Auf dem Weg von allem Sein | Wie es ist, jetzt.

Vier Tage noch

So schwer dieser Monat. Man hat mich darauf vorbereitet, genug darauf hingewiesen, immer wieder und wieder. Mit Zeigefinger und hochgezogenen Augenbrauen, hat man mir gesagt: Verena, bitte pass auf dich auf. Dieser sechste Monat wird schwer werden für dich. Bei den meisten ist das so. Bist du melancholisch? Depressiv? Versuche daran zu denken: Du bist Mitte 30 und es ist alles ok. In deinem Kopf aber bist du jung, wirst jeden Tag jünger. Verena, du weißt du bist 35, wenn es kommt. Es kann sehr schwer werden, so heftig kann es kommen und auch wieder gehen, so sehr. Im August und September, bitte versuche dir Ruhe zu geben. Was wirst du im September machen? Hoffentlich gibt es Möglichkeiten, bei denen du dich erholen kannst. Es wird wirklich anstrengend. Der Höhepunkt deiner Transformation wird im sechsten Monat kommen…

Und es kam. Es kam so heftig wie er es mir erzählt hat. Ich würde das Bett aufsuchen, im Kopf die Vorstellung: es ist aus, ich kann nicht mehr, am liebsten möchte ich nicht mehr aufstehen. Mir wird heiß und kalt gleichzeitig, der Puls schnellt in die Höhe und doch bin ich paralysiert, ich sehe alles durch verschwommenes Glas, die Konturen beginnen zu verschwinden. Vor dem Fenster singt ein Vogel, Wolkentürme stehen und beugen sich langsam über die Stadt. Dann verschwinden sie mit der Sonne und der Mond beginnt zu leuchten. Es ist lange her als ich ihn beachtet habe. Die Wärme verschwindet aus meinem Körper. Die Hoffnung auch. Alles scheint zu verschwinden, oder noch nie dagewesen zu sein. Ich bin nicht mehr hier.

Nullpunkt

Mir ist kalt. Wenn ich die weiße Wand betrachte glaube ich mich nicht mehr zu spüren. Mein Körper bewegt sich nicht mehr. Nur in meinen Gedanken flimmert in der Ferne noch meine Gestalt. Von hier erreiche ich sie nicht mehr. Sie befindet sich auf weitem Feld. In der Ferne ringsum, nichts. Auf ihrem Weg ist sie gestolpert und hingefallen. Da es niemanden gab, der ihr entgegenkam oder ihr folgte, da es überhaupt niemanden mehr zu geben schien in diesem Bild, lag sie regungslos. Eine Schar Krähen flog auf und zog über sie hinweg und weiter über die große Leere.

Ihr Mund war leicht geöffnet und warme feuchte Luft strömte sacht aus ihrem Körper hervor. Als die Vögel am Horizont in grauem Schimmer verloren gingen, öffnete sie ihre Augen. Vor ihr lagen Steine, Splitter von Getreide. Lange bevor sie hier entlang ging, war das Getreide schon abgeerntet. Man hat es mit Pferdewägen in die Dörfer der Bewohner dieses Landes gefahren. Man hat in die dunkelbraune Erde das übrige beige Getreide eingearbeitet. Manchmal ragten aber wie Zähne die scharf abgeschnittenen Stoppeln in die Luft.

Stille

Woher der Sturz kam, weiß sie nicht mehr. Es war auch egal. Sie lag ohnehin und konnte nicht mehr gehen. Als es langsam kalt wurde und sie die Wärme des Tages auch aus ihrem Körper verlor, begann es langsam zu regnen. Bald war sie ganz nass. Die Kleidung klebte und war angefüllt mit Wassertropfen. Dunkel waren die Wolken und still. Von der Heiterkeit in die Traurigkeit, helles in dunkles verwandelt mich. Das Land füllt sich ebenfalls mit Wasser. Aus jeder Richtung kamen dunkle Wolken und schwebten über ihre liegende Gestalt. Dunkelheit verbarg sie. Nur ihr Kleid war hell, ein kleiner Fleck, ein menschliches Zeichen. Unermüdlich hämmerte der Regen gegen ihren Körper, gegen ihre Augen in ihr Ohr. Sie aber spürte ihn nicht mehr, denn sie fühlte sich nicht. Ihre Gestalt war verschwommen. Wie sie hierher gekommen war, konnte sie sich nicht erinnern. Es waren Menschen da, als sie den ersten Schritt machte, es waren Schriften und Wegweiser. Sie konnte sich einige Zeit orientieren und glaubte auf dem richtigen Weg zu sein. Doch wo war die Sonne dieses heiteren Tages hin verschwunden? Die Erde drehte sich, doch konnte sich die Sonne so lang nicht verstecken? Oder etwa doch? Das Erinnern fiel ihr schwer, verschwand in einem schweren Anflug von Finsternis.

Sinken

Vom Regen verwandelt war die Landschaft nicht mehr sichtbar. Vor ihren Augen begann sie langsam zu sinken. Sie spürte wieder ihren Körper. Er begann schwer zu werden. Von ihrem Sturz hat sie sich nicht mehr aufhelfen können. Die Stelle an der sie sich befand war durch ihre Schwere eingedrückt. Der Regen hämmerte und es sank das Land in sich selbst hinein. Sie spürte plötzlich das Wasser an ihrem Auge, es juckte und zerrte an ihren Wimpern. Es schwappte und jeder Tropfen, der in die wogende Wasserfläche schnellte zerspritzte und traf ihr Gesicht. Doch waren ihre Augen die ganze Zeit geöffnet, wie ihr Mund durch den Wasser langsam eindrang. In den Zeichen meiner Menschlichkeit sah ich kein Fortkommen mehr. Die leere Gegend war jetzt voller Wasser. Von ihrem Weg sah man nichts mehr, nur das wogende Wasser wohin man sah. Als es wieder Tag wurde, hatte sich das Wasser beruhigt und lag wie ein dünner Spiegel. Kein Schatten entstand. Die Sonne schickte grelle Strahlen über den Ozean. In dieser Stille regte sich ein Kräuseln von unbekannter Tiefe. Doch niemand sah es, niemand war da es zu hören. Und so sank die Stille in mich ein.

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