Transition & Gefühlswelt | Der „Antimensch“

Was ist der Antimensch?

Eine Beschreibung

Der Antimensch (siehe Beitrag vom 21/08/17) ist meine Erfindung. Von der Großstadt aufs Land gezogen und plötzlich siehst du eine völlig andere Existenzform. Du hast dir nie vorstellen können, dass Menschen so etwas zustande bringen. Sie haben in den letzten Jahren ein Selbstbild generiert, das keine Wärme mehr zulässt. Der Antimensch fährt mit Doppelauspuff, riesige schwarze Limousinen. Er kauft das ein, was er im Fernsehen und in der Postwurfsendung sieht. Der Antimensch versucht alles nur nicht individuell zu sein, keine Wärme, keine Tränen, keinen verschmitzten Witz, keinen Geistesblitz zulassen, keine Ideen, nichts was das System in dem er sich eingesperrt hat, stören könnte. Zu Tieren hat er die Einstellung, sie gehören gegessen oder in kitschigen Disney-Filmen gezeigt. Er hasst Katzen, weil sie ein Eigenleben haben. Und hier offenbart sich ganz besonders der Antimensch und seine geistige Haltung. Der Hund ist ein treuer Gefolgsmann (Gerhard Polt mit seinem Schäfer…hier!). Sein Leben gehört dem seines Herren. Individualität gibt es nicht, der Hund hat keinen eigenen Willen. Er „ge-hört“. Katzen kann man nicht erziehen, nicht gänzlich, sie sind individuelle Haustiere, sie liebt dich hauptsächlich, weil du ihr was zu fressen gibst. Der Rest ist für die Katz. Sie kommt und geht wann sie will.

Kein Leben hier

Jeder scheint sich zu verkriechen. Hinter Fassaden aus Metall, anthrazitfarbenen Gartenmöbeln, die hinter Granitpfeilern halbverborgen stehen. Sie kopieren sich gegenseitig. Aber wo bitte fängt es an? Haben diese Menschen nie gelernt ihre ureigensten Gefühle zu artikulieren? Kinder freuen sich, sind begeistert, sind neugierig. Ich bin mir sicher, dass auch all diese Menschen hier, diese Gefühle einmal gespürt haben. Nur wohin sind sie verschwunden, wer hat es ihnen ausgetrieben? Ich glaube, dass es irgendwann in der Jugend bzw. im frühen Erwachsenenalter geschehen sein muss. Viele Menschen hier, meint man, entscheiden sich ganz früh für Verträge aller Art. Die Existenz ist kurz und unsicher. So wird der Mensch manipuliert und gefügig gemacht. Zygmunt Baumann (polnisch-britischer Soziologe, der heuer leider gestorben ist…mehr!) hat einmal gesagt, „der Kapitalismus ist die Fortführung des Krieges nur mit anderen Mitteln“. Einfacher geht´s anscheinend, wenn man mitmacht. Wer will denn schon zu der Verlierermannschaft, Verlierergruppe- / Nation gehören? Für die Menschen, die das Leben nicht in sich sondern in Werbeprospekten suchen, muss es einen Hang geben lieber ein Herdenvieh zu werden, als eine Katze.

Gruppengefühle wachsen, wenn man äußerliche und innerliche Einstellungen zusammenklappt, also „einstampft“ und diese gesammelt der Gruppe abgibt. Die Gruppe bestimmt dann was „In“ und was „Out“ ist. Es muss eine Erleichterung gewesen sein, für diese Menschen ureigene Bereiche ihres Erlebens abzuschalten und diese an ein „höheres“ Wesen abzugeben. Ähnlichen Nutzen stellt ja auch jede andere Form von Gruppierung bereit zum Abruf, so wie die vielen Religionen, die sich dann um die Formulierung der Gruppen-Seele kümmert. Diese „Über-Seele“ soll dann dem Einzelnen übergestülpt werden. Also wieder ein Regelwerk, dem sich die Individuen unterordnen und ihren eigenen Willen und ihre Selbstreflexion abgeben. Es ist wie im Kapitalismus, ein Tausch. Hier gibt man seine Lebenszeit für Geld, das Geld wiederum gibt man dem Baumarkt oder Gartencenter oder irgendjemanden und erhält dafür Dinge, die der Gruppe sagen „Ja! Seht her! Ich gehöre auch zu euch“. Und dort gibt man sein Seelenleben ab. Wenn du nicht brav bist, kommst du nicht in den Himmel, sondern fällst der ewigen Verdammnis heim. Wunderbares Instrument den Menschen schon im Kindesalter gefügig für Ideologien zu machen.

Indivdualität

Ich habe viel ausprobiert in meinem Leben. Von Anfang an war ich stark mit mir selbst verbunden. Meine Träume, meine Talente, meine Vorstellungen waren für mich das wirklich lebenswerte. Ich hatte viele Bilder in mir, von Wäldern in Herbstfarben, von Weiden im Frühling, von Gewitter im Hochsommer. Es waren Bilder der Natur. Starke Natureindrücke, die ich liebte und immer noch davon lebe. Weil sie aus mir kamen und nicht aus dem Fernseher. Es gab aber auch Zeiten, in denen ich unglücklich war, da folgte ich auch der Herde. Ich sah viel Television, viel zu viel. Bis ich mich eines Tages fragte, was ich eigentlich letzte Woche Mittwoch gegen Abend gemacht habe? Nichts es war leer in meinem Kopf. Ein Staubsauger dieser Fernseher! Ich warf den Kasten kurzerhand aus meinem Fenster als ich 21 Jahre alt war. Das haben manche Gruppenmitglieder nicht so schön gefunden. Ich wurde regelrecht bearbeitet, ich solle ihn doch wieder hineinstellen, man wird unglücklich ohne Fernseher! Interessant, was für eine Art mit Menschen umzugehen. Hier das Signal der Herde: jeder Versuch der Abkehr wird bestraft! Ich spürte dabei eine starke Regung in meiner Magengegend, eine Art Ziehen, ein Gefühl, das man in einer Achterbahn oder bei Bedrohungen bekommt. Mein Körper hat mir das Signal gegeben: „Sieh, du weißt nicht mehr was du tust! Du lebst in einer Hülle aus Milliarden Bildern, die irgendjemand, der Geld mit mir verdienen will, weil ich die Einschaltquote erhöhe, geschaffen hat. Mit diesen Bildern wickelt er mich ein und macht mich gefügig. Da ich ohnehin eingesperrt war in diesem Körper, stieß eine tief verankerte Stimme in mir einen Schrei aus und meine Illusion war geplatzt. Die Stimmen in mir waren immer stark, auch die von Verena, nur ich verwendete soviel Energie darauf an, sie zu unterdrücken, dass ich wahrscheinlich für den Gehorsam im Kapitalismus nicht geeignet war, auch die Religion bot mir keine Hilfe. Ich konnte mit dem Bibeltext, den ein Mann in einem meist kalten und schattigen Gebäude vorlas von vor 2000 Jahren nichts anfangen. Wahrscheinlich haben sie damals Menschen wie mich abgeschlachtet. Keine guten Aussichten mir zu helfen. Ich fühlte mich schon sehr früh als Outsiderin, als Abtrünnige, als Feind aller Menschen. Das schwarze Schaf war geboren.

Schaufenster enthüllen die Verzweiflung

Mit der Abgabe seiner individuellen Regungen verliert der Antimensch eine wichtige Farbe seiner Seele. Die Abhängigkeit eines harten Kapitalismus erzeugt, bei den nicht ganz abgekühlten Mitläufern, irgendwann seelischen Notstand. Die Angst herauszufallen und ein schwarzes Schaf zu werden, das Eingeständnis „verloren“ zu haben, den Ansprüchen einfach nicht gerecht geworden zu sein, bringt die Sensiblen unter uns in Not. Und siehe da! Das erkennt sogar der Markt und v.a. der Buchhandel ist mir bei einem abendlichen Spaziergang letzten Sonntag durch die Altstadt aufgefallen. Gerade hier tummeln sich Seelenheiler, Heilpraktiker, selbsternannte Führer, die mit Kalendersprüchen, um die gequälte Seele der kapitalistischen Ausscheidungs- und Abfallprodukte ringen. Und was ist das Ziel? Mit Kitsch und oberflächlichem Gerede wieder Geld machen. Geld aus den Taschen zu ziehen, die ohnehin leer sind, wo der Staat vielleicht mit Hartz IV nachhilft. Folgende zwei Fotos zeugten vom Seelenleben der Antimenschen, die gespürt haben, dass sie doch Menschen sind. In einem Schaufenster eines Buchladens in einer Kleinstadt kannst du einen seelischen Zustandsbericht abfassen. Das erste Schaufenster zeigt die üblichen Kalender, bei denen nur die Jahreszahl neu ist, der Inhalt aber schon X-mal abgedruckt wurde. Dann werden die wenigen Tierliebhaber befriedigt mit Katzen und Hunden. Mehr gibt´s nicht an Tieren. Und was besonders interessant ist, die Häufigkeit von Worten, die die Sehnsüchte des sensiblen Antimenschen ansprechen sollen, Dinge, die in seinem Leben Mangelware sind. Das was er für sein Geld also nicht bekommt. Das viele gedruckte Geschreibsel lockt mit Worten wie „Silent, Süden, Ruhe und Gelassenheit, Wohlfühlmomente, Achtsamkeit, Liebe, Engel, Zen-Budhismus, Lebensfreude-Kalender etc.“.

Im nächsten Fenster geht es darum, Frauen zu ködern. Frauen – anscheinend ist das typisch Frau – stehen für Liebe, pinke und lilafarbene Buchdeckel, sowie Tee. Offensichtlich lesen Frauen auch mehr Gedrucktes, denn für Männer gibt´s rein gar nichts, außer vielleicht die Krimis im dritten Fenster. Das erspare ich aber dem/der verehrten, der verehrten LeserIn.

Fazit

Auf der einen Seite die Verstümmelung der Natur des eigenen Lebensraums (siehe hier!) und auf der anderen Seite Indizien für einen seelischen Notstand. Was das Ganze zusätzlich pikant macht sind dann die „angenommenen“ geschlechterabhängigen Bedürfnisse. Als hätten Männer nicht auch sensible Gefühle und sind manchmal überfordert von den Ansprüchen, die die Gesellschaft und v.a. auch die Frauen an ihn stellen. Er tritt aber nicht auf, schämt er sich Hilfe zu suchen? Das ist aber ein anderes Thema, bekannt unter „toxische Maskulinität“. Der Fakt, dass Männer nach einem sehr starren Rollenbild funktionieren müssen, eine höhere Sterblichkeit als Frauen aufweisen, wohl durch erhöhte Risikobereitschaft und geringere Achtsamkeit. Nachdem die Drogeriemärkte jetzt auch die kosmetischen äußeren Baustellen des Mannes behandeln. Vielleicht gibt es irgendwann eine Bücherreihe, die speziell auf die seelischen Bedürfnisse von Männern zugeschnitten ist. Mir fällt auf, dass häufig die sanfteren Emotionen für Frauen reserviert sind. Die harten Männer bedienen große Maschinen, Motorsägen und ja ein „Indianer weint ja nicht“. Es regiert eine große labile Fassade bei vielen Männern, die möglichst keine Seiten zulassen, die nach dem gesellschaftlichen Kanon der Frau zugestanden wird. In einem Frauenblog habe ich mal gelesen, „Es ist doch ok, wenn ein Mann mal Emotionen zeigt, nur zuviel darfs halt auch nicht werden!“. Ohje, die konservativen Frauen, die heute zurecht in einer besseren Position leben als noch vor 40 Jahren, als Frauen klein gehalten wurden. Diesselben Frauen sprechen von „Witzfigur Mann“, wenn dieser mal einen Rock anziehen würde.  Weinen, feminin wirken, das wird dann als „schwul“ diskriminiert. Keine „richtigen“ Männer sind sie, wenn sie nicht die notwendige Härte zeigen. Deshalb bei vielen Antimenschen auch der Doppelvergaser, das 200-PS-Monster, das keiner braucht, das nur dazu da ist, Stärke zu präsentieren. Aber was ist das für eine Stärke? Ist das nicht auch irgendeine Maske, ein verstecktes Ich? Das vielleicht gern mal Schwäche zeigen würde? Ich glaube, dass viele heutige Probleme der westlichen ultrakapitalistischen Gesellschaften an diesem starren Männerbild kranken. … Fortsetzung folgt…

 

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