Alltagstest | Fahrschule, Falafel, Park

Fahrschule

Ja er erkennt mich gut, mein Fahrlehrer, etwas scheu ist er immer noch. Auf dem Weg zum Übungsplatz überlege ich, welcher Fahrlehrer mich jetzt wohl erwarten wird. Wie sollte ich ihm begegnen? Wenn der Neue Angst bekommt von mir, vlt. sage ich ihm einfach, dass er keine Angst haben muss, da ich auf Frauen stehe und mir Nagellack und weibliche Kleidung einfach gefällt und ja ich einfach lesbisch bin? Hätte er das je verstanden? Die Welt ist noch nicht ganz bereit für uns. Ich weiß nicht woran es liegt, ich selbst fühle mich ja zml. weiblich und wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich eine Frau, klar mit männlichen Attributen, aber zumindest eher Frau als Mann. Oder kann man diese Person ernsthaft mit „Herr XY“ ansprechen?

Kann man das? Naja wenn mir eine Person begegnet, bei der ich spüre sie fühlt sich eindeutig eher männlich oder weiblich, allein durch ihre Art, ihre Kleidung, wie sie sich gibt, dann überlege ich wie ich sie anspreche, männlich oder weiblich. Letztens auf einer Wanderung habe ich eine Frau gesehen. Sie gab sich wie ein Mann, dunkle Stimme, und nicht natürlich dunkel, das merkt man, sondern gewollt dunkel und rauh, viril, ihr gesamtes Erscheinungsbild ihr Reden, die Wortwahl, ihre Gestik alles deutete darauf hin, dass vor mir ein Mann steht. Ich überlegte ob ich fragen soll ob ich sie als Mann ansprechen soll oder als Frau. Ich sprach sie dann am Ende mit keinem Geschlechtspronomen an, und blieb neutral.

Im Süden von Graz liegt der Übungsplatz hier drehe ich meine Runden übe Rückwärtsfahren mit Hänger. Mein Fahrlehrer ist derselbe er erinnert sich gut an mich. Ich mache alles perfekt, fahre eine halbe Stunde lang und kann früher gehen. Alles gut gelaufen. Dann auf dem Weg zurück in die Stadt fahre ich mit schwarzem Top und Jogginghose. Meine Haare wehen im Wind, mein Nagellack glänzt, so habe ich mir mein Leben vorgestellt, wäre ich gleich als Mädchen auf die Welt gekommen. Naja mach ich es halt mit 30 Jahren Verspätung. Denke ich mir und fahre an blühenden Sträuchern vorbei…

Falafel

…und schau hinab zum kühlen Fluss, ab und zu in Gesichter von Passanten. Die Passanten, ja das ist immer ein Abenteuer. Stinrunzeln, ungläubliges Starren, Lachen, oder auch gar keine Reaktion. Hunger treibt mich, eigentlich will ich so schnell wie möglich heim. Ich bin müde vom vielen Rad fahren und schauen und atmen. Dann aber schwenke ich um, steige ab vom Rad, lehne es an ein rostiges Gestell, das nach Rad aussieht, gehe in den Kebapladen und hoffe, dass hier nicht wieder Transphobe herumrennen. Bingo, keine Transphobie zu erspähen, ich bin sicher. Ich checke die Mimik des Kebapschleifers, des Türken mit seinem großen Säbel, der durch das Hünerfleisch gleitet, für die Studenten im Studentenviertel, von denen auch gleich ein paar hereinkommen, cool wie immer, und palavern. Mit Arroganz beladen, reden sie von oben herab auf den Kebapmann und verlangen Kebap, für ihre geschlauchten Geniehirne. Ich derweil stehe im Hintergrund und versuche normal zu leben, ein Mann der eine Frau ist. Nichts weiter. Sie liebt jetzt ihre Haare, und hat ihr Studium fast vergessen, das kluge Gerede lag ihr sowieso nicht. Sie gab sich eher Träumereien hin und schwieg. Ich zeige auf alles was ich will, der liebe Dönermann erfüllt mir die Zutatenwünsche und ich lächle zufrieden, sage „Zum Mitnehmen“ und gleite auf den Gehweg, auf dem die Passanten fleißig flanieren. Ich sperre mein grünes Rad auf und fahre in den Park. Die Sonne, warm und schon flach fällt durch die frischen Ahorn- und Kastanienblätter. Ich teile den Park mit Drogensüchtigen, Dealern, Studenten, Familienkindern, Omas und Opas. Eine Transfrau mittendrin. Und das schönste! Es spricht mich keiner mehr an, und fragt ob ich Drogen will. Danke Frausein!

Im Park

Ich denke, warum reagieren die Menschen so unterschiedlich. Unabhängig davon ob jemand jetzt in Trance joggt oder geistig total abwesend ist und ich durch seine Filter falle. Ich meine alle die im Moment empfänglich sind für optische Reize, warum schaut einer mich kurz an wie einen normalen Menschen und weiter nichts? Warum schaut einer kurz, dann weg, dann wieder und beginnt das Starren, warum beginnen manche zu lachen und starren während sie lachen? Welche Hintergründe bewegen diese Menschen? Allgemein, das kann ich jetzt aus Erfahrung sagen, sind es meist Menschen mit ausländischen Wurzeln, v.a. solche die aus muslimischen Ländern stammen könnten. Afrikaner, also Schwarzafrikaner schauen eigtl. überhaupt nie komisch. Sondern sind meist fröhlich und freuen sich. Überhaupt kann ich in den zwei Monaten Frau sein, sagen, dass es ca. 80% der Menschen völlig egal ist wer da auf sie zukommt, 10% finden es vlt. interessant oder begegnen mir positiv und der Rest ist einfach irritiert, schaut böse, lacht mich aus, mir hinterher oder starrt. Fragt sich welche Menschen auf welcher kulturell-geistigen Entwicklungsstufe stehen. Die die Starren? was haben diese Menschen gelernt über Menschlichkeit? Über Achtung?

Ich kann ihnen nicht wirklich böse sein, sie nerven klar, aber was soll ich dagegen tun? Mit der Zeit wird das Gestarre weniger, ich stehe ja noch ganz am Anfang. Meine Selbstsicherheit jedenfalls wächst jeden Tag. Ich halte den Blicken stand und bin froh, dass die Irren mich nicht angreifen. Das ist alles.

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