Bergtour 2017 | Wo „Er“ häufig war…Bergsteigen als Therapie

Geht das noch? Bergsteigen?

Lange habe ich gebraucht bis ich die Wanderung, und am Ende das Steigen auf den Gipfel des Lechtaler Berges „Wetterspitze“ verwirklicht habe. Bin ich bis 2014 fast jedes Jahr mehrmals auf Berggipfel gestiegen und habe dort übernachtet, so habe ich das in den letzten Jahren vergessen. Wie so vieles. Während der Transition spüre ich den Drang wieder hinauszugehen. Nicht nur vor dem Spiegel stehen. Am Freitag, den 26.08.2017 war es soweit. Ich fuhr über alte Straßen, bog ab und stand am Parkplatz auf 1300 m. Die Sonne sank, es wurde dunkel. Da nahm ich meinen Rucksack und stieg in die Berge. Nach etwa einer Stunde Anstieg – bis zum Gipfel sind es 4 Stunden – kam ich an einem Jägerhaus vorbei. Ein alter Mann wusch sich draußen in der Dunkelheit. Ich konnte seine abstehenden Haare sehen, die als Kranz seinen Kopf umrundeten. Ruhig ohne Geräusche ging ich an ihm vorbei. Das Licht schaltete ich aus.

Kühe als Hindernis

Nach einiger Zeit blickte ich in ferne glänzende Kuhaugen, viele viele Augen starrten in mein Licht. In mir regte sich Furcht. Es war halb 12 Nachts. Ich wusste nicht wohin, es gab keinen guten Platz zu schlafen. Später ging ich nach links in den Hang und suchte eine ebene Fläche, möglichst unter einem Baum. Ich fand viel Kuhfladen, eine große Wespenspinne, gelb, schwarz gefärbt. Um ein Haar wäre ich hineingetreten. Mehrmals leuchtete ich in die Landschaft. Hoffentlich gibts hier keine wilden Viecher. Früher war das alles einfacher. Und ein Baum wäre auch gut, wegen dem Tau. Bei klaren Nächten taut es extrem. Am nächsten Morgen kann es sein, dass der Schlafsack komplett nass ist. Also gut ich fand nichts. Es gäbe allerdings noch die Möglichkeit weiter zu gehen weiter bergan. Aber die Kühe! Ach ich will nicht durch die Weide gehen. Ich hatte schon einmal ein sehr schlechtes Abenteuer erlebt, als mich eine wilde Kuhherde verfolgte und ich über den Stacheldrahtzaun springen musste.

Mut

Ich dachte mir ständig. Ach, geh, komm, geh doch durch die machen nichts, das sind liebe Tiere. Aber ich glaubte der Stimme nicht. Stattdessen drehte ich nach erfolgloser Suche nach einem Schlafplatz um und ging zurück Richtung Jägerhaus. Ich schämte mich wegen meiner Feigheit. Links von mir blinkten die Stromaggregate für den Zaun. Wenn ich sie für ein wildes Tier hielt erschrak ich wieder fürchterlich. Ok ich war fast beim Jägerhaus, da sagte ich mir, probiers einfach. Leuchte den Tieren mit deiner starken Taschenlampe einfach in die Augen. So können sie dir nichts anhaben. Wer geblendet wird ist bewegungslos. Gut machen wir das. Ich gehe zurück. Am Weidegatter angelangt, sehe ich wieder vielen Tieraugen. So in der Nacht meint man es starren einen Geister an ohne Körper. Nur das Glockengeläut entlarvt sie als Kühe. Dann stehe ich plötzlich auf der anderen Seite. Mitten in der Kuhherde. Ich leuchte ihnen ins Gesicht. Ein Kalb steht derweil auf und kommt auf mich zu. Wenngleich langsam spüre ich, dass die Situation nicht unbedingt komfortabel ist. Die Mutterkuh jedenfalls nimmt mich ins Visier und geht auf mich zu. Das Blenden bringt rein gar nichts.

Rückzug

Ich entschließe mich nach erfolglosem Versuch durch die Kuhherde zu gehen für den Rückzug und Aufstieg zur Kaiserjochhütte. Sie liegt auf etwa 2300 Metern. Dort habe ich Schutz und spare morgen Zeit. Der Wetterbericht sagt nichts Gutes voraus. Eventuell starker Regen mit Gewittern im Laufe des Tages. Gut ich tu es. An der Alphütte beim Jägerhaus, sehe ich ein Vordach und überlege dort zu nächtigen. Aber am morgen kommt dann der Bauer und schimpft. Schon oft erlebt. Ich gehe zum Joch, fertig aus. Die Kühe können mich mal und der ferne Hund auch. Ich hoffe nur es kommt kein Bär. Mann, denke ich mir Verena, bist du vielleicht hysterisch…beruhige dich doch. Da gehe ich schon hoch. Etwas über 2 Stunden dauert der steile durch Bergwiesen führende Weg, der sich im scharfen Zickzack den Berg hoch windet. Mehrmals denke ich, super hier könntest du gut schlafen. Doch ich habe irgendwie das Gefühl ich müsste es unbedingt zur Hütte schaffen auch wenn die um halb 3 nachts zu haben. Irgendwas wittere ich. Nach zähem Anstieg geht es gemächlich über eine Alpwiese dahin. Jetzt sehe ich das ferne Licht der Hütte. Noch am steilen Hang beschäftigt mit Schnaufen und Schwitzen, sehe ich im Nordwesten einige dunkle Wolken heranziehen.

Glück gehabt

Nicht nur die Wolken, auch das Wetterleuchten, bedeuteten mir nichts gutes. Auch wenn der Wetterbericht sicher war, dass heute nichts mehr kommen würde. Ich traute nur meinen Augen. Und es kamen immer mehr Wolken, die auch noch so komisch herunterhingen. Ich beeilte mich etwas, machte weniger Pausen. Müde war ich! Es war halb 2 nachts. Endlich angekommen an der Hütte machte ich mir einen schönen Schlafplatz an der Wand des Winterlagers. Da gab es eine schmale Kuhle, überdacht und perfekt zum schlafen, weil auch weg vom Haupthaus. Es kam aber alles anders. Im Schlafsack kuschelte ich mit meinem kleinen Maskottchen und schlief schnell ein. Nach etwa einer halben Stunde jedoch, weckte mich lauter Donner. Ich erschrak und mit offenen Augen sah ich in der Nähe einen Blitz. Dann begann es zu tröpfeln und schließlich heftig zu regnen. Ich rannte im Gewitter zum Haupthaus mit meinem Schlafsack und Affen. Dann dachte ich mir nein. Wenn der Blitz quer schlägt bist du weg. Außerdem brennt hier hell die Außenbeleuchtung.

Vom Regen in die Kloake

Und wieder rannte ich durch den Regen rüber zu meinem vorherigen Schlafplatz. Diesmal aber stieg ich die Treppen hinunter. Ich hatte vorher schon bemerkt, dass es hier hinunter ging. Hier fühlte ich mich sicher, doch mich irritierte der Geruch. Dachte mir aber nichts dabei. Blitze flogen durch die Luft vor mir und ich breitete während dessen meine Schlafsachen aus. Da merkte ich, dass das nicht funktionieren würde und probierte durch die Tür zu gehen. Sie war zu meiner Verwunderung offen. Also ging ich hinein. Der Gestank wurde aber stärker und da sah ich auch die Ursache. Ein Haufen Kot, menschliche Exkremente lagen auf einer Schubkarre. Links Kanister mit Frostschutzmittel und rechts ein nach unten offener Trichter durch den die Scheiße von oben in die Schubkarre tropfte. Das also war der Gestank, ich stehe hier in der Toillettenspülung in der Kloake. Also wieder hinaus.

Die restlichen Stunden der Nacht…

…verbrachte ich dann doch unterm großen Vordach. Einmal hörte ich eine Person die Treppen hinunter steigen und dachte: „wieso müssen diese Bergfritzen immer gleich um 4 Uhr aufstehen. Als würden sie immer was verpassen wenn sie bis neun Uhr schliefen…“ Etwas grantig wegen des abenteuerlichen Abends, der Kacke und den Kühen, schlief ich dann ein. Mein erster Blick zeigte mir einen schönen Morgen. Sanftes Gelbrot fiel auf die nördlichen Kaunertaler Alpen, mit dem Hohen Riffler, auf dem ich 2003 schon eine Nacht verbracht hatte. Da war ich dann froh hier zu sein, und nicht unten im Tal irgendwo in einer Wiese. Denn der Regen war wirklich heftig geworden. Ich hätte kein Auge mehr zu bekommen nach dem Gewitter, denn meine Sachen waren schutzlos. Dummerweise habe ich mein Regencape vergessen, das ich immer über den Rucksack werfe, so dass der Inhalt trocken bleiben kann. Ich war glücklich bei der Hütte gestrandet. Es konnte also gleich in der Frühe weiter gehen auf die Wetterspitze…

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