent)spannendste seit Beginn der Hormontherapie. Keine schwierigen verwöhnten Menschen vor denen ich bestehen muss. Die Suche nach meiner Identität kristallisiert sich in Bildern wie Wolkenstück Nr. 1 und meiner ins unermeßliche gestiegenen Körperzufriedenheit.

Am Abend meines 9. Hormongeburtstags in Graz

Urbanisierende Zeiten

Zeitenwendung 2017

Vom Land in die Stadt. Wieder habe ich etwas ausprobiert. Knapp ein Jahr lebte ich ohne Wohnung. Das erste Halbjahr 2017 verlief mein Leben hektisch und war v.a. im Frühling von Unstetigkeit geprägt und das alles im härtesten Jahr meines Lebens.Im Winter gab es nur das Ziel bis Arbeitsbeginn mein neues Leben möglichst auf die kommende Frauwerdung auszurichten.

Im Hochsommer fand ich mich auf dem Land wieder. Das war wieder eine stabilere Phase, v.a. für das was bei allen Transfrauen eintritt: starke Stimmungsschwankungen. Dort auf dem Land feierte ich insgesamt fünf Hormongeburtstage. Die Zeit war von vielen Höhen und Tiefen geprägt. Es war die Phase der starken Gefühlswallungen und Änderungen in meinem Fühlen.

Weg in die Stadt

Gestärkt mit ländlichen Erfahrungen als Frau geht Verena allmählich zurück in den urbanen Raum. Sie braucht das urbane Gefühl. Auslöser war ein Anruf eines Freundes aus Graz. In seiner WG wird ein Zimmer im Dezember frei. Die Chance mit Freunden zusammen wohnen wollte ich mir nicht schon wieder entgehen lassen. Besonders nicht nach einer extrem beschissenen Zeit bei einem asozialen Menschen.

Der Austausch zwischen Menschen, kulturelle Ereignisse, Möglichkeiten meine Kunst weiter zu entwickeln etc. Das geht am Besten in der Stadt. Mein Plan die Landschaften in der Provinz unterm freien Himmel zu malen habe ich nicht verwirklicht. Hier habe ich meine Lebenszentren. Mein Berater von der Courage (Beratungsstelle in Wien und Graz) ist hier, die Landeskrankenhäuser und mein Operateur für die GaOp ist in Reichweite in Wien: Herr Schrögendorfer.

Die Hautärztin hat mich am Ende etwas zu stark abgefertigt, weshalb ich nicht mehr nach Gössendorf fahre. Außerdem ist sie zu teuer. Die gleiche Behandlung, nur viel freundlicher und zugewandter bekomme ich für 50 Euro weniger in Wien. Dafür muss ich halt mal wieder für ein eventuelles Lasern nach Wien fahren.

Der Spiegel mein Echo

Nun es geht weiter mit einem neuen Leben. Ich wechsle Breiten- und Längengrad und feier weiter meinen Hormongeburtstag. Wir Transgender haben das Glück, dass wir spüren können, was für ein Riesenunterschied es ist, wenn später im Leben dein Inneres langsam in dein Äußeres übergeht. Diese Annäherung, haben alle „normalen“ nicht-transgender Menschen von Geburt an. Also können sie es nicht nacherleben, nachfühlen vielleicht ein bisschen. Aber was für ein Unterschied in einem Körper zu sein, der nach jahrelangem Kampf zu deiner Seele passt? Heute ist der Spiegel an der Wand ein Blick in meine Seele. Vorher war immer ein Hindernis dazwischen. Der Blick in den Spiegel gibt mir jetzt ein Echo zurück, das meinem Identitätsgefühl entspricht.

Ohne Hormone wäre das nicht möglich. Sie machen dich also wirklich zu dem was du bist. So muss es schließlich sein. Der Beginn der Hormonersatztherapie hat mein Leben verändert. Transgender zu sein, kann einen manchmal zur Verzweiflung bringen. Du entwickelst dich in der Pubertät in eine völlig andere Richtung als es deinem Fühlen entspricht. Manchmal kannst du akzeptieren, versuchst so zu leben, wie man es von dir erwartet, aber am Ende ist es deine Seele, die leidet. Also zurück zum Beginn deines Leids. Wie ist es dazu gekommen, was kann ich dagegen tun? Zwei Fragen, die nur du selbst beantworten kannst.

Wer will schon sein Leben lang immer bei denselben Gedanken bleiben und nichts ändern an der Unzufriedenheit? Mit 4, 5, 15, mit 17, 18, 19, 21, …. und mit 34 hattest. Ich habe bisher in jedem Jahr meines Lebens daran gedacht, nicht zu leben.  Im Kopf immer dieselbe Strophe, dasselbe Lied, „soll ich´s wirklich machen oder lass ich´s lieber sein? – Jein“. Das Jein habe ich auf ein Blatt Papier geschrieben und in den Müll geschmissen. Heute: JA!

Gegen die Zweifel im Leben

Wolkenstück Nr. 1 (60×90, Öl auf Leinwand)

Hilft häufig Malen. Mit den Wolkenstücken habe ich diesen Herbst begonnen. Daraus soll eine Serie entstehen, die verschiedene Stimmungen reflektieren. Wolkenstück Nr. 1 ist logischerweise das erste fertige Bild, das ich in meiner neuen Stadt in die Freie Galerie bringen werde. Das erste Wolkenstück ist gegen den Zweifel. Die Farbe drückt Aufbruch und die Struktur Dynamik aus. Das Unstete der Wolken entspricht meiner Sehnsucht nach Erlebnissen aller Art.

2017 war das Jahr des Übergangs. Von Mann zu Frau. Es ist immer noch eines der schwierigsten und schönsten Jahre meines Lebens. Die Intensität des Erlebens kommt aus der absoluten Befreiung meines Ichs. Die gröbsten Schwierigkeiten verschwinden langsam und ich wachse in meine eigentliche und gleichzeitig neue Identität hinein.

Es kommt z.B. immer wieder vor, dass ein Freund  sagt: „Hey der dachte du bist meine Freundin“ oder eben die vielen vielen Komplimente, die mich so glücklich machen.

Nie mehr sollen Zweifel an meinem Weg meine Gedanken erobern. Jeder hat dieses Leben als Geschenk erhalten, kam aus dem Nichts und geht dorthin zurück in die Unendlichkeit. Das schmale Band zwischen dem Nichts und der Welt ist dein Leben.

Die Hormonersatztherapie, die ich am 17.02.17 angefangen habe, lässt mich jetzt endlich dieses Band leben und genießen.

Transgender´s Lebenslust

Hormongeburtstage sind für mich immer Anlass mir Vergleiche auszumalen. Wie kann man das nicht ganz freiwillige Eingesperrtsein in seinem eignen Körper und dann die Befreiung, das Vorher- Nachhergefühl vergleichen? Die Lebenslust momentan ist unvergleichbar zu früheren Lebenszuständen. Es ist als wäre ich mein Leben freiwillig in einem Rollstuhl gefangen gewesen und habe mich vor 9 Monaten entschlossen wieder gehen zu lernen.

Tanzen gehen

Ein Beispiel…ich bin in Graz, im urbanen Raum. Früher lief ich in die Discos und betrank mich mit anderen. Heute gehe ich vorher in die Stadt, kaufe mir einen neuen Rock, ein Kleid, schau mich in Drogeriemärkten nach Kosmetika und Pflegeprodukten um (ohne Angst vor den Blicken wie noch vor einem Jahr hier!), geh nach Hause und genieße die Zeit bis ich ausgehe. Ich lebe in einem positiven Regelkreis. Meine Mitmenschen geben mir aufbauende, schöne Gefühle. Ich verwandle mich zusehends, durch Hormone, Lasertherapie und dem Probieren von femininen Outfits (das macht momentan am meisten Freude – welcher Nagellack passt zu mir zu meinem Kleidungsstil, welche Ohrringe, welcher Rock?).

Dann habe ich festgestellt, das meine Stimme überhaupt keine Probleme macht, meine Hände habe ich mit denen einer Freundin verglichen. Sie sind nur ein wenig kleiner als meine. Also die beiden größten Ängste zu Beginn der HET, haben sich aufgelöst. Es war die Angst als Frau zu scheitern an meiner maskulinen Stimme und den großen Händen. Manchmal bildet man sich aber zu viel auf weniger wichtige Merkmale ein.

Ohne seltsame Blicke von anderen bin ich jetzt viel freier geworden in meiner Identität. Ich lebe alles aus, was lange versteckt war. Ich mag mich plötzlich. Dann stehe ich auf der Tanzfläche und tanze, ganz vorn an der Bühne. Es spielt eine Jazz-Funk Band. Die Musik geht durch den Kopf und landet in der Hüfte, in den Beinen. Plötzlich fällt es mir leichter zu tanzen. Oder ich gehe später an die Bar, wo Männer sich über ihr Getränk lehnen und schicken mir interessierte Blicke zu.

Alles wird im 9. Monat viel selbstverständlicher. Einfach alles. Jeder Lebensbereich lässt sich jetzt leichter und freudiger erleben.

Jobs? Bewerben als Transfrau? – JobVerena

Das war für mich neben dem Verlust meiner Familie immer ein harter Brocken in der Transition und danach. In vielen Transforen habe ich von den negativen Erlebnissen gelesen. „Ich bekomme keinen Job! Ich muss von Hartz 4 oder Mindestsicherung leben. Wieder eine Absage usw.“ Ich habe vor der Hormontherapie mir ab und zu diese Sätze angesehen und mir gedacht, wie das bei mir wohl werden wird.

Aber ich hatte keine Angst mehr, ich wusste nur, dass ich das einfach für mich tun muss, und dann wird alles weitere schon klappen. „Irgendwie komme ich schon durch“, dachte ich mir immer. Ich habe jetzt soviel geschafft, wo andere mir attestiert haben, nein das schaffst du nicht. Selbst die schlimmste Zeit beim Militär ist mir jetzt nützlich. Denn ich weiß ganz genau wo ich stehen will. Auf der Sonnenseite meines Lebens.

Und siehe da, ich bewerbe mich, frage Leute und tatsächlich ab Januar 2018 darf ich als Kellnerin arbeiten. Das Gespräch mit dem Geschäftsführer war locker und entspannt. Er wusste es bereits, dass ich nicht immer eine Frau war. Wir begrüßten uns freundlich und verabschiedeten uns mit einem Lächeln. Das war für mich ein großer Moment, denn es wird der erste Job sein, bei dem ich mich als Frau beworben habe, als Verena.

Körperliche Veränderungen – drei Phasen

Phase 1 – Erste Veränderungen

Angefangen hat die Metamorphose, wie ich hier bereits geschrieben habe nach der ersten Woche Hormoneinnahme angefangen mit Libidoverlust. Dann kam die sanftere weichere Haut. Die Schreckhaftigkeit hat ganz stark in den ersten drei Monaten zugenommen. Zeitgleich hat sich mein Schlafrythmus verbessert und meine Ausgeglichenheit. In den ersten drei Monaten habe ich Veränderungen gespürt, die bis heute anhalten. In der Summe haben die körperlichen Veränderung in Harmonie mit den psychischen mein Identitätsgefühl gestärkt.

Insgesamt waren es – soweit ich die neun Monate zusammenfassen kann – drei starke Entwicklungsschübe, die in mir gewirkt haben. In den ersten Monaten wurde vieles angelegt bis etwa Mai / Juni. Im fünften Monat kam die Weiblichkeit. Plötzlich als hätte ich nur mit dem Finger geschnippt, war ich auch für die Außenwelt Frau. Natürlich kam es immer wieder mal zu Verwechslungen. Aber diese wurden immer weniger.

Phase 2 – Das Passing läuft!

Im Juli kam das wichtigste. Der Busen. Mir war das vorher gar nicht klar, wie wichtig dieses weibliche Merkmal eigentlich ist. Das Wachsen auf Körbchengröße A gab mir eine Prise Selbstbewusstsein. Männer sprachen stark darauf an. Im Juli bekam ich die ersten Flirtversuche von Männern zu spüren. Aber ich war noch ein Baby! Ich hatte keine Ahnung wie ich reagieren sollte. Ich stand ja 30 Jahre auf der anderen Seite!

Und das schöne ist, meine Oberweite wird immer noch größer. Größe B wird es wohl nicht werden, aber ich bin voll zufrieden.

Dann kamen leichte Depressionen im August, September und Oktober. Das hängt natürlich nicht nur mit den Hormonen zusammen. Ich bin zu der Zeit aufs Land gezogen. Zu einer stark spießbürgerlichen Bevölkerung, wo ich auch sehr schöne Erlebnisse hatte. Aber ich fühlte mich oft allein und verlassen. Meine Grazer Freunde waren ja alle 400 Km entfernt. Sonst gab es noch drei liebe Menschen in Bayern aber sonst…war einfach weniger los in meinem Leben. Ich habe viel gemalt und nachgedacht. Habe mit den Griechen geflirtet in einem schönen Restaurant, bin zu einer Freundin aufs Land gefahren, haben gelacht und uns lange unterhalten.

Heute gehe ich wieder auf die Tanzfläche mit Minirock, Spaghettiträger und Strumpfhose, dezent geschminkt und ohne Neid auf andere Frauen. Ich bekomme absolut keine komischen Blicke mehr. Blicke sind jetzt entweder interessiert oder komplett desinteressiert. Eins von beiden.

Phase 3 – Es geht weiter weiblich zu

Auf dem Weg zum 10. Monat warten wieder viele Geschenke: ich werde immer noch weiblicher. Ganze zwei Jahre schenkt mir die Hormontherapie eine Art zweite Pubertät. Nach neun Monaten weiß ich: das ist das Beste was mir je in meinem Leben passiert ist. Ich habe die Kurve bekommen bevor es zu spät wurde.

Zum 9. Geburtstag habe ich mir außerdem alles Gute gewünscht und mir gleich ein paar neue sexy Klamotten zugelegt. Ich genieße meine Zeit auf dem Planeten und kümmere mich nicht mehr um Mießmacher. Wer mit mir nicht kann, der kann gehen. Ich habe Vorschläge gemacht, ich habe versucht Menschen einzubinden in meinen Weg. Aber schließlich geht jeder seinen eigenen. Manchmal trennen sich eben auch viele Wege, die man gemeinsam gegangen ist.

Das letzte Gutachten steht an

Ich freue mich auf die weitere Zeit, auf das was mich ab übernächster Woche erwartet in Graz. Das Einleben in meiner Stadt, wieder aufs Neue. Bis dahin muss ich noch zu einem der vom Amtsgericht München bestellten Gutachter fahren. Beim ersten hatte ich ja keine so gute Meinung von der Art, wie mit meinem Selbstbestimmungsrecht über mich und meinen Körper umgegangen wird. Anscheinend will jeder mitreden. Ich bin also gespannt was mich beim zweiten Gutachter erwartet und wann endlich das Gericht die Entscheidung fällt.

Lasertherapie – endlich komplett haarfrei!

Zum Schluss das Beste: nach 14 Laserbehandlungen im Gesicht, bin ich zum ersten Mal komplett haarfrei. Kein Bartschatten stört mehr. Geraden an der Ober- und Unterlippe hielten sich hartnäckig schwarze Härchen. Bei der letzten Behandlung am 9.11. in Augsburg habe ich darauf bestanden mit der höchsten Energie drauf zu hauen, weil ich es einfach nicht mehr ertrage. Wir haben zwar nicht ganz das Energiemaximum erreicht, sind aber auf der vorletzten Stufe für einige Partien im Gesicht geblieben. Um den Mund war aber Stärke 450 (Intensität des Läsers – von 0 bis max. 500) doch zuviel.

Jetzt brauche ich zum ersten Mal kein Makeup mehr auftragen. Das war ein steter Zwang, damit dieser bläuliche Schatten nicht von anderen entdeckt wird. Und das allerbeste: irgendwie habe ich Probleme den alten Menschen im Spiegel zu erkennen, er verschwindet. Das ist gut so, aber an was mache ich das fest? Schminken? Nein es ist etwas körperliches, etwas an der Gesichtsform. Ich weiß, dass der Knochenbau sich nicht ändern wird. Er bleibt. Aber trotzdem ist etwas in meinem Gesicht anders als vorher. Magisch.

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