Begegnung mit dem anderen Geschlecht | Alltagstest II

Im Alltagstest in der Transition von Mann zu Frau

Der Alltagstest ist die persönliche Prüfung in deiner neuen Rolle zu bestehen, zurecht zu kommen und viele neue Erfahrungen zu machen. Das bedeutet für viele in einer späten Lebensphase nochmals Gehen zu lernen. Es ist ein Abenteuer und bietet viele positive und negative Erlebnisse. Du bewegst dich in einer Achterbahn, die mit hoher Geschwindigkeit eine fast endlose Fahrt aufgenommen hat. Dass du auch noch in der zweiten Pubertät steckst macht die Sache besonders interessant. Nach der männlichen Pubertät, die mich mit Suizidgedanken belastet hat, genieße ich die weibliche Phase mit allen körperlichen und psychischen Veränderungen. 

Wenn man langsam zur Frau wird, kommen irgendwann auch die Momente, wo man plötzlich für Männer interessant wird. Das ist für mich eine große Bestätigung. Momentan ist es mir relativ egal welche Männer mit mir flirten versuchen oder mir hinterher schauen. Ich komme an beim anderen Geschlecht, ich mache also etwas richtig und habe deshalb gute Chancen als Frau ein gutes Passing zu erreichen. Hätte ich mir niemals gedacht! Ein halbes Jahr nach Beginn der Hormontherapie! Niemals. Umso glücklicher bin ich, dass meine Träume in Erfüllung gehen. 

Folgende Zeilen beschreiben ein heißes Erlebnis in Graz im Hochsommer, wo ich stark geschwitzt habe, nicht nur weil es tatsächlich mit 35° relativ heiß war…

Frau im Park – jetzt bin ich Frau

Alltagstest. Es geht los. Frau setzt sich schweißgebadet von der Hitzewelle in den Park in den Schatten. Die Hitze ähnelt einer starken Irritation, einer Beize. Sie flieht vor ihr in den Schatten. Endlich sagt sie sich „Ruhe, und Schatten, Einsamkeit“.

15 Minuten später. Zwei dunkle Männerbeine gehen zögerlich vor ihrem Blick hin und her. Sie denkt sich zunächst nichts und liest weiter Zeitung, genießt den Augenblick. Kurz darauf sind die Beine nicht verschwunden sondern näher gekommen. Sehr nahe sogar. Dann erkennt sie den Oberkörper, der in ein schwarzes T-Shirt eingehüllt in der Luft zu schweben scheint.

Eine Bedrohung spürt sie, sie denkt vielleicht noch schnell weg gehen? Nein ich gehe nicht weg. Ich bin hier, das ist mein Platz. Sie hat lange gesucht nach diesem ungestörten Platz, sie wollte nicht fliehen wie ein kleines Kind. Sie stellt sich lieber.

Kurz darauf kniet sich dieser stattliche Körper, schlank und athletisch, kaffeebraun getönt neben ihr herab. In einem Meter Entfernung kniet der Körper und spricht „Hallo, wie geht´s? Es ist heiß oder?“.

Scheiße, jetzt hat er mich, denkt sie. Jetzt kommt es darauf an durchzuhalten, Blickkontakt vermeiden, möglichst weiblich sprechen. Der Schweiß läuft ihren Rücken herunter und tropft aus ihren Achselhöhlen. Sie sitzt unbequem, wegen dem Rock. Ganz anschauen mag sie ihn nicht. Zu groß die Angst er entdeckt, dass sie „anders“ ist als die anderen Mädls.

Aber er hat sie ausgesucht! Was geschieht mit ihr? Auf der einen Seite Angst auf der anderen Glücksgefühle. Er erkennt mich. Er sucht mich, findet mich attraktiv. Eine Schaukel zwischen zwei Extremen. Auf dieser Schaukel geht es jetzt für etwa 10 Minuten hin und her. Sie kann sich nicht entscheiden, fort zu gehen, oder ihm zu sagen, sie will lieber lesen und in Ruhe gelassen werden. Zu groß ist seine Präsenz, seine sogar sympathische Art.

Versuche mich herumzukriegen

Dann zeigt er ihr einen Ohrring. „Setzt du ihn dir ein? Magst du ihn? Hast du ihn verloren?“ Viele nicht zusammenhängende oder logisch verknüpfte Aussagen schwappen da durch die geschmolzene Luft. Sie verneint, sie verneint einfach alles. Gute Methode denkt sie da. Ich komm da raus, denkt sie sich, heil und glücklich. Was soll passieren? Es ist 15 Uhr an einem Dienstag nachmittag und überall sind Menschen.

Sie wird manchmal etwas mutiger und sieht ihn direkt an. Er darf nicht das Gefühl bekommen, sie sei schüchtern oder irgendwas stimme nicht mit ihr. So geht es weiter. Er stellt viele Fragen:

„Hast du Freunde? Woher kommst du? Aha Bayern, Deutschland ist sehr gut. Da gibt es viel Arbeit“. Sie denkt: „das habe ich jetzt schon so oft gehört…“ Wieder einer mit Schablone unterwegs. „Hast du eine Freundin?“ Scheiße denkt sie, meint er ich bin ein Typ oder lesbisch? Was denkt er? Dann: „Einen Freund hast du nicht oder?“ Nein sagt sie, den habe sie nicht. Fehler. Erzähle nie einem Typen du hast keinen Freund, wenn nicht gerade ein Keanu Reeves vor dir steht mit Blumen in der Hand. So denkt sie und zieht an ihrer Zigarette.

Er gibt sich nicht zufrieden. Und bohrt weiter. Dann erzählt er von seinem Können, wo er wohnt (er kommt aus Finnland, obwohl sie schwören könnte er kommt aus Marokko oder Tunesien…). Was er mache? Er ist Metzger. Shit, auch noch Metzger. Das wird ja immer besser. Sie bekommt das starke Gefühl, dass er auch auf einer Schaukel sitzt und zwischen Wahrheit und Lüge hin und her schwingt. Sie schwingt dagegen immer noch von Angst zu Glück.

Der Mann ist Metzger! Hilfe!

Ok, Metzger, kam bei ihr nicht wirklich an. Ein peinliches „Aha, Metzger bist du also“ kam mit ihrer erhitzten Stimme heraus. Da spürte er, zuviel Wahrheit dürfe nicht sein. Also wieder zurück zur Lüge. Ich bin aber auch Bäcker. Aha Bäcker auch noch. Zwei Berufe, die ja gar nicht zusammenpassen. Naja in große Begeisterungsstürme bricht sie nicht aus. Das spürt der große dunkle Körper mit dem freundlichen Gesicht.

Noch ist er freundlich, denkt sie. Aber wehe es kommt raus, dann schlägt er sie! Der verdammte Adamsapfel, wenn der nicht wäre…Gut, was ist er noch? Aha, auch noch Masseur. Jetzt kommen wir zum eigentlichen Kern der Sache. So vorhersehbar ist er denkt sie sich wieder und das alles mit einem überzeugten charmanten Lächeln. Ja der Typ ist zwar etwas lästig aber irgendwie auch süß, in seiner kindlichen Art. Nein, nur keine Sympathien zeigen, sagt sie sich mit harscher Stimme, du willst ihn los werden. Also sage nichts mehr oder bedeute ihm, dass du hier sitzt um Ruhe zu haben. Das sagt sie mit den Augen auf den Zeilen eines Zeitungsartikels.

Abspann und Abgang – Alltagstest bestanden

Dann kommt es schließlich aus ihm heraus. Sie wusste als er den Mund öffnete was da kam. Ja er wird mich fragen ob er mich… „Darf ich dich massieren?“, fragte er. Mein Gott. Er will sie massieren. Das ist seine letzte Waffe im Kampf um Verena-Im-Park. Sie setzt ihre ablehnende Miene auf und sagt, nein, danke. Innerlich aber denkt ein Teil, ja warum denn nicht? Lass dich doch massieren, dein Rücken schmerzt eh schon vom vielen Arbeiten über die Frühjahrsmonate. Wolltest du nicht selbst zu einem Masseur gehen? Jetzt hast du die Chance auf eine kostenlose Massage, wenn das nichts ist!

Nein die Schaukel, sie bekommt wieder Angst und wägt ab. Wenn der mich massiert, will der noch mehr…das kann ich ihm nicht bieten. Der bringt mich um, denkt sie da in der Hitze des Tages. Dann fragt er: „Was denkst du jetzt?“. Sie: „eigentlich gar nichts, nur dass ich eben lieber lesen will, tut mir leid, nein danke, echt nett aber nein es geht nicht“. Hier sind doch soviel andere Frauen, probiers doch bei denen!“ Er: „aber weißt du, das ist schwierig.“ Sie: „ja das glaube ich aber so ist es halt…“

Dann verabschieden sie sich, mit einem Händeschütteln. Da denkt sie wieder, wunderbar, ein männliches Händeschütteln. Auch das noch.

Als er hinter ihrem Rücken zwischen den Bäumen wieder verschwindet, muss sie gleich jemanden anrufen. Ihr Herz beruhigt sich langsam. Plötzlich wird sie von einem irren Glücksgefühl geschüttelt und dann wieder diese Furcht, was wäre wenn…

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