HET | 2 Monate ohne Testosteron |

Verena als Urlauberin

Diese Zeilen schreibe ich während draußen vereinzelt Schneeflocken zu Boden fallen und Lärchenwälder in Braungrau und Ocker die Bäuche einsamer Bergriesen bekleiden. Schnee hängt um ihre Häupter und zieht sich in langen Bahnen hinab in die Wälder, bevor sie verschwinden. In einer fast menschenleeren Gegend wohne ich in diesen Tagen und spüre einen Hauch von Feierlichkeit, mein zweiter Monat geht zu Ende.

Körperliche Veränderungen

Im zweiten Monat als Frau lebend. Was ändert sich alles? Im Gegensatz zum ersten Monat, in dem alles extrem neu war, sind die körperlichen Veränderungen nicht mehr ganz so stark wahrnehmbar. Lediglich die Haut wird zunehmend weicher v.a. im Gesicht. Eine gewisse Veränderung habe ich aber doch gespürt, seit etwa einer Woche habe ich das Gefühl an meinem Po lagert sich mehr Fett an. Allgemein habe ich auch an Gewicht zugenommen. Hier sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich immer eine relativ drahtige Figur hatte und essen konnte was ich wollte und soviel ich wollte ohne, dass ein Gramm Fett sich an mir ablagerte.

Seit ca. 14 Jahren schwankt mein Gewicht zwischen 60 und 67 kg. In meiner Kletterzeit, die ich relativ intensiv betrieb, wuchsen dann die Muskeln und ich kam auf meinen Rekord von 67 kg. Tja seit zwei Monaten jedoch schwinden die Muskeln. Fett verdrängt sie anscheinend. Jetzt wiege ich trotz Muskelschwund immerhin knapp 70 kg bei 1,80 Meter Körpergröße.

Meine Ausdauer, tja die schwindet mit den Muskeln zusehends. Mit jedem Tag. Während ich früher ohne Unterbrechung mind. 10 Kilometer joggen konnte, muss ich jetzt nach 4 Minuten zügigem Laufen eine Pause machen. Schlimmer wird´s noch wenn ich einen Rucksack trage.

Während ich vor der HET noch locker 4 bis 5 Bier wegstecken konnte, habe ich von 4 Bier einen zweitägigen Kater, bei dem nicht mal Aspirin hilft. Alkohol habe ich deshalb stark reduziert, er fehlt mir nicht. Rauchen ist ebenfalls eingestellt. Diese Gesellschaftsdrogen vermisse ich an keinem Tag. Statt viel, trinke ich wenig und mit mehr Genuss.

Einzig meine Kondition war schon recht praktisch. Mein Körper stellt sich scheinbar auf das neue Leben sehr langsam ein. Ich kann mir vorstellen, dass er verblüfft sein muss, was da alles mit ihm geschieht. Ein neues Gleichgewicht zwischen Aktivität und Ruhe wird sich hoffentlich mit der Zeit einpendeln, alles braucht eben seine Zeit. Momentan ist das jedenfalls nicht so wichtig.

Abends vor dem Spiegel ziehe ich mir die durchs Lasern abgestorbenen Haare heraus und freu mich über die glatte Haut

Über Prüfungen, Verluste und Gewinne

Seit dem Ableben von Andreas stellen sich mir Prüfungen in den Weg. Eigentlich fast jeden Tag. Sie folgen mir wie Stechfliegen in tropischen Nächten. Überall lauern sie und du weißt nicht wann die nächste auftaucht. Sie gehören jetzt zu meinem Alltag. Ich war ja immer schon ein eher schüchternes Wesen und wollte nicht gern im Mittelpunkt stehen. Kamen Fremde ins Haus versteckte ich mich oder floh, ich fürchtete mich vor den Menschen, hatte irgendwie Angst ich könnte verletzt werden. Genau weiß ich die Herkunft meiner früheren Schüchternheit nicht so recht, schätze aber dass sie mit meiner Transsexualität zusammenhängt.

Heute gehe ich durch eine Einkaufsmeile und plötzlich bin ich ein Augenmagnet. Erstaunte, starrende Blicke, folgen meinen Wegen. Manchmal auch freches Belächeln, meistens eher von halbstarken Jungs in der Pubertät mit Raufboldgesichtern. Am schlimmsten Starren tun eigentlich allgemein Kinder, v.a. Mädchen. Im H&M in Meran, ging ich wieder in der Damenabteilung umher, ganz locker schauend mit ein paar Sachen über meinem Arm. Da erblickte mich ein Mädel von vielleicht 8 Jahren. Ihre Hand lag in der ihrer Mutter. Während ihre Mutter abgelenkt von den vielen schönen Klamotten war, zog sie ihr Kind hinter sich her. Das Mädel schickte mir, während ihre Mutter sie durch die Gänge zog, ihre geweiteten, fast aufgerissenen Augen und wendete sie nicht ab. Angenehm ist es nicht von Kindern so angestarrt zu werden. Aber Kinder starren nun einmal, keiner weiß was in ihren Kinderköpfen abläuft, für sie ist alles neu und ungewohnt auf dieser Welt. Ich könnte genauso schwerbehindert sein und im Rollstuhl sitzen, das Mädel würde mich ebenso anstarren, bis vlt. ihre Mutter einschreitet. Das kenne ich aus meiner eigenen Kindheit, also kein Problem, sie weiß  von nichts und wahrscheinlich wird sie es erst sehr spät über Youtube oder Freunde erfahren, dass es so etwas wie Transgender gibt und sich vielleicht an mich erinnern.

Ich gehe also langsam unbeirrt weiter und halte mich nicht zu Lange mit unnötigen Gedanken auf. Teilweise kann ich die interessierten Blicke sogar genießen. Ich bin nicht angepasst und normal wie 90% der anderen. Darauf bin ich irgendwie stolz. Ich hätte mir im Alter von 12 Jahren NIEMALS diese Situation vorstellen können: als Frau durch die Straßen zu gehen!

Jetzt trage ich Nagellack, Wimperntusche und Kajal, weibliche Kleidung an, zwar nicht ganz prototypisch weiblich, sprich Rock oder Kleid, sondern Jogginghose oder Jeans. Die Kleidung könnte auch als androgyn durchgehen. Diese eckigen T-Shirts jedenfalls wie sie für Männer vorgesehen sind, trage ich nicht mehr. Überhaupt ziehe ich nur noch Frauenklamotten an. Ich bin der 34 Jahre verkrampftes Männerleben endgültig satt. Es war genug, aus und vorbei.

Sozialisation als TransFrau

Wie seltsam es ist von einem anderen Menschen zum ersten Mal mit Verena angesprochen zu werden, statt mit Andreas! Nichts in der Welt hat mich auf diese Zeit vorbereiten können. Die Transition ist ein Wurf ins kalte Wasser, es kommt ein Tag an dem du nicht mehr funktionierst, an dem dein Leben dir als schlichte Lüge vorkommt und du am liebsten das Handtuch werfen möchtest. Dann beschließt du das zu werden was du fühlst.

Aber das Gefühl war bisher eingesperrt und nur in dir innen. Du hast bisher noch nichts dahingehend erprobt außer die Flucht. Jeder Tag ist ein neuer Versuch, deinem Gefühl Platz in der Welt einzuräumen, ohne jemanden, der dir sagt wie das geht. Dabei geht es auch darum Fehler zu machen. Den Anspruch perfekt zu sein kannst du vergessen. Aber du versuchst es doch immer wieder, schaust in den Spiegel, kritisch, sehr kritisch und fotografierst dich immer wieder, jeden Tag mindestens ein Bild, für später für die Bilderserie auf die ich mich schon sehr freue.

Zwar hat sich dieses bedrückende Gefühl gegenüber deines Körpers stark verringert. Vielen Dank ihr lieben Hormone, die ich mir jeden Tag zum Frühstück gönne! Dennoch findest du immer Züge in deinem Gesicht, die dir nicht gefallen und die du am liebsten sofort korrigieren lassen möchtest. Dann beginnt die Rechnerei, wie viel Geld habe ich, was kostet eine Schönheits-OP, gehe ich das Risiko einer Operation ein? Die Vorstellung, dass jemand mir das Gesicht aufschneidet mach mir Angst. Brauche ich das überhaupt und die Gedanken kreisen dann um die Frage ob es das alles Wert ist, ob ich mich dann mehr als Frau fühle? Willst du die Veränderung für dich selbst oder für andere? Schwierige Fragen. Denn die Gesellschaft soll mich ja als Frau erkennen, sonst bewege ich mich ständig im Konflikt mit meinem Selbstbild und dem gesellschaftlichen Bild.

Meistens besinne ich mich dann und sage mir, lass dir Zeit, jeder Mensch, der in die Pubertät kommt braucht Zeit. Niemand wird in zwei Monaten Frau oder Mann, ob normale Pubertät oder Transgender-Pubertät? Wie soll das gehen?

Also versuche ich, obwohl mich Mitmenschen noch immer als Mann ansprechen, trotzdem als Frau zu leben. Gegen den Widerstand von außen, für mein Innerstes. Wenn man mich fragt was im zweiten Monat mein prägendstes Erlebnis war, dann ist es die langsame Heranführung meiner Freunde, Bekannten und Fremden an mein wahres Geschlecht, mit allem was dazugehört, weiblicher Vorname und weibliche Pronomen. Kein einfaches Unterfangen mit teilweise bizarren Situationen. Ob das richtig ist mich bei anderen als Verena vorzustellen? Keine Ahnung, ich tu es einfach, ich teste meine Möglichkeiten.

Räume ohne Geschlechtsprobleme – vom Nutzen einsamer Berggipfel

Berge so sagte ich mir immer, sind für mich Rückzugsräume. Das galt besonders vom 12. bis 34. Lebensjahr. Danach wurde alles anders. Hier auf den Gipfeln der Alpen war ich einfach Mensch, keiner sagte, „Herr“ oder „Er“ zu mir. Hier konnte ich den Pronomen entfliehen und war mir am nächsten, dort konnte ich meine Lebenslüge vergessen und ich selbst sein. In den Bergen war ich immer frei. Ich hatte Luft zu atmen und konnte über weite Landschaften blicken, wie eine Königin der Freiheit, ohne die Fesseln der Gesellschaft, die mich an mein Äußeres bindet.

Obwohl ich diese Räume der Freiheit jetzt nicht mehr unbedingt auf Berggipfeln suchen muss, kehre ich immer wieder gern zurück zu den Bergen. In diesem Jahr bin ich jedoch zum ersten Mal als Verena in den Tälern unterwegs über die ich früher von oben herabblickte und mir so sehnlich, dieses heutige Leben gewünscht hatte. Damals stand Andreas in schwindelnden Höhen und fühlte sich als Verena. Am Abend bin ich damals aber Tal gestiegen und nicht mehr als Andreas in die Höhe.

Keine Freiheit mehr auf Zeit, keine Flucht mehr nach oben. Andreas, der Traurige und Verlorene ist zurückgekehrt, als Verena, die Fröhliche und Angekommene. Die Berge reizen mich heute immer noch sehr. Jedoch habe ich Bergschuhe gegen den Zeichenblock eingetauscht und bin sehr zufrieden. Wohl weiß ich, dass ich zu ihnen zurück kehren werde. Und in mir spüre ich jetzt schon eine große Freude, Plätze eines vergangenen Lebens wieder zu sehen, dann aber endlich als die, die ich im Innersten schon gewesen bin, als Frau.

Verlust, Ersatz

Irgendwie habe ich mir mein Leben trotz der 14 lange Jahre andauernden männlichen Eskapade so eingerichtet, dass ich jetzt dieses Leben glücklich neu beginnen kann. Im Grunde wusste ich, dass ich nicht auf Ewig so leben kann und spielte manchmal mit dem Gedanken wie die Welt aussehen würde, käme mein Geheimnis raus. Die Maske war stark, zuletzt hat sie aber verloren, zum Glück.

Ich erinnere ich mich an einen fanatischen Kletterer aus meiner eigenen fanatischen Kletterzeit, wie er sagte, dass er nur ein einziges Hobby habe, das Klettern, er investiere alle seine Zeit in diese Aktivität, damit er darin unschlagbar würde. Ich dagegen war immer jemand, die viele viele Interessen hatte. Mich einer Sache aufopfern? Nein das konnte ich nur auf Zeit und schließlich bin ich wieder zurück gekehrt zu meinen Anfängen.

Kritisch könnte man argwöhnen, dass bei der Pflege vieler Interessen und Talente, du eben vieles machst, du aber in keinem ganz zu Hause bist. Deine Unentschlossenheit für eine Sache, lässt diese dich also auf dilettantischem Niveau? Kein Pokal ziert deine Regale, kein Zeitungsartikel würdigt dich, du bist unbekannt und unwichtig. Gut mag sein, aber ich lebe schließlich für mich nicht für das Publikum, nicht für eine Jury oder einen Richter. Ich ziehe es vor die bunte Welt zu entdecken, die in mir lebt und mit der Welt kommuniziert. Für mich ist das Leben so facettenreich, dass ich mich nicht einer einzigen Disziplin ob im Sport, in Kunst oder Wissenschaft aufopfern möchte. Für mich war das Leben immer umfassender, vielfältiger. Jetzt fallen viele sportlichen Aktivitäten langsam weg, da mir die Lust bzw. die Leistungsfähigkeit dazu fehlt. Aber ich ersetze sie mit Zeichnen und Malen.

Als hätte ich diese Zeit erwartet, kann ich sie jetzt abfedern die gewonnene Zeit füllen mit früheren Interessen wie die Liebe zur Kunst, zur Literatur.

Man könnte versucht sein, mich zu bemitleiden. Ich bin dagegen nicht unglücklicher, nur weil ich keine 8+ mehr hochkomme, nur weil ich keine Libido mehr habe, nicht mehr nächtelang unterwegs bin und alkoholisiert ins Bett falle.

Ich weiß im Innersten, dass all diese Verluste kein Gewicht besitzen. Und obwohl ich für alles was ich getan habe wirklich gebrannt habe und mit Leidenschaft verfolgt habe, haben sie auch immer den Zweck gehabt mich von mir selbst abzulenken. Verlust kann, wenn er nicht zu sehr schmerzt zu einem großen Gewinn werden. Das Gefühl eines Verlustes, kann durch eine andere Idee eine Leidenschaft als etwas Positives gesehen werden. Meine Leidenschaften waren in einem immer ähnlich, im Grunde waren sie Auseinandersetzung mit mir und der Natur. Ob ich geklettert bin, oder gezeichnet habe, ob ich mit dem Rennrad alleine 800 Km über die Alpen und zurück gefahren bin oder tagelang in melancholischen Stimmungen versunken bin, es war intensives Leben. Und das ist es heute auch noch, es ist sogar viel intensiver! Was aber neu für mich ist: es ist vor allem harmonischer. Eine große Last ist verschwunden…

Jetzt habe ich endlich die Zeit, die ich mir nie eingestanden habe, damals als Mann musste ich sie mir ersetzen, die Zeit, die ich so gern Verena geschenkt hätte aber den Mut nicht fand. Durch einen brachialen Sturz, habe ich den Mut gefunden, die Warnung endlich verstanden.

Ich kam auf die Welt mit der Liebe zur Natur, mein Tribut ist die Kunst, die Erfahrung mittels Bleistifts oder Pinsels die ewige Schönheit der Natur abzubilden. Ich suchte im Grunde immer nach diesem Gefühl, etwas Inneres mittels Farben und Formen nach Außen zu tragen. Wenn andere meine Sehnsucht und Gefühle, die aus meinen Bildern kommt nachhempfinden können, ist für mich mein Lebenssinn für einen Moment bestätigt und erfüllt.

In diesen sehr sehr glücklichen Zeiten, die aber auch von Entbehrung und Furcht geprägt sind, lerne ich jeden Tag aufs Neue und komme mir selber näher. Ich glaube vieles von dem was wir tun und was wir glauben zu sein, liegt verborgen in den Tälern unseres Bewußtseins in scheinbarer Ferne. Während wir auf unseren Gipfeln leben und unser Leben so gut es geht dort oben einrichten.

Und doch lässt uns die Zeit manchmal einen Blick hinein werfen, wenn wir uns trauen und behutsam erstaunen. Das Zeichnen, die Liebe zu Hermann Hesse und sein Plädoyer für Individualität und Liebe zur Natur, sie retten mich, was mich für so lange Zeit begleitet hat, was ich für lange sehr lange Zeit wieder völlig vernachlässigt habe, all das kommt wieder zurück und das ist ein großes Geschenk. Vielleicht das Größte was ich mir selbst machen kann, Dinge zu sehen, mich mit Menschen umgeben, die mir gut tun…

Was am Ende bleibt

Den 2. Monat feiere ich im Stillen in Südtirol in einem einsamen Tal in dem ich vor vielen Jahren noch auf hohe Berge gestiegen bin und davon geträumt und Pläne gemacht habe, bald wiederzukehren, um Nachbarberge zu erklimmen und von wolkigen Höhen auf die Talschaften zu blicken.

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