Jetzt in den Wolken gehen lernen…Shizophren? | 6. Monat Transition

Shizophren?

Ich glaube, wenn man Trans ist, legt man sich eine künstliche Identität zu, um einen geeigneten Weg zu finden zu überleben. Vielleicht sind wir in der ganzen Zeit bis zur Transition immer ein wenig shizophren. Nach der Befreiung verändert sich die Einstellung zu dem eigenen Wächter, denn plötzlich sitzt niemand mehr im Kerker und niemand bewacht das Loch in dem man steckt. Bei mir steckte Verena in dieser dunklen Welt, und sie sah ja praktisch nie das Licht! Jetzt wo ich, wirklich ich bin, und Verena lebt, kommt mir manchmal die Frage, wie ich zu diesem Andreas stehen soll. Soll ich ihn hassen? Soll ich ihn aus meinem Kopf löschen? Bei diesen Fragen spüre ich aber gleich, dass das völlig unmöglich ist. Der größte Unterschied war das Aussehen und viele Charakterzüge, die Andreas nicht leben konnte, jetzt aber schon. Also ich sehe noch viele Verbindungen, die mich mit meinem eigenen Wächter verbinden. Er tat es ja nicht völlig freiwillig mich da einsperren. Familie, Freunde und Bekannte halfen ihm. Trotz dieser traurigen Gedanken, von Verlust und Sehnsucht, bin ich glücklich, dass ich jetzt leben kann.

Manchmal denke ich an meine Kindheit. Irgendwann, war da plötzlich Verena, sie machte die Augen für ein paar kleine Momente auf. Was leider immer mit angstvollen Blicken und Zurückweisung beantwortet wurde. Also halfen sie, der männlichen Haut eine Identität aufzubauen, die das Innerste wegsperrte. Welcher Vater will einen schwulen Sohn? Mädchen sind aber nicht schwul, und außerdem ist es völlig egal, was wer was mag, es geht keinen was an. Schön, dass sie wenigstens ein paar mal wirklich da draußen war, bevor diese 30 Jahre Gefängnis kamen…

Wolken

Er hat mich los gelassen. Sein eiserner Griff ist schwach geworden. Ich suche jetzt eine Gelegenheit ihn zu verabschieden. Denn irgendwie verfolgt er mich immer noch. Ein Schatten besteht aus mehreren Leben. Ein Film aus Millionen Bildern. Für ihn ist es jetzt Zeit geworden, wieder zu gehen. Die Abdrücke an meinem Hals verschwinden. Das Blut kehrt zurück in mich, ich habe zwar Schmerzen, aber die gehören jetzt allein mir. Er sieht mir nicht mehr zu. Manchmal ertappe ich mich beim Gedanken an ihn und glaube ihn nie gekannt zu haben. Als wäre er nie dagewesen, lebe ich in einer neuen Welt. Aber Wolken umgeben mich und lassen mich in Ungewissheit was ich bald erleben werde. Ich habe vor vier Tagen eine Tür erneut geschlossen. Da Verena einsam war und ihr Körper sich nicht mehr bewegen ließ, lag sie lange Zeit in ihren weißen Kissen. Eines Tages legte sie ihre großen runden Ohrringe an. Es schmerzte und das Blut tropfte aus dem rechten Loch. Seit sie denken kann, wollte sie solche Ohrringe. Er hat es ihr verboten. Sein Zorn sah sie an und zerquetschte ihren Blick, seine Pupillen waren schwarz und kalt. Darin ging sie langsam zurück an ihren Ort, wo niemand sie sah, schwarze Wolken umgaben sie.

Ohrringe

Nie durfte sie welche haben. Er übernahm den Zorn der anderen und klebte ihren Mund zu. Im Stillen aber trauerte sie vor sich hin. Jahrzehnte lange Trauer. Als er wieder schwach wurde, zerriss das Bild und sein Blut wich aus seinen Augen. Leer starrte er zu ihr hinunter. Die zwei Ringe, die sie ansahen, waren tot und durchsichtig. Hell und strahlend floss das Licht der Freiheit durch das Gitter der Härte, der Kälte, der Scham und des Hasses. Also bist du fort? Fragte sie. Hast du wirklich aufgegeben und das Tor aufgeschlossen? Deine Scham war nicht real, denn du wusstest doch immer, dass DU in Wahrheit ICH bin und ICH in Wahrheit DU bin. Leider wuchs deine Abneigung gegen die Wahrheit mit dem kalten Gesicht der Menschen, die mich nicht sehen wollten. Und du warst feige. Sie sagten, dass das nicht geht. Er solle sich anders verhalten, er solle sich andere Klamotten anziehen, er solle so nicht sein, so nicht gehen, sieh seine Ohren stehen ab und seine Augen fallen aus seinem Gesicht. Er gehört verdrescht. Und er wurde verdrescht. Man zog ihn unter die Fichten. Der Schnee fiel, die Lehrer gingen auf und ab. Doch niemand sah was sie ihm antaten. Wenn man nicht ist wie die anderen, wenn man nicht auf die zornigen Gesichter hört, verdient man es geschlagen zu werden. Jeden Tag, grundlos. Als er am Boden lag und nicht mehr atmen konnte, fragte er sich, wozu er eigentlich auf dieser Welt ist. Das Geheimnis von Verena täglich verstecken zu müssen, aufgrund seiner Hässlichkeit und seines komischen zurückhaltenden Verhaltens permanent in der Schule gequält zu werden, die Zurückweisung der Liebenden bei Verenas Augenaufschlag, all das machte seine Existenz unerträglich. Sie wünschte sich Ohrringe, er sagte, es gehe nicht, denn was sollen die anderen denken? Sie wollte mit den anderen Mädchen im Sportunterricht tanzen und schweben, aber es gab keinen Weg dort hinüber, da er, ein er war, ein Stück unnütze Haut, ein kleiner Organismus, der es von Anfang an verdient hatte geschlagen zu werden. Und so lebten beide noch lange vor sich hin, die anderen schlugen ihn und deshalb unterdrückte auch er sie, würgte sie, so dass ihre Eingeweide schmerzten, und er versuchte zu vergessen. Eine Kette langer Peinlichkeiten.

Er vergaß sie noch für ein paar Umrundungen, um die schöne Sonne, bis zum nächsten Fall.

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