Zeit des Übergangs | Ankunft am Flughafen Málaga

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24.10.2016 | Frühstück in San Jóse bei Almería – typisches Reiseleiterfrühstück Tschikk, Orangensaft und ganz wichtig Café con Leche

Der Himmel war grau, es hatte ein bisschen geregnet. Ich parkte den Bus auf dem oberen Parkdeck des Flughafens. Ich hatte all meine Sachen geordnet, die ich in meinen Rucksack stopfte. Diesmal wollte ich nichts vergessen. Im Hintergrund hörte ich Flugzeuge starten und Landen, aus den Lautsprechern kam Lieblingsmusik. Smashing Pumpkins – Hummer.

Mein Kollege kam und ich übergab ihm das Auto. Anschließend fuhren wir zur Autovermietung. Etwas später fuhr ich an der Meerespromenade entlang. Ich war an diesem Samstag jetzt völlig allein in Málaga, hatte ein Auto, Geld, meinen Rucksack und einen Bluetooth-Lautsprecher. So konnte ich aufs Meer blicken und fing an ganz langsam die neue Freiheit zu spüren. Sie kam nur sehr zögerlich. 7 Wochen Verantwortung für ca. 80 Menschen zu haben tagtäglich und dann noch für die Kollegen, das ist eine lange Zeit, die nicht so schnell dem lang ersehnten Freiheitsgefühl Platz macht. Beharrlich steckt sie in jedem Organ, am stärksten im Magen und im Kopf.

Mein Vorhaben war jetzt klar: Einkaufen alles was ich für vier Tage brauche. Die Angst vor dem Einkauf jedoch war groß. Frauensachen einkaufen? Noch nie gemacht. Darf man das als Mann? Ich recherchierte im Internet. In Foren für Crossdresser habe ich gelesen ja man darf, und viele haben aus Erfahrung angegeben, dass die Verkäuferinnen meist überhaupt kein Problem damit haben. Außerdem machen das Frauen ohne sich zu fürchten ebenfalls in Männerabteilungen. Ein anderer schrieb und das ist mir eigentlich am stärksten in Erinnerung geblieben und hat auch am nachhaltigsten gewirkt: „Willst du damit warten bis du alt und grau im Altenheim sitzt, und dir dann die Frage stellst, hättest du das damals einfach nur gemacht, als du noch jung warst…“ Das war der Auslöser. Ich war trotz der nicht geringeren Angst davon überzeugt ich kaufe heute Frauenklamotten und alles andere was frau halt so braucht. Ich hatte ja tatsächlich lange Zeit im Verborgenen mir Frauensachen angezogen und mich so für den Moment aus dem männlichen Leben gestohlen. Ich sah das immer als etwas ekelhaftes an, ich ekelte mich vor mir selbst. Der Ekel aber kam erst nach der Pubertät als das Testosteron durch meine Adern schoss und mir meinen Körper endgültig fremd machte. Da sah ich einen Mann in Frauenkleidern.

Erst heute verstehe ich, dass der Ekel von der Frau kommt die in diese Hülle hineingeboren wurde, welche Frau würde sich nicht vor einem bärtigen Gesicht fürchten? Dass dazu schöne zarte Kleider nicht passten war klar. Deshalb ging das alles noch vor der Pubertät ohne die Stimme, die sagte, das passt nicht du siehst sowas von häßlich aus und wie ein Perverser…lass es und gewöhne dich einfach an dein Erscheinungsbild.

Der Ekel war immer noch da aber ich konnte nicht mehr widerstehen. Die Zeit der Entfremdung war so lang und so stark ich wollte mich weiblich fühlen.

Ich begann mit 4 großen Bieren in der Bar in der sie mich schon gut kannten. Mit dem Alkohol im Blut stopfte ich der abweisenden Stimme in mir den Mund mit Watte zu, so hörte ich sie nicht mehr.

Dann ging es los. In vier verschiedene Läden ging ich. Wechselte spanische Worte mit den Verkäufern und Verkäuferinnen. Meine nicht existierende Freundin gab mir Kraft, denn ich kaufte ja für sie ein, so sagte ich mir das immer zur Beruhigung. Ich kaufe eben ein Geschenk. Als ich dann auch Nagellack, Rasiersachen und von Röcken bis Hosen und Tops alles notwendige hatte, pausierte ich mit meinem Knäuel aus Taschen mit H&M und Mango Emplem auf der Balustrade in der gerade tausende Menschen auf und ab gingen. Ein Mädchen sah mich mit meinem Einkauf, der wohl für eine ganze Familie mit 3 Töchtern gereicht hätte und fragte wo der H&M sei…Ich dachte mir wenn sie wüsste was ich da alles drin habe.

Müde und gestresst ging ich nach jedem Einkauf in eine Bar und trank ein Beruhigungs- und Erholungsbier. Einmal probierte ich völlig verschwitzt und verdreckt in einer Bar in der Toilette einen Rock an. Wow ich sah mich im Spiegel und sagte mir mit großem Stolz und Freude: „Du hast es wirklich getan! Du hast die Antistimmen besiegt, du hast deine Furcht zwar nicht verloren aber du bist vor ihr gegangen, sie konnte dich nicht mehr einholen, wie ein schmaler Schatten in der Abendsonne, ist sie dir hinterher gehechelt.“

Später auf der Autobahn mit den ganzen Sachen auf der Rückbank, hatte ich auf einmal ein gutes Gefühl in mir. Der Mond ließ das Meer glitzern, die Straßen waren fast leer aus meinem Lautsprecher summte entspannende Musik und ich verschwendete keine Gedanken daran wo ich heute schlafen würde.

Der nächste Schritt kam wie von selbst, ich plante nicht ich reflektierte nicht ich tat einfach. Die Selbstbeherrschung es anderen Recht machen zu wollen war auf Off. Ich erfüllte mir damit mein Vorhaben, in diesen vier freien Tagen eben das zu machen was ich will ohne Rücksicht….

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24.10.2016 | Ein Tag am Meer verbracht hoch auf einem Vulkanfelsen, gezeichnet und nachgedacht…Noch habe ich 2 Tage bis es nach Österreich zurück geht

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