Alltagstest in einer katholisch schwäbischen Metropole | ShortStories

Buntes Stadtbild

Der Alltagstest in dieser menschlich immer bunteren Stadt ist keine so große Herausforderung. Obwohl die Stadt Dillingen bekannt ist als DIE katholischste Stadt, als das zweite Rom Deutschlands komme ich gut mit den Menschen hier aus. Diese „Prüfung“ für Transsexuelle Männer und Frauen, soll zeigen ob sie mit ihrer neuen Rolle in der Gesellschaft zurechtkommen. Derzeit habe ich keine Probleme da draußen. Ich bin nur manchmal sehr erstaunt, da die Menschen völlig anders reagieren auf dich. Anstatt meiner Malerei zu huldigen, hatte ich heute viele Erledigungen in der Stadt. Wegen meiner Vo/Pä musste ich heute zur Post und zum Jobcenter. Dann bin ich wieder nach Hause, habe mir schnell was gekocht und dann ging´s wieder raus in die Stadt, die bekannt ist für ihre Konservativität. Seitdem hier auch viele Flüchtlinge vornehmlich aus Schwarzafrika angekommen sind ist diese Stadt eine bunte Mischung aus Nonnen, Afrikanern, Schwaben und einer TransFrau.

Nachdem ich meinen Alltagstest als arbeitende und Geld verdienende Frau bereits lange sieben Wochen überstanden habe, kommen jetzt viele Behördengänge und das normale Leben dazu (z.B. Arztbesuche, Einkaufen, Apotheke, Restaurants usw.). Ich erlebe jetzt die Rolle einer Frau. Innen war ich ja schon immer Frau, mein Gehirngeschlecht sagt mir das. Aber es ist nochmal was völlig anderes, so zu fühlen aber als Typ leben. Oder eben so zu fühlen und als Frau leben.

Jobcenter, Hartz IV beantragen

Beim Jobcenter lande ich mal wieder zu spät. Ich stehe immer zu spät auf, brauche viel zu lange mit Kaffee trinken und mich vor dem Spiegel gesellschaftstauglich zu machen. Also gehe ich sehr schnell, ich schwitze und bin außer Atem als ich bei der Info ankomme. Die Menschen schauen meist nur etwas komisch, wenn ich ihnen meine männlichen Papiere offenbaren muss. Weil ich es absolut nicht einsehe, dass ich die Prozesskosten für die Vo/Pä selbst zahlen muss, wälze ich das auf den Steuerzahler ab. Er ist der Souverän, er wählt Parteien, die Gesetze machen und diese haben das diskriminierende TSG (Transsexuellengesetz) erschaffen, das zuletzt 2011 revidiert wurde. Ich sehe es deshalb nicht ein, da ich alle meine Gutachten habe. Außerdem ist der hohe Betrag von 2.000 bis 3.000 Euro völlig überzogen. Es ist fraglich warum das alles nochmal kontrolliert werden soll und dann nicht von einem sondern von zwei Gutachtern. Meine österreichischen Gutachten wurden abgelehnt.

Deshalb bin ich sauer, sehr sauer sogar. Ich werde alles dafür tun so wenig wie möglich zu zahlen. Außerdem werde ich um Aufklärung sorgen in der Bevölkerung und bei den Parteien, dass das Gesetz endlich geändert wird und die Vo/Pä humaner wird. Also beantrage ich Hartz IV. Das Gericht hat nämlich meinen Antrag auf Verfahrenskostenbeihilfe abgelehnt. Ich habe noch etwa 4.000 Euro auf dem Konto, dann ist Schluss. Aufgrund meiner Einkommens- / Überschussrechnung, die ich ihnen vom letzten Jahr geschickt habe, berechnen die mir ein mtl. Einkommen von Brutto etwa 1600 Euro. Das ist ein Witz. Das berücksichtigt absolut nicht, dass ich Tourguide bin/war und heuer Null Aufträge mehr habe. De facto habe ich kein Einkommen. Also Jobcenter. Den Gerichtsbeschluss rückgängig machen (einen Monat habe ich dazu Zeit) und versuchen Rechtsmittel einzuschalten, um einen Grund dafür zu erhalten warum österreichische Gutachten nicht zählen.

Die Dame sieht mich etwas seltsam an, wartende Frauen kichern im Gang (ich beziehe das gleich auf mich, wegen meiner dunklen Stimme heute) und sagt: „Morgen nochmal kommen“. Sie sagt wenigstens nicht „Herr…“. Obwohl das auf meinem Zettel steht. Beim ersten Mal war ich beim Arbeitsamt, dort hat sie mich in der dritten Person als „Ihn“ bezeichnet. Das soll nicht mehr vorkommen. Deshalb schminke ich mich noch stärker und geh nur noch im knappen Kleid raus.

Alltagstest, Einkäufe erledigen

Morgen muss ich also nochmal antanzen im Jobcenter. Ich bin immer zu spät. Also morgen früh raus. Dann gehe ich in die Innenstadt. Bauarbeiter starren mich mit großen Augen an. Früher am Anfang meiner Transition haben die das auch gemacht, aber da haben es alle gemacht auch Frauen. Ich gehe also davon aus, dass ich als 100%ige Frau durchgehe, da ich nur noch von bestimmten Menschen angesehen werde. Auch die ganzen Afrikaner achten kaum auf mich. Das ist in Graz ganz anders. Da rufen Männer immer wieder hinterher, besonders Nachts. Dagegen ist es hier ruhiger. Männer schauen nur. Und sie dürfen schauen. Ich genieße das. Weil ich, wenn meine Stimmung relativ gut ist, was mit den Hormonen nicht so konstant geht, so richtig richtig Frau rüberkommen will,  strenge ich mich besonders an mit meiner Stimme. Das fällt mir bei allem am schwersten. Ich kann zwar in der erforderlichen Tonlage sprechen, auch die Musikalität bekomme ich hin, aber eigtl. nur bei vertrauten Menschen oder allein daheim. Irgendwas blockiert mich immer noch, so zu reden wie ich es daheim mühsam gelernt habe.

Copyshop: Die Dame sieht mich kommt herunter, ich sage ich brauche jetzt vom Stick Ausdrucke, bitte. Wir gehen die Treppen hoch zu einem PC. Sie öffnet die Datei und wir beide lesen nebeneinander „Vornamens- und Personenstandsänderung nach dem Transsexuellengesetz…“ Niemand sagt was. Ich bin im Gegensatz zu früher sehr selbstbewusst geworden, ich gehe in jeden Raum hinein. Egal was ich anhabe. Meine Sicherheit ist stärker geworden, seitdem ich sieben Wochen als Reiseleiterin gearbeitet habe und permanent mit Menschen umgehen musste. Außerdem ist das nicht mein Problem, wenn andere sich wundern oder blöd schauen.

Hauptstraße: Da das Rathaus fast abbrannte, ist da jetzt eine Baustelle. Die schwer arbeitenden Männer bewegen Gegenstände. Hinter dem Absperrgitter stehen einige von ihnen und werfen mir „glotzende“ Blicke zu. Ich schüttel mein Haar, streiche es hinter meine Ohren und schwebe davon.

Postamt: Ich warte geduldig bis ich drankomme. Es gibt einen Bereich, wo man sich anstellen soll. Wie so meist bekommen das viele ungeduldige Leute nicht hin und stellen sich einfach an den zweiten Schalter. In meiner Hand der Briefumschlag und das Schreiben für das Amtsgericht. Ich muss das Ding noch unterschreiben, habe das daheim vergessen. Eine hübsche, etwas streng schauende Dame steht hinter dem Bedientisch. Ich denke, auweh hoffentlich ist die nicht so streng und abweisend wie sie aussieht. Dann komme ich dran. Lege alles hin unterschreibe, entschuldige mich kurz, dass es kurz dauert, bin wirklich fix und überreiche ihr den Umschlag. Bitte so schnell wie möglich nach München. Ok, Einschreiben. Kostet 3,40€. Ich gebe ihr 3,60€ und sage, der Rest ist Trinkgeld. Und da lächelt sie plötzlich! Wow, was sind 20 Cent schon für ein Lächeln von einer Dame, die vorher streng und abweisend geschaut hat! Nichts. Die Schwaben hier, sind meist wahre Pfennigfuchser. Umso besser für mein Karma…Da ich 7 Jahre in der Dienstleistung gearbeitet habe, weiß ich wie wichtig Trinkgeld ist!

Tintenpatrone auffüllen: Die Dame erkennt mich! Ich weiß jetzt ungefähr was kommen wird. Da ich bei einem älteren Herren lebe und mit ihm sehr gut befreundet bin, gehen wir auch oft zusammen durch die Straßen der Stadt. Jetzt spüre ich was es bedeutet, wenn Frauen es seltsam finden, wenn andere jüngere Frauen mit viel älteren Herren umhergehen. Die wissen nie was sie sagen sollen zu uns, früher als ich als Mann mit ihm durch die Straßen bin, war das völlig egal. Jetzt ist das bedeutsam. Auch die Blicke sagen viel. Neugierige, manchmal abschätzende, herablassende Blicke bekomme ich zugeworfen. Auch die Tintendame stottert. „Ach sie kenne ich doch, sie waren doch schon einmal da…mit diesem….äh…Herren.“ Ich: „Ja genau, das haben sie richtig erkannt!“.

Teeladen: Ich muss für den Herren Tee kaufen. Er will einen ganz bestimmten. Den gibt es aber nicht. Im Gespräch mit der Besitzerin des Ladens, sage ich dann immer wieder, nein, es muss eben genau der sein. Ich soll das für einen Herren besorgen. Er will nur den. Sie sieht mich langsam immer wieder von oben bis unten an. Runzelt die Stirn, und fragt tatsächlich: „was ich da bei dem Herren mache.“ Ich denke mir, was geht die das eigentlich an. Habe mal wieder etwas zuviel gesagt zu ihr und da schöpft sie Verdacht.

Fazit Alltagstest in Schwaben

Im Gegensatz zu den ersten Monaten Hormontherapie, wecke ich keine verstörten Blicke mehr, weder von Passanten noch im direkten Gespräch, das auch mal länger sein kann. Ab und zu kommt es vor, dass jemand „Er“ sagt. Das ist aber extrem selten. Häufiger verwenden die Menschen, die mich in kein Geschlecht einordnen können gar kein Pronomen. Am aller häufigsten ist, dass mich die Menschen als eine Frau ansehen. Ich würde sagen zu etwa 70 bis 80 Prozent. Das reicht mir momentan. Wenn ich bedenke, dass ich letztes Jahr um diese Zeit noch einen Vollbart hatte und jetzt als Frau im Kleid die Blicke von Männern auf mich ziehe, dann bin ich wirklich zufrieden. Mir geht es unglaublich gut als Frau. Ich spüre immer wieder, dass ich das jetzt wirklich bin! Ich liebe meinen Körper plötzlich, kann zufrieden lächeln wenn ich mich im Spiegel sehe und z.B. meine Kreolen anlege. Keine Sehnsucht nach dem Männerleben mehr!

Bewerte den Text

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

WordPress spam blockiert CleanTalk.

Transition is Stephen Fry proof thanks to caching by WP Super Cache