Was ist los mit den Menschen und ihre Beziehung zum Leben? | Der Antimensch

Zwischendurch

fallen mir Dinge auf, die sind einfach schrecklich. Gestern ging ich spazieren. Raus aufs Feld am Sportheim vorbei, wo Jungs gerade mit Fußball fertig waren. Ich ging direkt auf dieses Sportheim zu, weil ich dachte der Weg würde weiter führen. Tat er aber nicht. Zu meiner Rechten sah ich aus dem Augenwinkel, wie sich die Spieler in die Hände klatschten.

So etwas konnte ich nie. Nicht einmal als Typ. Sie schickten mich zwar zum Fußball, sie kauften mir auch Fußballschuhe, aber alles vergebens. Bald landete alles in der Schuhblade. Ich war für die Verteidigung eines Tores vor wilden Kerlen nicht geschaffen. Mir war auch dieser schwarz / weiße Ball egal. Nichts war mir mehr zuwider als hinter einem Ball her zu springen. Diese Gedanken bestimmten meine Schritte. Während ich den Jungs zusah, fühlte ich eine große innerliche Erleichterung. Ich würde niemals wieder mit in diese Männerwelt hineingezogen werden.

Ich bin eine Frau! Wie gut sich das anfühlt. Ich darf weinen, Emotionen zeigen, darf alle erdenklichen Klamotten anziehen, darf Männer und Frauen küssen. Und dort sind die Sportheimfreunde geben sich ein High-Five und grunzen unverständliche Dinge. Arme Männerwelt, arme, arme Männer. Sie haben Angst ihre Männlichkeit zu verlieren, wenn sie menschlich werden. Wenn sie Emotionen zeigen. Dünne und brüchige Schicht, ein lauwarmer Anstrich zum Schutz vor der Bezeichnung „Bist du etwa schwul?“. Ich würde am liebsten sagen – wenn ich noch Kerl wäre – ja klar du Idiot. Ich bin alles was du sein willst. Es ist mir egal eure gefesselte Kooperation, eure Angst, vor einem frischen Wind, der eure Firnis abträgt.

Das ging mir durch den Kopf und ich fühlte mich wohl. Sauwohl. Dann machte ich kehrt, fummelte an meinem schönen blauen Schal herum und richtete mir die Haare. Ich genoss es – ich sein zu können.

Feldwege

Hier hat man zwischen der Alb und den Wäldern von Augsburg eine flache Landschaft vor sich liegen. Die entfernten Hügel im Norden und im Süden umgrenzen die von Landwirtschaft geprägte Gegend. Die Donau strömt hier weiter südlich in trägem Lauf, da eine Staustufe nach der anderen errichtet wurde. Die Natur selbst, nicht nur die menschliche, wird von der Gesellschaft ebenfalls in „korrekte“ Bahnen gelenkt. Ich fühle mich der Natur verbunden, leide mit ihr, wenn sie so vergewaltigt wird.

Ich gehe also zwischen Mais- und Kleefeldern dahin. Der Himmel ist großartig, im Westen schimmert zartes Goldgelb das sich stark verdünnt an den Rändern und in sanften Übergängen viele Rot-, Gelbschattierungen annimmt, die mit der Entfernung zur Sonne immer kühler und dunkler werden. Ganz spät entsteht an denselben Wolken, die gerade noch goldrot waren, ein kühlblauer Schatten. Bis es ein Graublau und ein Schwarzgrau wird. In dieser Wolkenstimmung gehe ich in ein Dorf.

Hier haben sie einen Zebrastreifen vergessen bzw. einen Fußgängerweg. Autos haben Vorrang. Ich spaziere durch das kleine Dorf. Während ich gehe blicke ich in Gärten, in Hofeinfahrten und freue mich still über den kleinen Fluß „Egau“. Dort neigen sich Weiden und Gebüsch über die Wasserfläche. Die Sonne lässt das Grün der Blätter leuchten und taucht die Szene in eine abgeschieden schöne Stimmung. Mitten im Dorf, wo Quads, Motorräder, grelle Autos durchfahren.

Deutsches Architekturgrün – auf dem Vormarsch?

Am Ende des Dorfes kommen dann Häuser. Neubauten wie man sie überall sieht. Der Stil? Nichtssagend. Irgendein Architektenbüro war zu oft in Italien im Urlaub und war doch sehr stark mit der heimischen Kastenbauart verbunden. Damit entstanden, leicht mediterran angehauchte Häuser. Es waren aber kalte Häuser. Der Bürger liest seine Urlaubskataloge und träumt von einem mediterranen Leben, er liebt die offenen Menschen, die verwinkelten Gassen und kann doch nicht aus seiner Haut. Der Deutsche fährt nach Spanien, um Spanien zu genießen. Und gleichzeitig will er das zerstören, was er sucht, eine Welt, die er nicht hat und nach der er eine gewisse Sehnsucht spürt. Sonst würde er im Bayerischen Wald Urlaub machen und nicht in der Toskana.

Bitte ihr lieben Deutschen, ihr braucht euch doch nicht lächerlich zu machen. Warum biedert ihr euch jedem Möbelhaus, jedem Garten- und Baumarktcenter an? Weil ihr nicht wisst was ihr mit eurem Geld tun sollt? Ich gehe und bin erstaunt. Diese Menschen pflanzen sich verkrüppelte Bäumchen in ihren Garten, die den Namen gar nicht verdienen. Traurige Missgeburten prangen hinter grün lackierten Gitterzäunen. Abschreckend. Ich muss das photographieren denke ich. Hier bitteschön macht euch ein Bild!

Was ist geschehen mit euch? Betrachtet ihr die Natur nach technischen Maßstäben und auch euer Leben? Gärten ohne Seele, Häuser ohne Charakter. Einheitsbrei. Das was vor Jahrzehnten, den Namen „gesichtslose Städte“ in die Köpfe der Menschen einging hat sich verstärkt und ist auf den neuen Menschen, den von mir genannten „Antimenschen“ übergegangen. Die Menschen hier leben ein Werbeprospekt eines Baumarkts. Das sind die Bilder der Werbematerialien, wie sie millionenfach in Bayern, in Deutschland in ganz Europa gedruckt und nun auch real gelebt werden. Menschen mit eigenen Ideen? Absolute Rarität hier. Ich kann bei meinen vielen Spaziergängen die Häuser mit hübschen natur- und menschennahen Gärten an der Hand abzählen. Mit welchen Bewohnern der beiden folgenden Bildern würdest du gerne in nebeneinander in einem Krankenzimmer verbringen, oder in einem Fahrstuhl, oder Wirtshaus?

Bild A: Granitsäulen und ein paar brutal verstümmelte Halbpflanzen, Hybriditäten des Antimenschen.
Bild B: Himmelblau gestrichen, an den Rändern des Asphalts sprießen sog. „Unkräuter“, Ein Baum und viele Topfplanzen. Die Vielfalt ist hier eindeutig höher als bei Bild B.

 

 

 

 

 

 

 

 

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