Im vierten Monat: Mittendrin und doch nicht dabei | VerenaAndreas

Arbeiten während der Transition

Vor 2,5 Wochen habe ich meine ehemalige WG verlassen, bin von Graz nach Schärding gereist in die Zentrale, von der aus ich als Reiseleiterin angestellt werde. Ich kenne alle dort, mehr oder weniger gut. Ich bin aufgeregt, denn niemand weiß was ich nach der letzten Tour im Jahr 2016 beschlossen habe. Alles liegt für alle im Dunkeln. Es ist Mittwoch, ein  Tag bevor ich ins Büro trete. In Passau übernachte ich bei einer Freundin, ich erzähle von meinem Plan, vom Plan wieder den alten zu spielen. Den Mann, den ich ja so lang gespielt habe, und ich konnte das wirklich gut nach einiger Zeit. Jetzt wo ich aus dieser Phase ausgetreten bin, erst jetzt als dieser Alptraum zu Ende gegangen ist, merke ich, dass ich nicht gelebt habe. Dass ich mich selbst betrogen habe. Ich war häufig davon überzeugt ich sei glücklich. Aber erst jetzt merke ich, dass dem nicht so war. Ich habe 30 Jahre geträumt und zwar von heute, von jetzt.

Genau deshalb, weil es ein Alptraum war und meine Wahrnehmung viel stärker weiblich ist durch die HET. Einerseits ist es das Östrogen, das ich jeden Tag zu mir nehme 8 mg, andererseits, die Testosteronblocker, von denen ich manchmal schon 1,5 Tabletten nehme, mich dann aber sehr sehr müde fühle, aber vor allem fühle ich mich weiblicher, weil sie endlich hinter dem schwarzen Vorhang hervorschaut. Anfangs schüchtern und ängstlich, das grelle Licht der Außenwelt blendet sie. Aber mit den Tagen und Monaten, immerhin sind es schon 7 Monate seit Beginn der Transition und drei Monate seit dem ich Hormone nehme…traut sie sich eher heraus zu kommen. Momentan sieht man die Hälfte, manchmal verdeckt sie bestimmte Partien und manchmal kommt sie ganz raus. Es ist immer ein vor und zurück. Jedoch mehr vor als zurück. Sie kann nicht mehr zurück hinter den Vorhang. Jetzt könnte man meinen tritt Andreas dahinter. So aber kann man sich das nicht ganz vorstellen. Manche Eigenschaften, erlernte Männerangelegenheiten fallen ab von ihm und er verbindet sich mit ihr. Sie war schon immer sehr stark und nimmt ihn auf.

Mein Körper ist eine Bleistiftskizze, ein aus Linien zusammengehaltene Form. Man erkennt den Kopf, den Oberkörper, die Beine, die Arme, ein Gesicht. Aber das ist schlecht gezeichnet. Ich zeichne jetzt in diesen Körper eines Mannes den einer Frau, man erkennt alle oben geschilderten Körperteile. Aber etwas ist anders. Nicht nur dass die innere Zeichnung eine Frau ist, das Gesicht, es ist erkennbar, und ihre Mimik ihre Züge sie sind mit ihrem Inneren verbunden.

Ich kann also nicht mehr zurück. Es war eine Utopie, eine gut gemeinte Utopie, anzunehmen, dass ich für etwas Geld in meinem Beruf als Mann wieder auftreten kann so als wäre nichts geschehen. Im Vorfeld hat Verena aber schon gut geplant, sie hat Kleidung dabei, Schminksachen und für einen Mann unglaublich viele Dinge zur Körperpflege. Das ist dann auch gleich aufgefallen, weil wenn man zu dritt in den Hotelzimmern lebt, kann man ohne kraftraubenden Aufwand sein Leben nicht verstecken. Ich habe ja schon die Hälfte meines Lebens mit Verstecken verbracht. Ich spüre mittlerweile eine große Abneigung gegenüber Verstecken.

Also deshalb hat Verena sich Wimperntusche aufgetragen noch in Passau bevor sie ins Büro gefahren ist. Ihr war das gar nicht wirklich bewusst, dass sie damit ihren Plan zerstören könnte. Im Vorfeld jedoch als ich vielen von diesem Plan erzählt hatte, meinten die meisten, dass ich es nicht mehr geheim halten könne. Meine Gesichtszüge haben sich geändert, meine Haut ist weicher und glatter, die riesigen Männerporen, die wie Vulkankrater meine Haut überzogen hatten und Feuer und Rauch gespien haben, sind weg, die Barthaare fast alle weg. Durch den Platz den die Dinger in der Gesichtshaut einnehmen ist mein Gesicht auch schmäler geworden, nicht viel aber es ist auffallend. Ich habe das gemerkt als noch ein paar Hautinseln mit dicken abgestorbenen Haaren vorhanden waren. An diesen Stellen war die Haut erhöhter. Nach dem Auszupfen der Haare ging die Haut vlt. einen Millimeter zurück.

Gut also im Büro, da stehe ich, in meiner Jogginghose und schwarzem Top. Ich konnte nicht mal die Kleidung auf Junge umstellen. Der Empfang wie gewohnt herzlich und fröhlich. Ich zeigte wieder einige meiner neuesten Bilder, eines davon die Zeichnung “Centre”. Die Geschäftsführerin bemerkte nur, dass ich ja jetzt ganz lange Haare hätte. Ein anderer: “Du siehst ja total fertig aus”. Eine andere: “Du siehst ja voll gut aus, ganz braun!”

Im Grunde war die Stimmung im Büro ja gut eigentlich sehr gut. Jedoch habe ich mich manchmal unwohl gefühlt, weil ich überlegte, was die wirklich denken über mich und ob alles gespielt ist. Ich wollte auch nicht zuviel herauslassen.

Ok nach einer halben Stunde zwischen Wohlfühlen und Unwohlsein, ging es im Auto nach Rosenheim. Dort wartet mein Kollege und weiß von nichts. Momentan ist das für mich immer noch eine Hürde, mit jemanden zusammenkommen, der mich lange nicht gesehen hat und mich dann gleich als Trans outen. Vielleicht muss ich das in Zukunft nicht jedes Mal tun. Es strengt an und eigentlich will ich ein an sich normales Leben ohne jeden Tag über mich reden zu müssen, als würde ich mich ständig erklären. Das hat aber inzwischen auch etwas abgenommen. Gut nach den ersten 40 km lackiere ich mir die Nägel mit Schwarzgrün. Kurz vor Rosenheim nehme ich Schminke, dezent aber sichtbar.

Dann biege ich mit dem Gefährt auf den Bahnhofsparkplatz ein. Mein Kollege hat mich damals in Malaga am 22.10.16 gesehen. Als erster Mensch in meinem neuen Leben, als ich beschlossen habe, Frauenklamotten zu kaufen und sie nicht mehr wie früher weg zu schmeissen sondern anzulassen, am Anfang zumindest Dinge, die nicht auffallend weiblich waren, wie enge Hosen, und Tops, die auch für Unterhemden gehalten werden konnte.

Jetzt kommt das schnellste Outing in meinem Leben. Er winkt von weitem ich fahre zu ihm und dann hüpft er ins Auto, wir können nicht lange stehen bleiben, es herrscht Chaos am Bahnhof. Als er herein kommt, will er mich grüßen, wie es die meisten Männer tun mit einem Handschlag in der Luft und weitere Bewegungen für den Ausdruck der Freude einen alten Kollegen wieder zu sehen. Genau diese Handreichungen wie sie meistens Männer, Buddies, Kumpels unternehmen mit vielzähligen unterschiedlichen Handcodes, das konnte ich nicht mal als Mann. Das konnte ich noch nie. Habe es aber auch versucht und es war mir immer unangenehm, wenn mich ein Mann so begrüßt hat. Das schmerzte, denn hier spürte ich stark, dass ich nicht dazugehörte. Gut der Handschlag ging voll in die Hose, weil ich es einfach nicht gecheckt habe und auch gleich gesagt habe ich kann sowas nicht und außerdem bin ich Trans. Also erschrick nicht. Jetzt wird ihm klar, warum er dachte es säße eine Frau im Auto, nicht der Andreas von Malaga. Und es ist völlig ok. Wir sind beide keine Normalos und fahren entspannt mit guten Gesprächen Richtung Freiburg. Noch zwei Tage bis Madrid. In Freiburg treffen wir aber erstmal eine Freundin mit der ich 10 Jahre zusammen war. Seit zwei Jahren haben wir uns nicht mehr gesehen nur am Telefon gehört und über Skype mit digitaler Haut. Ich war jetzt v.a. erleichtert, dass die Bürotour vorbei und überstanden ist.

Nach einem schönen Abendessen fahren wir noch bis halb 4 morgens bis wir ein Ibis Hotel in der Nähe von Lyon finden. Am nächsten Tag hat mein Kollege dann schmerzlich erfahren, dass ich ca. 1 Stunde im Bad brauche. Aber es läuft super, wir verstehen uns und haben gute Gespräche, während die französische Landschaft an uns vorbeizieht, menschenleere Gegenden, in der Ferne weiße Berge des Massif-Central und dann die vielen saftigen Maiwiesen bis Bordeux. In Santander kommen wir wieder spät an. Ich verziehe mich gleich ins Bett. Mein Kollege geht mit einer Freundin noch ein Bier trinken. Ich fühle mich wieder ausgelaugt und fertig. Das Unterwegssein strengt mich an, mehr viel mehr als früher, aber auf eine andere Weise, eher körperlich als geistig, ich schlafe sehr gut und freue mich wieder aufzustehen, morgens bin ich meist gut gelaunt und ausgeruht.

Jetzt gehts nach Madrid, es ist Samstag die Gäste müssen um halb 6 begrüßt werden. Das wird ein schwieriger Moment für mich.

Vierter Monat 17.5. – 17.6.2017

Körperliche Veränderungen sind momentan kaum zu spüren. Die Brust wächst langsam sehr langsam, aber sie wächst, die Brustwarzen ebenfalls. Wenn ich etwas helles trage sieht man sie deutlich. Anfangs habe ich mich etwas geschämt vor den Gästen, es war mir dann ab einem Zeitpunkt aber egal. Ich habe dann beschlossen, dass das einfach so ist in dieser Phase und nichts weiter fürs Verstecken getan. Die Muskeln nehmen weiter ab. Mein ehemaliges sehr mühsam antrainiertes Six-Pack verschwindet jetzt auch im oberen Bereich. Das ist etwas seltsam anzusehen, da ich für einige Zeit versucht habe so männlich wie möglich zu werden, um endlich zu vergessen und die nervende Stimme zu vernichten. Die Stimme war doch stärker und jetzt verschwindet der Exzess meines Körpers, der ja ein zml. guter männlicher Körper war und um den mich viele beneideten (ironischerweise, gefiel er mir nicht). Sonst ändert sich momentan nicht viel auch mental nicht. Vorletzte Woche hatte ich einen langen Moment, der Traurigkeit und weinte vor allen anderen und konnte es nicht zurückhalten. Meine Stimmung ist meist positiv und gut.

 

 

 

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