Neuanfang | Im 5. Monat HRT

Manchmal stehe ich vor einer Wand, wieder diese Wand. Schwarz manchmal grau. Sie wirkt undurchdringlich. Es wird still um mich her. Der dunkle Raum, mein Beginn, mein Ende.

Nach der langen anstrengenden Zeit als Reiseleiterin, habe ich tagelang auf dem Sofa verbracht und mit leerem Blick auf Spiegelungen und Schattierungen gestarrt, die das Zimmer mir zeigte in dem ich wieder untergekommen war.

Zuvor hatte ich einen starken ersten Schwächeanfall. Mein Kreislauf ist nicht mehr wie früher so leistungsfähig und stark. Ich lag wieder bei einem anderen Freund im Wohnzimmer auf der Couch. Die Nacht war erholsam doch in der Früh spürte ich die Schwäche im Kopf in meinem Körper. Ich ging in die Küche, um mir Kaffee zu machen und da begann es um meinen Blick herum Schwarz zu werden. Ich verstand nicht ganz. Und dann lag ich schon auf dem Boden. Ich bekam Angst, denn mein Körper hat mich noch nie im Stich gelassen. Er hat mich zu Fuß, per Rad kilometerweit gebracht. Früher. Mein Freund schlief noch in seinem Zimmer. Ich lag am Boden und fing an mich mühsam auf Knien zurück zur Couch zu kriechen. Nachdem ich wieder bequem in der Horizontalen lag, neben mir das Aquarium mit Schnecken und winzigen Fischen, die teilweise so zart waren, dass das Vormittagslicht durch ihre Körper schien, versuchte ich ruhig zu bleiben. Ich wartete bis ich zu Kräften kam…

Wochen später bekomme ich wieder eine Übernachtungsgelegenheit. Drei Tage lag ich auf dem Sofa, halb wach halb im Schlaf. Unfähig mit Menschen zu reden, unfähig dringende, scheinbar dringende Dinge zu erledigen. Ich wollte einfach nichts mehr tun. Selbst das Essen fiel schwer. Ich bewege mich wieder in der Stille abseits der Menschen. Früher vor der Transition, habe ich meinen Körper immer an den Rand seiner Möglichkeiten getrieben. Er war mir untertan, Gehorsam und Funktion oberste Prinzipien. Jetzt ist alles anders. Wenn er Ruhe benötigt schenke ich sie ihm, ohne Reue, das Leben geht auch weiter ohne permanent geschäftig zu sein. Einbildungen prallen momentan ab. Es sind die letzten Wochen in meinem vierten HET-Monat. Ich beschließe in dieser Zeit meine Mutter aufzuklären.

Eine E-Mail schreiben, das habe ich oft getan, besonders jetzt, immer wieder das Gleiche geschrieben in andere Worte gekleidet. Die Aussage war aber immer: ich bin Trans*, akzeptiere oder wir sehen uns nie wieder. Keiner hat mir je gesagt, wie das geht, wie weit ich mit meiner Forderung nach Akzeptanz in die Menschen dringen kann, die mich als bärtigen traurigen Mann kennen gelernt haben.

Manche sagen ich sei ungeduldig und möchte sofortige Akzeptanz oder alle Verbindungen erlöschen. Es ist die Vorstellung, eine humane und einfühlsame Einstellung mir gegenüber zu zeigen. Ich gehe immer von mir selbst aus. Manchmal wünschte ich mir jemand würde in einer ähnlichen Situation stecken und ich könnte diese Person trösten, bestärken und v.a. Mut machen. Stattdessen, kein Lebenszeichen von Menschen, die vorgestern noch die Freundschaft und Liebe gepriesen haben.

Das ist Realität. Wir funktionieren alle nach unseren Vorstellungen. Manche ändern diese nie. Konservative Menschen erheben das „Sich-Gleich-Bleiben“ zur aller höchsten Tugend.

Aber die Natur, die Natur und wir sind Natur! ändert sich ständig. Eine Natur, die konservativ bliebe, ginge schnell zugrunde. Die Evolution zeigt uns wie stark sich Lebewesen anpassen können. Flexibilität der Gene und Strategien fördert das Überleben der Art.

Ich habe nicht viel erreicht aus der Sicht eines konservativen Menschen. Ich habe keine Karriere, kein Haus gebaut, keine Familie gegründet, ich habe kein Auto und auch habe ich kein eindeutiges Ziel in meinem Leben oder gar eine „klare Linie“ ausgewählt, die ich verfolge. Ich lebe aus meiner Gefühlswelt heraus. Sie war für mich meine ewige Heimat. Sie wird es immer bleiben.

Manchmal kommen mir Gedanken, dunkel branden sie in einem schwarzen Meer. Dann weiß ich, dass dieses Leben nicht ewig ist und ich nichts mit hinüber nehmen kann. Der Tod beendet alles.

In Siddharta schreibt Hermann Hesse, nachdem Siddharta sich nicht für den Verbleib bei Buddha im Hain Jetavana, den Hain des Erhabenen und seinem Gefährten Govinda entscheidet, sondern nur für sich und die Entdeckung seines Ichs: „[Kapitel Erwachen] Ich will mich nicht mehr töten und zerstücken, um hinter den Trümmern ein Geheimnis zu finden. Nicht Yoga-Veda mehr soll mich lehren, noch Atharva-Veda, noch die Asketen, noch irgendwelche Lehre. Bei mir selbst will ich lernen, will ich Schüler sein, will ich mich kennenlernen, das Geheimnis Siddharta. Er blickte um sich, als sähe er zum ersten Male die Welt. Schön war die Welt, bunt war die Welt, seltsam und rätselhaft war die Welt! Hier war Blau, hier war Gelb, hier war Grün, Himmel floß und Fluß, Wald starrte und Gebirg, alles schön, alles rätselvoll und magisch, und inmitten er, Siddharta, der Erwachende, auf dem Wege zu sich selbst. […] Sinn und Wesen waren nicht irgendwo hinter den Dingen, sie waren in ihnen, in allem.“

Und nachdem er spürt welcher Täuschung er erlegen ist, dass die Welt der Zugehörigkeit zu einer Lehre zu einem Stand, zu einer Gruppe nicht für ihn bestimmt ist, sagt er sich:

„Denn plötzlich war auch dies ihm klargeworden: er, der in der Tat wie ein Erwachter oder Neugeborener war, er mußte sein Leben neu und völlig von vorn beginnen.“

Er erwacht zu der Einsicht, dass all seine bisherigen Ziele und Beweggründe nicht mehr die seinen waren. Sie waren abgefallen wie eine alte Haut, aus der sich ein Geschöpf langsam heraus in die Welt schält und die Welt mit neuen Augen sieht, in einer neuen Gestalt. Als ich selbst noch Kind war und mit meinen 11 Jahren in einsamen Wäldern mit dem Rad unterwegs war, machte ich viele Erfahrungen. Sie hatten meist etwas mit meinem Bewusstsein zu tun, nicht „richtig“ geboren worden zu sein. Ich fühlte mich hässlich. Mein Blick, er suchte dafür immer das Schöne, das Erhabene in den Dingen. Da ich es selbst nicht besaß. Ich war beständig auf der Suche nach Anzeichen der Schönheit und nahm sie in mich auf. So sah ich auf meinen Wegen oft schöne Tiere, schöne Bäume, die mich an meine verlorene nie wahrhaft gelebte Weiblichkeit erinnerte. Schmetterlinge oder Vögel waren meine Lieblingstiere. Ich wollte immer ein Schmetterling sein, so schön und grazil, sanft und bunt sein. Doch ich war die Raupe.

„Regungslos blieb Siddharta sthen, und einen Augenblick und Atemzug lang fror sein Herz, er fühlte es in der Brust innen frieren wie ein kleines Tier, einen Vogel oder einen Hasen, als er sah, wie allein er sei. Jahrelang war er heimatlos gewesen und hatte es nicht gefühlt. Nun fühlte er es.“

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