Seit einem Monat bin ich Vollzeit-Frau | Freizeit, Arbeit, Ruhephasen

Am 17.06.17 …

werden vier Monate HRT vollendet. In diesen vier Monaten ist viel passiert. Mein Leben hat sich vollständig geändert. Im Vergleich zu den ersten drei Monaten war der vierte geprägt vom Übergang als Frau in die Gesellschaft voll und ganz. Da ich saisonal arbeite habe ich den Winter über den ersten Einsatz als Reiseleiterin mit gemischten Gefühlen entgegen gesehen. Eigentlich sah ich die kommende Arbeitszeit von Anfang Mai bis Anfang Juli mit großer Furcht entgegen. Ich sah wie die Tage kamen und gingen, wie der Tag X immer näher rückte.

Als er da war versuchte ich zurück zu gehen. Ich versuchte es im Büro, ich versuchte es bei der Vorstellung bei den Gästen. Ich schaffte es nicht dauerhaft. Ganz klar, die Hormone in meinem Hirn sind stark, sie bewegen sich durch meinen Körper, haben sich angesammelt wie bei einer 16-jährigen Pubertierenden.

Wie soll das gehen? Zurück? Es geht nicht. Am nächsten Tag war ich wieder Verena. Obwohl mich alle Andreas nannten. Ich konnte noch nicht meinen neuen Namen aussprechen bei der Begrüßung. Etwas hinderte mich daran. Also blieb ich in der äußeren Erscheinung Frau.

Das ging drei Wochen halbwegs gut. Die Leute waren zufrieden, aßen gern meine Picknicks und waren meist freundlich. Ältere Männer hatten es wohl am schwersten mit mir. Frauen mit mehr Empathie hatten wenig Probleme, fanden mich süß wie ich mit meinem Nagellack experimentierte. Während den ersten drei Wochen war ich für einfachere Arbeiten zuständig. Die vierte Woche würde ich eine Gruppe selbst leiten. Eigentlich kein Problem das habe ich schon häufig gemacht.

Das Problem nur war, wie soll ich mich vorstellen? Soll ich wieder diese halbe Geschichte fahren? Während mich der neue Tag Y tagelang immer wieder verfolgte und ich die Stunden zählte bis dahin, habe ich Spuren von Andreas hinterlassen.

Ich “verlor”, “vergaß” absichtlich Dinge, seine Dinge während den vielen Kilometern, die wir jeden Tag zurück legten. Meine Transition ist relativ ungewöhnlich. Eigentlich bräuchte ich häufiger ein stabiles, konstantes Umfeld. Stattdessen reise ich von Hotel zu Hotel und lebe aus meinem Trans-Rucksack. In diesem steckt mein Trans-Monkey, mein Begleiter, das einzige was ich besitze mit dem ich kuscheln kann. Es hat ein Gesicht! Das ist es, es hat Pfoten und ein Bäuchlein. Es tut gut ihn zu sehen. Abends lege ich mich zu ihm und drücke ihn an mich, ich flüstere manchmal, dass wohl alles gut gehen wird mit mir.

Ich hinterließ also Andreas seine Klamotten in Spanien und in Portugal. Eine Jacke aber behielt ich. Irgendwie hänge ich an ihr. Es ist eine viel zu große Jeansjacke, die ich in Malaga gekauft habe. Malaga ist ja für mich der Beginn meiner Transition und das Ende einer 30-jährigen Trauerfahrt. Also ist die Jacke magisch. Aber noch ganz viel andere Dinge sind magisch. Mein Körper zum Beispiel. Er wird täglich weiblicher. Zu Beginn der HRT hat man kleine Änderungen gesehen, Körperfett, Brustwachstum, weichere Haut etc. All diese Dinge erweitern sich, verstärken sich langsam.

Das wichtigste zum Schluss

Anfang Juni ist etwas geschehen. Ich bin aus der Männerwelt endgültig geschieden. Das Tor zur Frauenwelt, ist offen und ich bin hindurch getreten. Mittlerweile bin ich bei meinen Freunden voll als Verena akzeptiert. Andreas ist fast nicht mehr vorhanden. Er ist nicht einmal ein Schatten. Die vier Wochen Arbeit als 50/50 Andreas / Verena und am Ende als 100% Verena haben mich geprägt. Ich gehe auf die Straße und ich falle nicht mehr auf, ich ernte keine verstörten Blicke mehr. Ich kann sogar relativ gewagt hinaus gehen. Mehrmals schon ging ich in Rock, Strumpfhose und engem Trägertop. Keiner schaut. Nur die Männer, v.a. Bauarbeiter, Handwerker und halbstarke Jungs in Gruppen. Große Änderung zu Früher! Es schauen keine Schwulen mehr. Und, Frauen schauen auch nicht mehr, wenn sie schauen dann wie ich interessiert, am Kleidungsstil, und wie sie sich gibt. Das ist bei mir ähnlich. Ich sehe Frauen jetzt ganz anders, ich sehe mich nicht mehr als Mann, ich sehe mich vollständig als Frau, obwohl ich noch relativ viele männliche äußerliche Merkmale habe, wie den Adamsapfel und natürlich das da unten…

Morgen folgt eine weitere drei wöchige Arbeitsphase bevor dann 2 Monate Malerei angesagt sind. Die neue Gruppe scheint sehr nett zu sein. Ich habe es ihnen erzählt was los ist mit mir, denn bei längerem Beisammensein, merkt man es ja doch, dass ich mal ein Mann war. Das liegt v.a. an der Stimme, die ich nicht durchwegs in einer höheren Tonlage halten kann und an meinem Adamsapfel. Mein Gott, ich bin aber auch ungeduldig! Vier Monate und beim Hinsehen, eine Frau, bei kurzen Gesprächen keine Probleme und das nach dieser kurzen Zeit, ich hätte das niemals gedacht.

Mit diesen Gedanken gehe ich schlafen, morgen warten 10 Menschen von mir geleitet zu werden, von zwei Frauen, ein Frauenteam ist bei uns selten, liegt aber daran, dass das Büro mich noch als Mann verteilt hat und jetzt ist alles umgestellt, alle stehen hinter mir im Büro! Ein super Gefühl.

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