Cover von FEEL… | Kunst als Therapie

In der Kunst blicke ich in mich hinein. Da ich sehr introvertiert bin, war das Zeichnen bereits als Kind ein starker Fluchtpunkt, dem zu entfliehen was von außen her dröhnt.

Kunsttherapie

Um der Umwelt für einige Zeit zu entfliehen und in mich eintauchen zu können, zeichne ich wo immer ich die Möglichkeit habe. Transition ist ein harter Kampf, du lebst in einem Zwischenstadium und kämpfst gegen Behörden, Auflagen von Krankenkassen, gegen die Transphobie der Gesellschaft und manchmal glaubst du es geht nicht weiter und willst einfach nur aufgeben.

Die Kunst ist für mich eine Reise in mein Inneres, eine therapeutische Hilfe in schweren Zeiten. Da sie ein integraler Bestandteil meines Charakters ist, lebe ich sie stärker als je zuvor aus. Denn das hat Andreas in seinem Kern gewusst, dass er gern malt und Künstler wäre. Genauso denkt Verena. Das ist unsere Schnittmenge! Und nicht diese verrückten Klettereien oder Rennradtouren bis zur totalen Erschöpfung. Ich erschöpfe mich immer noch, klar. Wahre Kunst muss für mich erschöpfend sein, denn nur so gelange ich zu neuen Bildern, die das zeigen, was für mich den Sinn ergibt. Ich finde den Sinn allein im Malen. Das ist vielleicht der Urgrund meines Lebens.

Verlust von Andreas

Ich gebe zu ich hatte Tränen in den Augen als ich sein Hemd irgendwo in Zentralspanien in der Mancha an einen trockenen Busch gehängt habe, oder als ich sein Lieblingsshirt in einen Mülleimer an einer verlassenen Tankstelle gesteckt habe und darüber Müll von den Gästen. Ich muss wieder weinen, wenn ich nur daran denke, dass ich ihm auch dankbar bin, dass er mich endlich losgelassen hat.

Meine Jeansjacke – als Erinnerung an „Ihn“

Ich weiß wie tief er gelitten hatte, so viele Jahre in einer Paralyse, einem Gefängnis. Wie verzweifelt er nur war, das spüre ich jetzt. Damit ich die Verzweiflung und das absichtliche Verlieren seiner Kleider, verkraften konnte brauchte ich ein neues Motiv. Vor bald drei Monaten ging eine schwierige Zeit zu Ende. Ich war von Mai bis Anfang Juli als Reiseleiterin auf Tour in drei verschiedenen Ländern. In Spanien verlor ich absichtlich die Kleidung von Andreas. Ich hatte diese dabei, da ich ja noch Andreas spielen wollte. Aber Andreas war schon weit weg, so dass ich gar nicht mehr verstand, wie ich so tun sollte als ob er noch da wäre…

Ehrlich gesagt fiel es mir nicht gerade einfach seine Klamotten einfach zu verlieren. Es war wie eine Beerdigung. Denn irgendwie war er so lange ein Teil von mir und er war nicht an allem Schuld. Er hat die Ängste von so vielen Menschen verkörpert, NICHT, ja NICHT das zu werden, was er/sie/ich wirklich bin. Aber ich musste die Dinge loswerden, denn es war ein Neuanfang. Nur eine Jeansjacke behielt ich als Andenken an ihn. Mit ihr male ich meine Bilder, wenn es etwas kühler wird.

Iris oder die Linien des Lichts

Für die lange Reisezeit im Frühjahr diesen Jahres, brauchte ich ein passendes Motiv. Augen sind Fingerabdrücke der Menschen. Transgender verändern zwar ihren Körper aber ihre Augen bleiben immer gleich. Doch was passiert mit dem Licht, wenn es zwar durch dasselbe Tor fällt nur aber auf einen anderen Hintergrund? Ein anderer Mensch, der dahinter lebt. Die Linien der Iris, sind Linien des Lichts. Sie sind Muskeln und reagieren auf die Lichtstärke. Ihre Aufgabe ist es die Pupille das Einfallstor des Lichts zu vergrößern oder zu verkleinern. Viel ist durch meine Augen gegangen und hat sich eingebrannt auf den Hintergrund. Doch der Hintergrund war nicht wie viele vermutet haben ein Mann. Er war eine Frau. All das was mir an Blicken zugeworfen wurde, fiel auf Verena. Das Auge ist mein Zentrum, das Centre, der Grund, weshalb ich lebe. So kam ich zu diesem Motiv.

Centre No. 1 (Pencil on Paper, 42×60 cm)

Verbindung zur Musik

Ein guter Freund aus Graz, half mir häufig aus meinem Leid aufzusehen und mich ihm über die Kunst und das Menschsein verbunden zu fühlen. Er ist Musiker und bringt dieses Jahr sein neues Album „Time is Running“ heraus. Eines Tages im Januar 2017 fragte er ob ich nicht das Album mitgestalten wollte. Ich war sofort begeistert, denn wir haben uns schon vor dem Outing sehr häufig über das Leben als Künstler unterhalten. Da ich kaum Menschen kenne, die über ihr Inneres gehen und der Welt ihre Gefühle über Bilder oder Musik zeigen, habe ich mich ihm stark verbunden gefühlt. Einmal sagte er in einer Grazer Kneipe: „Der Künstler ist verletzbar, denn er operiert mit offenem Herzen“. Das kannte ich. Was aus dir heraus kommt, sei es gut sei es schlecht, ist jetzt angreifbar, kritisierbar in der Außenwelt angelangt. Das was verborgen war im Licht deiner Gefühle, bewegt sich jetzt im Licht unter den Menschen. Da ich kein Herz zeichnen wollte, nahm ich das Auge, insbesondere die Iris als Bestandteil der Kommunikation des Künstlers mit seinem Inneren und dem Äußeren. Das Auge ist also der Beginn einer Kette von Ereignissen, gut oder schlecht. Sie geschehen.

Kunst-Ertrag

„Ein Bild ist ein Werk der Kunst, nicht weil es modern ist oder alt, sondern weil es ein ehrlicher Ausdruck menschlicher Gefühle ist.“ John F. Carlson (mehr von John F. Carlson…hier!)

Das Zitat habe ich bei einem kanadischen Maler (Mitchell Albala…hier!) gefunden, den ich sehr für seine semiabstrakte Malerei verehre. So also habe ich mein Motiv für das Album von FEEL gefunden, ein Motiv, das mich gleichzeitig erlöste, vom Gefühl wieder etwas verloren zu haben, wofür ich lange gekämpft habe. Meine halbwegs konsistente Ersatzperson namens „Andreas“. Einem Song fühle ich mich besonders verbunden. Der Titel „Mask“ von FEEL, fragt mich, ob ich wirklich lebe, ob ich wahrhaft lebe, und nicht etwas vorspiele, was ich nicht bin. Nur um das „Ja, ich mag dich!“ in den Augen der Anderen lesen zu können. Sich betrügen für das Gefühl akzeptiert zu werden. Hier noch ein paar Bilder des neuen Albums:

 

 

 

 

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2 Kommentare bei „Cover von FEEL… | Kunst als Therapie

  1. Die Geschichte von Verenavermas.de, hat mich sehr berührt und ich finde Verenavermas.de eine sehr authentische Person die sich auf keinen Fall verstecken sollte.
    Ich bin sehr dankbar dass du dich mit diesem Thema in die Öffentlichkeitkeit getraut.
    Alles Liebe und weiter so!

    1. Danke Johanna deine Zeilen haben mich sehr gefreut! Mit der Transition habe ich viel zu lange gewartet, ich hoffe ich kann andere ermutigen, den schönen aber leider auch etwas schwierigen Weg zu gehen. Weil ich momentan auch in keiner regelmäßigen Therapie bin, schreibe ich hier, mir geht es besser wenn andere „mitlesen“. Danke dafür!
      LG VV
      🙂

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