Gewohnheiten, Programme | Herausforderung alter Schuhe

Vieles intensiviert sich jetzt, Heimatgefühle, Lust am Leben, Lust auf Sex, Freude an meinem Körper. Auch die soziale Komponente. Das führt mich zu einem Erlebnis, das sich im ersten Moment wie ein Verlust anfühlte, in letzter Konsequenz aber ein Gewinn ist.

Frühere Programme

Gestern stand ich unter der Holztreppe, die von meinem Zimmer ins Erdgeschoss führt. Sie besteht aus einzelnen Brettern, die von unten mit den Händen gehalten werden können, so dass man in der Luft schwebt. Vor drei Jahren stand ich häufig unter der Treppe.

Seit Beginn meiner HET ist sie mir als Trainingsgerät aus dem Sinn gekommen. Ich stehe jetzt nicht darunter, sondern ich beachte sie gar nicht mehr. Gestern jedoch fasste ich eine Stufe von unten an. Mein Rücken schmerzte und ich wollte ihn hängend etwas entlasten. Alsbald begann ich mich automatisch an meinen Händen hochzuziehen. Ich wollte einem alten Programm gehorchend meinen Körper hochziehen, wie damals als ich drei Mal die Woche Klettern war und zum Training stundenlang Klimmzüge gemacht habe.

Ich zog mich langsam hoch und spürte schon, dass ich in der Armbeuge keinen scharfen Winkel erzeugen kann. Mein Körper ist weiblich geworden. Die Kraft ist weg. Ich müsste jetzt viel härter trainieren wie früher um den alten Zustand zu erreichen. Keine Träne der Trauer. Ich vermisse es nicht 20 Klimmzüge machen zu können. Ich liebe meinen weichen Körper.

Radfahren

Letzte Woche habe ich eine kleine Radtour gemacht. Früher fuhr ich stundenlang ein hohes Tempo, lenkte das Rennrad spielend leicht über gewundene Straßen. Ich liebte und liebe es immer noch das Radfahren. Nur ich habe es ein wenig verlernt.

Es macht auch nicht gleich Freude, denn wieder läuft dieses Programm ab aus früheren Männerzeiten. Bisher hatte ich so wenig Gelegenheit Radzufahren, so dass ich immer noch im alten Programm fahre. Meine Gewohnheit ist nach wie vor männlich im Sport.

Nur mein Körper nicht. Ausdauer? Kaum mehr vorhanden. Kraft? Maximal einen Klimmzug den ich schaffe.

Fahre ich Rad komme sofort ins Schnaufen und versuche ein neues passendes Tempo zu finden. Das macht mir aber nach wie vor Schwierigkeiten.

Meine Zeit ist angefüllt mit dem Kampf um meine weibliche Existenz.  Die Zeit verfließt mit Behördenkämpfen, mit der Suche nach Operateuren, der Malerei, dem Schreiben und Essen etc.

Schätzungsweise 70% meiner Freizeit habe ich eines getan: Sport. Das ist momentan vorbei. Die extreme Nervosität nie stehen bleiben zu können immer dieser starke Bewegungsdrang ist fortgespült.

Muskelmasse

Neben dem weiteren Verlust von Muskelmasse gewinne ich ständig an Gewicht. Zum ersten Mal in meinem Leben wiege ich über 70 kg. Mit dem härtesten Muskeltraining schaffte ich es auf 67 kg als Mann. Ich war ein super schlanker Athlet, der sich voll fressen konnte, fettige, süße Speisen ohne Reue, es kam einfach kein Gramm Fett an den dürren Muskelkörper.

Letztens in Graz habe ich zwei Freunde zum Armdrücken herausgefordert. Ich wollte vergleichen. Einer drückte mich ohne Vorbereitung sofort auf den Tisch, so fest und schnell, dass die Gläser klirrten und wackelten. Das schmerzte. Natürlich hat er es ausgenutzt, dass ich nicht vorbereitet war. Der andere dann ließ sich Zeit. Einer der nicht viel trainiert würde ich sagen. Ich bin früher lange im Überhang geklettert und hing im Fels wie eine Spinne. Jetzt drückte er mich ebenfalls zur Tischplatte. Ich hatte keine Chance.

Soziale Veränderungen

Es ist klar, wohin ich auch gehe ich werde als Frau erkannt, bis auf ein ungeklärtes Ereignis, wo einer in der Nacht in der Annenstraße Graz geschrien hat „Verpiss dich du Schwuchtel, geh nach Hause, hau ab!“, werde ich häufig angemacht, rufen mir Männer hinterher. Das geht von längeren Anmachen, wo die Männer mir Nahe kommen und mich in Gespräche verwickeln bis hin zu einfachen Zurufen (wie zu erwarten meist nach dem Passieren der Typen) wie „Hey Süße“ oder ein schleimiges gedehntes „Heeeeey! Na wie wärs….“.

Gut ich genieße es, es bestätigt. Bei der Heimfahrt von Graz letzte Woche mit Bus und Zug stand ich im Salzburger Bahnhof. Es war kalt es regnete. Ich brauchte Kaffee.

Seitdem ich verstanden habe, dass die Gesellschaft mich nur dann als Frau anerkennt wenn ichgeschminkt bin und knappe Sachen anziehe, tue ich was die Gesellschaft verlangt.

Ohne Mascara, Kajal und Lippenstift fühle ich mich nicht wohl draußen. Makeup aber funktioniert bestens. Ich bestelle Kaffee bei einer lustigen humorvollen Bedienung im Bahnhofsbäcker. Sie sagt nachdem der Kaffee fertig war: „Hieeeer Mädel, hier ist dein Kaffee!“.

Ich denke: geil und gehe zu meinem Kaffee. Bin selbst ganz ruhig. Alle anderen sind auch ruhig mit mir. Vor nur 3 Monaten haben die gleichen Menschen mir komische Blicke zugeworfen. Vorbei. Jetzt sind alle ruhig. Ich mach was die Gesellschaft von einer Frau verlangt und werde anerkannt als Frau. So also funktioniert das auf der Seite der Frau. Als Mann hast du keine Möglichkeit dich expressiv auszudrücken, außer über Hosen (blau, schwarz, grau) und Oberteile (kariertes Hemd, kurz, lang, T-Shirt), Piercings, Tattoos und Haare..sonst fällt mir nichts ein. Und das ist gesellschaftlich beim Mann anerkannt und wird gefordert. Alles andere sanktioniert. Wer hat schon mal einen Typen im Kleid gesehen? Ich nur im Fasching.

Ich genieße die weibliche Freiheit alles was ich will anzuziehen, Schwäche zeigen zu können, angemacht zu werden, mit Makeup zu experimentieren. Ich genieße mein neues Selbstbewusstsein und das Gefühl, dass mir es völlig egal ist, ob ich in der Öffentlichkeit einen Mann oder eine Frau küsse und Händchen halte.

Als Mann wäre mir das nie eingefallen: mit einem Mann Zärtlichkeiten austauschen. Jetzt kann ich mir das gut vorstellen.

Woher kommt das? Hormone? Gesellschaft? Bei Frauen ist einfach alles ok…glaub ich momentan.

 

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